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Helden Contra Corona – Erfahrungsbericht #7 „Wer Sorgen hat, hat auch Likör“

Der ehemalige Oetker Top-Manager Erlfried Baatz (64) ist Geschäftsführender Gesellschafter des Berliner Spirituosenherstellers Schilkin. Quelle: Presse

Schnapsproben nur noch alleine: Der Berliner Spirituosenhersteller Erlfried Baatz, ein „Held des Mittelstands“, muss in der Coronakrise vergleichsweise wenig anpassen, er profitiert von der starken Supermarkt-Nachfrage.

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Der ehemalige Oetker Top-Manager Erlfried Baatz (64) ist geschäftsführender Gesellschafter des Berliner Spirituosenherstellers Schilkin. Bekannt ist das traditionsreiche Unternehmen vor allem für die Marke „Berliner Luft“, einem Pfefferminzlikör. Sergei Schilkin, dessen Namen das Familienunternehmen noch heute trägt, hatte bereits 1950 „Berliner Luft“ erfunden. Heute, sieben Jahrzehnte später, ist der klare Likör vor allem in der Bundeshauptstadt zum Kultgetränk geworden. Und gerade in Krisenzeiten gilt wie eh und je der Spruch der Frommen Helene von Wilhelm Busch: „Wer Sorgen hat, hat auch Likör.“

Normalerweise pendelt Schilkin-Chef Baatz jedes Wochenende von Berlin zu seiner Familie in die Rotweinstadt Ingelheim in Rheinland-Pfalz. Zuletzt sei das seltener der Fall gewesen. „Am nächsten Wochenende möchte ich aber mal wieder nach Ingelheim fahren – in der Hoffnung, auch durchzukommen und es am Wochenbeginn auch wieder nach Berlin zu schaffen.“

Die Auswirkungen der Corona-Krise halten sich bei dem Spirituosenhersteller im Ostberliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf noch in überschaubaren Dimensionen. Die Produktion und die Auslieferung laufe derzeit fast auf Normalniveau weiter, sagt Baatz. Fast alle der 60 Mitarbeiter seien noch an Bord. Das könne sich zwar in zwei oder drei Wochen ändern und es könnte dann auch zu Kurzarbeit kommen. Doch zu den Hauptabnehmern der Schilkin-Schnäpse gehören die großen Lebensmittelketten, und die haben nach wie vor geöffnet und sind so stark frequentiert wie selten zuvor. Auch die Logistikkette sei stabil. Beim Spediteur Dachser gebe es bisher noch keine Ausfälle. „Das, was bei uns bestellt wird, geht im Moment auch raus“, sagt Baatz. „Allerdings wird das Auftragsvolumen insgesamt etwas geringer.“ Vor allem weil Schilkin der Umsatz in den Cash&Carry-Märkten fehlt: „In der Metro sind natürlich jetzt keine Gastronomen oder Club-Betreiber mehr unterwegs, die sich dort unsere Spirituosen holen oder von dort beliefern lassen.“ Zwar habe auch der Lebensmittelhandel die ein oder andere Preisaktion storniert, doch das sei ihm sogar ganz recht, sagt Baatz.

Die Lage in Ostberlin sei in diesen Tagen vergleichsweise harmlos. Baatz: „Das ist gar kein Vergleich mit anderen Firmen, denen der Laden von heute auf morgen geschlossen wurde.“ Dennoch rechnet Baatz mit Engpässen bei den Vorlieferanten, vor allem wenn es um Rohstoff wie Alkohol oder um neue Glasflaschen geht. „Wir erhöhen gerade so gut es geht die Lagerhaltung.“ Es sei damit zu rechnen, dass es auf Dauer bei der Belieferung mit Flaschen haken könnte, weil es bei den Lieferanten zu krankheitsbedingten Engpässen komme. Auch beim Alkohol könnte es zu Lieferschwierigkeiten kommen, weil der Hochprozentige verstärkt für die Produktion von Desinfektionsmitteln genutzt werde.

So hatte der Spirituosenhersteller Jägermeister aus Wolfenbüttel einem Krankenhaus 50 000 Liter Alkohol zur Verfügung gestellt. Der Getränkeproduzent Berentzen prüft ebenfalls solche Lieferungen und denkt darüber nach, Hersteller von Desinfektionsmitteln zu unterstützen oder selbst welches herzustellen. „Natürlich sind wir nett und sozial“, sagt Baatz. Aber in diesem großen Stil sei das für Schilkin kein Thema. Dennoch hilft auch Baatz im Rahmen seiner Möglichkeiten. „Wir liefern Alkohol an umliegende Apotheken hier in Berlin, die sich hilfesuchend an uns gewandt haben“ – mit Alkohol in Fünf- bis Zehn-Liter-Kanistern.

Sollte sich die Situation deutlich verschlechtern, rechnet Baatz damit „relativ lange durchhalten zu können“. Schließlich habe Schilkin in den Wochen und Monaten vor der Krise „extremes Wachstum mit ordentlichen Ergebnissen“ verzeichnen können. „Wer vorsorgt, hat auch in der Not“, sagt Baatz. Einsparmöglichkeiten sieht Baatz zudem noch in der ein oder anderen Marketingaktion. Eigentlich wollte er in diesen Tagen die Touristenboote, die in Berlin auf der Spree herumschippern, an den Außenfronten mit großen Werbeplakaten für den Schnaps „Berliner Luft“ bekleben lassen. „Das haben wir jetzt gestoppt. Denn wenn in den kommenden Wochen ohnehin keine Touristenboote fahren, können wir uns das sparen.“ Schilkin rüstet auch den Flughafenbus TXL mit Werbung für „Berliner Luft“ aus. „Den nehmen jetzt auch nicht mehr viele Berlin-Reisende“, nimmt es Baatz mit Humor. Das gleiche gelte auch für eine Werbekampagne an Litfaßsäulen, die derzeit auch ein wenig verpuffe, wenn kaum noch jemand auf der Straße sei. Baatz: „Da werden wir künftig etwas Zurückhaltung üben.“

Im Unternehmen selbst musste Baatz wenig verändern. Unternehmen der Lebensmittelindustrie seien in Sachen Sicherheit und Hygiene ohnehin gut aufgestellt. Aktuell wurden etwa Zugänge in verschiedene Unternehmensbereiche und Arbeitsgruppen geteilt. Das Gebot zum Abstandhalten gilt seit Monatsmitte auch bei der täglichen Verkostung. Trafen sich früher immer mindestens drei Mitarbeiter auf ein Schnäpschen, so muss nun jeder alleine sein Probengläschen leeren.

Mehr zum Thema: In der Rubrik Helden des Mittelstands porträtiert die WirtschaftsWoche regelmäßig einen Mittelständler, der eine Herausforderung kreativ, mutig und klug gemeistert hat. Doch was tun diese Helden gegen die Coronakrise? Wir haben nachgefragt. Alle Folgen der Serie „Helden Contra Corona“ finden Sie hier.

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