Stablecoins: Digitale Geldwäsche made in USA

Die Crypto Week in Washington ist zur Bühne für politische Weichenstellungen geworden – und zum Symbol für ein neues Machtvorhaben: Krypto soll der Hebel sein, mit dem die USA ihre Vorherrschaft im globalen Finanzsystem sichern wollen. Mit dem Genius Act wurde ein Gesetz verabschiedet, das Stablecoins legitimiert und der Branche Rechtssicherheit verschafft. Doch was fehlt? Kontrolle.
Stablecoins – also Kryptowerte, die von privaten Unternehmen ausgegeben werden und an Währungen wie den US-Dollar oder Euro gekoppelt sind – sind längst keine technologische Spielerei mehr. Sie sind ein Milliardenmarkt. Und ein beliebtes Werkzeug für Krypto-Kriminalität. Laut dem „Crypto Crime Report 2025“ von Chainalysis sind sie inzwischen an der Mehrheit aller bekannten kriminellen Transaktionen beteiligt, von der Terrorfinanzierung bis zur Sanktionsumgehung.
Wer heute Geld waschen will, braucht keine Koffer mit Bargeld. Mit wenigen Klicks lässt sich „echtes“ Geld in Stablecoins umwandeln und anonym über dezentrale Krypto-Börsen rund um die Welt verschieben. Die Absender sitzen beispielsweise in Russland, die Empfänger in Dubai, die Plattformen in Singapur – und das alles in kürzester Zeit, außerhalb jeder klassischen Bankenaufsicht. Kein nationaler Staat kann solche Strukturen allein überwachen. Nationale Gesetze helfen nur wenig gegen globale Netzwerke.
Das Problem ist nicht neu, wir konnten es bei Wirecard, der Danske Bank oder auch der maltesischen Pilatus Bank beobachten. Immer waren es internationale Geldströme, die dank Aufsichtslücken ungehindert fließen konnten. Immer mussten nationale Ermittler kapitulieren, weil ihre Instrumente an den Grenzen endeten. Jetzt wiederholt sich die Geschichte – nur schneller.
Tatsächlich ist der Genius Act das erste Regelwerk, das in den USA klar definiert, was in Sachen Stablecoins erlaubt ist. Doch das Gesetz liest sich, als hätte es die Kryptolobby selbst geschrieben, sagen Beobachter. Kein Wunder: Die Kryptoindustrie ist in Washington bestens vernetzt – und fest entschlossen, politischen Einfluss geltend zu machen. Donald Trump positioniert sich in seiner zweiten Amtszeit öffentlich als Krypto-Befürworter. Nicht zuletzt, weil er selbst an den digitalen Vermögenswerten verdient. Die Aussicht auf Wachstum im Stablecoin-Segment kommt auch seinem Privatvermögen zugute. Dass hier politische Macht und wirtschaftliches Eigeninteresse ineinandergreifen, ist kein Nebenaspekt, sondern ein strukturelles Risiko.
Zwar enthält der Genius Act einige Hinweise zur Geldwäschebekämpfung, etwa die Möglichkeit, Wallets zu blockieren. Doch verbindliche Pflichten, insbesondere für besonders anfällige Bereiche wie dezentrale Finanzplattformen (DeFi) oder sogenannte Mixer, die die Herkunft und Empfänger von Kryptowährungen verschleiern, fehlen. Statt klare Regeln zu schaffen, sieht das Gesetz lediglich vor, dass die Behörden das Thema weiter beobachten und in Zukunft prüfen sollen. Genau dort, wo Geldwäsche heute besonders leicht ist, bleibt der Gesetzgeber vage.
Wir kennen das Muster – auch hierzulande. Als Deutschland für den Finanzplatz Frankfurt um Aufmerksamkeit und Marktanteile kämpfte, wurde die Finanzaufsicht schwächer, nicht stärker. Bei Wirecard wurde nicht kontrolliert, sondern verteidigt. Die Lehren daraus? Nur halb gezogen.
Europa hat mit der neuen Geldwäschebehörde AMLA immerhin einen wichtigen Schritt getan. Sie soll künftig grenzüberschreitend arbeiten und einheitliche Standards durchsetzen. Und gerade erst hat die Behörde angekündigt, Kryptoanbieter zu einem Schwerpunkt ihres ersten Arbeitsprogramms zu machen. Die AMLA hat offenbar verstanden, dass Kryptodienste besondere Risiken bergen – sie warnt ausdrücklich vor den „technologischen Merkmalen, grenzüberschreitenden Aktivitäten und anonymitätsfördernden Eigenschaften“, die Kryptofirmen anfällig für Geldwäsche und Terrorfinanzierung machen. Anders als bei Banken liegt die Aufsicht über Kryptofirmen bislang bei den nationalen Behörden – mit dem Risiko einer „uneinheitlichen Anwendung“ der Regeln und „inkonsistenter Kontrollen“, wie die AMLA es formuliert. Genau dagegen will sie nun vorgehen. Ziel sei es, Bedrohungen zu verhindern – und endlich gleiche Wettbewerbsbedingungen in der gesamten EU zu schaffen.
Stablecoins können vieles sein: praktische Zahlungslösungen, digitale Infrastruktur, Innovationstreiber. Aber sie können ebenso als Kanäle für Geldwäsche, Sanktionsumgehung und Korruption missbraucht werden. Das ist bereits dokumentiert, bewiesen und bekannt. Wir können es uns nicht leisten zu sagen: „Das ist zu technisch“ oder „Der Rechtsstaat versteht das nicht“. Wir haben gesehen, wie schnell Systeme kippen können, wenn kriminelle Akteure sie zu ihren Zwecken instrumentalisieren.
Wir brauchen deshalb einen klaren und verbindlichen Rechtsrahmen, der nicht an nationalen Grenzen haltmacht und sich nicht von den Interessen der Lobby beeinflussen lässt. Eine internationale Finanzarchitektur muss auch international kontrolliert werden. Alles andere wäre nicht nur kurzsichtig, sondern auch gefährlich. Die AMLA ist ein Schritt in die richtige Richtung. Entscheidend wird sein, ob Europa den Mut hat, selbst Verantwortung zu übernehmen – und damit den digitalen Finanzmarkt aktiv und souverän mitzugestalten.