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EdTech-Start-upsWas ist aus den Lern-Apps der Corona-Schuljahre geworden?

Während der Pandemie riefen Schüler und Lehrer nach digitalen Bildungsangeboten. Zahlreiche Tech-Firmen kamen neu auf den Markt. Jetzt setzt KI die Branche unter Druck.Lisa Ksienrzyk 17.09.2025 - 10:34 Uhr
In den Jahren 2020 und 2021 haben Schüler und Studenten vor allem von Zuhause aus gelernt. Foto: imago images/MiS

Es ist gar nicht allzu lange her, da haben Achtklässler über einen Videocall Mathematik mit ihrer Lehrerin gelernt, Hausaufgaben am Computer erledigt und Englisch-Nachhilfe per App bekommen. Der digitale Bildungssektor hat von der Coronapandemie und den monatelangen Lockdowns besonders profitiert. Zwischen 2020 und 2022 sind zahlreiche Start-ups entstanden, die Lern-Apps, Nachhilfeportale oder Weiterbildungsmöglichkeiten für Angestellte entwickelt haben. Tech-Firmen, die vor der Pandemie auf den Markt gekommen sind, haben mit der erzwungenermaßen digitalisierten neuen Welt einen Booster erhalten.

Heute findet das Leben wieder vermehrt offline statt: Schüler lernen in der Schule, Vorlesungen finden nur noch in Präsenz statt und Unternehmen holen ihre Mitarbeiter zurück ins Büro. Aus und vorbei mit dem plötzlichen Aufschwung der sogenannten EdTech-Start-ups?

„Die Anzahl der Neugründungen ist über die Jahre stets stabil geblieben – auch im Vergleich zur gesamten Start-up-Szene“, erläutert Arnas Bräutigam, Mitgründer des Portals Startupdetector. Eine Auswertung des Analysediensts zeigt, dass seit 2020 im Bildungsbereich 640 Tech-Firmen neu gegründet wurden. Davon wurden 15 Prozent wieder liquidiert, etwa infolge eines Insolvenzverfahrens. Die meisten solcher Auflösungen gab es bei Firmen des Jahrgangs 2021.

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„Gründer berichten, dass trotz der großen Ambitionen das Geld häufig noch fehlt, um Ideen umzusetzen und in die Breite zu bringen“, hieß es vor einem Jahr vom Start-up-Verband. Im Oktober 2024 veröffentlichte der Verein gemeinsam mit der Bielefelder Organisation Founders Foundation den EdTech-Monitor, eine Erhebung unter deutschen Gründerteams aus dem Bildungssektor.

Während in der Bandbreite der Start-up-Szene 40 Prozent der Unternehmen Wagniskapital erhalten haben, überzeugten nur 27 Prozent der Bildungsfirmen externe Geldgeber. „Kapitalgeber investieren längst nicht so viel Geld in EdTech-Start-ups wie in andere Märkte“, sagt Benedict Kurz auch ein Jahr später noch. Der 23-Jährige ist selbst Gründer in dem Bereich und Vorstandsmitglied im Start-up-Verband.

Trotz mangelnder politischer Unterstützung und festgefahrener Strukturen im Bildungsapparat bleiben die Ambitionen hoch. Anders als etwa bei Finanzlösungen oder Konsumentenmarken benötigen die Gründer einen langen Atem bei der Finanzierung. Investoren müssen sich erst Fachwissen zu der komplizierten Kundenstruktur aneignen, die durch lange Vertriebszyklen und bürokratische Hürden besticht, so die Autoren des EdTech-Monitors. Viele lehnen daher direkt ab, mehr Gründerteams entscheiden sich folglich für einen Weg ohne Finanziers. Hinzu kommt, dass im Bildungssektor vermehrt Frauen gründen, die Statistiken zufolge ohnehin seltener finanziell unterstützt werden.

ChatGPT bestimmt Geschäftsmodelle

„Der EdTech-Bereich ist generell unterfinanziert. Dabei ist Bildung ein krisensicheres Thema“, argumentiert Irene Klemm, eine der Gründerinnen von Edurino. Das Münchner Start-up ist 2021 entstanden, inmitten der Corona-Welle. Klemm und ihre Mitgründerin Franziska Meyer verkaufen kleine Spielfiguren, die auf einem Tablet oder Handy platziert werden und in der Edurino-App entsprechende Lerninhalte abspielen. Der Fuchs Mika bringt Kindern spielerisch Buchstaben und Laute bei, mit dem Pferd Alex lernen Kleinkinder die Uhr. Das Vorbild des Start-ups ist die Düsseldorfer Firma Tonies, die an der Börse rund 950 Millionen Euro wert ist.

Franziska Meyer (l.) und Irene Klemm sprechen mit Edurino in erster Linie Kleinkinder und Schulanfänger an. Foto: PR

Edurino ist eines von wenigen Unternehmen, das in den vergangenen Monaten eine Finanzierungsrunde abgeschlossen hat. Der Spielehersteller Ravensburger, das Investmentvehikel der Familie Tengelmann und andere Geldgeber steckten im Juli 17 Millionen Euro in das Start-up. Insgesamt knapp 32 Millionen Euro hat die Firma seit der Gründung erhalten. Die Verluste liegen nach wie vor im Millionenbereich, der Jahresumsatz ist laut Edurino achtstellig. Die Münchnerinnen wachsen dennoch, auch aufgrund neuer Figuren und einer internationalen Expansion.

„Die Schulfächer haben sich seit Jahrzehnten nicht geändert. Daher geht es jetzt vor allem darum, wie Kinder etwas lernen müssen, anstatt was“, führt Klemm aus. Künstliche Intelligenz spiele dabei eine immer größere Rolle. Edurino bringt das Thema sogar in einer eigenen Figur unter, erstellt Bilder mit KI-Programmen und nutzt die Technologie für andere Zwecke in der Produktion.

Künstliche Intelligenz ist das Thema der Stunde. Sie wird nicht nur bei Lerninhalten relevanter, sondern bestimmt auch das Geschäftsmodell. Tech-Firmen wie Knowunity oder Yuno haben daher ihre Produkte gänzlich umgebaut.

Knowunity entstand 2019, während Gründer Benedict Kurz noch sein Abitur schrieb – 17 Jahre war der Unternehmer damals. Die App funktionierte wie eine Art Social Media für Nachhilfe-Inhalte: Nutzer teilten Videos oder Spickzettel über spezifischen Unterrichtsstoff, andere speicherten sich diese Clips, um für die nächste Klausur zu lernen. Sogenannte Lern-Influencer haben sich ein Netzwerk aufgebaut und wurden dafür mit kleinen Beträgen belohnt.

Nutzerverhalten von Schülern ändert sich

Dann kam ChatGPT. „Schüler nutzen kaum noch die Suchleiste, um Inhalte zu finden, sondern lassen sich von KI proaktiv Videos vorschlagen“, erklärt Kurz. Mit der vermehrten Kommerzialisierung von Sprachmodellen habe sich das Nutzerverhalten der Teenager verändert, so Kurz – ähnlich wie Internetnutzer vermehrt vollständige Sätze bei ChatGPT eintippen, statt prägnanter Keywords bei Suchmaschinen. Daher habe Knowunity sein Produkt ändern müssen.

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Das Start-up zeigt zwar noch Notizzettel von Nutzern an, der Fokus liegt aber immer mehr auf dem neuen KI-Tutor. Der hilft bei Matheaufgaben oder erklärt Zellteilung, schlägt basierend auf dem Algorithmus weitere Stichpunkte und Probeklausuren vor. Das führe dazu, dass Knowunity mehr junge Schüler anspreche, die sich von der KI inspirieren lassen, was sie alles lernen müssen. Vorher arbeiteten vor allem Abiturienten mit der App, die gezielt nach Materialien für ihre Prüfungen suchten.

Mit der Neuaufstellung hat das junge Gründerteam auch sein Bezahlmodell geändert, profitabel ist Knowunity aber noch immer nicht. Das Wachstum finanziert CEO Kurz daher mithilfe von Wagniskapital. Im Juni erhielt Knowunity weitere 27 Millionen Euro von Investoren. Einer der ersten Geldgeber war Profifußballer Mario Götze. Er und die anderen Gesellschafter steckten seit der Gründung 45 Millionen Euro in die App.

Ähnlich verlief auch der Weg von Yuno. Die App richtet sich an Erwachsene, die sich mithilfe von kurzen Audiosequenzen über die griechische Antike oder den Ukraine-Konflikt weiterbilden wollen. Cornelius von Rantzau und Vladimir Cotric gründeten ihr Start-up im Dezember 2019 – damals noch unter dem Gaiali. Wenige Monate nach dem Start schloss das Duo eine erste Finanzierungsrunde ab, Ende 2022 erfolgte das Re-Branding. „Wir hatten eine sehr loyale, aber kleine Zielgruppe, alles wissbegierige Menschen, aber das hat nicht gereicht“, erklärt von Rantzau.

Yuno hat sein Storytelling-Format geändert, setzt mehr auf Entertainment und Quizze. Die Weiterentwicklung der Sprachmodelle hat dazu geführt, dass die Berliner Gründer viele Aufgaben an künstliche Intelligenz abgeben und die Technologien trainieren können. „KI ist der beste Praktikant, den man haben kann“, witzelt von Rantzau. Vor allem in den letzten sechs Monaten habe sich die Effizienz dadurch enorm erhöht. Ein branchenweites Phänomen.

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„Wir erleben zwar noch immer keinen EdTech-Hype, aber der Sektor spaltet die Meinungen“, sagt Yuno-CEO von Rantzau. „Viele Investoren stellen sich gerade die Frage, ob EdTech-Unternehmen Gewinner oder Verlierer der KI-Ära sind.“ Nutzer könnten mit KI-Programmen ihre eigenen Nachhilfekurse programmieren, so die Theorie. „Aber niemand macht das. Die User wollen ein fertiges Produkt vorgesetzt bekommen.“ Tech-Firmen wie Yuno, Knowunity und Edurino, die KI gekonnt für sich einsetzen, sind bisweilen auf der Gewinnerseite.

Chegg hat diesen Entwicklungssprung nicht einberechnet und verliert gerade massiv. Der US-Konzern ist mittlerweile 25 Jahre alt, startete als Online-Verleiher für Lehrbücher, wechselte zu Online-Nachhilfe und bietet mittlerweile nur noch Hausaufgabenhilfe an. Chegg war zum Corona-Boom Anfang 2021 an der Börse etwa 15 Milliarden Dollar wert. Seit dem Start von ChatGPT brach der Wert um 99 Prozent ein.

99
Prozent
hat Chegg seit dem Start von ChatGPT an Wert verloren

So wie Chegg straucheln auch weitere Unternehmen in der Tech-Landschaft. Einige haben die Veränderungen der letzten Jahre nicht überlebt, wenn auch aus diversen Gründen. In Berlin versuchte etwa ein Gründerteam unter dem Namen Totoli eine App für Kleinkinder zu entwickeln, die die Bildschirmzeit reduzieren sollte. Die Idee war, dass Kinder während eines bestimmten Zeitraums Lernvideos, Spiele und Kurzfilme konsumieren konnten, bevor sich die App automatisch abschaltete. Zwei Jahre lang arbeitete das Team an dem Programm. Ende 2022 kam Totoli auf den Markt, drei Monate später war die Firma insolvent – zu wenige Kunden.

So erging es auch Quofox. Das Start-up verdiente sein Geld mit E-Learning-Modulen für die betriebliche Weiterbildung. Das Geschäft funktionierte fast sechs Jahre, bis Unternehmen inmitten der Coronapandemie gezwungen waren, ihre Ausgaben zu senken. Quofox fand keine Investoren, die die Defizite ausgleichen wollten, und ging 2023 pleite.

Die Wiener Nachhilfeplattform GoStudent hingegen legte während der Pandemie ein gewaltiges Wachstum hin, wurde einst mit drei Milliarden Euro bewertet. GoStudent war zweifelsohne ein Gewinner der Lockdowns – dann häuften sich Anschuldigungen gegen das Start-up, die Reputation kam ins Wanken. GoStudent musste sich unter anderem vor dem Kölner Oberlandesgericht wegen zahlreicher unzulässiger AGB-Klauseln verantworten, nachdem ein Wettbewerber die Plattform verklagte. Die Online-Tutoren beschwerten sich über Datenschutzverstöße und schlechte Kommunikation. Folglich baute sich GoStudent komplett um, kündigte 80 Prozent der Belegschaft und ergänzte Nachhilfeklassen in Präsenz – weniger online, mehr offline lautet nun die Strategie.

Das rasante Wachstum von künstlicher Intelligenz hilft zahlreichen Tech-Firmen, einen Platz im Markt zu finden. Aber nur, wenn sie sich weiterentwickeln und mit ihrer jungen, meist digitalaffinen Zielgruppe weiterwachsen. Wer sich ablenken lässt, verliert den Anschluss und damit auch Milliarden Euro – zumindest auf dem Papier.

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