Abnehmspritzen-Alternative: Was bringt die Abnehmpille von Eli Lilly?
Es könnte eine der wichtigsten Erfindungen des Jahrzehnts werden – die Pille zum Abnehmen. Entsprechende Spritzen gibt es bereits – Wegovy vom dänischen Hersteller Novo Nordisk sowie Mounjaro vom US-Unternehmen Eli Lilly. Für Patienten ist es allerdings angenehmer, eine Pille zu schlucken, als sich eine Spritze ins Fleisch zu rammen.
Und so wetteifern Novo Nordisk und Eli Lilly schon länger darum, wem der Schritt von der Spritze zur Pille zuerst gelingt. Der Sieger darf sich über jährliche Milliardenumsätze freuen.
Nun scheint es, als setze der US-Konzern Eli Lilly sich dabei ein bisschen ab. Laut aktueller Daten lässt sich mit der Lilly-Tablette Gewicht reduzieren – wenn auch nicht ganz so viel wie mit einer Spritze. Womöglich noch in diesem Jahr wollen die Amerikaner die Zulassung beantragen. Die Abnehmpille könnte dann schon 2026 auf den Markt kommen. Wann eine solche Tablette in Deutschland verfügbar sein wird, ist noch offen.
Viele Patienten brechen ab
Laut der jüngsten Daten sorgt die Lilly-Abnehmpille Orforglipron bei übergewichtigen Erwachsenen mit Diabetes innerhalb von etwa anderthalb Jahren für einen Gewichtsverlust von 10,5 Prozent. Die Studie zeigte auch, dass sich Cholesterin und Blutdruck verbesserten. Dabei fielen die Nebenwirkungen ähnlich aus wie bei der Spritze – Patienten klagten vor allem über Übelkeit, Durchfall, Erbrechen.
Ganz eindeutig sind die Ergebnisse allerdings nicht: Denn viele Mediziner sind noch skeptisch – etwa wegen hoher Abbruchraten oder weil wichtige Parameter nicht untersucht wurden. Auch an der Börse blieb das ganz große Jubelgeschrei bisher aus. Die Abbruchrate aufgrund der „unerwünschten Ereignisse“ liegt bei gut zehn Prozent. Von denen, die durchgehalten haben, sind viele für die Tablette dankbar: Gerade Übergewichtige, die zusätzlich an Diabetes leiden, tun sich mit dem Abnehmen besonders schwer.
Anfang August hatte Lilly eine weitere Studie an übergewichtigen Erwachsenen ohne Diabetes publiziert. Der durchschnittliche Gewichtsverlust lag innerhalb von 72 Wochen bei 12,4 Prozent – und damit unter den Erwartungen. Der Markt hatte eher auf 15 Prozent gehofft – die Lilly-Aktie stürzte daraufhin ab.
Zum Vergleich: Die bisherigen Spritzen sorgen in über einem Jahr für eine Gewichtsreduktion von 15 Prozent (Novo Nordisk) sowie von etwa 20 Prozent (Eli Lilly). Möglicherweise nehmen viele Patientinnen und Patienten eine geringere Wirkung jedoch in Kauf, wenn sie dafür nicht mehr spritzen müssen.
Noch nicht der große Durchbruch
Etliche Mediziner, die dazu vom Fachportal Science Media Center befragt wurden, bleiben allerdings bezüglich der Lilly-Tablette skeptisch. Stephan Martin, Chefarzt für Diabetologie aus Düsseldorf, sieht in dem neuen Mittel Orforglipron bisher nicht den großen Durchbruch bei der Behandlung von starkem Übergewicht (Adipositas). Die grundsätzlichen Probleme, die bereits bei den Abnehmspritzen auftraten, blieben auch bei einer Tablette bestehen: Nach dem Absetzen des Medikaments trete der Jojo-Effekt ein; zudem würde neben der Fettmasse auch die Muskelmasse abnehmen.
Stefan Kabisch, Studienarzt am Deutschen Zentrum für Diabetesforschung in Berlin, kritisiert, dass Lilly seine Tablette gegen ein Placebo, also ein Scheinmedikament, und nicht gegen Abnehmspritzen oder eine hochwirksame Ernährungstherapie getestet habe: „Diese sind unter gleichen Bedingungen – strenge Auswahl der Patientinnen und Patienten, engmaschige Betreuung und kostenlose Bereitstellung der Therapie – ebenfalls in der Lage, einen solch starken Gewichtsverlust zu erzielen.“
Katrin Gebauer, Kardiologin am Universitätsklinikum Münster, weist darauf hin, dass bei der Lilly-Studie an Übergewichtigen ohne Diabetes eine wichtige Nebenwirkung nicht untersucht wurde: „Offen bleiben die Fragen nach Lebertoxizität in größeren Kohorten, wie sie bei einem vergleichbaren Präparat von Pfizer im Rahmen der klinischen Prüfung aufgefallen war und schließlich zur Einstellung des Entwicklungs- und Studienprogramms führte.“
Die Konkurrenz schläft nicht
Zudem steht Eli Lilly mit seiner Abnehmpille auch nicht alleine da. Konkurrent Novo Nordisk hat sogar schon eine Zulassung für eine Tablette zur Gewichtsreduktion beantragt, hält sich aber mit Prognosen auffällig zurück. Denn die Pille hat ein Problem – die Produktion ist relativ aufwendig, da es sich dabei um ein biologisches Präparat, ein sogenanntes Peptid, handelt. Laut Novo Nordisk ist die benötigte Wirkstoffmenge dabei zehnmal so hoch wie bei der Spritze, da nur ein Teil des Wirkstoffs ins Blut gelangt.
Demgegenüber scheint Lilly, das bei seiner Abnehmpille auf ein chemisches Molekül setzt, im Vorteil zu sein. Beide Unternehmen arbeiten zudem bereits an der nächsten Generation von Abnehmpillen. Ebenso arbeiten auch der Schweizer Pharmakonzern Roche, die britische AstraZeneca und etliche Biotechunternehmen an Abnehmpräparaten in Tablettenform.
Am Ende dürfte es Platz für alle geben, die eine gute Tablette oder Spritze zum Abnehmen anzubieten haben. Der Bedarf steigt weltweit, immer mehr Menschen sind übergewichtig. Laut dem führenden Pharma-Marktforscher IQVIA wird der Markt für Medikamente gegen Übergewicht jährlich um 13 bis 15 Prozent wachsen. Im Jahr 2034 könnte dann ein fettes Volumen von 130 Milliarden Dollar erreicht sein.
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