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Mittelstand in West und Ost"Der Weg zur Weltmarktführerschaft braucht Zeit"

Warum haben es auch 25 Jahre nach der Wende ostdeutsche Unternehmer immer noch schwerer als ihre Mitstreiter aus dem Westen? Gerhard Heimpold vom Leibniz-Institut in Halle an der Saale hat das untersucht.Anke Henrich 02.10.2015 - 06:00 Uhr

Gerhard Heimpold über den Mittelstand in Ost und West.

Foto: Presse

WirtschaftsWoche: Herr Heimpold, mit welchen typischen Problemen haben auch erfolgreiche Unternehmen in Ostdeutschland heute noch zu kämpfen?

Gerhard Heimpold: Hier fehlen große Unternehmen, die die strategischen Unternehmensfunktionen innehaben. Die meisten Konzernzentralen haben ihre Sitze im Westen des Landes. Darin liegt ein wesentlicher Grund, dass Ostdeutschland in puncto Produktivität, Exportintensität und Forschungsaktivitäten im Unternehmenssektor zurückbleibt.

Zur Person
Heimpold ist stellvertretender Leiter der Abteilung Strukturwandel und Produktivität im Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH)

Wie sieht es bei den kleinen und mittleren Unternehmen aus?

Ihr Anteil ist in Ost und West inzwischen sehr ähnlich. Ein Problem, das kleine und große  Unternehmen in Ostdeutschland früher trifft als jene in Westdeutschland, ist die demographische Entwicklung, mit einer alternden und schrumpfenden Bevölkerung.

Liegt es an den Wurzeln in der DDR, dass die Unternehmen bei der Produktivität, der Internationalisierung und anderswo zurückliegen oder hat das aktuelle, strukturelle Gründe?

Das Fehlen großer Unternehmen ist größtenteils ein Nachhall von Schwächen der Zentralverwaltungswirtschaft. Die großen Kombinate, also die planwirtschaftlichen Headquarters, waren falsch konstruiert. Sie waren beim Übergang in die Marktwirtschaft nicht wettbewerbsfähig und wurden in kleinere Unternehmen aufgespalten, um sie privatisieren zu können. Es fehlt heute in Ostdeutschland vor allem an großen forschenden Unternehmen. Das demographische Problem betrifft ganz Deutschland, tritt aber in Ostdeutschland wegen des Geburtenrückgangs in den frühen 1990er Jahren und der Abwanderung junger Menschen früher und massiver zutage.

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Täte mehr oder weniger staatliche Unterstützung für die ostdeutsche Wirtschaft not?

Es geht nicht um mehr oder um weniger Unterstützung. Es muss die richtige sein. Zuerst geht es dabei um wachstums- und innovationsfreundliche Rahmenbedingungen. Die Verfügbarkeit von Fachkräften, gute schulische Bildung und exzellente, gut finanzierte Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen unterstützen das Unternehmenswachstum. Zu diesen Rahmenbedingungen gehören übrigens auch attraktive Städte, um gut ausgebildete junge Menschen im Osten zu halten.

Online-Atlas

Mit dem neuen Datenatlas des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumentwicklung (BBSR) kann jeder Internetnutzer über 600 statistische Indikatoren deutschlandweit vergleichen. Ob Eheschließungen, Siedlungsdichte oder Viehbestand - auf inkar.de lassen sich Karten zu verschiedenen Themen aus Bildung, Wirtschaft, Wohnen und Umwelt zusammenstellen. Wir zeigen die größten regionalen Unterschiede in Deutschland.

Foto: dpa

Bevölkerungswanderung

Ländliche Regionen verlieren Bewohner, die Städte gewinnen hinzu. Die linke Karte zeigt die prozentuale Steigerung der Bevölkerung, die rechte den Zuzug je 1000 Einwohner. Deutlich wird: Großstädte wie Berlin, Hamburg und München ziehen immer mehr Menschen an. Auch ihre Vororte können davon profitieren. Zu den größten Verlierern gehören hingegen Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.

Foto: Presse

Lebenserwartung von Neugeborenen

Lebensstil, Ernährung, Umweltbedingungen, die Gesundheitsversorgung, Bildung, Einkommen – all diese Faktoren beeinflussen laut BBSR die Lebenserwartung. Besonders hoch ist sie bei Neugeborenen in Baden-Württemberg: Hier haben männliche Neugeborene fast überall eine Lebenserwartung von mehr als 79 und weibliche eine von mehr als 83 Jahren. In Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt ist die erwartete Lebensspanne jeweils rund zwei Jahre kürzer.

Foto: dpa

Anteil der jungen Bevölkerung

Die Lebenserwartung steigt, der Anteil der jungen Menschen an der Bevölkerung sinkt - deutlich wird das im zeitlichen Vergleich (links Deutschland im Jahr 1995, rechts im Jahr 2012). Dramatisch ist die Entwicklung vor allem im Osten: Während die Sechs- bis Zwanzigjährigen fünf Jahre nach der Wende in fast allen Neuen Bundesländern mehr als 18 Prozent der Bevölkerung ausmachten, ist ihr Anteil mittlerweile fast flächendeckend auf unter zehn Prozent gesunken.

Foto: Presse

Anteil der über 75-Jährigen

Auf der anderen Seite steigt der Anteil der Alten immer weiter an: Bundesweit sind zurzeit ungefähr zehn Prozent der Bevölkerung älter als 75 Jahre alt, 1995 waren es rund sechs Prozent.

Foto: dpa

Anteil der über 75-Jährigen

Deutschland im Jahr 1995 (links) und im Jahr 2012 (rechts): Fast überall hat sich der Anteil der Alten deutlich erhöht. Gerade in Sachsen und Sachsen-Anhalt machen die über 75-Jährigen nahezu flächendeckend mehr als zehn Prozent der Bevölkerung aus. Aber auch alte Bundesländer wie Niedersachsen oder Rheinland-Pfalz sind stark vom demographischen Wandel betroffen.

Foto: Presse

Schulabschlüsse

In vielen Abwanderungsgebieten ist der Anteil der Schulabgänger ohne Abschluss überdurchschnittlich hoch. In den Abbrecherquoten spiegeln sich also durchaus auch die Erfolgsaussichten von Schulabgängern in den Regionen. In den Städten ist der Anteil der Abiturienten bundesweit höher als auf dem Land: Fast 40 Prozent aller Stadt-Schüler schlossen ihre Schulzeit mit der Hochschulreife ab, in ländlichen Regionen waren es nur 27 Prozent der Schüler.

Foto: dpa

Schulabschlüsse

Auch hier zeigt sich, dass die Neuen Bundesländer hinterherhinken. Die Zahl der Schulabbrecher (linke Karte) ist höher als im Rest Deutschlands, abgesehen von Ostfriesland und Schleswig-Holstein. Die Ausnahme im Osten ist Brandenburg: Hier ist die Quote der Schulabbrecher nicht nur niedriger als in den anderen Ländern der ehemaligen DDR, sondern der Anteil der Abiturienten (rechte Karte) auch einer der bundesweit höchsten.

Foto: Presse

Erwerbstätigenquote

Die fehlenden Chancen auf dem Lande zeigen sich auch beim Erwerbstätigenquote: Kommen in einer deutschen Stadt etwa 82 Arbeitnehmer auf 100 Einwohner, sind es auf dem Land nur rund 71.

Foto: dpa

Regionale Förderung

Um all diesen Trends entgegenzusteuern, fördert der Bund strukturschwache Regionen: Durch Initiativen wie dem Regionalprogramm der Kreditanstalt für Wiederaufbau (links) oder der Städtebauförderung (rechts) sollen sie wieder Anschluss finden. Hier profitieren vor allem die Neuen Bundesländer, aber auch Schleswig-Holstein, Ostfriesland und bayerische Regionen an der Grenze zu Tschechien.

Foto: Presse

Und an welchen Stellen müssten auch erfolgreiche Unternehmen tatkräftiger werden? Forschung? Internationalisierung? Industrie 4.0?

Diese Frage kann man gar nicht allgemein beantworten. Die genannten Handlungsfelder scheinen alle wichtig zu sein. Die Gewichtung wird sich aber in jedem Unternehmen anders darstellen. Wir sollten auch nicht vergessen, dass es sich immer um unternehmerische Entscheidungen handelt. Unternehmen müssen auch wachsen wollen.

Welche Rolle spielt es für die relativ niedrige Zahl an Weltmarktführern, dass solche Unternehmen im Westen als Familienunternehmen oft erst über Generationen so erfolgreich wurden und eben das in DDR-Zeiten gar nicht gewollt war? Wie schwer ist es diesen Vorsprung auszuholen?

In der Tat konnte schwerlich in 25 Jahren aufgeholt werden, was zuvor in 40 Jahren Zentralverwaltungswirtschaft an Unternehmertum verschüttgegangen ist. Der Weg zur Weltmarktführerschaft braucht Zeit, Geduld und vor allem unternehmerisches Gespür. Was übrigens in zahlreichen Unternehmen in Ost- und Westdeutschland ansteht, ist die Nachfolgeregelung.

Gibt es in Ostdeutschland Firmen, die es irgendwie geschafft haben auch zu DDR-Zeiten noch in Privatbesitz zu bleiben  und nun sehr erfolgreich sind?

Einen privaten industriellen Mittelstand gab es zum Zeitpunkt des Mauerfalls nicht mehr. Die DDR-Führung hatte 1972 die letzten damals noch existierenden privaten mittelständischen Industriebetriebe verstaatlicht. Dies war sehr nachteilig.

Zeichnet sich bei den sehr erfolgreichen Unternehmen ein Muster ab, ob sie zum Beispiel ein ehemaliges Treuhand-Unternehmen sind, spätere komplette Neugründungen, Ausgründungen aus Universitäten oder vielleicht Unternehmen, die ohnehin schon hundert und mehr Jahre alt und mithin kampferprobt über alle Systeme waren?

Ein komplettes Bild existiert nicht. Mein Eindruck ist, dass der Erfolg nicht davon abhängt, ob diese Unternehmen schon hundert und mehr Jahre alt sind oder ob sie in der DDR entstanden sind. Der Erfolg ist zumeist auf ein Bündel von Faktoren zurückzuführen, das in jedem Unternehmen anders zusammengesetzt ist. Ein zukunftsorientiertes Unternehmenskonzept, strategisches Agieren, und selbstverständlich gute Produkte, die mit modernsten Verfahren hergestellt werden, sind wohl immer wichtig gewesen.

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