Wirtschaft von oben #357 – Addis Abeba: Hier baut sich Äthiopiens Premier einen gigantischen Palast
Der Yeka-Hügel vor den Toren der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba lud jahrzehntelang ein zum Wandern, Joggen oder um Feuerholz zu sammeln. Heute ist das nicht mehr möglich. Von einem auf den nächsten Tag versperrten Bauzäune den Weg, vor ihnen patrouillieren Sicherheitskräfte. Zugang wird nur Baustellenfahrzeugen und hochrangigem Besuch gewährt.
Der Blick aus dem Tal verrät: Von dem einstigen Stadtwald ist inzwischen kaum noch etwas übrig. Stattdessen thront eine gigantische Baustelle über den Dächern der Hauptstadt.
Bilder: LiveEO/Airbus, LiveEO/Maxar, LiveEO/Pleiades-Neo
Was genau dort gebaut wird, wissen die Bewohner von Addis Abeba nicht. Von einer „Satellitenstadt“ spricht Premierminister Abiy Ahmed, wenn er darauf angesprochen wird. Mehr Informationen aber teilt er nicht. Es gibt weder einen öffentlich zugänglichen Bauplan, noch eine offizielle Kostenkalkulation.
Ganz verbergen aber kann die Staatsführung nicht, was hier passiert: Über die wahren Dimensionen der vermeintlichen „Satellitenstadt“ und ihren Zweck verraten Satellitenbilder einiges. Die Aufnahmen zeigen, wie die 500 Hektar große Waldfläche Stück für Stück gerodet wurde.
Die noch weitgehend kahle Landschaft durchziehen inzwischen 29 Kilometer neue Straße. Herzstück des Projekts scheint ein kreisrundes Gebäude im Nordwesten des Areals zu sein. Davor wurde ein künstlicher, mit Palmen umrandeter See angelegt. Weiter südlich entstehen auf dichtem Raum zahlreiche neue Gebäudekomplexe.
Die Analyse von Satellitenbildern und Gespräche mit Experten ergeben das folgende Bild: Auf dem Yeka-Hügel entsteht ein neues, pompöses Regierungsviertel. Von einem Palast, Ministerresidenzen, einem Konferenzzentrum, Gästehäusern für Staatschefs, einem Luxushotel, drei Seen und über 400 000 Wohneinheiten ist die Rede. Um die Gäste vor Ort angemessen zu versorgen, soll außerdem ein Einkaufszentrum, Gesundheitseinrichtungen und Geschäftszentren geplant sein.
Vorangetrieben wird es von Premierminister Abiy Ahmed. Und somit von dem Mann, der bei seinem Amtsantritt 2018 für viele Äthiopier als Hoffnungsträger galt. Schon 2019 erhielt der Ministerpräsident für seine innenpolitischen Reformen den Friedensnobelpreis.
Bilder: LiveEO/Airbus, LiveEO/Maxar
Kosten soll das sogenannte Chaka-Projekt laut afrikanischen Medien wie „Africa Confidential“ bis zu zehn Milliarden Dollar. Die Summe entspricht gut der Hälfte des äthiopischen Staatshaushalts – und wird nun investiert, obwohl das Land tief in der Krise steckt. Laut dem Welthungerindex sind knapp 20 Prozent der Bevölkerung unterernährt.
Die Hälfte der Äthiopier hat keinen Zugang zu Strom. Zudem ist das Land hoch verschuldet. In den vergangenen Jahren erhielt Äthiopien Milliardenbeträge an humanitärer Unterstützung von den Vereinten Nationen und internationalen Hilfsorganisationen.
Dabei ist das Chaka-Projekt nicht Addis Abebas einziges Neubauprojekt. In den vergangenen Jahren glich Äthiopiens Hauptstadt insgesamt einer gigantischen Baustelle.
Komplette Straßenzüge wurden aufgerissen, Häuserzeilen verschwanden, ganze Viertel wurden dem Erdboden gleich gemacht. Hintergrund von all dem ist das 2022 beschlossene „Corridor-Development-Project“.
Bilder: LiveEO/Airbus, LiveEO/Airbus/Pleiades
Ziel der Aktion: mehr Platz und weniger Staus, so zumindest lautet die offizielle Version der Regierung. Abiy preist das Projekt als notwendigen Schritt zur Erneuerung der Vier-Millionen-Metropole. Den Äthiopierinnen und Äthiopiern verspricht er eine leuchtende Zukunft in wenigen Jahren. Touristen sollen kommen, und das aufgewertete Stadtzentrum werde neue Investoren anziehen.
Abiys Kritiker werfen dem Politiker dagegen ein Ablenkungsmanöver vor: „Abiy poliert die Stadt auf, um sich selbst zu legitimieren und von den eigentlichen Krisen im Land abzulenken“, sagt ein Äthiopien-Experte, der aus Sicherheitsgründen nicht namentlich genannt werden möchte.
Als unumstritten gilt: In Addis Abeba braucht es dringend Veränderung. Die Millionenmetropole droht unter der stetig wachsenden Bevölkerung und dem daraus hervorgehenden Verkehrschaos zu ersticken. Aktuelle Einwohnerzahlen von Addis Abeba gibt es nicht. Die letzte Angabe stammt aus dem Jahr 2007. Damals sollen rund drei Millionen Menschen in der äthiopischen Hauptstadt gewohnt haben. Heute wird über fünf bis acht Millionen Menschen gemutmaßt. Zeitweise sollen bis zu 23 Menschen pro Stunde neu in die Stadt gezogen sein. Ein Tempo, mit dem weder Infrastruktur noch Wasser- und Stromversorgung Schritt halten kann.
Umso umstrittener aber ist die Art und Weise, mit der die Veränderung von der Regierung durchgesetzt wird. „Die ganze Stadt befindet sich im aggressiven Wandel“, sagt der Experte. „Zehntausende Menschen wurden aus der Innenstadt vertrieben – für Parks, für Straßen, für Fahrradwege.“ Teilweise würden die Menschen nur drei Tage Zeit bekommen, um ihre Wohnungen und Läden in den Innenstädten zu räumen. Umgesiedelt würden sie in Wohnblocks am Stadtrand – weit weg von Schulen und Arbeitsplätzen.
Das „World Resources Institute“ (WRI), das die äthiopische Regierung beraten hat, schreibt in einem Zwischenfazit, dass die Zwangsumsiedlung die Stadtentwicklung überschatte. Alleine auf einem 10,4 Kilometer langen Korridor seien mehr als 14.000 Menschen vertrieben worden.
Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International verweist darauf, dass vielen kein alternativer Wohnraum zur Verfügung gestellt werde. „Die plötzliche und erzwungene Vertreibung einer großen Zahl von Menschen hat dazu geführt, dass Millionen in Angst leben, weil sie nicht wissen, ob sie die nächsten sein werden“, heißt es in dem Bericht.
Bislang waren vor allem zwei Viertel maßgeblich von den Baumaßnahmen betroffen. Eines davon: das historische Piazza-Viertel. Die Italiener, die Äthiopien eine zeitlang besetzten, prägten Piazza und gaben ihm in den 1930er-Jahren seinen Namen. Zahlreiche Händler waren in den zweistöckigen Häusern ansässig und machten die Gegend zum wirtschaftlichen Zentrum der Stadt und des Landes.
Davon ist heute kaum noch etwas übrig. Große Teile der Nachbarschaft wurden abgerissen und neu bebaut. Wohnraum gibt es hier inzwischen deutlich weniger, dafür umso mehr Hotels, Restaurants und auch öffentliche Plätze. Der Fluss, der durch das Viertel fließt etwa, wurde mit Grünflächen und Fahrradwegen umrandet.
Noch radikaler fällt der Umbau im Viertel Kazanchis aus. Auf Satellitenbildern lässt sich erkennen, wie das Viertel innerhalb von nur einem Jahr vollständig abgerissen wurde. Entstehen sollen in den kommenden Monaten auch hier Restaurants, Hotels sowie Büros.
Nebenan befindet sich der Große Palast von Addis Abeba. Das 40 Hektar große Gelände dient Abiy und weiteren äthiopischen Politikern als Arbeits- und Wohnsitz. Große Teile des Geländes wurden in den letzten Jahren umgebaut und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: Entstanden sind ein Museum und ein Zoo, in dem unter anderem abessinische Löwen mit schwarzen Mähnen gehalten werden.
Abiy Ahmed legt großen Wert auf die Außendarstellung des Landes. Er möchte Äthiopien von seinem bisherigen Image befreien und zeigen, dass Afrika reich, innovativ, grün und smart sein kann. Damit wirbt der Politiker auch um ausländische Investitionen. Um die Devisenknappheit zu lindern und den Wiederaufbau des Landes mitzufinanzieren.
Laut dem Äthiopien-Experten steckt hinter den Verschönerungsmaßnahmen der Stadt aber noch mehr: „Wer Positives sieht, der erlebt auch Positives, daran glaubt Abiy.“ Der Premierminister verändere also die Stadt, um das Mindset der Äthiopier zu ändern. Schließlich heißt Addis Abbeba übersetzt neue Blume. Dieser Bezeichnung soll die Stadt künftig gerecht werden.
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