Riedls Dax-Radar: Dax mit reichlich Puffer und Chance auf weitere Kursrekorde
Nur 18 Tage hat der Dax gebraucht, um den scharfen Einbruch von Mitte März bis Anfang April auszugleichen, der zunächst mit einer allgemeinen Korrektur begann und dann in den von Donald Trump ausgelösten Zollcrash mündete. Eine solche Aufholjagd wird oft als sogenannte V-Erholung bezeichnet, als ob es sich um ein gängiges Phänomen an den Börsen handele.
Indes, dass ein Aktienmarkt einen so heftigen Einschnitt, der vom Hoch bis zum Tief 16 Tage dauerte, so schnell und mit so hoher Dynamik wieder ausgleicht, kommt selten vor. Im Coronacrash, der 20 Tage dauerte, brauchte der Dax 57 Tage, um überhaupt wieder in die Nähe der alten Hochs zu kommen. Und richtig ausgeglichen hat der Dax die Coronaverluste von Februar und März 2020 erst im Januar 2021.
Beim großen Crash von 1987, der vielfach als Paradebeispiel für einen von den Börsen selbst verursachten Betriebsunfall gilt, brauchte der Dax eineinhalb Jahre, bis er wieder sein vorangegangenes Niveau erreichte. Offensichtlich, sowohl im Vergleich zur eigenen Historie als auch gegenüber den meisten Weltbörsen steckt im Dax derzeit eine enorme innere Stärke, die womöglich für noch weit höhere Kurse gut sein könnte.
Dagegen hängen die US-Börsen weit hinterher. Dow Jones und S&P 500 sind noch nicht einmal wieder bis zur 200-Tage Durchschnittslinie gekommen; jenem Barometer der mittel- bis langfristigen Tendenz, das der Dax Zollcrash zwar auch kurzzeitig unterschritten hatte, von hier aus dann aber seine fulminante Erholung startete.
Am nächsten unter den US-Indizes ist der Nasdaq-100 an seinen 200-Tage-Durchschnitt gekommen. Das ist wichtig, denn im Nasdaq 100 geben genau jene Favoriten den Ton an, die schon in der Hausse der vergangenen zweieinhalb Jahre führend waren: Aktuell gilt das vor allem für Microsoft, MicroStrategy oder Palantir, zum Teil auch wieder für Nvidia.
Vor allem spiegelt sich darin die Stärke der großen Trends Künstliche Intelligenz und Bitcoin. High-Tech-Klassiker wie Apple, Amazon oder Alphabet dagegen laufen hinterher. Hier deutet sich an, dass selbst die erfolgreichsten Unternehmen der Welt von disruptiven Techniken wie Künstlicher Intelligenz in die Defensive gedrängt werden können.
Überflieger Rheinmetall: 70 Milliarden Euro Börsengewinn und noch kein Ende
Der Dax wird von anderen Disruptoren beflügelt. An der Spitze des German Börsenwunder steht keine andere Aktie so prominent wie Rheinmetall. Wenige Tage vor dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 notierte das Papier bei 95 Euro. Rheinmetall hatte da gerade das Geschäftsjahr 2021 mit 5,7 Milliarden Euro Umsatz abgeschlossen und wurde an der Börse dafür mit 4,1 Milliarden Euro bewertet. Aktuell wird eine Aktie zu Kursen um 1700 Euro gehandelt. Das sind 1690 Prozent Kursgewinn seit Mitte Februar 2022.
Wer damals zufällig etwa 10.000 Euro in Rheinmetall investiert hatte, sitzt heute auf einem Berg von 179.000 Euro. Und aus Rheinmetall ist mit 74 Milliarden Euro Börsenwert – ein Wertgewinn von 70 Milliarden Euro – der siebtschwerste Einzelwert im Dax geworden, direkt hinter dem Klassiker Münchener Rückversicherung.
Trotz der mittlerweile sehr hohen Bewertung, die allein gemessen an dem in diesem Jahr absehbaren Geschäftsjahresumsatz das Sechsfache erreicht (dieses Bewertungsmultiple ist achtmal so hoch wie vor dem Ukrainekrieg), ist ein Ende dieses Trends nicht in Sicht. Die ungebrochene Entwicklung von Rheinmetall und auch die anderer deutscher Rüstungsaktien wie Renk oder Hensoldt deutet darauf hin, dass ein Ende der aktuellen Ost-West-Konfrontation vorerst nicht absehbar ist. Rheinmetall-Aktien machen das zu einem Trendinvestment.
Transformation bei Siemens Energy, Metamorphose mit Heidelberg Materials
Hinter Rheinmetall gibt es im Dax weitere Aufsteiger, die unerwartete Erfolgsgeschichten schreiben. Das gilt vor allem für Siemens Energy, noch vor wenigen Jahren ein Sanierungsfall, den Mutterkonzern Siemens lieber früher als später losgeworden wäre. Heute dagegen, nach geglückter Wende, mehreren Quartalen mit starken Ergebnissen, lebhafter Nachfrage nach Gas- und Netztechnik und der offensichtlichen Resilienz gegenüber amerikanischen Zöllen, ist Siemens Energy mit 58 Milliarden Euro Börsenwert die Nummer acht im Dax. Dass die Gewinnbewertung (KGV 2025) dabei Extremwerte von 70 bis 80 erreicht, bremst die Euphorie nicht. Wer am Ball ist, kann weiter mitfiebern. Für Neueinsteiger ist die Aktie auf dem erreichten Niveau kein Angebot mehr.
Ganz anders Heidelberg Materials. Dem größten Baustoffkonzern des Landes gelang in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Metamorphose: Aus einem hoch verschuldeten, energiefressenden und operativ schwerfälligen Mischkonzern entwickelte sich ein weltumspannender Spezialist für Zement, Beton, Sand, Kies und Asphalt, der in Sachen Kohlendioxidvermeidung zu den Wegbereitern gehört und mittlerweile auch über eine gesunde Bilanz mit mehr als 50 Prozent Eigenkapital verfügt.
Angesichts weltweit notwendiger Infrastrukturinvestitionen sind Baustoffe ein langfristiger Wachstumsmarkt. Trotz gut gestiegener Notierungen sind die Aktien der Heidelberger mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15 nicht überbewertet. Und für den Dax wäre es eine zusätzliche Stütze, wenn Mittelgewicht Heidelberg Materials sich von derzeit 33 Milliarden Euro Börsenwert in den nächsten Jahren in Richtung 50 Milliarden entwickeln sollte.
Autoaktien im Krisenmodus, BMW in Pole Position
Neue Favoriten wie Siemens Energy und Heidelberg Materials haben mittlerweile einen höheren Börsenwert im Dax als die Autoklassiker Mercedes-Benz und BMW. Massive Gewinneinbrüche machen die schwierige Lage offensichtlich, in der die Autohersteller stecken: Mercedes erzielte im ersten Quartal 43 Prozent weniger Nettogewinn, bei BMW ging es um 26 Prozent nach unten. Schon diese zentralen Ergebniszahlen signalisieren, dass BMW in der für die Autobranche kritischen Mehrfachkrise (chinesischer Wettbewerb, Revolution der Antriebstechnik, Statusverlust des Automobils) derzeit seine PS eher auf die Straße bringt.
Fast 590.000 Auslieferungen im ersten Quartal, nur 1,4 Prozent weniger als vor einem Jahr, sind für BMW absolut gesehen immer noch ein sehr hohes Absatzniveau. Und selbst wenn BMW in diesem Jahr einen Gewinnrückgang auf sechs Milliarden Euro netto hinnehmen müsste, wäre das langfristig angesichts der großen Umwälzungen in der Branche kein Drama.
Dass die Autokonzerne nun auch von politischer Seite wieder Rückhalt erfahren und etwa für die Einhaltung der EU-Klimavorgaben mehr Zeit bekommen, ist eine wichtige Stütze. Dank günstiger Bewertung, solider Finanzen, der technisch starken Position bei neuen Antrieben und klassischen Verbrennern ist BMW derzeit unter den deutschen Herstellern die attraktivste Autoaktie.
Fazit für den Dax: Jedes Entspannungssignal im weltweiten Zollkrimi, zuletzt etwa die Abmachungen zwischen den USA und Großbritannien, nehmen die Märkte begierig auf und münzen dies in Kursgewinne um. Nach dem bisher schon erreichten Erholungsniveau ist dies ein wichtiges Stärkezeichen für den Markt.
Langfristig könnte darin auch die Indikation stecken, dass die Wertpapiermärkte den aktuellen Krisenmix aus wackliger Konjunktur, Handelskonflikten und geopolitischen Spannungen letztlich besser verkraften als vielfach befürchtet. Blaupause dafür könnte die erfolgreiche Eindämmung der Inflation sein, von der die Märkte 2022/23 in Atem gehalten wurden.
Natürlich, eine generelle Fortsetzung der langen Aufwärtstrends an den Börsen wird es nur geben, wenn auch die US-Märkte mitmachen. Immerhin gibt es auch dafür zumindest Ansätze. So gelang dem Technologieindex Nasdaq 100 mit dem Anstieg von 17.000 auf 20.000 Punkten eine wichtige erste Erholungsphase. Kurzfristig steht hier nun der Stärketest im Bereich der 200-Tagelinie um 20.100 Punkten bevor. Immerhin, selbst ein abermaliges Abrutschen wäre kein Drama, wenn sich die Notierungen danach spätestens wieder zwischen 18.000 bis 19.000 Punkten stabilisieren. Je näher der Nasdaq bei einem möglichen zweiten Rücksetzer allerdings dem jüngsten Crashtief um 17.000 Punkte kommen sollte, desto größer wird das Risiko einer längeren Baisse.
Im Dax hat sich durch die komplette Nivellierung des Zollcrashs und der vorangegangenen Schwächephase die Marktlage erheblich verbessert. Selbst kurzfristig Rückschläge bis 22.000 oder 21.000 Punkte würden nichts an der großen Aufwärtstendenz ändern. Dass dieser Trend mittlerweile nicht nur durch Top-Aktien wie Allianz, Münchener Rück oder SAP getragen wird, sondern zunehmend durch neue Aufsteiger wie Rheinmetall, Siemens Energy und Heidelberg Materials spricht für die wachsende Breite des deutschen Aktienmarkts.
Und sollten dazu eines Tages auch die tief gefallenen Autoaktien wieder die Kurve kriegen (billig genug wären sie ja), sollte der Dax reif sein für noch deutlich höhere Notierungen.