Deutsche Bahn: Warum Rüdiger Grube Ronald Pofalla braucht
Ronald Pofalla rückt in den Vorstand der Deutschen Bahn.
Foto: dpa Picture-AllianceRonald Pofalla steht in der hintersten Reihe einer Gruppe von Bahn-Mitarbeitern, seine Arme hängen seitlich herab. Ganz vorne steht sein Chef, Rüdiger Grube, er eröffnet in der Technischen Universität in Berlin ein Akustiklabor. Die Kameras zoomen auf Grube, als er doziert, wie die Deutsche Bahn Schienenlärm reduzieren will: mehr Flüsterbremsen, höhere Lärmschutzwände, bessere Schienenschleifsysteme.
Auf Pofalla zoomt niemand, ganz still steht er an seinem Platz ganz hinten. Als Grube fertig ist, trottet er hinter seinem Chef zurück zur Bahn-Zentrale am Potsdamer Platz. Den ganzen Termin, 90 Minuten lang, hat er kein Wort gesagt.
Hinten stehen und zuhören – das ist Pofallas neue Welt. Seit Januar dieses Jahres ist der CDU-Politiker Generalbevollmächtigter für politische und internationale Beziehungen der Deutschen Bahn. Er tauschte Macht gegen Geld. Als Chef des Bundeskanzleramts war Pofalla engster Vertrauter von Kanzlerin Angela Merkel. Wer zu ihr wollte, bat ihn um Audienz. Heute ist der gebürtige Klever selbst einer derjenigen, der Zugänge sucht; ein Dienstleister. Pofalla hilft nun anderen dabei, zu gestalten.
Juli 2015
Wegen der großen Hitze sind die Luftkühlungen mehrerer IC-Züge ausgefallen. Anders als im Sommer 2010 reagierte die Bahn diesmal schnell: Sie stellte für die besonders betroffene Linie Berlin-Amsterdam zwei Ersatzzüge bereit. Sie sollen eingesetzt werden, wenn die Luftkühlung in anderen IC auf der Strecke versagt, wie ein Sprecher mitteilte. Außerdem wurden in Osnabrück mehrere Busse stationiert.
Dort mussten insgesamt mehrere Hundert Fahrgäste in nachfolgende Züge umsteigen, weil in ihren Zügen die Klimaanlage ausgefallen war. Es habe aber kein Fahrgast gesundheitliche Probleme bekommen, so der Sprecher. Bei etwa einem Dutzend älterer Intercitys auf der Linie Berlin-Amsterdam hatten die Klimaanlagen ihre Arbeit eingestellt.
Foto: dpaOktober 2014
Ein Warnhinweis sorgt für Lacher, Spott und eine Entschuldigung der Deutschen Bahn: „Cannstatter Wasen: Es ist mit Verspätungen, überfüllten Zügen und verhaltensgestörten Personen zu rechnen“ ist am Samstag auf den Anzeigetafeln an mehreren Bahnhöfen in der Region Stuttgart zu lesen gewesen, wo das Volksfest an seinem letzten Wochenende in diesem Jahr wieder Tausende Besucher anlockte. „Wir entschuldigen uns dafür“, sagte eine Bahn-Sprecherin am Sonntag und bestätigte Online-Berichte der „Stuttgarter Nachrichten“ und der „Stuttgarter Zeitung“. Ein Mitarbeiter habe den Text entgegen aller Vorgaben verfasst. Er werde Anfang der Woche zum Rapport bestellt. Dann solle auch der gesamte Vorgang aufgeklärt werden.
August 2013
Ein ungewöhnlich hoher Krankenstand in der Urlaubszeit sorgte im August 2013 für ein Fahrplanchaos am Mainzer Hauptbahnhof - und für massiven Ärger bei den Fahrgästen. Die Deutsche Bahn hat für das Chaos am Mainzer Hauptbahnhof wegen massiver Personalprobleme auf Facebook um Entschuldigung gebeten. „Für die derzeitigen Einschränkungen möchte ich mich entschuldigen“, antwortete ein Mitarbeiter in dem Sozialen Netzwerk auf Beschwerden einer Nutzerin. Die Situation sei „wahrlich nicht schön“.
August 2013
Um dem Problem der häufig verstopften und verdreckten Zugtoiletten Herr zu werden, setzt die Bahn ab sofort neue Reinigungskräfte, sogenannte Unterwegsreiniger, in ICE-Zügen ein. Die Reinigungskolonne, die auf der Fahrt die Toiletten putzt, wird um 50 Beschäftigte auf 250 aufgestockt, wie der Vorstandsvorsitzende DB Fernverkehr, Berthold Huber, ankündigte. Die Mitarbeiter sollen zugleich stärker entsprechend der Zugauslastung eingesetzt werden. Damit würden die Toiletten in besonders gefragten Bahnen mindestens zweimal und damit doppelt so oft auf der Fahrt gereinigt wie bisher.
Der Fahrgastverband Pro Bahn und die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) lobten die Initiative, wiesen aber zugleich auf andere Probleme hin. „Neben den kaputten oder dreckigen Toiletten gibt es tagtägliche Kundenbeschwerden vor allem über die Klimaanlagen und Verspätungen“, sagte Pro-Bahn-Bundessprecher Gerd Aschoff. Und das sind nicht die einzigen Pannen der Deutschen Bahn...
Foto: dpaNovember 2011
Nach der persönlichen Anmeldung im neuen elektronischen Ticketsystem „Touch & Travel“ waren für nachfolgende Nutzer die Kundendaten sichtbar.
Foto: dpaJuli 2010
Am einem Wochenende fallen in mehreren ICE-Zügen die Klimaanlagen aus. Fahrgäste kollabierten, Schüler mussten dehydriert ins Krankenhaus eingeliefert werden. Im Zuge der Panne wurde bekannt, dass die Klimaanlagen der Bahn nur bis 32 Grad funktionieren. Damals fielen in Dutzenden Zügen die Klimaanlagen aus.
Foto: dpaApril 2010 - ICE verliert Tür
Bei voller Fahrt verliert ein ICE auf dem Weg von Amsterdam nach Basel eine Tür. Das Stahlteil schlägt in einen entgegenkommenden ICE ein. Auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Frankfurt und Köln werden sechs Menschen leicht verletzt. Ursache für den Unfall ist eine lose Stellmutter an der Verriegelung. Foto: dpa
Foto: WirtschaftsWocheApril 2010 - ICE verliert Tür
Die Tür riss aus der Verankerung und traf einen entgegenkommenden Zug. Vorübergehend durften ICEs der gleichen Baureihe nur noch gedrosselt fahren. Foto: dpa
Foto: WirtschaftsWocheJanuar 2010 - S-Bahn-Chaos in Berlin
Bahnchef Rüdiger Grube teilt mit, dass die Züge der Berliner S-Bahn erst 2011 wieder in vollem Umfang fahren sollen. Die Berliner Bürger ärgern sich schon seit Anfang 2009 immer wieder über Zugausfälle, Verspätungen, mangelhafte technische Kontrollen und diverse Defekte im Nahverkehr. Foto: dpa
Foto: WirtschaftsWocheJanuar 2010 - S-Bahn-Chaos in Berlin
Und es wurde immer schlimmer: Wegen Reparaturen und Wartungen war im vergangenen Jahr zwischenzeitlich nur noch ein Viertel der S-Bahn-Flotte der Hauptstadt im Einsatz. Die Folge: Massive Störungen im regionalen Zugverkehr. Foto: dpa
Foto: WirtschaftsWocheDezember 2009 - Oberleitungen vereisen
An Silvester und zu Jahresbeginn 2010 führen vereiste Oberleitungen in Nord- und Westdeutschland, eine Weichenstörung am Berliner Hauptbahnhof und technische Störungen an Stellwerken in Berlin zu Verspätungen und Zugausfällen. Foto: ap
Foto: WirtschaftsWocheAb Januar 2009 - Überwachungsskandal
Die Affäre, die auch Hartmut Mehdorns Karriere als Bahnchef beendete: Zuerst waren es 1.000 Mitarbeiter, die man zugab durch einen externen Dienstleister gecheckt zu haben, dann 173.000. Letztlich räumte Mehdorn ein, alle Mitarbeiter seien überprüft worden. Dann wurde bekannt, dass die Bahn über Jahre E-Mails von Mitarbeitern überwacht hat. Politik und Gewerkschaften schäumten, der Bahn-Chef (hier mit seinem inzwischen ebenfalls abgelösten Anti-Korruptionsbeauftragten Wolfgang Schaupensteiner) empfand Vorwürfe in diesem Zusammenhang dagegen als „unverantwortliche Skandalisierung“. Schließlich habe man ja nur Korruption bekämpfen wollen. Foto: dpa
Foto: WirtschaftsWocheNovember 2008 - Börsengang platzt
Der Börsengang war Mehdorns Lieblingsprojekt seit seinem Amtsantritt 1999. Alles hatte sich diesem Ziel unterzuordnen. Selbst als die Finanzmärkte schon längst abwärts gerauscht waren, glaubte der Vorstandschef noch an den Sprung aufs Parkett: Im Zweifel sollten eben Ölscheichs oder Staatsfonds Anteile an der Tochtergesellschaft DB Mobility Logistics kaufen. Die Bundesregierung, nervös angesichts der absehbar niedrigen Einnahmen, zog die Notbremse und verschob den Börsengang auf unbestimmte Zeit. Eine schwere Schlappe für die Bahn. Foto: dpa
Foto: WirtschaftsWocheOktober 2008 - Streit um Vorstandsprämien
Für den Fall, dass der Teil-Börsengang erfolgreich über die Bühne geht, sollte der Bahn-Vorstand Prämien in Höhe von vier Mio. Euro erhalten. Als das bekannt wurde, war die Öffentlichkeit wieder sauer und Mehdorn der Buhmann. Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) wollte erst spät von den Bonus-Plänen gehört haben, gab sich sogleich ebenfalls schwer empört und überließ seinem Staatssekretär die Bauernopfer-Rolle. Der Börsengang floppte, die Vorstandsprämien auch. Foto: dpa
Foto: WirtschaftsWocheOktober 2008 - Riss in der Radsatzwelle
Die Bahn zieht einen Teil ihrer ICE-Flotte kurzfristig aus dem Verkehr. Nahezu die gesamte Flotte der Hochgeschwindigkeitszüge vom Typ ICE T mit Neigetechnik soll technisch überprüft werden. Zuvor war bei einer routinemäßigen Ultraschall-Untersuchung ein Riss in der Radsatzwelle eines ICE T entdeckt worden. Von Mitte Juni 2009 an werden wieder alle 67 Züge der ICE-T-Flotte eingesetzt, fahren aber ohne Neigetechnik. Foto: ap
Foto: WirtschaftsWocheOktober 2008 - Riss in der Radsatzwelle
Die Überprüfung aller ICE-Neigetechnikzüge richtete Chaos im Bahnverkehr an, nachdem bei einer Routineüberprüfung ein Haarriss an einer Achse entdeckt worden war. Die Bahn wütete angesichts der vielen Zugausfälle und Behinderungen gegen die Hersteller und drohte mit Schadensersatzforderungen. Das Eisenbahnbundesamt hatte nach einer Zugentgleisung im Juli in Köln die Bahn dazu verdonnert, die Achsen häufiger zu prüfen. Foto: ap
Foto: WirtschaftsWocheSeptember 2008 - Das kurze Leben der Schaltergebühr
Im September stellte die Bahn ihr neues Tarifsystem vor, das den Konzern nach dem geplanten Börsengang zukunftsfähig machen sollte. Heftige Prügel holte sich Mehdorn dabei mit seiner Idee ab, neben allgemeinen Fahrpreiserhöhungen von im Schnitt 3,9 Prozent künftig 2,50 Euro beim Kauf einer Fahrkarte am Schalter zu erheben - für jede Strecke. Mehdorn hielt trotz Warnungen aus dem eigenen Konzern noch eine Weile trotzig an seiner Gebühr fest („Alle tun so, als ob die Welt untergeht“), bis Kanzlerin Angela Merkel persönlich zum Hörer griff und den Bahn-Chef vor den Folgen warnte. Die Schaltergebühr wanderte in den Papierkorb. Foto: dpa
Foto: WirtschaftsWocheJuli 2008 - Achsbruch in Köln
Kurz nach der Ausfahrt aus dem Kölner Hauptbahnhof springt ein ICE drei - das modernste Modell der ICE-Flotte - mit einem Achsenbruch aus den Gleisen. Da der Zug nur mit Schrittgeschwindigkeit fährt, wird niemand verletzt. Ursache für das Unglück ist eine defekte Radsatzwelle. Foto: dpa
Foto: WirtschaftsWocheJuni 2008 - Mehdorn holt Hansen
Die Bahn-Gewerkschaften Transnet und GDBA waren Mehdorn lange gewogen. Doch im Juni vergangenen Jahres machte der damalige Bahn-Chef ausgerechnet den Transnet-Vorsitzenden Norbert Hansen zu seinem Personalvorstand. Der Seitenwechsel des Gewerkschafters stieß den Genossen übel auf, was deren Verhältnis zum Konzern nicht gerade verbesserte und die Rauflust von Hansens Nachfolger nicht schmälerte. Das Ergebnis ließ sich am vergangenen Wochenende studieren: Ungewöhnlich schnell schloss der Konzern für 4,5 Prozent mehr Lohn plus Einmalzahlung Frieden mit den Gewerkschaften. Foto: dpa
Foto: WirtschaftsWoche2007/2008 - Niederlage im Lokführer-Streik
Wochenlang verfolgte die Öffentlichkeit den Hahnenkampf zwischen der Bahn und dem Chef der Lokführergewerkschaft GDL, Manfred Schell. Der wollte einen eigenen Tarifvertrag und 31 Prozent mehr Geld für seine Leute, was Mehdorn barsch abtat und keinesfalls akzeptieren wollte. Seine Versuche, den Arbeitskampf auszusitzen und gar von einem Gericht verbieten zu lassen, scheiterten. Außerdem war die Mehrheit der Bevölkerung auf Seiten der Lokführer. Unverständnis erntete der Bahn-Vorstand auch noch mit seiner teuren Anzeigen-Kampagne („Stoppen Sie diesen Wahnsinn, Herr Schell“). Nach zermürbenden Streiks einigten sich die Kontrahenten schließlich auf elf Prozent mehr Lohn - und einen eigenständigen Vertrag. Mehdorn, von Schell als "Rumpelstilzchen" geschmäht, konnte sich nicht durchsetzen. Foto: dpa
Foto: WirtschaftsWoche2006 - Ärger mit dem Hauptbahnhof I
Gleich an zwei Fronten bekam Mehdorn Ärger, als der neue Hauptbahnhof in Berlin fertig wurde. Beziehungsweise halbfertig, denn der Bahnchef ließ statt eines Glasgewölbes seinerzeit nur eine schnöde Flachdecke bauen und verzichtete auf einige Meter Glasdach, damit das Gebäude rechtzeitig zur WM fertig und nicht zu teuer werde. Erste Klasse reisende Abgeordnete klagten daraufhin, sie hätten jetzt beim Aussteigen kein Dach überm Kopf und würden nass. Und Architekt Meinhard von Gerkan klagte vor Gericht. Den Abgeordneten riet Mehdorn freundlich, „doch einen Wagen früher auszusteigen“. Mit Gerkan einigte man sich in einem Vergleich. Foto: dpa
Foto: WirtschaftsWocheJanuar 2007 - Ärger mit dem Hauptbahnhof II
Im Januar 2007 bereitete der Berliner Hauptbahnhof Probleme. Nachdem durch den Orkan "Kyrill" ein Stahlträger abgestürzt war, musste die Station mehrmals bei stärkerem Wind gesperrt werden. Architekt Gerkan sagte, das wäre nicht passiert, hätte man den Bau nach seinen Plänen vervollständigt. Das darf er heute nicht mehr behaupten - die Bahn hat ihn erfolgreich verklagt. Foto: dpa
Foto: WirtschaftsWocheEnde 2005 - Gescheiterter Umzug nach Hamburg
Die Bahn enthüllte im Jahr 2005 seinen Plan, bei der Hamburger Hochbahn einzusteigen - und gleich die ganze Firmenzentrale in die Hansestadt zu verlegen. Doch was der Konzern offenbar nicht bedachte, war vorher die Zustimmung der Bundesregierung einzuholen. Die winkte ab, die Umzugskartons mussten gar nicht erst gepackt werden. Foto: dpa
Foto: WirtschaftsWocheJanuar 2005 - ICE bleiben liegen
Nach mehreren technischen Pannen auf der neuen ICE-Strecke Hamburg-Berlin überprüft die Bahn einen auffälligen Abschnitt nahe des mecklenburgischen Bahnhofs Ludwigslust. Auf der für Tempo 230 ausgebauten Hochgeschwindigkeitstrasse sind seit der Eröffnung Mitte Dezember bereits drei ICE liegen geblieben. Foto: dpa
Foto: WirtschaftsWoche2003 - Keine Speisewagen mehr - oder doch?
Weil sie zu gering ausgelastet waren, wollte die Bahn seinerzeit die Speisewagen in den ICEs abschaffen - und durch Steh-Bistros und Bedienung am Platz ersetzen. Die Pläne riefen, wie so oft, Empörung in der Öffentlichkeit hervor. Folge: Die Speisewagen durften weiterrollen. Foto: dpa
Foto: WirtschaftsWoche2003 - Neues Preissystem floppt
Die Bahn erlebte schon einmal eine Schlappe bei dem Versuch, ein neues Preissystem zu installieren. Das System hieß PEP, stand für „Preis- und Erlösmanagement im Personenverkehr“ und war im Jahr 2003 der Versuch, die Bahn-Tarife ähnlich dem Luftverkehr zu gestalten: Frühe und verbindliche Buchungen auf einen bestimmten Zug brachten Preisnachlässe, die Bahncard 50 sollte abgeschafft werden. Doch viele Kunden protestierten und wollten ihre Flexibilität behalten. Der Umsatz brach weg, die Preisreform verschwand 2003 wieder in der Versenkung, die zuständigen Preisplaner mussten gehen. Foto: dpa
Foto: WirtschaftsWocheSelbst gestaltet er eher seine Karriere: Noch im August soll Pofalla in den Vorstand des Konzerns aufrücken, erfuhr die WirtschaftsWoche aus Bahn-Kreisen. Er soll den Aufgabenbereich von Rechtsvorstand Gerd Becht übernehmen, der offenbar in den Ruhestand wechselt. Gleichzeitig behält Pofalla seine Zuständigkeit für die Kontaktpflege in die Politik.
Bis dahin möchte man bei der Bahn aber wenig Lärm um die Personalie machen. Das liegt auch daran, wie sein Wechsel zustande kam. Grube wollte Pofalla direkt in den Vorstand holen. Doch Opposition und Medien empörten sich, der Widerstand im Aufsichtsrat wurde zu groß. Grube parkte Pofalla auf der zweiten Führungsebene. Die Bundesregierung beschloss gar ein Gesetz, das längere Wartezeiten für Minister vorsieht, wenn diese in die Wirtschaft wechseln.
Pofallas leiser Einstieg bei der Bahn
Nach so viel Aufsehen hat sich Pofalla in seinen ersten 200 Tagen für einen leisen Einstieg in die Welt der Bahn entschieden. Termine wie die Grube-Begleitung an der TU Berlin sind typisch in seinem Arbeitsleben. Antrittsbesuch mit dem Chef beim Minister, den Staatssekretären, den Länderverkehrschefs. Wie ein Schulbub sitzt Pofalla dann da, erzählen Leute, die ihn beobachtet haben. Er hört artig zu und spricht nur, wenn er gefragt wird. „Geschieht das, dominiert er aber gleich die Diskussionen“, erzählt einer, der bei solchen Terminen dabei war.
Schließlich ist Pofalla ein politisches Schwergewicht. Grube holte ihn zur Bahn, weil er Kontakte in die Ministerien hat und bei der Bahn wichtige Weichenstellungen anstehen: Bund-Länder-Verhandlungen über das zukünftige Budget für den Nahverkehr, neue Gesetze zur Eisenbahnregulierung, Streit über das Vorhaben, Nacht- und Autoreisezüge einzuschränken: Grube wurde all dies zu viel. Pofalla muss die Stimmung bei Kommission, Bund und Ländern zugunsten der Bahn beeinflussen. Er soll die Bahn als Partner ins Gespräch bringen und aus der Schusslinie holen.
Gesprächspartner empfängt der 56-Jährige in seinem Zimmer im Bahn-Tower, nicht weit von seinem alten Arbeitsplatz, dem Kanzleramt. Von dort aus hat er sein derzeit wichtigstes Thema zumindest vorerst aufs Gleis gesetzt: Grubes Expansionsstrategie im Fernverkehr. Die Bahn will die ICE- und Intercity-Strecken bis 2030 ausbauen. Intercity-Züge sollen künftig auch mittelgroße Städte wie Magdeburg, Trier und Regensburg mindestens alle zwei Stunden anfahren. Das begrüßen die Länder. Sie mögen aber nicht, dass die Bahn sie an der Finanzierung beteiligen will.
Deutschland
Im internationalen Vergleich ist das "erhöhte Beförderungsentgelt", das ab dem 1. Juli in Deutschland in Kraft tritt, mit 60 Euro noch im unteren Preissegment angesiedelt. In ganz Deutschland schwankt der Anteil der Schwarzfahrer zwischen 0,6 und sechs Prozent in Chemnitz, die damit als Hochburg für Trittbrettfahrer bezeichnet werden kann. Der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) beispielsweise machte 2012 Einnahmeverluste von 24 Millionen Euro.
Foto: dpaGriechenland
Eine Einzelfahrt mit der Metro kostet in Athen 1,20 Euro. Wird man ohne Fahrkarte erwischt, werden 72 Euro - das 60-fache des regulären Fahrpreises - innerhalb von drei Tagen fällig. Bei Überschreitung dieser Zahlungsfrist werden Zinsen vom Finanzamt erhoben, die nach Monaten per Rechnung eingehen. Die Schuldenkrise hat allerdings auch ihre Spuren hinterlassen: Aufgrund staatlicher Sparmaßnahmen wurden viele Kontrolleure entlassen. Dementsprechend kommen Fahrkartenüberprüfungen nicht besonders oft vor.
Foto: dpaSpanien
In Madrid ist das Schwarzfahren für viele ein politisches Motiv. Aus Protest gegen die konservative Regierung rufen Fahrgäste dazu auf, nicht zu zahlen ("Yo no pago"). Dabei ist es gar nicht mal so einfach, ohne Fahrkarte in die U-Bahn einzusteigen. Die Drehkreuze, die von Sicherheitsleuten überwacht werden, lassen sich nur mit entwerteter Fahrkarte passieren. Zudem werden die Gänge kontrolliert. Wer ohne Fahrschein angetroffen wird, muss ein Bußgeld von 20 bis 30 Euro zahlen, das 20-fache des einfachen Tickets. Eine Smartphone-App dient spanischen Großstadt-Missetätern untereinander dazu, sich gegenseitig vor Kontrolleuren zu warnen.
Foto: FotoliaJapan
In Japan, einem der sichersten Länder der Welt, kommt Schwarzfahren so gut wie gar nicht vor. Die Ticketschranken öffnen sich nur mit einem gültigen Fahrschein aus Papier oder einer Guthabenkarten mit digital gespeicherten Daten. Wird doch einmal ein Passagier ohne Fahrschein erwischt, wird er von der Polizei verhört und muss den dreifachen Fahrpreis entrichten.
Foto: dpaUSA
In New York wurden 2013 etwa 120.000 sogenannte "Fare Dodgers" erwischt. Kontrollen sind nach wie vor - gemessen am internationalen Vergleich - eher selten. Aber wenn öffentliche Nahverkehrsmittel durchkämmt werden, dann sehr gründlich mit bis zu vier Polizeibeamten. Das Überspringen von Drehkreuzen ist kein Problem mehr, seitdem Kameras und Polizeibeamte für Überwachung sorgen. Wer sich die 2,75 Dollar dennoch sparen möchte, muss beim Erwischtwerden mit einer Strafe von fast 100 Euro rechnen.
Foto: fotoliaEngland
In der englischen Hauptstadt London müssen erstmals auffällige Fahrgäste ohne Ticket mit rund 50 Euro Bußgeld rechnen. Dieses ist binnen drei Wochen zu entrichten. Wird diese Frist überschritten, so verdoppelt sich die veranschlagte Summe. Wiederholten Schwarzfahrern droht die Verfolgung der Justiz und eine erhöhte Strafe von bis zu 1000 Pfund. Derzeit haben die lokalen Nahverkehrsgesellschaften den Druck auf Schwarzfahrer durch vermehrte Kontrollen erhöht.
Foto: REUTERSSkandinavien
In den skandinavischen Ländern ist Schwarzfahren - wie vieles andere auch - extrem kostspielig. Umgerechnet 100 Euro werden in Norwegen und Dänemark fällig. Noch höher sind die Bußgelder in Schweden: hier werden 130 Euro veranschlagt. Trotz dieser Strafmaßnahmen werden täglich 25.000 Gäste ohne Fahrschein erwischt. In Göteborg und Stockholm wird gar eine Versicherung angeboten, die für die Strafe aufkommt, wenn man als Schwarzfahrer entlarvt wird.
Foto: dpa Picture-AllianceTschechien
In Prag werden jährlich gut 250.000 Schwarzfahrer von Kontrolleuren gefasst. Die Dunkelziffer ist jedoch vermutlich um ein vielfaches höher. In der tschechischen Hauptstadt warnen sich Trittbrettfahrer per Smartphone-App untereinander vor Kontrolleuren. Zahlreiche Touristen versäumen, ihr Ticket vor Fahrantritt zu entwerten. Auch Fälle von falschen Kontrolleuren wurden mehrfach berichtet.
Foto: FotoliaItalien
In Italien rentiert sich das Schwarzfahren nicht, denn während ein einfaches Ticket in Rom lediglich 1,50 kostet, wird das Schwarzfahren mit einem Bußgeld von 54,90 Euro sanktioniert, das innerhalb von fünf Tagen gezahlt werden muss. Bei Verzögerung müssen Passagiere, die umgangssprachlich "den Portugiesen machen", 104,90 Euro zahlen.
Foto: FotoliaRussland
Als Reaktion auf steigende Fahrpreise springen viele Russen über Drehkreuze und Absperrungen, um ohne Fahrschein in die öffentlichen Verkehrsmittel zu gelangen. Deshalb werden Schwarzfahrer im Volksmund auch als "Hasen" bezeichnet. Moskauern werden Bußgelder von etwa 16 Euro veranschlagt - das ist etwa das 20-fache des regulären Preises. In anderen Teilen des Landes richtet sich die fällige Summe nach den Tarifzonen.
Foto: dpaÖsterreich
Das in Wien veranschlagte Bußgeld fürs Schwarzfahren wird von den Österreichern liebevoll als "Mehrgebühr" bezeichnet. In der Hauptstadt betragen diese 103 Euro, was besonders im Vergleich zu einem Jahresticket, das gerade einmal 365 Euro kostet, sehr kostspielig ist. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Passagiere ohne gültiges Ticket um die Hälfte reduziert. 2014 wurde jeder 50. zur Kasse gebeten.
Foto: PressePolen
In Polen war Schwarzfahren schon immer ein teures Delikt. Fahrgäste ohne Ticket kommen aufgrund immer noch häufiger Kontrollen in vielen Fällen nicht ungestraft davon. In der Hauptstadt Warschau wird das 38-fache des Normalfahrpreises veranschlagt, etwa 65 Euro. Da diese Summe bei dem niedrigen Durchschnittseinkommen der Polen nicht so leicht zu entrichten ist, bringen viele Schwarzfahrer den Kontrolleuren seit Kurzem ein sehr aggressives Verhalten entgegen.
Foto: fotoliaIm Idealfall läuft es so wie zwischen Stuttgart und Zürich: Ab Dezember 2017 bietet die Deutsche Bahn auf der Strecke stündliche Verbindungen mit Intercity-Zügen an. Kunden des Regionalverkehrs können mit ihrem Nahverkehrsticket ohne Aufpreis einsteigen. Das Land zahlt der Bahn einen Ausgleich für die Nahverkehrstickets – ein Modell ganz nach dem Geschmack der Fernverkehrsstrategen.
Die Manager im Bahn-Tower diskutierten lange, ob sie den Fernverkehr auf Nebenstrecken nur anbieten, wenn die Länder in die Finanzierung einsteigen. In ihrer alten Bahn-Welt war die Logik klar. Zahlen die Länder nicht, spendiert die Bahn kein besseres Angebot. Pofalla forderte jedoch eine Expansionsstrategie ohne Wenn und Aber. Sein Argument: Die Länder wollten nicht gegängelt werden. „Er hat wirklich frischen Schwung in die Debatte gebracht“, sagt Enak Ferlemann, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium.
Nun ist die Fernverkehrsstrategie „Pofallas Baby“, sagt ein Vertreter der Nahverkehrsbranche. In Flyern wirbt er für „mehr grüne Mobilität für Deutschland“ und dafür, dass „nahezu alle Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern“ einen Fernverkehrsanschluss erhielten. Auf der Verkehrsministerkonferenz der Länder in Rostock im April stellte er das Konzept gemeinsam mit Personenverkehrvorstand Ulrich Homburg vor. Abends, nach zweistündigem Dinner auf einem Dampfer nach Warnemünde, klärte Pofalla rauchend an der Reling mit Landesministern die Details.
Pofalla nutzt seine alten Drähte
Pofalla ist Grubes Scharnier zur Politik. Die beiden kennen sich seit Jahren, sie schätzen und sie duzen sich. Viele Jahre war Pofalla Grubes Ansprechpartner Nummer eins in der Politik – und er stützte das umstrittene Bauprojekt Stuttgart 21 auch dann noch, als die Kosten längst explodierten.
Nun nutzt Pofalla seine alten Drähte für die Bahn. Er leitet ein Team von rund einem Dutzend Konzernbevollmächtigten, die in den Bundesländern den Kontakt zu den jeweiligen Landesregierungen halten. Sie kümmern sich um Ausbauprojekte auf der Schiene, den Zustand der Bahnhöfe, zusätzliche Wetterhäuser und um die Beziehungen ins benachbarte Ausland. Und Pofalla hält sie auf Trab, der Ex-Top-Politiker will partout zeigen, dass er Eisenbahn kann.
Pofalla sei ein „permanenter Optimierer“, sagen Mitarbeiter, immer darauf aus, „sofort einen Transformationsprozess in Gang zu setzen“. Von Gesprächen mit Dritten fertige er stets Gesprächsnotizen an, um sie gleich an Untergebene weiterzuleiten, ergänzt durch konkrete Arbeitsaufträge. Am Wochenende lässt Pofalla gar die Woche kritisch Revue passieren und brütet etwa über die Taktung von Terminen auf Dienstreisen. „Terminökonomisierung und Terminoptimierung“, nenne er das, berichtet ein Mitarbeiter.
Nun rückt Pofalla für Becht in den Vorstand auf – früher als erwartet. Die Personalie ist Teil eines radikalen Konzernumbaus von Grube (WirtschaftsWoche 28/2015). Becht baute den Bereich Compliance, Datenschutz, Recht und Konzernsicherheit zu einer kleinen Renditeperle aus. Er verklagte Zulieferer, die in Kartellen mitwirkten und der Bahn hohen Schaden zugefügt hatten. Die Schadenersatzzahlungen brachten unerwartete Einnahmen in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrages.
Entsprechend groß sind die Erwartungen an Pofalla. Gelingt ihm der Leistungsnachweis, könnte er mal Nachfolger des Bahn-Chefs werden. Doch Grubes Vertrag läuft bis Ende 2017 – und er will verlängern. Bis dahin kann viel passieren.
Immerhin wird Pofalla bald eine symbolische Demütigung los. Sein Büro im Bahn-Tower liegt in Stockwerk 15. Wer dort arbeitet, kann zwar jeden der sechs Aufzüge benutzen, um in sein Büro zu kommen. Die rechten drei Fahrstühle bringen die Beschäftigten nämlich in die Etagen 2 bis 15, die linken Expresslifts in die Etagen 15 bis unters Dach. Stockwerk 15 ist also eine Art Zwischenstockwerk, ideal für kurze Wege zu Kollegen. Doch die Vorstände fahren alle mit den linken Aufzügen direkt in die Etage 22 aufwärts. Von ihrer Warte aus liegt Etage 15 ganz unten.
Doch Fehler, wie in seiner Zeit als Politiker, dürfen Pofalla als Vorstand nicht unterlaufen. Damals sorgte etwa für Schlagzeilen, dass der Kanzleramtsminister den Euro-Kritiker Wolfgang Bosbach anblaffte: „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen.“ Im Bahn-Tower tritt Pofalla diplomatischer auf, Mitarbeiter beschreiben ihn als freundlich und jovial, gar als „Mann des Understatements“, auf den man sich verlassen könne.
Pofalla - ein Spielertyp?
Ist das authentisch? Der Mann aus Kleve hat in der Vergangenheit manchmal verdeckte Spiele gespielt. Noch heute nehmen ihm Wegbegleiter der CDU am Niederrhein übel, dass sie von Pofallas Wechsel zur Bahn am Abend des 13. Dezembers 2013 aus den Nachrichten erfuhren. Zwei Stunden vorher hatte er sich noch mit dem Bezirksvorstand im Ratskeller in Kleve getroffen – und sich nichts anmerken lassen.
Auch Arroganz, die ihm nachgesagt wird, blitzt heute noch durch, zuletzt bei Pofallas Auftritt als Zeuge vor dem NSA-Untersuchungsausschuss Anfang Juli. Seine Eingangsbemerkungen dehnte er über stolze 58 Minuten und erklärte selbstbewusst, dass „ich es war“, der die Antworten auf offene Fragen im Sommer 2013 vorangetrieben habe – mit der Betonung auf „ich“. Als die Abgeordneten ihre Verwunderung über seine Möglichkeit zur Akteneinsicht im Bundeskanzleramt ausdrückten, konterte Pofalla mit dem Verweis, es gebe eben „einen Unterschied zwischen mir und Ihnen. Ich war Minister und Sie nicht. Sie wollen es vielleicht werden, aber ich war es.“
Vermisst der CDU-Mann die Politik? Als die Kanzlerin bei ihm durchklingelte, um ihn zum Vorsitzenden des Petersburger Dialogs zu machen, zögerte Pofalla keine Sekunde. Er soll der Diskussionsplattform zwischen Deutschland und Russland neues Leben einhauchen, für Pofalla ein Traumjob. Russland und Weißrussland sind Teil seiner Vita. 20 Jahre lang hat er diese Länder immer wieder bereist. Er rühmt sich, zu Putins engsten Vertrauten Kontakte pflegen.
Im Bahn-Universum sehen manche diese Doppelrolle kritischer. Sie warnen, dass sich der Bahn-Neuzugang zu verzetteln drohe – und erinnern, dass Pofalla im Bahn-Brief „perspektiven“ Vorsitzenden der Verkehrsverbünde und Landesnahverkehrsgesellschaften im März versprach: „Es ist mir ein besonderes Anliegen, Sie zu wichtigen Themen unseres Unternehmens frühzeitig und umfassend zu informieren.“
Pofalla gelobte einen „offenen, durchaus auch kritischen Dialog“. Einige Verkehrschefs schrieben zurück: Sie würden einem persönlichen Treffen mit Freude entgegensehen. Auf Antwort warten sie bis heute.