Roboter und Automation Wem nutzt die Digitalisierung in der Fabrik?

Menschen, deren Aufgabe nicht mehr existiert. Geht es um Digitalisierung, werden Schreckensbilder beschworen. Dabei kann der Fortschritt dem Menschen auch nutzen.

Roboter simulieren einen Produktionsschritt an einem Auto. Quelle: dpa

Der Kollege – ein Roboter –, die Dienstbesprechung am Morgen – ein Online-Formular auf dem Tablet –, die Einstellung der Maschine – ein Knopfdruck. Ist von Industrie 4.0 die Rede, wird schnell ein Drohszenario beschworen: Die menschenleere Fabrik.

2016 prognostizierte eine Studie des Weltwirtschaftsforums (WEF) bis 2020 den Verlust von mehr als fünf Millionen Jobs weltweit. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gab hingegen Entwarnung: Nicht weniger, sondern andere Jobs seien die Folge. Sind Roboter und Software in Fabriken also Jobkiller oder nur ein großer Wandel?

Selbst Gewerkschafter räumen positive Seiten ein: „Bei allen Befürchtungen, die auch nicht unbegründet sind, gibt es auch Vorteile“, sagt der Landesbezirksleiter der IG Metall in Baden-Württemberg, Roman Zitzelsberger. Aufgaben in ungünstigen Körperhaltungen könnten durch Roboter unterstützt oder übernommen werden. „Wenn Menschen körperliche Einschränkungen haben – durch langes Arbeiten oder eine Behinderung -, können Roboter helfen.“

Was die Besucher auf der Industrie-Messe erwartet
Hannover Messe 2017 Quelle: PR
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Beim Maschinenbauer und Automatisierungsexperten Pilz mit Sitz in Ostfildern bei Stuttgart arbeitet man an solchen Szenarien. „Ein Beispiel ist die Schallisolierung an Autotüren“, erklärt Jochen Vetter, der bei Pilz für die Sicherheit zuständig ist, wenn Mensch und Maschine Hand in Hand arbeiten. Die Isolierung werde mit einem fünf Kilogramm schweren Roller angeklebt. „Diese Aufgabe kann nun ein Roboter übernehmen.“ Möglich wird das durch bewegungsempfindliche Roboter, die ohne Schutzzaun eingesetzt werden können. „Bei einem Kontakt bleibt der Roboter dann stehen“, erklärt Vetter.

Neue Roboter arbeiten Hand in Hand mit den Menschen

Der Pumpen- und Pneumatikspezialist Festo setzt den Roboter „Uschi“ ein, der Dichtringe verarbeitet. Ein monotoner Arbeitsgang, der früher einhundert Mal pro Tag mit einer Fußschaltung von einem Mitarbeiter erledigt werden musste und eine besondere Belastung für die Schultern darstellte, sagt eine Sprecherin. Die Mitarbeiter hätten nun neue Aufgaben.

Auch ABB hat solche Roboter entwickelt, die mit Menschen Hand in Hand arbeiten können. „Der Roboter übernimmt stupide repetitive, aber auch körperlich anstrengende Aufgaben“, sagt der Chef der Robotersparte, Sami Atiya. „Sobald der Mensch in die Nähe kommt, wird der Roboter langsamer, dann stoppt er vollständig, so dass der Mensch ihm gefahrlos ein Werkstück übergeben kann.“ Der Roboter – nicht etwa der Mensch – werde damit immer mehr zur verlängerten Werkbank.

Fertigung im Sekundentakt, ständig wechselnde Werkstücke, die unterschiedlich bearbeitet werden müssen. Was durch die Digitalisierung möglich wird, wäre für den Menschen nur schwer zu bewältigen, sagt ABB-Manager Sami Atiya. „Menschen können mit Robotern außerdem effizienter und präziser arbeiten und in neue Bereiche vordringen, wie etwa eine Gießerei, wo Menschen aufgrund der hohen Temperaturen nur kurzzeitig arbeiten können.“ Ein Roboter könne Gewichte in Sekundenabständen stemmen, ohne zu ermüden. „Speziell in der Logistik gibt es viele solcher Aufgaben, für die Roboter besser geeignet sind.“

Gleichzeitig sei der Einsatz von Robotern eine Chance, dass Produktionsstätten wieder näher an den Verbraucher heranrücken könnten, sagt Atiya. „Das ist wegen der hohen Lohnkosten in Europa, aber zunehmend auch in China, nur mit Robotern möglich.“ Also ist die wachsende Digitalisierung tatsächlich kein Schreckensszenario? „Die Arbeitswelt wird sich durch die fortschreitende Digitalisierung weiter verändern“, ist der ABB-Manager überzeugt.

Was Roboter schon heute alles können
Im Geschäft persönlich vom Roboter begrüßt zu werden - auch das kann bald für mehr Menschen Realität sein. „Pepper“ hat Knopfaugen, und er ist in astreinem Deutsch recht schonungslos: „Meiner bescheidenen Meinung nach ist dieses Modell nicht besonders schmeichelhaft für Ihre Figur. Dürfte ich Ihnen ein paar neu eingetroffene Modelle zeigen, die mir für Sie besonders gut gefallen?“ Eigene Infos werden per QR-Code auf dem Smartphone gespeichert, den der Roboter im Geschäft dann scannt. In Japan ist Pepper (von SoftBank) bereits aktiv. Quelle: dpa
„iPal“ ist ein künstlicher Freund und Spielgefährte. Der Roboter ist so groß wie ein sechsjähriges Kind. Er kann singen und tanzen, Geschichten vorlesen und spielen. Durch Gesichtserkennung und automatisches Lernen wird „iPal“ mit der Zeit immer schlauer. Er erinnert sich an Vorlieben und Interessen des Kindes. „iPal“ ist keine gefühllose Maschine“, behauptet John Ostrem vom Hersteller AvatarMind. „Er kann Emotionen erspüren und fühlt, wenn das Kind traurig ist.“ Der Roboter, der in rosa oder hellblau angeboten wird, übernimmt auch gleich ein paar vielleicht leidige Erziehungspflichten: Der eingebaute Wecker holt das Kind aus dem Schlaf. Die Wetter-App sagt ihm, was es anziehen soll, und eine Gesundheits-App erinnert ans Händewaschen. „iPal“ wurde vor allem für den chinesischen Markt entwickelt. Ostrem erläutert: „Dort gibt es in den Ein-Kind-Familien viele einsame Kinder, deren Eltern wenig Zeit haben und die einfach niemanden zum Spielen haben.“ Anfang 2016 soll es „iPal“ dort für etwa 1000 US-Dollar (knapp 900 Euro) geben. Quelle: dpa
Wer auf Reisen die Zahnbürste vergessen hat, kann sie bald von einer freundlichen Maschine aufs Zimmer gebracht bekommen. „Relay“, der Service-Roboter, wird in einigen US-Hotels im Silicon Valley getestet. Die Rezeptionistin legt Zahnbürste, Cola oder Sandwich in eine Box im Roboter, dann gibt sie die Zimmernummer des Gastes ein. „Relay“ kann sich selbst den Fahrstuhl rufen – auch wenn er noch ziemlich lange braucht, um wirklich einzusteigen. Er scannt vorher sehr ausgiebig seine gesamte Umgebung, um ja niemanden umzufahren. Vor der Zimmertür angekommen, ruft der Roboter auf dem Zimmertelefon an. Wenn der Hotelgast öffnet, signalisiert ihm „Relay“ per Touchscreen: Klappe öffnen, Zahnbürste rausnehmen, Klappe wieder schließen. „Das Hotel ist für uns erst der Anfang“, sagt Adrian Canoso vom Hersteller Savioke. „Wir wollen „Relay“ auch in Krankenhäuser, Altenheime und Restaurants bringen, einfach überall dahin, wo Menschen essen oder schlafen.“ Quelle: PR
„Budgee“ trägt die Einkäufe und rollt hinterher. Per Funksender in der Hand oder am Gürtel gesteuert, kann er bis zu 22 Kilogramm schleppen, so der US-Hersteller. Er folgt Herrchen oder Frauchen mit mehr als 6 Kilometern pro Stunde. Die Batterie hält angeblich zehn Stunden. „Budgee“ lässt sich zusammenklappen und im Kofferraum verstauen. Die ersten Vorbestellungen werden ausgeliefert, Stückpreis rund 1400 US-Dollar. Quelle: PR
Roboter können nicht nur Einkäufe schleppen, sondern auch für viele Menschen unliebsame Arbeiten im Haushalt abnehmen – und damit sind nicht nur die Staubsaug-Roboter gemeint. Der „PR2“ des Institute for Artificial Intelligence (IAI) der Universität Bremen kann auch in der Küche zur Hand gehen, zumindest in der Laborküche. Quelle: dpa
Ja, heutige Roboter können bereits feinmotorische Aufgaben übernehmen und etwa zuprosten, ohne dass das Sektglas zu Bruch geht. Das ist aber nicht die Besonderheit an diesem Bild. Der Arm rechts gehört Jordi Artigas, Wissenschaftler am Institut für Robotik und Mechatronik des Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen bei München. Der Roboterarm wird von Sergei Wolkow gesteuert – und der war nicht in Oberpfaffenhofen, sondern auf der Internationalen Raumstation ISS, wie im Hintergrund auf dem Monitor schemenhaft zu erkennen ist. Der „Tele-Handshake“ war nach Angaben des DLR ein weltweit einzigartiges Experiment. Quelle: dpa
Solche Aufgaben, wie etwa dieses Zahnrad zu greifen und weiterzugeben, konnte der DLR-Roboter „Justin“ schon 2012. Dass er aus dem All gesteuert wird, ist jedoch neu und bislang einzigartig. Quelle: dpa

Gewerkschafter Zitzelsberger ist bei den Jobs in der Fertigung allerdings noch relativ gelassen. „Die Gefahr, dass Jobs wegfallen, sehen wir vor allem in Verwaltungstätigkeiten – in der Buchhaltung beispielsweise“, sagt er. „Umgekehrt entstehen viele spannende Jobs durch neue Dienste.“

Das wichtigste Anliegen der Gewerkschafter ist die Frage, ob ungelernte Kräfte da noch mithalten können. Auch hier kann die Digitalisierung helfen, sagt Zitzelsberger: „Die Vermittlung der notwendigen Kenntnisse kann über Apps geschehen.“ Ein Beispiel sei die App „AppSist“. Sie soll sich auf den Wissensstand eines Mitarbeiters einstellen und die jeweils notwendigen Informationen zur Verfügung stellen. Für jeden Job muss sie programmiert werden. Noch ist sie ein Forschungsprojekt.

Diese Länder haben das schnellste Internet
Breitband-Internet Quelle: dpa
Platz 25: DeutschlandDeutschland landet mit einer durchschnittlichen Downloadrate von 14,6 Mbit/s noch knapp unter den 25 Ländern mit dem schnellsten Internet. Während das Internet in den Städten ordentliche Geschwindigkeiten vorweisen kann, tropft es in vielen ländlichen Gebieten mit nicht einmal zwei Megabit aus der Leitung. In einer zweiten Statistik hat Akamai erfasst, wie viele der Anschlüsse es über die Marke von recht lahmen 4 Mbit/s schaffen – hier liegt Deutschland mit nur 89 Prozent der Anschlüsse auf Rang 33. Anmerkung: Die Datenübertragungsrate wird in Megabit pro Sekunde (Mbit/s) gemessen. Ein Megabit entspricht einer Million Bit. Quelle: dpa
Platz 10: Niederlande Quelle: dpa
Platz 9: Japan Quelle: AP
Platz 8: Singapur Quelle: dpa
Platz 7: Finnland Quelle: dpa
Platz 6: Dänemark Quelle: dpa

Unruhe in der Belegschaft spürt Sicherheitsexperte Vetter deshalb noch nicht. Ein Grund könnte sein, dass noch längst nicht alle möglichen Tätigkeiten an Roboter übergeben wurden. Manuelle Tätigkeiten seien in den Beispielszenarien zu 20 Prozent automatisiert. „20 Prozent sind also von Robotern übernommen. Man hätte auch alles den Robotern überlassen können.“

Die menschenleere Fabrik sieht Vetter deshalb noch nicht. „Überall, wo man kreativ reagieren muss, zum Beispiel bei der Planung und Entscheidungen, sind wir von künstlicher Intelligenz noch meilenweit entfernt.“

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