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Obst und Gemüse Das Comeback der historischen Sorten

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Historische Sorten sind kein Garant für Geschmack

Viele Kunden sind junge Familien, die den Garten hinterm nagelneuen Eigenheim mit einem Apfelbaum krönen wollen. „Die erinnern sich dann an die Sorten aus ihrer Kindheit“, sagt Lorenzen. So wurzeln dann im Garten wieder Freiherr von Berlepschs oder Gravensteiner, die als Ware im Supermarkt vielen Neuzüchtungen mit Namen wie „Pink Lady“ oder „Jazz“ weichen mussten — Sorten, die oft nicht einmal mehr braune Stellen bekommen, nachdem sie angeschnitten waren. „Das ist ja alles weggezüchtet worden“, sagt von Lorenzen.

Das Alter einer Pflanze sei jedoch kein Garant für guten Geschmack, sagt von Lorenzen. Gut die Hälfte seiner Sorten sei geschmacklich uninteressant bis schlecht. „In einige würde ich nicht mal reinbeißen.“

Ähnlich fällt auch der Rat von Irina Zacharias aus. Die gebürtige Russin, die heute in Maxhütte-Haidhof nördlich von Regensburg lebt und als Krankenhauspsychologin arbeitet, hat aus ihrer Heimat die Leidenschaft für Tomaten mitgebracht. Ihre Bestände gelten, neben denen des „Tomatenpapstes“ Gerhard Bohl aus Rednitzhembach, als eine der bestsortierten Quellen für Tomatensorten. Zacharias vertreibt sie wie andere Tomatenzüchter über einen eigenen Online-Shop.

Dessen Bestseller sind „Feuerwerk“, eine richtige Fleischtomate oder die orange-pink marmorierte Herzförmige "Orange Russian 117". Was so verführerisch lecker klingt und ausschaut, schmeckt oft, darf aber nicht verzehrt werden. Viele ihrer Sorten versieht Zacharias mit dem Hinweis, dass es sich bei den Tomatenpflanzen, die sie teilweise aus den Gärten ihrer Eltern in Russland hat, um Zierpflanzen handelt, die nicht als Speisetomate verkauft werden dürfen – ihren Hunden aber immer schmecken. Einer älteren Kundin, die einen Strauß von zehn Sorten orderte, kümmerte das nicht: „Der Geschmack war ihr egal, die Leute sollten nur ,Wow‘ sagen, wenn sie an diesem Haus vorbeigehen.“

Die deutsche Sektion des Gourmetvereins Slowfood unterstützt mit der „Arche des Geschmacks“ solche Vorhaben und ruft auf, „zu essen, was man retten will“.

Neben der Unterstützung für Käsereien oder Metzger widmet sich Slowfood Deutschland auch der Linse. So wurde 2007 die Schwäbische Linse nach Deutschland zurückgeholt. Gefunden wurde die Alb-Leisa in dem derzeit noch größten Samenarchiv für Kulturpflanzen, dem Vavilov-Institut in Sankt Petersburg.

Auch die schnöde Möhre hat das Interesse von Samen-Historikern aber auch der Saatgutindustrie geweckt. Die ursprünglichen Möhren wuchsen in verschiedenen Farben von hell bis dunkelviolett. Für Wilhelm von Oranien wurde im 17. Jahrhundert die „Lange Orange Holländer Karotte” gezüchtet, die bis heute die Farbe in den Supermärkten vorgibt. Daneben haben sich inzwischen wieder andersfarbige Sorten etabliert. Einige sind tatsächlich uralt, andere Züchtungen dieses Jahrtausends, die auf alt gemacht sind, aber als Hybride mit den Urformen nur bedingt zu tun haben. Auf Webseiten wie Garten des Lebens weisen die Autoren auf die Unterschiede hin.

Ein Schachzug des Marketings, der so auch beim Apfel zu beobachten ist. Die Sorte Wellant klingt altertümlich und wirkt auch mit ihren braunen Verfärbungen im Gegensatz zu den glänzenden Sorten wie Jazz oder auf Anhieb historisch. Sie ist in der Tat aber eine Züchtung aus dem Jahr 1987, die 2008 Sortenschutz bekam.

Sie zählt zu den sogenannten Clubsorten, die nur von Bauern angepflanzt und vertrieben werden dürfen, die eine Lizenzgebühr an den niederländischen Markeninhaber zahlen. So ist das historisch anmutende Obst und Gemüse in der Jetztzeit angekommen.

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