Digitaler Wandel: "Haben Sie Google zerschlagen, kommt der nächste"

InterviewDigitaler Wandel: "Haben Sie Google zerschlagen, kommt der nächste"

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Es diskutieren (v.l.n.r.): Verena Pausder, Gesche Joost, Fabien Nestmann und Harald Welzer.

von Max Haerder und Sven Prange

Was bedeutet eigentlich der "digitale Wandel" - im Guten und im Schlechten? Wir haben vier interessante Köpfe zum Gespräch gebeten: Verena Pausder, Gesche Joost, Fabien Nestmann und Harald Welzer.

Kein schlechter Ort, um über die Zukunft zu sprechen, wenn man ihn denn gefunden hat. In der gewittergrauen Tristesse der Berliner Universität der Künste hat sich Gesche Joost ihr Reich geschaffen: das Design Research Lab. Hier, im zweiten Stock, empfangen einen Licht und Glas und bunt beklebte Wände. In dieser kreativen Enklave forscht die Professorin mit ihren Studenten: an Kapuzenpullis mit eingewobenen Kopfhörern, an Seniorenhandys oder an Schlaganfall-Jacken, die bei Stürzen eigenständig den Notarzt alarmieren.

Joost ist seit 2014 außerdem Digitalbotschafterin der Bundesregierung bei der EU, das freundliche Gesicht des Internets also – und die perfekte Gastgeberin eines Abends, der sich dem digitalen Wandel widmen wird. Die weiteren Geladenen: die Berliner Gründerin Verena Pausder, der Deutschland-Statthalter des Taxi-Schrecks Uber, Fabien Nestmann, und der Soziologe Harald Welzer – der Einzige der vier ohne Smartphone.

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Zu den Personen

  • Fabien Nestmann

    Fabien Nestmann ist Deutschland-Chef des Taxi-Schrecks Uber. Nach einigen verlorenen Gerichtsverfahren erfährt der 35-Jährige gerade am eigenen Leib, wie mühsam die digitale Revolution ist.

  • Gesche Joost

    Gesche Joost kommt aus Neuland und erklärt es der Politik: einst im Schattenkabinett Peer Steinbrücks, heute als Digitalexpertin der Bundesregierung. Und Professorin für Design ist sie auch.

  • Harald Welzer

    Harald Welzer erforscht menschliche Abgründe, Diktaturen und Gewalt. Sein jüngstes Projekt „Futurzwei. Stiftung Zukunftsfähigkeit“ will die Welt nicht nur besser denken, sondern besser machen.

  • Verena Pausder

    Verena Pausder kommt aus der Berliner Start-up-Szene. Die ist mittlerweile ziemlich erwachsen. Ihre Firma Fox & Sheep entwickelt Apps für Kinder, die sinnvoll und lustig zugleich sind.

Harald Welzer, Ihr jüngstes Buch „Autonomie. Eine Verteidigung“ fordert: „Üben Sie digitale Askese, wo immer es geht.“ Wie soll das heutzutage funktionieren?

Welzer: Ich will es ganz simpel beantworten: Das meiste, was zu unserem Wohlbefinden beiträgt, ist analog und eben nicht digital. Unsere Welt wird trotzdem Schritt für Schritt, App für App, digital okkupiert. Leider! Smarte Geräte sind überall, und das Netz durchdringt unser Leben. Das führt zu Fremdsteuerung und Fremdbestimmung.

Für wen von Ihnen wäre das etwas – digitale Askese?

Pausder: Also ich könnte meinen Job dann nicht mehr machen. Die Welt ist digital, wir müssen damit umgehen. Allerdings möchte ich die Wahl haben, das ist mir schon wichtig. Ich will mich frei für oder gegen das Digitale entscheiden können.

Joost: Ich halte das für Romantik. Wir leben in einer ständig vernetzten Welt, und der digitale Wandel ist eine Bereicherung, denken wir nur an die Kommunikationsmöglichkeiten, die Wege, sich im Netz auszuprobieren, ja: zu leben.

Welzer: Ich gebe das mit der Romantik sofort zurück. Sie hängen einer falschen Liebe zum Neuen nach. Nur weil etwas da ist, müssen wir es doch nicht nutzen! Man darf sich zu Technologie auch kritisch verhalten.

Pausder: Das ist aber ein wahnsinnig deutscher Einwand. Risiken, immer Risiken. Wir ruhen uns auf den behaglichen Errungenschaften von gestern aus.

Was Knigge empfiehlt

  • Im Meeting

    Der Deutsche Knigge-Rat hat für den Umgang mit dem Smartphone eine einfache allgemeingültige Regel: Grundsätzlich sind Nicht-Anwesende zugunsten der Anwesenden zu vernachlässigen. Entsprechend hat das Smartphone im Meetings nichts verloren.

  • Im direkten Gespräch

    Wer sich in einem Dialog befindet, sollte nicht einfach so einen eingehenden Anruf beantworten. Höflich ist laut Knigge, wer genau erklärt, warum es so wichtig ist, das Gespräch anzunehmen oder eine Nachricht zu lesen. Außerdem sei es angebracht, um Erlaubnis zu bitten, ob man rangehen darf.

  • Im Restaurant

    Daher gibt der Deutsche Knigge-Rat für das Verhalten im Restaurant klare Regeln vor. Wie im Kino oder Theater hat das Telefon hier nichts zu suchen. Sowohl das Licht als auch das Klingeln, Piepen oder Brummen würden andere Menschen in diesen Situationen stören. Ausnahmen gestattet Knigge, wenn ein Gastgeber noch auf Gäste wartet. Hier wäre es unhöflich das Telefon auszustellen, so dass der Gastgeber nicht mehr erreichbar ist.

  • In der Bahn

    Laut Knigge-Rat darf das Smartphone hier sowie in jeder anderen "Wartezeit" genutzt werden. Allerdings sollte es lautlos geschaltet werden. Auch von langen Telefonaten in der Gegenwart anderer ist aufgrund der Lärmbelästigung abzusehen.

  • Second Screen

    Höflich ist nur, wer den anderen in diesen Diskurs mit einbezieht. Sonst verschwindet das Gemeinschaftsgefühl. Der Knigge-Rat empfiehlt Second Screen auf einem Tablet statt dem Smartphone, damit der andere bequemer mithineinschauen kann – sofern er das möchte. Falls nicht, sollte das Smartphone einfach ausgeschaltet bleiben, oder der Abend eben nicht als eine gemeinschaftliche Aktion definiert werden.

Welzer: Wo denn das, bitte? Wir stehen doch ökonomisch hervorragend da. Dass die Deutschen so mäkelig sind, hört man immer wieder. Da kann ich nur sagen: Ganz schön weit gebracht mit dieser Mäkeligkeit!

Pausder: Den Optimismus lasse ich mir von Ihnen nicht nehmen, Herr Welzer. Nehmen wir einen Punkt heraus: das Gründen. Wir loben unsere Industrie, den familiär geprägten Mittelstand, aber die Start-ups sind doch das große Kapital von morgen; mit Gründern, die die Arbeitswelt der Zukunft gestalten.

Welzer: Mein Gott, warum nur soll man dauernd etwas gründen?

Pausder: Weil es wach hält, neugierig, weil ich mich nicht mit dem Status quo zufrieden gebe!

Welzer: Manchmal hat die Kultivierung des Bestehenden auch ihren Wert. Mir wird jedenfalls zu viel Quatsch gegründet.

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