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WiWo History TatortDortmunder Phoenix-Hochöfen: Wie ein Stahlwerk nach China umzog

Die Phoenix-Hochöfen im Dortmunder Stadtteil Hörde gehörten zu den wichtigsten im Ruhrgebiet – und erlebten dann den größten Umzug der Industriegeschichte: den eines kompletten Stahlwerks. Nach China.Konrad Fischer 05.12.2023 - 08:56 Uhr

Wer wissen will, wie es einst zuging im Dortmunder Stadtteil Hörde, der muss weit reisen: Nach Jinfeng, anderthalb Autostunden nördlich von Shanghai, bei günstigem Verkehr. Das Dorf im Mündungsdelta des Yangtse, noch vor 20 Jahren von Äckern umgeben, liegt heute inmitten eines riesigen Industriegebiets. Der Stahlkonzern Jiangsu Shagang produziert hier Millionen Tonnen von Stahl und verschifft ihn gleich nebenan in andere Teile Chinas und in alle Welt. Und mittendrin: Hochöfen und ein Oxygenstahlwerk aus Dortmund.

1999 war es, als das Werk seine Reise nach Osten antrat. In Dortmund-Hörde war die Ära von Kohle und Stahl da fast noch lärmende Gegenwart. Westlich des bis zum Beginn der Industrialisierung völlig unbedeutenden Nests befand sich ein großes Werk der einstigen Phoenix AG zur Erzeugung von Rohstahl, östlich ein weiteres für dessen Verarbeitung.

Foto: WirtschaftsWoche

Phoenix West und Phoenix Ost waren verbunden über Rohrleitungen und Bahntrassen, die quer durch Hörde führten. Wenn im Werk Stahl produziert wurde, hörte und roch man das hier. Und es wurde immer Stahl produziert, Tag und Nacht, 160 Jahre lang. Bis im Oktober 1998 die Arbeiter eine schwarze Fahne hissten.

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Im Dortmunder Süden begann nun der schmerzhafte Prozess namens Strukturwandel – und eines der ungewöhnlichsten Projekte der Industriegeschichte. Das Stahlwerk Phoenix West nämlich fand, zusammen mit Teilen der Westfalenhütte im Norden der Stadt, einen Käufer. Der chinesische Stahlkonzern Shagang, damals noch völlig unbedeutend, zeigte kurz vor der Stilllegung Interesse. Sicher, am Standort Dortmund habe die Stahlerzeugung wohl keine Zukunft. Aber, so die verwegene Idee, ob man es nicht nach China schaffen könne, dieses noch völlig intakte Werk?

Konnte man. Ein knappes halbes Jahr später begann er tatsächlich, der wohl größte Umzug aller Zeiten. Zum feierlichen Beginn im Februar 1999, so vermerkte es die Lokalpresse, hatten die chinesischen Käufer extra ein Banner anfertigen und im Stahlwerk montieren lassen: „Die Erfüllung der Demontage in Sicherheit, gute Qualität und Schnellauf.“ (sic)

Schnellauf statt Glückauf, so ging es in den Monaten danach auch voran. Mehrere Hundert chinesische Shagang-Mitarbeiter quartierten sich in einem Bürotrakt des Stahlwerks ein, sortierten und beschrifteten das Material, das Teil für Teil über die Nordsee gen China verschickt wurde. 250 000 Tonnen Material wurden so abtransportiert, insgesamt 4000 Seecontainer füllte der Umzug.

Bis es nach rund drei Jahren, zwei Jahre früher als geplant, so weit ist: Am Ufer des Yangtse steht nun ein zweites Stahlwerk.

Foto: WirtschaftsWoche

Und der erste Teil der Geschichte von Dortmund-Hörde wiederholt sich: Fast aus dem Nichts entsteht eine Weltmetropole der Stahlindustrie, Shagang wird zum zwischenzeitlich größten privaten Unternehmen des Landes.

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Dieser Artikel erscheint in unserer Reihe WiWo History.

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