WiWo History Durchbruch: Ein Herz für Kaffee (und Krimskrams) – wie Tchibo erfolgreich wurde
Wer eine Tchibo-Filiale betritt, nimmt zunächst vor allem eines wahr: den Duft frisch gemahlener Kaffeebohnen. Doch schnell streift der Blick ganz andere Produkte, die mit dem schwarzen Gold nichts gemein haben: Yoga-Shirts, Fusselrasierer oder Bananenschneider zum Beispiel.
Genau das gehört zum Erfolgsgeheimnis von Tchibo. Vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs beschloss der Kaufmann Max Herz, die Vorkriegsimportlizenz seines Vaters zu nutzen und mit seinem Geschäftspartner Carl Tchilling-Hiryan einen Röstkaffeeversand zu gründen. Zu dieser Zeit war das koffeinhaltige Getränk Mangelware, sein Genuss eher Reichen vorbehalten. Tchilling, der zuvor mit Studentenfutter gehandelt hatte, hatte Platz und einen Röstofen, Herz Kontakte und Geschäftssinn. Bald wurde aus der Tchilling-Bohne die Marke „Tchibo”. Und der Name blieb auch, als Tchilling sich nur drei Jahre nach der Gründung aus dem Unternehmen verabschiedete.
Das Besondere war aber nicht nur der Versand des Kaffees per Post, den auch der Bremer Unternehmer Eduard Schopf seit den 1920er-Jahren anbot („Eduscho“). Tchibo legte zu jeder Kaffeesendung noch nützliche Haushaltsgegenstände wie Geschirrhandtücher. Das kam so gut an, dass Herz beschloss, sich in den stationären Handel zu wagen. 1955 eröffnete das erste Tchibo-Geschäft in Hamburg. Hier konnte man Kaffee nicht nur kaufen, sondern zuvor auch kosten.
Dass sich neben dem Kaffeekauf und -genuss noch ein weiteres Geschäftsfeld für Tchibo in den Läden entwickelte, hat das Unternehmen einem Verbot zu verdanken: Ab 1973 war es nicht mehr erlaubt, Kunden zu ihrem gekauften Produkt ein Geschenk zu machen. Tchibo verkaufte also bereits vorrätige Gebrauchsartikel, um die Lager zu leeren. Die Nachfrage nach den ehemaligen Geschenken war überraschend groß. Also wurden diese Waren ins Sortiment integriert. Besonders beliebt: Tischsets und Frühstücksbrettchen.
Und das Filialnetz wuchs rasant. Vor seinem plötzlichen Tod 1965 war Max Herz viel mit seiner Frau Ingeburg durchs Land gereist, um Standorte für neue Filialen zu finden. Mehr als 400 Geschäfte gab es bis dahin bereits. Zudem stellte Tchibo Regale mit Kaffee in Bäckereien und Konditoreien auf. Diese „Frische Depots“ gibt es heutzutage auch in Supermärkten.
Doch das Geschäft mit Aktionsware bröckelt. Zwar verzeichnete Tchibo 2023 wieder Gewinne, nachdem man für das Vorjahr einen historischen Verlust vermeldet hatte. Doch die Konkurrenz durch Billiganbieter wie Action und Temu wird größer, Impulskäufe von Kunden werden seltener. Verlass bleibt aber immer noch auf ein Produkt: Kaffee.
Dieser Artikel erscheint in unserer Reihe WiWo History.