Leben mit Aktien: So holen sich Anleger das wirtschaftliche Momentum ins Portfolio
Eines steht außer Frage: Der deutschen Politik und Wirtschaft hat es in den vergangenen Jahren nicht an Dynamik gefehlt. Doch kann die Bewegung manchmal in eine unerfreuliche Richtung gehen: Krisen, Kriege und Ampel-Streits haben Deutschland immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt – die wirtschaftliche Bilanz seit 2023: zwei Jahre Rezession.
Die Sehnsucht nach dem Positiven, nach einem Umschwung im Land ist deshalb groß. In Unternehmen, unter Bürgern und in der Politik, scheint Hoffnung zu bestehen: Es geht ein Ruck durch dieses Land. Es herrscht ein wirtschaftliches Momentum.
Die Frage ist nur: Gibt es dieses wirtschaftliche Momentum wirklich? Denn in Wahrheit ist bislang nicht viel passiert. Kaum eine Maßnahme wurde bislang ergriffen, kaum ein hinderliches Gesetz reformiert. Was also hat sich in den letzten Monaten verändert?
Für den Glauben an das Momentum gibt es im Kern drei Gründe.
- Der erste ist das Eine-Billion-Euro-Schuldenpaket, das die Bundesregierung ins Schaufenster gestellt hat: 500 Milliarden Euro für das sogenannte Sondervermögen plus die gleiche Summe für Investitionen in Verteidigung. Für Private-Equity-Investoren wie Blackstone und Cerberus Capital Management und institutionelle Anleger sind das gute Aussichten: Sie haben Deutschland wieder auf dem Zettel.
- Der zweite Grund ist Donald Trump. Wegen des Zoll-Zickzack-Kurses des US-Präsidenten fließt derzeit verstärkt Kapital nach Europa.
- Es gibt eine andere Wahrnehmung von Führung in Deutschland unter dem neuen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). International berichten Beobachter und Investoren, der Kanzler vermittle mehr Klarheit, in welche Richtung Deutschland sich entwickeln will.
Ein Blick auf die Börse verrät, dass das Momentum nicht nur Einbildung ist. Momentum beschreibt dabei die Tendenz von Aktien oder anderen Wertpapieren, ihre jüngste Kursentwicklung kurzfristig fortzusetzen. Was steigt, steigt oft weiter – und was fällt, fällt oft weiter. Ein Vergleich des europäischen Index Stoxx 600 mit dem amerikanischen S&P 500 der vergangenen sechs Monate zeigt: Der Europa-Index hat um sieben Prozent zugelegt, der amerikanische Index im selben Zeitraum rund einen Prozent abgegeben. Und weil der Dollar abwertete, betrug der Verlust im S&P 500 in Euro sogar zehn Prozent.
Auf die letzten zwölf Monate gerechnet, hat der Stoxx 600 rund neun Prozent zugelegt, der S&P 500 rund elf Prozent. In Euro stieg er aber nur um 3 Prozent an. „Das eigentliche Thema in diesem Momentum sind nicht die Aktien, sondern ganz klar der Dollar“, sagt Christian W. Röhl, Chefökonom von Scalable Capital, in der aktuellen Ausgabe des WirtschaftsWoche-Podcasts „Leben mit Aktien“.
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Der Grund dafür: Fällt beispielsweise der S&P 500 und der US-Dollar verliert zeitgleich gegenüber dem Euro an Wert, dann verlieren Anleger, die auf US-Werte setzen, doppelt: durch sinkende Aktienkurse und den sinkenden Wechselkurs.
Genauso kann ein starker Euro im Vergleich zum Dollar auch die Gewinne von Anlegern schmälern, wenn der S&P 500 steigt, der Dollar aber an Wert verliert.
Momentum-Index formiert sich neu – Deutschland steigt auf
Der Frage des Momentums widmet sich auch der sogenannte MSCI World Momentum Index. Dass sich in Deutschland einiges getan hat, zeigt sich auch an der Zusammensetzung des Index, die turnusmäßig kürzlich vorgenommen wurde.
Wie der Name sagt, basiert der MSCI World Momentum Index auf dem klassischen MSCI World Index, der Aktien großer Unternehmen aus 23 Industrieländern umfasst. Der Momentum Index hebt daraus Aktien mit einem hohen Kurs-Momentum hervor und fokussiert sich auf Werte, die in den vergangenen sechs bzw. zwölf Monaten besonders hohe Kursanstiege verzeichnet haben.
Infolge der neuen Komposition sind die Tech-Konzerne Apple, Meta und Nvidia rausgeflogen – somit sind erstmals seit 2014 keiner der sieben Tech-Riesen aus den USA, auch „Magnificent Seven“ genannt, nicht mehr in dem Index enthalten.
Mit Broadcom und Palantir sind zwar nach der Gewichtung zwei US-Unternehmen aus dem Bereich künstliche Intelligenz (KI) in den Top-10-Positionen vertreten. Das Gewicht des IT-Sektors ist aber dennoch von 25 auf 15 Prozent gesunken. Dafür steht eine neue Branche an der Spitze des Index: Finanzwerte. Ihr Anteil liegt neuerdings bei rund 30 Prozent. Das höchste Gewicht hat Neuzugang Visa.
Der Anteil an US-Unternehmen liegt mit 60 Prozent deutlich unter den 75 Prozent zuvor. Vor allem aber ist Deutschland mit einem Anteil von acht Prozent nun zweitstärkstes Land im Momentum Index, gestützt durch Neuaufnahmen wie dem Versicherer Allianz, dem Rüstungskonzern Rheinmetall und dem Rückversicherer Münchener Rück.
Anleger können sich über entsprechende ETFs (Exchange Traded Funds) das wirtschaftliche Momentum ins Portfolio holen: Der MSCI World Momentum ETF des Anbieters iShares notiert im laufenden Jahr leicht im Minus. In den letzten Monaten ist er aber um rund fünf Prozent gewachsen, in den letzten drei Jahren stand sogar ein Plus von 60 Prozent zu Buche.
Die nächste Umsortierung des Momentum Index steht im August an – um die Momentum-Indices marktnäher zu gestalten, stellt MSCI ab sofort von halbjährlicher auf vierteljährliche Überprüfung um.
Grundsätzlich deutet sich an den Börsen eine kleine Renaissance Europas an. Ob das ein nachhaltiger Trend wird, bleibt abzuwarten. Auch geopolitische Spannungen, zuletzt verschärft durch die Eskalation zwischen Israel und Iran in Nahost, könnten dem wirtschaftlichen Momentum den Wind aus den Segeln nehmen.
Eine Sorge in diesem Zusammenhang ist die vom Iran angedrohte Blockade der Straße von Hormus. Der Ölpreis ist zuletzt schon deutlich angestiegen. Sollte der Iran seine Drohung wahrmachen, könnte der Ölpreis rasant steigen. Denn die Straße von Hormus ist eine zentrale Seeverkehrsader für den globalen Öl- und Gashandel.
Momentum-ETFs, die möglichen wirtschaftlichen Auswirkungen der Eskalation in Nahost und ein Rückblick auf die letzten 99 Folgen: Mit all diesen Themen beschäftigen wir uns in der 100. Folge „Leben mit Aktien“.