1. Startseite
  2. Management
  3. Beruf
  4. Karriere und Kinder: „Der öffentliche Dienst nimmt junge Eltern anders wahr“

Die Doppelrolle aus Mutter und Vollzeit-Arbeitnehmerin hat Sabrina fast in den Burn-out getrieben (Symbolbild). Foto: Canva

Kinder, Küche, Karriere #11„Ich habe nie in Frage gestellt, dass ich als Mutter alles finanziell stemmen kann“

Nach einem Jahr gemeinsamer Elternzeit ging Sabrina wieder Vollzeit arbeiten, während ihr Mann weiter den Sohn betreute. Ihrer Karriere half das nicht.Christina Hollender 13.08.2025 - 11:10 Uhr

In unserer Interview-Reihe sprechen wir regelmäßig mit Berufstätigen, die Kinder haben. Sie berichten darüber, wie sie ihren Job und die Sorgearbeit miteinander vereinbaren, für welches Elternzeit- und Arbeitsmodell sie und ihr Partner sich entschieden haben und was ihnen dabei hilft, sich zu organisieren.

Sabrina (40) ist Wirtschaftsingenieurin und arbeitet in der Logistikzentrale eines Discounters. Sie lebt mit ihrem Mann Patrick (42), ebenfalls Wirtschaftsingenieur und Angestellter im öffentlichen Dienst, im Ruhrgebiet. Ihr gemeinsamer Sohn Jonathan kam 2018 zur Welt.

WirtschaftsWoche: Habt ihr, bevor euer Sohn geboren wurde, mal darüber nachgedacht, wie ihr das mit der Vereinbarkeit anfangen wollt?
Sabrina: Wir haben schon, bevor ich schwanger wurde, darüber gesprochen, wie wir uns aufteilen würden. Das 50/50-Modell stand von Anfang an im Raum.

Und das habt ihr dann auch so umgesetzt?
Im ersten Lebensjahr von unserem Sohn waren wir zusammen zuhause – das ist sicherlich ein sehr ungewöhnliches Modell. Einen Tag, nachdem Jonathan seinen ersten Geburtstag gefeiert hat, bin ich wieder in Vollzeit eingestiegen. Mein Mann war letztlich insgesamt zweieinhalb Jahre Zuhause. So eine lange Zeit war nicht geplant. Aber dann kam Corona, die Kindergärten waren geschlossen, deswegen hat Patrick seine Elternzeit zweimal um je sechs Monate verlängert, weil die Betreuung sonst nicht gewährleistet gewesen wäre.

Kinder, Küche, Karriere #9

„Mein Mann arbeitet, weil er will, und nicht, weil er muss“

von Angelika Melcher

Wie habt ihr das finanziell gestemmt?
Wir haben 14 Monate Elterngeld bekommen. Und in der Zeit danach haben wir eben unser Erspartes angezapft, ungefähr 1000 Euro im Monat benötigten wir extra.

Wie ging es dann weiter?
Als Jonathan zweieinhalb war, ist mein Mann wieder in seinen Job eingestiegen – mit ganz wenigen Stunden, zunächst 15, verteilt auf drei Tage mit je fünf Stunden. Das hat er dann peu à peu hochgeschraubt, erst auf 20, dann irgendwann auf 24, also vier Tage mit je sechs Stunden. Ich arbeitete permanent Vollzeit. Dann kam aber irgendwann der Moment, an dem ich mit den ganzen Überstunden so krass auf dem Zahnfleisch gelaufen bin, dass ich gesagt habe: Ich kann das nicht mehr in Vollzeit machen. Zu dem Zeitpunkt war Jonathan schon über vier Jahre alt. Ich habe dann auf 80 Prozent reduziert, parallel hat Patrick auf 30 Stunden aufgestockt.

Warum bist du direkt wieder in Vollzeit arbeiten gegangen?
Ich habe nie in Frage gestellt, dass ich als Mutter alles finanziell stemmen und der Vater zu Hause bleiben kann. Für mich war dieses Familienmodell nie an Geschlechter gebunden. Dass jemand zu Hause bleibt oder eine ganze Zeit lang, wenn die Kinder klein sind, nur Teilzeit arbeitet, das ist für mich sonnenklar. Das kriegt man sonst für meinen Geschmack auch nicht gehändelt. Aber das war nie mit einem Geschlecht verbunden. Und deswegen war es für mich von vornherein auch klar und gar kein Problem: Ich steige gerne erst mal wieder Vollzeit in den Job ein und Patrick kümmert sich – und irgendwann drehen wir den Spieß um, er geht Vollzeit arbeiten und ich nur noch Teilzeit.

Und Patrick fand das von Anfang an gut?
Er hat sich da nie dagegen gesperrt. Er war immer sehr offen.

Exklusives PDF-Dossier

Kinder, Küche, Karriere – wie Eltern Job und Familie vereinbaren

Oft hört man anderes: Die Männer haben das Gefühl, nicht lange auf der Arbeit ausfallen zu dürfen, sei es aus einem Selbstverständnis heraus oder weil der Arbeitgeber das erwartet.
Ich glaube, weil er im öffentlichen Dienst tätig ist, ist das noch mal ein ganz anderer Blickwinkel. Der öffentliche Dienst nimmt Familien und junge Eltern ganz anders wahr als Arbeitgeber der freien Wirtschaft. Deswegen war es für ihn nie problematisch. Er hat die Elternzeit mehrfach verlängert, das war immer in Ordnung. Für ihn wurde in der Elternzeit eine Vertretung gesucht und dann kam er irgendwann wieder und ist in seinen alten Job gekommen.

Es gab wirklich keinerlei Sprücheklopferei von Seiten der Chefs oder der Kollegen?
Nein. Es war auch völlig egal, mit welchem Stundenmodell er startet. Das hat der Arbeitgeber alles mitgetragen. Ich meine, wenn wir ehrlich sind, diese drei Tage mit fünf Stunden zu Beginn – für den Job ist das nur mäßig sinnvoll. Aber sie haben nie etwas dazu gesagt, nie. Und sie haben es immer dankend angenommen, wenn die Stundenerhöhung gewünscht wurde. Seit dem 1. Januar 2025 arbeitet Patrick wieder auf 90 Prozent und wird dementsprechend auch anders eingesetzt.

Und du bist nach einem Jahr Elternzeit auch auf deine alte Stelle zurückgekommen.
Genau, ich bin in mein altes Team mit meinen alten Tätigkeiten zurückgekommen. Ich habe allerdings den einen oder anderen blöden Spruch bekommen. Ich wurde damals einem neuen stellvertretenden Geschäftsführer vorgestellt und habe gesagt: „Ich bin die Sabrina, habe einen einjährigen Sohn und ich bin jetzt wieder aus der Elternzeit zurück“ und er fragte tatsächlich, wer denn jetzt aufs Kind aufpassen würde…

Wie habt ihr euch organisiert oder wie organisiert ihr euch im Alltag? Wer übernimmt welche Aufgaben?
Während ich Vollzeit berufstätig und Patrick daheim war, war ich ganz klar für die Finanzen verantwortlich, also ich brachte das Geld rein, von dem wir leben konnten. Patrick war der klassische Hausmann: Kind, Haushalt und so weiter. Wobei ich mich nach Feierabend auch sehr darum bemüht habe, einzusteigen. Ich habe immer die Wocheneinkäufe gemacht, gekocht oder Frühstück für alle zubereitet. Es war mir schon sehr wichtig, dass ich nicht nur als Arbeitnehmerin wahrgenommen werde.

Es gab nie das Gefühl der Ungerechtigkeit, dass einer mehr macht als der andere?
Nein, von den Erwartungen her nicht. Wenn wir so in die Richtung Mental Load gehen, glaube ich schon, dass ich die Dinge mehr im Blick hatte. Aber als Mutter wirst du ja auch grundsätzlich von anderen angesprochen, egal welche Gleichberechtigung du an die sozialen Gefüge kommunizierst. Im Endeffekt bin ich die Mutti, die gefragt wird, ob Jonathan sich verabreden möchte oder zum Kindergeburtstag kommen will.

Hast du denn im Nachhinein das Gefühl, dass du was verpasst hast in der Zeit, wo du Vollzeit arbeiten warst und dein Sohn noch so klein war?
Nein.

Das erste Wort, die ersten Schritte…
Das habe ich tatsächlich alles mitbekommen. Aber selbst wenn, wäre das nichts, was ich bereuen oder in Frage stellen würde, wenn ich diese Entscheidung noch einmal treffen müsste.

Bessere Familienpolitik

Elterngeld abschaffen? Macht euch lieber ans Ehegattensplitting ran

von Wiebke Ankersen , Christian Berg und Evelyne de Gruyter

Habt ihr genug Zeit als Paar?
Kann man so nicht sagen.

Warum nicht?
Wir hatten und haben immer nur sehr begrenzt Unterstützung. Patricks Eltern sind nach Spanien ausgewandert, zu seinen Geschwistern besteht kein Kontakt. Ich bin Einzelkind, bei mir gab es also auch nur meine Eltern, die vor allem bei Krankheiten mal eingesprungen sind. Aber meine Mutter ist nach einem Schlaganfall 2023 ein Pflegefall, seitdem stehen die beiden nicht mehr zur Verfügung. Sie sagen zwar, dass sie zur Verfügung stehen, aber die Doppelbelastung möchte ich meinem Vater auch nicht zumuten. So sind wir jetzt seit fast anderthalb Jahren nur eine Mikrofamilie aus Mutter, Vater und Kind.

Wie lebt ihr?
Wir leben derzeit in einem kleinen Einfamilienhaus, Eigentum, 76 Quadratmeter Wohnfläche. Das haben wir ein Jahr lang saniert.

In welchem Bereich liegt euer Netto-Haushaltseinkommen?
Um die 6000 Euro.

Und du findest, das ist genug für eure Bedürfnisse oder hättet ihr gerne mehr?
Mehr kann man immer haben. Aber wir können uns damit alles erfüllen, was wir uns erfüllen möchten.

Hattet ihr typische Streitthemen im Bereich Erziehung oder Vereinbarkeit?
Was die Erziehung betrifft, also das Begleiten eines Kindes auf dem Weg zum Erwachsenen, waren wir immer auf einer Linie und einer Meinung. Sicher gab’s mal hier und da Knatsch, aber eher dann, wenn es darum ging, ob Jonathan noch ein zweites Eis braucht. (lacht) Bei den wesentlichen Themen gab es bei uns keinen Struggle.

Gab es die Überlegung, noch ein weiteres Kind zu bekommen?
Nein. Ich habe mich immer nur als Ein-Kind-Mutter gesehen.

Welche Rolle hat die Vereinbarkeit dabei gespielt?
Hätten wir dieses Dorf gehabt, von dem immer jeder spricht, hätten wir uns vielleicht umentschieden. Aber dadurch, dass wir die meiste Zeit auf uns allein gestellt gewesen sind… Ich bin mit meiner Vollzeit-Berufstätigkeit über die Jahre hinweg schon mit einem Kind dermaßen auf dem Zahnfleisch gelaufen, weil ich immer 100 Prozent auf der Arbeit gegeben habe und eine hundertprozentige Mutter sein wollte. Dass da unterm Strich ein dreihundertprozentiges Wrack bei herumkommt, habe ich lange nicht erkennen wollen.

Und dann kam ja auch noch Corona.
In meinem Unternehmen war Corona der maximale Brandbeschleuniger, was Flexibilität betrifft. Davon habe ich definitiv profitiert. Als ich wieder angefangen habe zu arbeiten – das war im Februar 2019 – bin ich natürlich noch jeden Tag ins Büro gefahren. Dann kam Corona und wir wurden von jetzt auf gleich ins Homeoffice geschickt. Seitdem sind wir nicht mehr zu einem Vollzeit-Präsenz-Modell zurückgekehrt. Mir und den anderen Kollegen, die Eltern waren, hat das in die Karten gespielt. Meine finale Regelung lautet, dass ich vier von fünf Tagen Zuhause arbeiten darf.

Hast du denn trotzdem das Gefühl, dass dein Kind deiner Karriere im Weg stand?
Ja, definitiv. Ich habe nie diese Flexibilität an den Tag legen können – selbst als in Vollzeit berufstätige Mutter – wie die kinderlosen Kolleginnen und Kollegen, die vielleicht auch einfach zehn oder 15 Jahre jünger sind als ich. Ich habe immer gesagt: Ja, ich arbeite Vollzeit und ja, ich habe eine gewisse Bereitschaft zu Überstunden. Aber bei 45 Wochenstunden habe ich gesagt: Es reicht. Das sind neun Stunden pro Tag. Da habe ich immer die Grenze gezogen.

Als Jonathan ungefähr vier war, hast du, wie du selbst sagt, die „Notbremse“ gezogen. Was war passiert?
Überlastung. 100 Prozent Arbeit plus x Überstunden und trotzdem fürs Kind da sein wollen. Nicht mehr als eigene Person existieren. Ich wusste mir damals nicht mehr anders zu helfen, als ein Teilzeitgesuch einzureichen. Man bekommt natürlich immer wohlwollend gesagt, dass man doch einfach keine Überstunden machen soll, aber das funktioniert in dem Unternehmen, in dem ich arbeite, nicht.

Was hättest du dir in dem Moment, wo es dir so schlecht ging, gewünscht?
Ich hätte mir von mir selbst gewünscht, für mich einzustehen. Das konnte ich aber nicht. Ich habe immer nur gearbeitet und danach war ich Mutter, weil ich allem gerecht werden wollte. Dass das nicht funktioniert, habe ich ganz lange nicht erkannt.

Aber die Reduktion der Arbeitszeit hat geholfen?
Es wurde schlagartig besser, als ich auf 30 Stunden reduziert habe. Das hat mich massiv entlastet und war meine Rettung für die letzten zwei Kindergartenjahre. Dadurch, dass man nach sechs Stunden dem Gesetz nach verpflichtet ist, eine Pause zu machen, war es auch einfacher, nach dieser Zeit nach Hause zu gehen.

Wie lange hast du denn darüber nachgedacht, ob du reduzieren sollst oder nicht?
Ich habe da ziemlich lange mit mir gerungen. Bestimmt vier, fünf Monate habe ich immer wieder darüber nachgedacht, ob ich es jetzt machen oder doch bis zum Schulstart durchhalten soll. Es war natürlich auch Stolz dabei.

Und was hat dann final den Ausschlag gegeben?
Es gab da eine Situation auf der Arbeit, wo ich um ein besonderes Maß an Flexibilität gebeten hatte und so abrasiert wurde, dass ich gesagt habe: Okay, jetzt reiche ich mein Teilzeitgesuch ein.

Was ist passiert?
Jonathan hatte zu dem Zeitpunkt den Kindergarten gewechselt und musste dementsprechend neu eingewöhnt werden. Ich hatte deswegen darum gebeten, über einen Zeitraum von vier Wochen mal nur fünf bis sechs Stunden täglich da sein zu dürfen – durch den Abbau von Überstunden. Damit ich gegebenenfalls abfedern kann, wenn er sich schwer eingewöhnt. Das hat dann ziemlich weite Kreise im Unternehmen gezogen, weil so eine Anfrage noch nie gestellt worden war. Und man hat dann zu mir gesagt: Nein, das geht so nicht, wenn ich das abdecken wolle, dann soll ich doch eine Sabbatauszeit nehmen oder noch einmal Elternzeit einreichen.

Aber du hättest doch dadurch sowieso nur Überstunden abgebaut, oder?
Ja, aber es gibt bei uns sehr limitierte Regeln, wie Überstunden abzufeiern sind. Daraufhin war ich trotzig und habe das Teilzeitgesuch eingereicht.

Also gab es zwar schon Flexibilität bei deinem Arbeitgeber, aber nur in bereits ausgetretenen Pfaden.
Genau. Ich war ziemlich wütend, vor allem, da es ja nur um eine Eventualität ging – die am Ende des Tages nicht einmal eingetreten ist, Jonathan kam nämlich direkt super im neuen Kindergarten zurecht.

Abseits von der Berufswelt: Findest du, dass Eltern und vor allem Mütter von der Politik ausreichend gesehen werden?
Nein. Eltern haben keine Lobby. Elternschaft ist nach wie vor eine Privatsache in Deutschland, finde ich. Man soll zwar bitte die zukünftigen Rentenzahler produzieren und heranzüchten, ja, aber bitte privat halten, wie man damit umgeht. Es interessiert niemanden, ob Kindergärten immer noch im Notbetrieb sind, es interessiert niemanden, wie Öffnungszeiten von Kitas das Arbeitsleben beeinflussen. Es macht keinen Spaß, in Deutschland Kinder zu haben.

Welchen Tipp hast du für Eltern, die Kinder haben und sich trotzdem beruflich verwirklichen wollen?
Sich ein dickes Fell anzueignen, um für das eigene Lebensmodell einstehen zu können. Denn Leute werden immer irgendwas zu sagen haben. Egal, wie du dich entscheidest – es ist immer falsch.

Hinweis: Weil die Interviewpartnerin und ihr Mann anonym bleiben möchten, wurden ihre Namen geändert. Ihre vollständigen Namen sind der Redaktion bekannt.
Dieses Interview erschien erstmals im März 2025 bei der WirtschaftsWoche. Wir zeigen es aufgrund des Leserinteresses erneut.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick