Siemens und Gamesa: So will Joe Kaeser das Windgeschäft auf Vordermann bringen
Eine Siemens-Windkraftanlage. Mit der Fusion mit Gamesa würde Siemens zum größten Windkraftanlagen-Anbieter der Welt.
Foto: dpaJoe Kaeser neigt nicht unbedingt zur Euphorie. Doch angesichts seines jüngsten Schachzugs kann der Siemens-Chef und frühere Finanzvorstand des Konzerns seine Begeisterung kaum zügeln. Von einem „starken Champion“, einem „führenden Global Player“ und einer „bestmöglichen strategischen Paarung in der Windkraftindustrie“ spricht Kaeser mit Blick auf die Fusion zwischen Gamesa, einem Hersteller von Windkraftanlagen aus dem spanischen Bilbao, und der Siemens-Windsparte.
Und tatsächlich: Auf den ersten Blick ist das Geschäft so etwas wie der perfekte Deal. Siemens ist Weltmarktführer bei Windkraftanlagen zur Stromerzeugung auf hoher See und vor allem in Europa und Nordamerika gut im Geschäft.
Gamesa dagegen ist führend bei so genannten Onshore-Anlagen zum Betrieb an Land und stark vertreten in Lateinamerika und Asien. „Eine Top-Aufstellung“, nennt Christoph Niesel das neue Gemeinschaftsunternehmen denn auch. Niesel ist Portfoliomanager der Fondsgesellschaft Union Investment in Frankfurt.
Siemens ist nicht nur Marktführer für Offshore-Windkraftanlagen - auch mit der Anbindung der Parks ans Festland und Systemen zur intelligenten Stromversorgung - Stichwort "Smart Grid" - macht der Konzern in der Energiewirtschaft gute Geschäfte. Das weckt Begehrlichkeiten bei General Electric.
Foto: dpaOsram
Wolfgang Dehen freut sich über die Erstnotiz der Aktie der Osram Licht AG. Das Unternehmen gehörte bislang Siemens und geht jetzt als eigenständiges Unternehmen an die Börse – die Siemens-Aktionäre werden beteiligt. Der erste Kurs lag am 8. Juli 2013 bei 24,00 Euro.
Foto: dpaSiemens Hausgeräte
Die bekannten Waschmaschinen, Kaffeeautomaten oder Staubsauger mit dem Siemens-Logo stammen in der Regel vom Gemeinschaftsunternehmen Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH (BSH), das bereits seit 1967 existiert. Im Jahr 2012 stieg der BSH-Umsatz um 1,5 Prozent auf 9,8 Milliarden Euro.
Foto: dapdGigaset
Das Geschäft mit schnurlosen Telefonen hat Siemens im Jahr 2008 an den Finanzinvestor Arques verkauft, der seit 2011 als Gigaset AG firmiert. Ein Streit über den Verkaufspreis zog sich bis weit in das Jahr 2010 hin, Siemens verzichtet schließlich wohl auf einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag.
Foto: dapdSiemens Mobile
Der Verkauf der Handy-Sparte an den taiwanischen Elektronikkonzern 2005 war für Siemens ein unrühmliches Kapitel. Das Rennen mit Branchengrößen wie Nokia konnte Siemens nicht mithalten, doch auch unter den neuen Besitzer hatte das Unternehmen keine Zukunft. Die Firma mit etwa 7000 Mitarbeitern stellte Ende 2006 die Produktion ein.
Foto: APSiemens Networks
Das Geschäft mit der Ausrüstung für Telefonnetze brachte Siemens im Jahr 2007 in ein Gemeinschaftsunternehmen mit Nokia ein. Nokia Siemens Networks machte danach etliche Sparrunden durch. Anfang Juli kündigte Siemens den Verkauf seines 50-Prozent-Anteil für 1,7 Milliarden Euro an Nokia an. Das Geschäft solle im dritten Quartal abgeschlossen werden.
Siemens hatte bereits seit langem den Ausstieg aus dem Gemeinschaftsunternehmen gesucht. Mit dem Verkauf des NSN-Anteils treibe das Unternehmen die „Fokussierung auf unser Kerngeschäft weiter konsequent voran“, teilte Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser mit.
Infineon
Ähnlich wie Osram erging es auch der Chipsparte von Siemens. Sie wurde aber bereits zum Höhepunkt des Börsenbooms Anfang 2000 unter dem Namen Infineon an die Börse gebracht. Zunächst hielt Siemens noch einen Großteil der Aktien, gab diese aber bis 2006 alle ab. Im vergangenen Geschäftsjahr erzielte Infineon 3,9 Milliarden Euro Umsatz und 432 Millionen Euro Gewinn mit den auch zukünftig fortgeführten Unternehmensteilen.
Foto: REUTERSEpcos
Im Sommer 2008 verkündete der japanische Technik-Konzern TDK den Kauf von Epcos, einer ehemaligen Siemenssparte. Der Kaufpreis betrug etwa eine Milliarde Euro. Siemens hatte den Hersteller passiver Elektronikbauteile im Jahr 1999 gemeinsam mit dem Partnerunternehmen Matsushita an die Börse gebracht. Im Jahr 2012 beschäftigte Epcos etwa 23.600 Mitarbeiter. Seit 2009 ist die Firma nicht mehr an der Börse geführt.
Foto: dpa-dpawebSiemens Nixdorf
Der Geldautomatenhersteller firmiert seit 1999 unter dem Namen Wincor Nixdorf und war von Siemens vor der Jahrtausendwende an Finanzinvestoren verkauft worden, die das Unternehmen in den Folgejahren an die Börse brachten. Wincor Nixdorf erzielte im Geschäftsjahr 2011/12 einen Umsatz in Höhe von 1,5 Milliarden Euro und einen Gewinn von 32 Millionen Euro vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen.
Foto: dpaSiemens VDO
Das Zuliefergeschäft für die Automobilindustrie hat Siemens im Jahr 2007 für 11,4 Milliarden Euro an den Continental-Konzern verkauft.
Foto: dpaSiemens Computer Systems
Mit dem Geschäft mit Laptops, Servern und Speicherlösungen hatte Siemens relativ wenig Erfolg. Im Jahr 1999 brachte Siemens das Geschäft in das Gemeinschaftsunternehmen Fujitsu Siemens ein, im Jahr 2009 gingen die restlichen Anteile ebenfalls an Fujitsu. Unter anderem war in den Jahren zuvor auch die Sparte Siemens Business Services in die Gesellschaft integriert worden.
Foto: PRSiemens IT Solutions and Services
Nachdem Siemens im März 2010 eine großangelegte Stellenstreichung bei Siemens IT Solutions and Services (SIS) verkündete (im Bild der Interims-CEO Christian Oecking), wurde SIS Ende des Jahres für 850 Millionen Euro verkauft. Der französische Konzern Atos Origin übernahm die IT-Service-Sparte von Siemens, die etwa das Outsourcing von IT-Dienstleistungen anderen Unternehmen anbot. 15 Prozent an der heutigen Atos hält Siemens.
Foto: dpa
Siemens Concentrated Solar Power
Der Ausflug in die Solartechnik ab dem Jahr 2009 durch den Kauf einer israelischen Firma endete in einem Debakel. Etwa eine Milliarde Euro an Gesamtbelastungen einschließlich der aufgelaufenen operativen Verluste bedeutete das Geschäft für Siemens. Im Juni 2013 beschloss Siemens die Einstellung des Geschäfts.
Foto: dpa
Größter Anbieter von Windkraftanlagen der Welt
Durch die Fusion schaffen Deutsche und Spanier den mit Abstand größten Anbieter von Windkraftanlagen der Welt. „Das Windgeschäft boomt nach wie vor“, sagt Niesel, „doch angesichts des harten Wettbewerbs ist Größe heute alles.“ Den bisherigen Marktführern Goldwind aus China und Vestas aus Dänemark, aber auch dem kleineren Anbieter GE, dürfte angesichts des neuen Konkurrenten künftig eisiger Wind ins Gesicht wehen.
Etwa 17 Prozent des Siemens-Umsatzes sorgten für gar keinen oder zu wenig Gewinn, hatte Kaeser bei seinem Antritt als Konzernchef vor fast drei Jahren ausgerechnet und rasche Abhilfe versprochen. Mit dem Gamesa-Deal zeige Kaeser, dass er Wort hält, sagt Niesel. Die Fusion, glaubt er, werde schon im kommenden Geschäftsjahr, das im Oktober beginnt, für einen höheren Konzerngewinn sorgen.
Das Windgeschäft galt bis vor kurzem als eines der Sorgenkinder des Siemens-Reiches. Zwar hat Kaeser es geschafft, die jahrelange Pannenserie abzustellen, die in der Vergangenheit immer wieder zu Verzögerungen beim Anschluss von Nordsee-Windparks und damit zu hohen Abschreibungen in der Bilanz geführt hatte.
Auch betreibt Siemens in Jütland in Dänemark heute eine hoch moderne Fertigung für Windkraftanlagen. Wie auf einem Fließband werden dort die halbfertigen Anlagen von einer Arbeitsstation zur nächsten gezogen. Dazu kommt: Die Münchner haben bei der Fertigung nach dem Vorbild der Autoindustrie schon vor Jahren eine Plattformstrategie eingeführt. Die ermöglicht eine höhere Effizienz und mehr Flexibilität bei der Modellplanung.
Doch im Vergleich zum neuen Partner aus Bilbao ist das Windgeschäft der Deutschen sehr ertragsschwach. Auf eine Umsatzrendite von gerade Mal 5,7 Prozent kommt Siemens, bei den Spaniern ist sie zweistellig.
Investoren wie Union-Investment-Mann Niesel sorgen sich trotz aller Vorteile des Zusammenschlusses um die komplizierte Struktur des neuen Gemeinschaftsunternehmens, an dem Siemens 59 Prozent und die Spanier 41 Prozent halten und das auf einen Umsatz von 9,3 Milliarden Euro kommt. Sitz des Unternehmens mit rund 21000 Mitarbeitern soll Spanien sein. Gesteuert werden die Aktivitäten aber künftig aus drei Zentralen: das Offshore-Geschäft aus Hamburg und dem dänischen Vejle, das Onshore-Geschäft aus Spanien.
Anleger machen Druck
„Für die erste Zeit geht das in Ordnung“, sagt Niesel, „im Laufe der kommenden Quartale muss Siemens aber noch mal schauen, wie die Arbeitsteilung in Zukunft genau aussehen soll.“ Dann müssten im Zuge der Integration auch bei der Konzernsteuerung Aktivitäten zusammengezogen werden. Niesel: „Es kann ja nicht sein, dass das neue Unternehmen drei Administrationen hat, die drei Mal Kosten produzieren.“ Zustände wie bei Airbus seien das. Kaeser kontert, es handle sich bei der Zusammenführung der beiden Unternehmen um bestehende Einheiten, die erfolgreich operierten und klare Verantwortlichkeiten hätten.
Doch die Anleger machen Druck. Sie wollen schnell die Synergien sehen, die Kaeser mit dem deutsch-spanischen Deal verspricht. Der Siemens-Chef rechnet insgesamt mit Synergieeffekten in Höhe von 230 Millionen Euro beim Ebita.
Auch darum will Niesel die komplizierte Struktur zur Steuerung der Konzernaktivitäten schon bei nächsten Treffen mit dem Siemens-Management ansprechen: „Darüber muss dringend geredet werden.“