Thyssenkrupp Steel: Thyssenkrupps Sparplan bringt harte Einschnitte für Beschäftigte
Deutschlands größter Stahlhersteller Thyssenkrupp Steel Europe (TKSE) steht vor einer tiefgreifenden Sanierung, die den Beschäftigten harte finanzielle Einbußen abverlangt. Das Management und die Gewerkschaft IG Metall einigten sich nach zähen, dreitägigen Verhandlungen auf einen bis 2030 gültigen Tarifvertrag, der eine Reduzierung der Arbeitszeit, die Streichung des Urlaubsgeldes und andere Einsparpunkte enthält. Im Schnitt dürfte das Einkommen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um etwa acht Prozent sinken.
Die Wochenarbeitszeit wird auf 32,5 Stunden reduziert. Bisher arbeiten die Beschäftigten zwischen 33 und 34 Stunden pro Woche – künftig werden es weniger, was sich auf ihrem Lohnzettel bemerkbar machen wird. Die Arbeitgeber bekannten sich zu Investitionen, um Standorte zu modernisieren. Das wertete die Gewerkschaftsseite als Erfolg.
Andere bislang übliche Zahlungen werden abgeschwächt, etwa das Jubiläumsgeld: Wer 25 Jahre in der Firma gearbeitet hat, bekommt bislang ein Monatsgehalt extra, künftig sind es laut IG Metall nur noch 1000 Euro. Und der Zuschlag für eine Rufbereitschaft wird halbiert.
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Die Einsparungen sollen die Personalkosten pro Jahr um einen niedrigen dreistelligen Millionen-Betrag drücken. Die Eckpunkte sollen bis Ende September detailliert ausgearbeitet und abgeschlossen werden, erklärte Thyssenkrupp Steel Europe am Samstag.
Jobabbau bekräftigt
Bereits bekannte Pläne zum Jobbau wurden konkretisiert: In der Produktion sollen 1600 Stellen bis 2029 durch die Schließung von Aggregaten wegfallen. Zusätzlich dazu sollen bis 2028 in allen Konzernbereichen 3700 Stellen gestrichen werden. Zuvor hatte es geheißen, dass „rund 5000“ Stellen wegfallen sollen, nun kommt man rechnerisch auf 5300. Das ist nach Unternehmensauskunft keine Verschärfung der Sparpläne, sondern eine Präzisierung.
Deutschlands größter Stahlhersteller ist wegen Konjunkturschwäche, hoher Energiepreise und Billigimporten aus Asien in die Krise geraten. Als Gegenmaßnahme will das Unternehmen seine Kapazitäten deutlich verringern: statt 11,5 Millionen Tonnen pro Jahr soll das Versandniveau künftig nur noch bei 8,7 bis 9 Millionen Tonnen liegen. Dabei will sich Thyssenkrupp Steel von insgesamt 11.000 Stellen trennen und damit auf 16.000 Stellen schrumpfen. Derzeit sind es noch rund 26.300 Beschäftigte.
In Bochum soll 2028 ein Standort geschlossen werden. Ein Schließungsvorhaben für ein Werk in Kreuztal-Eichen (NRW) ist vorerst vom Tisch. Dort soll „kurzfristig ein Konzept zur Optimierung des Standorts“ umgesetzt werden, um einen wirtschaftlichen Betrieb zu gewährleisten.
Der Verzicht auf Werksschließungen und betriebsbedingte Kündigungen war für die Gewerkschaft von Anfang an die Bedingung, um überhaupt mit der Firmenführung zu verhandeln. Zuvor hatten sich die Arbeitnehmervertreter quer gestellt. „Das ist ein harter und schwerer Gang für alle Beteiligten, die bis zum Schluss gehofft haben, das wird schon nicht so schlimm werden“, sagte Personalvorstand Dirk Schulte. Die Maßnahmen seien aber notwendig.
Verhandlungen an der „Schmerzgrenze“
Mit Blick auf den Sanierungstarifvertrag sprach Firmenvorständin Marie Jaroni von einem wichtigen Meilenstein für die Zukunftsfähigkeit von Thyssenkrupp Steel. „Wir bauen überschüssige Kapazitäten ab, verbessern die Effizienz und können so ein wettbewerbsfähiges Kostenniveau erzielen.“
IG Metall Bezirksleiter Knut Giesler stieß hier in das gleiche Horn und sieht einen tragfähigen Kompromiss, der für beide Seiten schmerzhafte Elemente enthalte. „Betriebsbedingte Kündigungen sind jedoch vom Tisch und Garantien für Standorte und Investitionen in die Anlagen gibt es auch – das sind gute Signale.“ Die ursprüngliche „Giftliste“ des Managements mit drastischen Einsparplänen sei deutlich reduziert worden. Ursprünglich ging es laut Gewerkschaftsangaben um Einsparungen von bis zu 200 Millionen Euro jährlich.
„Wir sind an die Schmerzgrenze gegangen und haben Eingeständnisse nur dort gemacht, wo es wirklich nötig war, um Arbeitsplätze und Standorte zu sichern“, sagte Tekin Nasikkol, Gesamtbetriebsratsvorsitzender der Stahlfirma. Man habe die Voraussetzungen geschaffen, damit das Unternehmen aus eigener Kraft aus der schwierigen Situation herauskomme. „Wir können aber nicht auf Dauer Managementfehler der Vergangenheit durch Arbeitnehmerbeiträge ausgleichen.“
Damit der Tarifvertrag gültig wird, steht noch die Zustimmung der IG-Metall-Mitglieder bei dem Stahlhersteller aus. Außerdem muss die Konzernmutter Thyssenkrupp die Finanzierung sicherstellen. Der neue Tarifvertrag soll bis zum 30.09.2030 laufen.
Ein Ende des Ringens um den Stahlhersteller ist damit aber weiterhin nicht abzusehen. Denn die jüngste Einigung ist nur die Grundlage für ein viel größeres Projekt: die Verselbstständigung der Stahltochter durch Thyssenkrupp.
Thyssen-Konzernchef Miguel Lopez will das Stahlgeschäft in ein 50:50-Joint-Venture mit einer Holding des tschechischen Milliardärs Daniel Kretinsky führen. Dieser hält bereits ein Paket von 20 Prozent. Trotz der jetzt erzielten Einigung müssen zahlreiche Aspekte noch geklärt werden. Offen ist etwa die Höhe der Mitgift, die der Mutterkonzern den Stahlkochern für die Zukunft mit auf die Reise gibt.
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