Mobbing in der Arbeitswelt: Wer im Job am stärksten von Mobbing betroffen ist
Wiederholt und systematisch, häufig und andauernd, mit einer ganz bestimmten Absicht und kränkend. So skizzieren Opfer und Forscher Mobbing im Berufsleben. 6,5 Prozent der Beschäftigten in Deutschland sagen von sich, Mobbing am Arbeitsplatz ausgesetzt zu sein, sich innerhalb von sechs Monaten mindestens wöchentlich durch Kollegen und/oder Vorgesetzte zu Unrecht kritisiert, schikaniert oder vor anderen bloßgestellt gefühlt zu haben. So steht es im aktuellen Mobbingreport der Bundesregierung.
Die Arbeitsmedizinerin Margrit Löbner und ein Dutzend weiterer Autoren haben die Studie am Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health der Universität Leipzig durchgeführt. Ein Merksatz aus den qualitativen Interviews: „Ein Konflikt muss nicht zum Mobbing werden, aber jedem Mobbingverfahren oder jedem Mobbingprozess geht ein ungelöster Konflikt voraus.“ Konflikte, die Führungskräfte entschärfen, Fälle, die Chefs aufarbeiten müssen. Im besten Fall: vermeiden.
Für Unternehmen hat der Report nicht nur aufgrund ihrer Fürsorgepflicht gegenüber allen Mitarbeitern Relevanz, sondern auch, weil gemobbte Arbeitnehmer schlechter arbeiten und häufiger krank sind. Betroffene zeigen eine deutlich geringere Zufriedenheit mit ihrer Arbeit und messen ihrem Job weniger Sinn bei. In der repräsentativen Befragung gaben von Mobbing Betroffene im Vergleich zu Nicht-Betroffenen häufiger an, Zeit- und Termindruck zu erleben oder in Rückstand mit der Erledigung der Aufgaben zu geraten.
„Es gibt Handlungsbedarf“, betont Steffi Riedel-Heller, Studienleiterin und Institutsdirektorin an der Uni Leipzig. Unternehmen müssten durch Prävention Mobbing noch stärker vereiteln. „Neben einer verstärkten Sensibilisierung der Beschäftigten sind gezielte Schulungen von Führungskräften erforderlich.“ Riedel-Hellers Kollegin Löbner fordert „anonyme Anlaufstellen und klare Verhaltensrichtlinien, die vorgelebt werden“. Der Umgang mit Konflikten und Mobbing am Arbeitsplatz sollte, so ihre Empfehlung, in einer Betriebsvereinbarung oder Verhaltensrichtlinie festgehalten werden, in der auch mögliche Konsequenzen für Mobber beschrieben sind.
Keine Geschlechter-, große Altersunterschiede
Zwischen Männern und Frauen zeigen sich keine signifikanten Unterschiede, und Mobbing findet unabhängig von Betriebsgröße und Hierarchie statt. Doch nicht alle Gruppen von Beschäftigten sind gleichermaßen betroffen. Unter Leih- und Zeitarbeitern gibt es deutlich mehr Fälle als unter Angestellten und Beamten. Die Ergebnisse aus Leipzig weisen außerdem erhebliche Altersunterschiede auf.
Jüngere Menschen und Auszubildende sind häufiger von Mobbing betroffen als ältere Beschäftigte. 11,4 Prozent der 18- bis 29-Jährigen sind Mobbing am Arbeitsplatz ausgesetzt, aber nur gut drei Prozent der Beschäftigten zwischen 50 und 59 Jahren. Gründe für diese Diskrepanz zwischen den Altersgruppen haben die Wissenschaftler nicht genauer untersucht. Vermutlich spielen mehrere Faktoren eine Rolle, sagt Löbner: Zum einen hätten jüngere Beschäftigte „naturgemäß weniger Berufserfahrung, befinden sich im Vergleich zu Personen, die bereits länger im Betrieb sind, in schwächeren Positionen und sind vielleicht auch weniger über unterstützende Strukturen informiert“. Sie könnten zudem sensibilisierter sein, „weil es in Schulen heute mehr Workshops oder Aufklärung zum Thema Mobbing gibt“. Wer solche Schulungen mitgemacht hat, könne Mobbing womöglich schneller als solches erkennen und benennen.
Doch auch ältere Personen, betont Löbner, könnten „sehr belastendes“ Mobbing erfahren. Ein Nachteil komme für sie hinzu: „Anders als jüngere Mitarbeitende haben ältere oft weniger Möglichkeiten, den Arbeitsplatz zu wechseln, sei es aus finanziellen Gründen, aus Sorge um die berufliche Zukunft oder wegen eines eingeschränkteren Arbeitsmarktes für ältere Personen.“
Mobbingopfer sind doppelt so häufig krank
Die häufigsten Verhaltensweisen, die Befragte als Mobbing empfinden, sind dem Report zufolge absichtliches Unterbrechen, wenn man selbst gerade spricht, und ausbleibende Reaktionen auf Ansprachen. Die physischen und psychischen Auswirkungen sind sehr unterschiedlich, reichen von Nervosität, Unwohlsein und Kopfschmerzen über Magenprobleme und Schlafstörungen bis hin zu Alkoholismus oder anderen Süchten. Mit durchschnittlich 23 Tagen im Jahr meldeten sich Mobbingopfer doppelt so oft krank wie andere Mitarbeiter. Sie geben signifikant häufiger an, an einer chronischen Erkrankung zu leiden.
Grundlage für den aktuellen Report ist eine repräsentative Befragung von mehr als 5000 Erwerbstätigen in Deutschland, mehr als 20 Jahre nach der jüngsten Erhebung im Auftrag der Bundesregierung. Der Mobbinganteil ist in etwa auf dem Niveau anderer deutschsprachiger Länder, aber niedriger als im internationalen Vergleich. Global liegen die Werte zwischen elf und 18 Prozent.
Um herauszufinden, ob Mobbing im Arbeitsalltag der Deutschen häufiger geworden ist, zogen die Leipziger Autoren eine Studie aus den Jahren 2011 und 2012 heran. Im Vergleich dazu ist das Phänomen etwas zurückgegangen. Während der Anteil Mobbingbetroffener durch Kollegen in der aktuellen Studie höher liegt, ist der Anteil derer, die sich von Vorgesetzten drangsaliert fühlen, deutlich gesunken. Ein Indiz dafür, dass sich die Führungsqualitäten in Deutschland – zumindest in dieser Hinsicht – verbessert haben.
Lesen Sie auch: Wissen Sie, was Ihr Kollege verdient?