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Lieferengpässe bei Medikamenten Warum gibt es zu wenig Blutpräparate, Herr Hoheisel?

Spender gesucht: Die Coronapandemie hat dazu geführt, dass die Zahl der Blutspenden abgenommen hat. Quelle: PR

Viele Patienten leiden und sind stark geschwächt, weil es zu wenig Blutpräparate gibt. Oft können Unternehmen nur achtzig Prozent des Bedarfs decken. Dirk Hoheisel, Geschäftsführer beim Hersteller CSL Behring, erklärt, woran das liegt und was sich ändern muss.

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CSL Behring, einer der weltweit größten Hersteller von Blutpräparaten, ist zwar ein amerikanisches Unternehmen, hat aber deutsche Wurzeln: Der Medizin-Nobelpreisträger Emil von Behring gründete 1904 in Marburg das Vorläuferunternehmen Behringwerke AG, das später von Hoechst übernommen wurde. Im Zuge der Zerschlagung von Hoechst landeten dann Teile der Behringwerke bei CSL. Noch immer ist Marburg der größte Forschungs- und Produktionsstandort von CSL Behring. Weltweit beschäftigt das Unternehmen mehr als 25.000 Mitarbeiter. Deutschland-Geschäftsführer Dirk Hoheisel ist seit 2017 dabei. Zuvor arbeitete der promovierte Biochemiker für den britischen Pharmakonzern GlaxoSmithKline.

WirtschaftsWoche: Herr Hoheisel, etliche Medikamente sind knapp und schwer zu bekommen. Darunter auch viele Blutpräparate. Woran liegt das?
Dirk Hoheisel: Die Pandemie hat dazu geführt, dass die Zahl der Blut- und insbesondere auch der Blutplasmaspenden abgenommen hat. Im Blutplasma, dem flüssigen Bestandteil des Blutes, sind unter anderem viele Eiweiße enthalten, die für die Erstellung von Medikamenten etwa zur Stärkung des Immunsystems genutzt werden können. Die Produktion dieser Medikamente aus Blutplasma dauert mindestens neun Monate. Damit wird es auch noch dauern, bis gesteigerte Sammelraten wieder zu einer verbesserten Versorgung führen.

Wie hoch sind denn die Ausfälle in Deutschland?
Das ist schwer zu beziffern – aber es ist wichtig zu betonen, dass primär nur Immunglobulin-Präparate, die als eine Art Antikörper-Schutzschild Patienten mit Immunerkrankungen helfen, von dieser Engpass-Situation betroffen sind. CSL Behring erfüllt alle Liefervereinbarungen mit den Krankenhäusern, aber die gestiegene Nachfrage im Verschreibungsmarkt wird momentan wahrscheinlich nur zu achtzig Prozent gedeckt werden können.



Für die Patienten kann das dramatische Folgen haben. Eine Bekannte von mir mit einer schweren Autoimmunerkrankung ist auf ihr Präparat Hizentra, ein Immunglobulin, angewiesen. Anstatt zwei Infusionen pro Woche erhält sie nun alle zehn Tage eine, in der Zeit dazwischen ist sie stark geschwächt und vegetiert oft nur noch dahin.
Wir tun unser Bestes. CSL Behring hat im letzten Jahr weltweit 25 neue Plasmasammelzentren aufgebaut und wird auch dieses Jahr vierzig weitere Zentren eröffnen. Ein neues Zentrum ist zum Beispiel jüngst in Bremen geöffnet worden. Um die Produktion der Medikamente zu verstärken, hat CSL Behring in den vergangenen Jahren rund 700 Millionen US-Dollar allein in den Standort Marburg investiert. Aber es tut natürlich weh, wenn wir momentan nicht alle Patienten versorgen können.

Damit können Sie nicht zufrieden sein. Gibt es irgendeine Chance, dass bald wieder mehr Medikamente lieferbar sind?
Die Plasmasammelraten gehen durch viele Anstrengungen jetzt wieder nach oben, insofern wird sich die Situation im nächsten Jahr verbessern. Aber um langfristig die Patientenversorgung sicherzustellen, wird es wichtig sein, dass auch mehr Blutplasma in Europa gesammelt wird. Nur etwa sechzig Prozent des in Europa für Medikamente benötigten Plasmas wird in Europa gesammelt, der Rest muss aus den USA importiert werden.

Was muss sich ändern?
In vielen Ländern Europas müssen bessere Rahmenbedingungen für das Plasmasammeln ermöglicht werden. Hier geht es etwa um die Zahlung von adäquaten Aufwandsentschädigungen für die Zeit, die Spender mit der Plasmaspende verbringen. Des Weiteren ist es wichtig, durch eine angemessene Erstattung der Medikamente Unternehmen zu ermöglichen, die für die Produktion notwendigen Investitionskosten zu stemmen. Dazu gehört unter anderem die Abschaffung von Rabattverträgen, bei denen die Kassen dem günstigsten Anbieter die Abnahme großer Mengen garantieren. So entsteht eine Preisspirale nach unten, wodurch die Produktion sich irgendwann nicht mehr lohnt.

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Gegen die Rabattverträge läuft die Pharmaindustrie doch schon seit Jahren Sturm.
Bei Impfstoffen wurden die entsprechenden Rabattverträge in Deutschland abgeschafft, nachdem die Zahl der Anbieter durch die nach unten gehende Preisspirale immer weiter zurückging und final auch die Bevölkerung nicht mehr ausreichend versorgt werden konnte. Im Blutplasmabereich benötigen wir ebenfalls ausreichend Unternehmen, die den Markt bedienen können – hier ist die Produktion sogar noch komplexer und mit höheren Investitionen verbunden als bei den Impfstoffen. Von den weltweit etwa 25 Firmen im Blutplasmabereich, die es noch vor etwa zwei Jahrzehnten gab, sind jetzt schon nur acht übrig geblieben…

Was können die Unternehmen ändern?
Es gilt gemeinschaftlich, mit allen Stakeholdern, dafür zu sorgen und zu werben, dass mehr Menschen Blutplasma spenden. Das Wissen über den enormen Nutzen von Medikamenten aus Blutplasma und die Möglichkeit einer Blutplasmaspende ist noch sehr gering. Blutplasma kann in speziellen Plasma-Sammelstellen gespendet werden. Dabei werden den Spendern die flüssigen, eiweißhaltigen Bestandteile des Blutes entnommen, die festen Bestandteile erhalten sie zurück. Dass es so etwas gibt, ist vielen Menschen noch unbekannt.

Wird CSL Behring auch mehr investieren?
Die Bereitschaft dazu ist da. Auch in diesem Jahr investiert das Unternehmen große Summen in den Ausbau der Kapazitäten zur Gewinnung von Blutplasma.

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