Leben mit Aktien: Privatkredite werden zur Gefahr für die Börsen
Die US-Börsen eilen dieses Jahr von einem Rekord zum nächsten. Der Optimismus der Anleger scheint groß zu sein. Doch im Hintergrund braut sich etwas zusammen – nicht an der Wall Street, sondern an den privaten Kreditmärkten.
Lange galten Kredite abseits des Bankensystems, die als Anlageklasse Private Credit oder Private Debt genannt werden, als Spielwiese professioneller Investoren: wenig reguliert, verschwiegen, renditestark. Mittlerweile ist daraus ein Milliardengeschäft geworden, bei dem über den Umweg spezieller Fonds zunehmend auch Privatanleger mitmischen.
Experten warnen seit Langem vor den Risiken dieses undurchsichtigen Marktes. Die Insolvenz des US-Autozulieferers First Brands Ende September zeigt nun, wie verwundbar dieser Markt ist. Das Unternehmen war durch schuldenfinanzierte Übernahmen rasant gewachsen, finanziert überwiegend über private Kredite.
Das unterschätzte Risiko: First Brands und Private Credit
Mit Verbindlichkeiten von mehr als zehn Milliarden Dollar zählt die First-Brands-Pleite zu den größten Insolvenzen in diesem Sektor. Als First Brands Insolvenz anmeldete, konnte das Unternehmen nicht einmal genau sagen, wie hoch seine Schulden tatsächlich sind. Ein Vorgang, der im regulierten Bankensystem undenkbar wäre.
„Der Fall First Brands wirft ein Schlaglicht auf die Risiken des privaten Kreditmarktes“, sagt Christian W. Röhl, Chefökonom des Neobrokers Scalable Capital, im Podcast „Leben mit Aktien“. WirtschaftsWoche-Chefredakteur Horst von Buttlar stellt fest: „Zwei Dinge lassen sich aus diesem Fall mitnehmen – die Intransparenz und die Ansteckungsgefahr.“
Hohe Renditen und hohe Risiken
Die Kredite, die First Brands aufgenommen hatte, stammten von Dutzenden Fonds, die wiederum über verschachtelte Vehikel bei Banken und institutionellen Investoren Geld aufgenommen hatten. Unter den Fonds befanden sich auch Produkte der Schweizer Großbank UBS. Diese könnten laut „Financial Times“ nun Hunderte Millionen Dollar verlieren.
Die Anlageklasse Private Credit verspricht viel. Anleger sollen mit entsprechenden Investments teils acht bis zwölf Prozent Rendite im Jahr erzielen. Das ist deutlich mehr als am klassischen Zinsmarkt. Entsprechend hoch sind allerdings die Risiken. Auf den privaten Kreditmärkten gibt es keine Meldepflichten, keine Ratings und keine zentrale Datenbank. Fonds vergeben Kredite unter Ausschluss der Öffentlichkeit, die Konditionen bleiben vertraulich.
Längst gehören nicht mehr nur Hedgefonds und spezielle Finanzierungsgesellschaften zu den Geldgebern am Private-Credit-Markt. Auch Versicherer und Pensionskassen investieren zunehmend in diese Anlageklasse – auf der Suche nach Renditen, die der klassische Anleihemarkt kaum noch bietet.
Sogar mit dem klassischen Bankensystem ist der Private-Credit-Markt inzwischen eng verflochten. Laut einer Studie von Fitch Ratings stammt inzwischen rund ein Drittel des Kapitals im Private-Debt-Sektor aus traditionellen Finanzhäusern. Sollte es zu Zahlungsausfällen kommen, dürften diese also rasch auf den regulierten Bankensektor übergreifen.
Gerät ein großer Kreditnehmer wie First Brands ins Straucheln, verlieren Private-Credit-Fonds Geld. Die Investoren in den Fonds müssen die Verluste verbuchen, Vermögenswerte verkaufen oder Kreditlinien kürzen. Die Folgen sind bekannt: Wird Liquidität knapp, greifen die Spannungen schnell auf andere Bereiche über, zunächst in den Bilanzen, später auch an den Finanzmärkten.
Was den Private-Credit-Markt zusätzlich gefährlich macht, ist seine geringe Transparenz. Bei klassischen Krediten sehen Regulierer, wie hoch die Risiken sind, wer sie trägt und wo sie liegen. An den privaten Kreditmärkten bleibt dagegen vieles im Schatten.
Vieles daran erinnert an die Jahre vor der Finanzkrise 2008. Damals wurden Hypothekenkredite zu komplexen Finanzprodukten gebündelt und weiterverkauft, bis niemand mehr wusste, welche Risiken darin schlummerten. Wie sich schließlich herausstellte, waren es so einige. Was 2008 die Hypothekenpapiere waren, könnten heute Kredite alternativer Geldgeber werden: ein Krisenkatalysator.
Die Pleite von First Brands hat eine Warnleuchte angehen lassen. Welche Folgen das haben wird, bleibt abzuwarten. Noch ist reichlich Liquidität im Markt. Doch das Vertrauen in Private Credit hat Risse bekommen. Aus gutem Grund: Schon wenige große Ausfälle könnten genügen, um den gesamten Markt ins Straucheln zu bringen.
Mehr über die Gefahren von Private Credit sowie zu den Entwicklungen im Handelsstreit zwischen den USA und China und dazu, warum die Ferrari-Aktie zuletzt gefallen ist, hören Sie in der aktuellen Folge „Leben mit Aktien“.