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US-Geldpolitik„Nach dem Lehrbuch sollte die Fed die Zollerhöhungen ignorieren“

Der Machtkampf zwischen Donald Trump und Notenbankchef Jerome Powell beunruhigt die Finanzmärkte – und könnte für höhere Inflation und steigende Zinsen sorgen. Ein Gastbeitrag.Michael Strain 29.07.2025 - 10:35 Uhr
Zinspolitik und Milliardenkosten entfachen neuen Konflikt zwischen US-Präsident Trump und Fed-Chef Powell. Foto: REUTERS

Donald Trumps Frust über den Vorsitzenden der US-Notenbank Fed, Jerome Powell, wächst – und der US-Präsident verschärft seine persönlichen Angriffe. Er hat Powell den Spitznamen „Too Late“ gegeben; damit bezieht er sich auf das Versäumnis der Fed, die beschleunigte Inflation 2021 zu erkennen und auf Powells Entscheidung, die Zinsen 2025 bisher nicht zu senken. Trump schrieb Powell eine handschriftliche Notiz, in der schimpfte, dass die Fed den USA durch die Nichtsenkung der Zinsen „ein Vermögen gekostet“ habe. Zuletzt ging er wegen der steigenden Kosten für die Renovierung des Fed-Hauptsitzes gegen den Notenbank-Chef vor.

Powell und seine Kollegen bei der Fed haben den Leitzins seit Trumps Amtsantritt im Januar bei rund 4,3 Prozent gehalten. Der Präsident findet hingegen, der Leitzins soll bei rund 1,0 Prozent liegen. Damit liegt Trump eindeutig falsch. Die Fed hat richtig gehandelt, die Zinsen in diesem Jahr nicht zu senken.

Betrachten wir die aktuellen Wirtschaftsdaten.  Die Arbeitslosenquote ist niedrig und steigt nicht an, aktuell liegt sie mit 4,1 Prozent auf dem gleichen Niveau wie vor zwölf Monaten. Nach meinen Berechnungen wurden im ersten Quartal 2025 durchschnittlich 111.000 neue Arbeitsplätze pro Monat geschaffen, was unter dem Durchschnitt des zweiten Quartals von 150.000 liegt. Und die Daten zu Entlassungen oder Anträgen auf Arbeitslosenunterstützung lassen keine Anzeichen erkennen, dass sich dies in naher Zukunft ändern wird. Zugleich liegt die Verbraucherpreisinflation deutlich über dem Zielwert der Fed von zwei Prozent – und hat sich zuletzt sogar leicht beschleunigt.

Über den Autor
Michael Strain

Die Fed legt den Leitzins in der Hoffnung fest, die allgemeinen Finanzbedingungen zu beeinflussen, darunter Aktienkurse, Zinssätze, Kreditspreads und Wechselkurse. Der Leitzins von 4,3 Prozent scheint nicht hoch genug gewesen zu sein, um hier restriktiv zu wirken. Nach Analysen von Goldman Sachs sind die Finanzbedingungen lockerer als zu Beginn des Jahres.

Aktuell schätzen die Märkte die Wahrscheinlichkeit einer Zinssenkung durch die Fed bis zum Jahresende auf über 93 Prozent. Doch es gibt Risiken für dieses Szenario. Die Nachfrage nach Arbeitskräften kühlt sich deutlich ab. Und es stehen zollbedingte Preiserhöhungen bevor, die die Kaufkraft der Haushalte verringern und die Konsumausgaben bremsen könnten.

Nach dem ökonomischen Lehrbuch sollte die Fed die Zollerhöhungen zwar ignorieren, da es sich dabei um einen einmaligen Angebotsschock handelt, der die relativen Preise, nicht aber das allgemeine Preisniveau verändert.

Es besteht jedoch die Gefahr, dass ein Handelskrieg sehr wohl zu einem Anstieg der Inflation führen könnte. So zeigen laut einer Verbraucherumfrage der University of Michigan die mittelfristigen Inflationserwartungen der Haushalte einen starken und beunruhigenden Anstieg, der wahrscheinlich auf den Handelskonflikt zurückzuführen ist. Auch wenn diese Erwartungen in den vergangenen Monaten wieder zurückgegangen sind, bleiben sie dennoch auf einem besorgniserregend hohen Niveau. Angesichts der Bedeutung der Inflationserwartungen für die tatsächliche Inflation muss die Fed bei der Entscheidung über eine Zinssenkung im Laufe dieses Jahres mit Vorsicht vorgehen.

Ein neuer Fed-Vorsitzender könnte zwar sofort die kurzfristigen Zinsen senken, aber die für Haushalte und Unternehmen wichtigen längerfristigen Zinsen – beispielsweise für Unternehmenskredite und Hypotheken – werden von den Märkten und nicht von der Fed festgelegt.

Eine Entlassung von Powell würde die Anleger massiv verunsichern und ihr Vertrauen in die Notenbank, die Inflation zu zügeln, erschüttern. Dies würde die langfristigen Zinsen in die Höhe treiben – das genaue Gegenteil von Trumps Ziel. Und selbst wenn Trump das Ende von Powells Amtszeit abwartet: Die Ernennung eines Vorsitzenden, von dem die Märkte glauben, dass er den Wünschen des Präsidenten nachkommt, hätte ähnliche Folgen auf die langfristigen Zinsen.

Die Unabhängigkeit der Fed ist seit Jahrzehnten ein zentraler stabilisierender Faktor in der amerikanischen Wirtschaftspolitik. Trump würde daher Unternehmen und Haushalten schaden, wenn er diese Unabhängigkeit untergräbt. Und er würde sich zugleich von seinen eigenen wirtschaftlichen und politischen Zielen verabschieden.

Copyright: Project Syndicate 2025

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