WiWo History Durchbruch: Wie Reinhold Würth aus seinem Schraubenhandel ein Imperium schuf
Weite Teile Deutschlands lagen 1949 noch in Trümmern, physisch und mental. Die Schuld des Holocaust lastete schwer. Die Schrecken des Krieges warfen lange Schatten. Mangel beherrschte noch immer den Alltag vieler Menschen. Und doch ging es seit der Währungsreform langsam voran. Regten sich wieder die Geister. Fingen Menschen an, das Land aufzubauen: Unternehmerinnen und Unternehmer im doppelten Sinne des Wortes.
Ein ganz besonderer Unternehmer war Reinhold Würth. Der Schraubenkönig aus Künzelsau feiert in diesem Jahr sein 75-jähriges Firmenjubiläum. Er stieg 1949, gerade mal 14 Jahre alt, in die Zwei-Mann-Schraubenhandlung seines Vaters ein.
Damit begann ein Unternehmerleben, wie es sich die Gen Z heute kaum mehr vorstellen kann. Ihr steht die Wohlstandswelt offen, die Leute wie Würth aufgebaut haben. Sie kann die Lebenschancen nutzen, die die Würths in diesem Land ihnen eröffnet haben.
Würth konnte das noch: Kraft aus einem Mangel an Optionen ziehen. „Ich hatte keine anderen Pläne“, erzählt er im WirtschaftsWoche-Buch „Mein Leben, meine Firma, meine Strategie“ (2020): „Was der Vater sagte, das wurde gemacht.“ Der kleine Reinhold war kaum zehn, da verpackte er bereits Schrauben und lieferte sie mit dem Leiterwagen aus.
Keine Wahl, kein Studium, keine Selbstfindung – bis Mitte 30. „Simplify your life“, das war bei Würth keine Strategie, sondern das schlichte Ergebnis der Umstände – und Grundstein seines unternehmerischen Erfolgs: „Das Leben war meine Universität.“ Adolf Würth schickte seinen 16-Jährigen auf Verkaufstour nach Köln und Düsseldorf, wo der Bub die „Klinkenangst“ erst kennen-, dann zu überwinden lernte. Als der Vater 1954 starb, war Reinhold 19 und Verkaufsprofi. Er konnte die Firma weiterführen, klapperte mit seinem Mercedes Kunden in ganz Deutschland ab: Auf dem Sieg über die Klinkenangst gründet der Erfolg des Vertreterkonzerns Würth.
Work-Life-Balance? Wer sagt, sie habe im Nachkriegsdeutschland überhaupt keine Rolle gespielt, macht es sich zu einfach. Würth: „Meine Mutter wollte, dass ich Schulmeister werde: ‚Dann hast du einen sicheren Job, ein gutes Einkommen – und musst nicht viel tun.‘“ Für viele klingt das heute nach einer smarten Lebensplanung. Für Reinhold Würth war es damals kein Thema. Zum Glück für die 88.000 Mitarbeiter in 400 Würth-Unternehmen weltweit.
Als Honorarprofessor hat Würth später der Gen Z erzählt, worauf es auch heute ankommt: Durchsetzungsfähigkeit, Bescheidenheit – und viel „Schaffe“ natürlich. „Wissensriesen“ und „Realisierungszwerge“ gebe es schon genug. Verfängt sein Rat? Hm. Ganze sechs Prozent der deutschen Gen Z können sich vorstellen, Unternehmer zu werden.
Dieser Artikel erscheint in unserer Reihe WiWo History.