Elektroautos: Wie Forscher Batteriebrände künftig im Keim ersticken wollen
Wenige Themen polarisieren Fans und Gegner von Elektroautos so sehr, wie das Risiko von Batteriebränden und die Frage, wie sich die Akkus löschen lassen, wenn sie einmal in Flammen stehen. Wahlweise verweisen Befürworter und Kritiker der elektrischen Mobilität auf spektakuläre TikTok-Videos lodernder E-Mobile oder auf die Tatsache, dass auch klassisch benzin- oder dieselgetriebene „Verbrenner“ nur allzu oft brennen.
Tatsache ist, dass beide Antriebstechnologien viel Brandpotenzial bergen. Schließlich fahren Benziner oder Diesel genau deshalb, weil fortwährende Explosionen der Treibstoffe in den Zylindern die Kurbelwelle und schließlich die Antriebsachsen in Rotation versetzen. Welche Energie in den Treibstoffen steckt, ahnt, wer beim Grillen das plötzliche Auflodern von Brennspiritus betrachtet. Unbestritten ist aber auch, dass die Traktionsbatterien moderner E-Autos aufgrund ihrer chemischen Zusammensetzung mit ebenfalls beeindruckender Vehemenz abfackeln können, wenn sie einmal in Brand geraten sind.
Sie zu löschen sei zwar „unter Umständen etwas schwieriger als bei herkömmlich angetriebenen Fahrzeugen“, betont der Brandschutzexperte Peter Bachmeier. Dennoch sei die Arbeit für die Retter „nicht komplexer oder Gefahr bringender als etwa ein Brand eines gasbetriebenen Kfz“, erklärt der Leitende Branddirektor der Münchner Berufsfeuerwehr und Vorsitzende des Fachausschusses Vorbeugender Brand- und Gefahrenschutz der deutschen Feuerwehren in einer Stellungnahme des Deutschen Feuerwehrverbandes. „Die bisher bekannten Brandereignisse [von E-Autos] lassen nicht erkennen, dass sich das Risiko im Vergleich zu den [bei Verbrennerfahrzeugen] ohnehin vorhandenen Gefahren erheblich erhöht“, urteilt der Experte, der in der Brandschutzszene als einer der besten Kenner der Materie gilt.
„Der Mythos, E-Autos würden häufiger brennen als Benziner oder Dieselfahrzeuge, hält sich hartnäckig. Doch das ist schlichtweg falsch“, betont auch Dagmar Fehler, Sprecherin des Berliner Mobilitäts- und Energiedienstleisters Now. So ergab eine Umfrage im Auftrag des Versicherers DEVK, dass 35 Prozent der Befragten Elektroautos in Bezug auf die Brandgefahr für mit Abstand am gefährlichsten halten; Benziner halten nur zehn Prozent für gefährlich, bei Dieseln sind es gar nur vier Prozent.
Die Realität: „E-Pkw mit Batterieantrieb brennen laut Daten aus Norwegen, Großbritannien und den USA nicht häufiger als konventionell angetriebene Pkw“, konstatiert die Co-Geschäftsführerin der beim Bundesverkehrsministerium angesiedelten Gesellschaft. Eine Aussage, die auch der Gesamtverband der Versicherer Ende 2024 mit Blick auf die Schadensstatistik des Vorjahres bestätigte: „Aktuelle Untersuchungen belegen, dass E-Autos statistisch gesehen keine höhere Brandgefahr haben als ihre benzin- oder dieselbetriebenen Pendants.“
Was aber nicht heißt, dass man die Brandgefahr ignorieren sollte. „Es kann sein, dass aufgrund kleinerer Produktionsfehler zum Beispiel winzige Metallspäne in die Zelle geraten und dort für Kurzschlüsse sorgen“, berichtet ein Ingenieur bei Volkswagen in Salzgitter. „Das ist zwar inzwischen sehr selten, weil wir auch nur von erfahrenen Batterieherstellern Zellen beziehen, aber ganz auszuschließen ist es nicht.“
E-Autos brennen selten, aber mitunter heftig
Deshalb erließ die EU Anfang 2024 eine neue EU-Batterieverordnung für alle Unternehmen, die Batterien herstellen, verwenden oder wiederverwerten. Sie macht ganz konkrete Vorgaben: So müssen die Energieträger unter anderem erhöhten thermischen und mechanischen Belastungen widerstehen. Zudem müssen sie gegen Kurzschlüsse und Überladung geschützt und so konstruiert sein, dass sie im Fall eines Brandes sicher gelöscht werden können.
„E-Autos brennen anders als Benziner und Diesel“, erklärt Justus Frenz, der an der Technischen Universität Braunschweig am Thema Brandschutz für Batterien arbeitet. In seinen praktischen Versuchen müsse er Lithium-Ionen-Akkus „ganz schön zusetzen und sie teilweise über mehrere Stunden über eine Heizplatte hohen Temperaturen oder direkter Flammeneinwirkung via Propangasbrenner aussetzen, bis irgendwann der Thermal Runaway in einer Zelle ausgelöst ist und sich daraus ein Vollbrand des Speichers entwickeln kann“, erzählt Frenz. Manche Batterien ließen sich auch gar nicht in Brand setzen. „Bei manchen Batterien komm es dabei nicht zu einer Durchzündung der brennbaren Gase und das thermische Event der Batterie findet ohne sichtbare Flammen statt“, sagt Frenz.
Automatischer Feuerlöscher im Batteriepack
Ein neuer Ansatz verfolgt das Ziel, die Brandausbreitung im Idealfall so früh zu stoppen, dass das Feuer gar nicht erst die ganze Batterie oder das Fahrzeug erfasst. Dieses Konzept hat der unter anderem auf Batterietechnik spezialisierte Autozulieferer Hyundai Mobis (eine Tochter des Autokonzerns Hyundai-Kia) vorgestellt. Das südkoreanische Unternehmen beschränkt sich nicht darauf, die Zellen aus besonders robusten Materialien zu fertigen, die ein Übergreifen eines Feuers auf benachbarte Zellen verhindern soll. Die Entwickler haben zusätzlich eine Art automatischen Feuerlöscher direkt ins Batteriegehäuse integriert.
Um frühzeitig festzustellen, ob eine einzelne Batteriezelle Schaden nimmt und Feuer fängt, analysiert eine Software kontinuierlich alle Zellzustände, identifiziert Anomalien und legt notfalls fest, wo im Gehäuse die Löschtechnik aktiv werden soll.
Insgesamt verfüge das System über eine Kapazität vergleichbar einem 16- Kilogramm-Hausfeuerlöscher und setze dabei auf ein für die Batteriechemie optimiertes Löschmittel mit besonderen Kühl- und Isoliereigenschaften. Die Koreaner haben die Technik bereits zum Patent angemeldet. „Wir werden Hard- und Software integrieren“, so Park Yong Jun, der Chef der Forschungs- und Entwicklungsabteilung für Batteriesysteme bei Hyundai Mobis, dann werde man „sie auf dem Weltmarkt einführen.“
Mit dem innovativen Brandschutzansatz steht das Unternehmen nicht allein. Auch hierzulande arbeiten Forschungs- und Entwicklungsteams in verschiedenen Untersuchungen daran, die Brandverläufe und -risiken der Traktionsbatterien besser zu verstehen und zu minimieren. So ist es etwa Ziel des vom Bundesverkehrsministerium geförderten Forschungsprojektes Balsam, das Brandverhalten von Lithium-Ionen-Batterien sowie die frei werdenden Schadstoffe zu analysieren und dafür optimierte Löschverfahren und Brandschutzmaßnahmen zu entwickeln. Im Rahmen des Projekts SafeDaBlatt wollen zudem Forscher mehrerer Fraunhofer-Institute sowie deutscher und chinesischer Hochschulen unter anderem Technologien zur Brandfrüherkennung in Batteriezellen, aber auch zur Vermeidung der Brandausbreitung entwickeln.
Schon jetzt schreiben nationale und internationale Normen für Traktionsbatterien vor, dass diese Temperaturen von mehr als 80 Grad teils über Stunden aushalten, mehr als 1000 Ladezyklen vertragen und starke Temperaturschwankungen von bis zu 125 Grad ohne Schäden mitmachen müssen. Dazu kommen stundenlange Vibrations- und mehrfache Schockbelastungen sowie Crashsimulationen und sogar Auflagen, dass die Akkus das Eindringen von spitzen Gegenständen überstehen müssen, ohne sich zu entzünden, zu explodieren oder sich selbst zu zerstören. Es gibt Versuche, ein Übergreifen von Feuern auf benachbarte Batteriezellen mithilfe von inerten, also nicht brennbaren Gasen zu verhindern.
Fachleute sprechen vom „thermischen Durchgehen“, wenn die entstehende Hitze nach der Beschädigung einer Batteriezelle auch benachbarte Zellen angreift und die dabei frei werdende Energie den Prozess weiter beschleunigt. Möglich ist das etwa durch unkontrollierte chemische Reaktionen in den Zellen, die von Modul zu Modul übergreifen, bis sie schließlich den Stromspeicher als Ganzes erfassen. Teilweise passiert das mit Brandtemperaturen von 900 Grad und mehr; Werte, die freilich auch an in Vollbrand befindlichen Fahrzeugen mit herkömmlichen Antrieben gemessen werden.
Er kenne das neue Hyundai-Löschsystem zwar bisher nicht im Detail, aber „grundsätzlich ist es schon sinnvoll, an dieser Stelle anzusetzen und zu verhindern, dass ein Brand in einer beschädigten Lithium-Ionen-Zelle auf benachbarte, andere Zellen übergreift“, sagt Brandforscher Frenz von der TU Braunschweig.
Was Batteriebrände so langwierig macht
Für Rettungskräfte ist solch ein Durchgehen der Zellen in der Regel mit großem Löschaufwand verbunden. Denn Batteriebrände erfordern meist sehr umfangreiche und lang andauernde Kühlmaßnahmen. Ziel ist, dem Feuer so viel Energie zu entziehen, dass es sich nicht mehr selbst entzünden kann.
Anders als bei Bränden von Treibstoff oder Kunststoffen nämlich, wie sie in klassischen Fahrzeugen bei Bränden dem Feuer als Brennstoff dienen, reicht es bei Batteriebränden nicht, „nur“ den brennenden Stoff mit Löschschaum abzudecken, um die Flammen so vom Sauerstoff zu trennen und zu ersticken. Denn beim Zersetzen der Zellen und der Umwandlung der enthaltenen Chemikalien wird selbst unter Luftabschluss noch Sauerstoff frei.
Der Verbrennungsprozess läuft also weiter, bis sich entweder alle Chemikalien zersetzt haben, die Batteriezellen elektrisch weitgehend entladen sind oder die Temperatur der Module dauerhaft auf weniger als 180 Grad abgekühlt ist. Das sei der „Triggerpunkt für das thermische Durchgehen der übrigen geschädigten Zellen, die noch nicht gebrannt haben“, schreibt die Bundesanstalt für Materialprüfung in einer Stellungnahme zur „Sicherheit von Lithium-Ionen-Batterien in E-Autos“.
Mitunter – das zeigt die Einsatzpraxis deutscher Feuerwehren – dauert es mehrere Tage, bis von ausgebrannten Elektro-Pkw keine Brandgefahr mehr ausgeht. Immer mehr kommunale Wehren, aber auch externe Dienstleister haben daher inzwischen die erwähnten Löschmulden angeschafft, die sie mit ihren Einsatzfahrzeugen zu Brandorten bringen, mit Wasser befüllen und die ausgebrannten E-Mobile erst einmal darin versenken und an abgesicherten Standorten weiter abkühlen lassen. Das könnte, wenn sich neue Ansätze wie das Hyundai-Konzept als praktikabel erweisen, in Zukunft also deutlich schneller gehen.
Ein Grund für übermäßige Angst vor Batteriebränden ist die etwas zeitaufwendigere Löschtaktik aber nicht, versichern Brandschutzexperten wie Peter Bachmeier. Angesichts der verbreiteten Skepsis und der regelmäßigen Berichterstattung erscheine es „wichtig, zu betonen, dass auch Elektrofahrzeuge von den Einsatzkräften der Feuerwehr gelöscht werden können“.