Googles neue Suche: Ein guter Moment für Panik

Diese Illusion funktioniert seit Jahren perfekt. Wenn die US-Techkonzerne Apple, Google, Meta oder Microsoft in regelmäßigen Abständen zu ihren Entwicklerkonferenzen laden, suggerieren sie damit höchst erfolgreich, dass diese digitale Welt nie stillsteht. Datenbrillen, Hirnchips, Metaversum, ständig wird die Welt neu erfunden, stellt das „one more thing“ die Realität auf den Kopf. Und das mindestens einmal im Jahr.
Diese Erzählung von der ewigen Erneuerung hat zuletzt ein bisschen verdeckt, wie konservativ die Internetwelt im 32. Jahr ihrer Verfügbarkeit für die Massen geworden ist. Auch wenn diverse neue Geräte auf den Markt kamen, alles immer schneller und schlauer wurde, hat sich am Kern vieler digitaler Geschäftsmodelle seit Jahren wenig geändert: Auf der einen Seite stehen die Erschaffer von Inhalten, die Verkäufer von Dingen und die Anbieter von Dienstleistungen. Auf der anderen Seite die Kunden. Und dazwischen Google. Über 200 Milliarden Dollar verdiente der Konzern zuletzt damit, die suchenden Kunden und die anbietenden Unternehmen zusammenzubringen.
Es ist eine etwas einseitige, aber höchst stabile Geschäftsbeziehung, die sich da eingespielt hat. Dank des Wirtschaftszweigs der Search Engine Optimization (SEO) wissen die Anbieter zumindest ungefähr, nach welcher Logik sie ins Sichtfeld ihrer Kunden gelangen können. Und den Rest erkaufen sie sich über direkte Anzeigen.
Antworten, nicht Ergebnisse
So eingespielt ist dieser Ablauf, dass die Vermutung naheliegt, dass sich auch jetzt nicht so viel ändern wird. Natürlich gibt es ChatGPT, Gemini und Perplexity. Aber die Leute hören deshalb doch nicht auf, wie gewohnt im Internet zu suchen – und das zumeist bei Google!
Womöglich stimmt das wirklich. Wenn die KI-Firmen jetzt das Zeitalter der Agenten ausrufen, die in unserem Auftrag im Internet Routen recherchieren und Hotels buchen sollen, dann unterschätzen sie dabei womöglich die menschliche Neigung, sich selbst zumindest im Stillen stets für ein bisschen schlauer als den Rest der planetaren Bevölkerung zu halten. Diese Dienstleistung hat schon bei Amazons Alexa nicht recht gezündet. Am Ende wollte doch jeder für sich selbst schauen, ob er nicht ein noch etwas günstigeres Schnäppchen findet.
Doch es spricht auch einiges dafür, dass die Lage diesmal eine andere ist. Weil hier eben anders als etwa beim Metaversum nicht bloß ein paar Konzerne versuchen, ein neues Produkt zu verkaufen. Sondern weil die Menschen beginnen, von sich aus ihr Verhalten zu ändern. Bei Apple stellen sie gerade fest, dass die Zahl der Suchanfragen erstmals abnimmt. Und bei Google, dass die Nutzer plötzlich anders fragen, in langen, ganzen Sätzen, anstatt einzelne Worte ins Suchfeld einzutragen. Sie reden mit ihrer KI. Und wollen Antworten, nicht mehr nur Ergebnisse.
Nur scheinbar radikal?
Google reagiert darauf nun, zumindest scheinbar, radikal. Und will eine echte KI-Suche einführen, wo keine Treffer mehr angezeigt werden, sondern nur noch Antworten. So hat es Google-Chef Sundar Pichai gerade auf der Entwicklerkonferenz I/O verkündet. In Europa wird der Dienst zunächst nicht verfügbar sein. Doch wer ihn sich ungefähr so vorstellt wie die Maske des Wettbewerbers Perplexity, der dürfte nicht komplett daneben liegen.
Für die Anbieter digitaler, mit Google verbundener Dienste dürfte deshalb gerade ein guter Moment sein, um in Panik auszubrechen. Wenn diese Umstellung wirklich so kommt, dürfte von vielen heute noch funktionierenden Geschäftsmodellen wenig übrigbleiben. Zwei Hoffnungsschimmer aber bleiben: das Vertrauen in den tief sitzenden menschlichen Hang, an einmal gewonnenen Routinen festzuhalten. Und: der Glaube an Googles Selbsterhaltungstrieb. Wie genau der Konzern in dieser neuen Welt nur ansatzweise 200 Milliarden Dollar im Jahr verdienen will, ist derzeit völlig unklar.
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