Hauptversammlung: „Evotec ist sicherlich ein Übernahmekandidat“
Dass die diesjährige Hauptversammlung des Biotechunternehmens Evotec im Cinemaxx-Kino am Hamburger Bahnhof Dammtor stattfindet, passt ins Bild. Bot Evotec, eines der ältesten Biotechunternehmen Deutschlands, mitgegründet vom Nobelpreisträger Manfred Eigen, in den vergangenen Monaten doch selbst reichlich filmreifen Stoff dar. Die Forscher aus dem Hamburger Norden, die Pharmakonzernen bei der Suche nach neuen Wirkstoffen helfen, wurden erst von Hackern, später von Investoren attackiert. Ein ehemaliger Chef tätigte zweifelhafte Aktiengeschäfte – und verließ dann Knall auf Fall das Unternehmen. Im vergangenen Herbst kämpfte Evotec um seine Unabhängigkeit.
Das Ende der Geschichte ist dabei, ebenso wie die Frage, ob Evotec auf Dauer unabhängig bleiben kann, allerdings noch offen. Und die Frage, ob der neue CEO Christian Wojczewski zum Helden taugt und seine Versprechen halten kann.
Auch Finanzinvestoren kommen infrage
Aber der Reihe nach: Im vergangenen Jahr wollte das US-Unternehmen Halozyme Therapeutics Evotec für zwei Milliarden Dollar übernehmen – zog dann aber zurück, angeblich weil sich Evotec dem Kontaktwerben widersetzte. Doch die Übernahmegerüchte sind seither nie mehr ganz verstummt, erst vor wenigen Tagen sorgten entsprechende Spekulationen kurzzeitig für einen steigenden Aktienkurs.An den Randbedingungen hat sich schließlich wenig geändert: Die Evotec-Aktie, die im Segment MDax für mittelgroße Aktienwerte gelistet ist, notiert derzeit gerade mal bei sieben Euro, noch vor drei Jahren waren es um die 40 Euro:
Damit ist Evotec gerade mal etwas mehr als eine Milliarde Euro wert. Das weckt Begehrlichkeiten: „Angesichts der weiterhin niedrigen Marktkapitalisierung ist Evotec grundsätzlich ein Übernahmekandidat“, sagt Matthias Kromayer, der beim Biotech-Investor MIG Capital entsprechende Investments verantwortet. „Allerdings“, so Kromayer, „fehlt vermutlich ein wenig die Wachstumsstory.“ Als Käufer seien andere Auftragsforscher und -fertiger wie Catalent, Lonza oder Thermo Fisher denkbar – die Frage sei nur, ob die unbedingt ein Unternehmen wie Evotec brauchen. Vielleicht kämen auch noch Finanzinvestoren zum Zuge. Im vergangenen Herbst erwarb der Finanzinvestor Triton zehn Prozent an Evotec und ist damit größter Einzelaktionär.
Doch Evotec will offensichtlich lieber unabhängig bleiben. Um die Aktionäre dafür zu gewinnen, muss CEO Wojczewski jedoch wieder Wachstumsperspektiven bieten. Die Hauptversammlung ist sein erster Auftritt vor den Anteilseignern. Drei Viertel der Evotec-Aktien befinden sich in Streubesitz.
Auf der Suche nach mehr Wachstum
Eine schwierige Aufgabe also für Wojczewski. Der frühere Manager des Gasekonzerns Linde startete im turbulenten Jahr 2024 bei Evotec, am 1. Juli. Zuvor war der langjährige Evotec-Chef Werner Lanthaler mit dubiosen Aktiengeschäften, die er verspätet gemeldet hatte, aufgefallen. Nach einer kurzen Übergangszeit kam dann Wojczewsk an die Spitze. Auf der Hauptversammlung im Cinemaxx steht nun die Entlastung von Lanthaler an – es dürfte ein spannender Tagesordnungspunkt werden.
Wojczweski hat jedenfalls versprochen, wieder für Wachstum zu sorgen. 2024 war der Evotec-Umsatz nur noch ganz leicht um zwei Prozent auf 797 Millionen Euro gestiegen. Das bereinigte Betriebsergebnis sank von 66,4 Millionen auf 22,6 Millionen Euro; unter dem Strich entstand ein Verlust.
Der neue CEO hat inzwischen mehrere hundert Stellen gestrichen, Projekte aussortiert und will das Unternehmen wieder stärker auf Wirkstoffforschung und die präklinische Entwicklung konzentrieren – also die Entwicklung von Medikamenten, bevor diese in größeren klinischen Studien getestet werden. 2025 soll der Umsatz wieder stärker zulegen – auf 840 bis 880 Millionen Euro. Das bereinigte Betriebsergebnis will er auf dreißig bis fünfzig Millionen Euro verbessern. Zwischen 2024 und 2028 strebt Evotec ein durchschnittliches jährliches Wachstum von acht bis zwölf Prozent an. Die Marge, bezogen auf das bereinigte Betriebsergebnis, die aktuell bei wenigen Prozent liegt, soll dann wieder zwanzig Prozent erreichen.
Manche Investoren haben allerdings noch Zweifel, ob tatsächlich viel Potenzial in Evotec steckt. Zwar haben die Hamburger mit US-Unternehmen wie Pfizer oder Bristol Myers Squibb Allianzen bei der Entwicklung von Medikamenten abgeschlossen. „Das spielt sich jedoch meist in einem sehr frühen Stadium der Entwicklung ab und der Anteil von Evotec ist oft sehr gering“, erklärt ein Investor.
Viel Stoff für die Aktionärsversammlung im Cinemaxx-Kino. Dort läuft übrigens gerade „Mission Impossible – die endgültige Abrechnung“. Dass es allerdings auf der Hauptversammlung zu einem finalen Showdown kommt, ist dann doch eher unwahrscheinlich.
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