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Branche im UmbruchWie Amazon zum Vorbild für Stahlkonzerne wird

Um den Wandel in der Stahlbranche zu bewältigen, gehen die deutschen Konzerne unterschiedliche Wege. Viele trennen sich von Mitarbeitern, einige investieren - in neue Technik oder ein neues Vertriebsmodell.Sebastian Schaal 11.09.2014 - 06:00 Uhr

Innerhalb von drei Monaten wird der Hochofen Schwelgern II von rund 1.000 Arbeitern grundlegend modernisiert.

Foto: dpa

Ein Hochofen schläft nie. Rund um die Uhr lodert das Kohlefeuer mit bis zu 2100 Grad, an 365 Tagen im Jahr. Doch selbst als nach 21 Jahren Dauerbetrieb die Flammen im Hochofen Schwelgern II im Juni erloschen, kam die Anlage im Duisburger Norden nicht zur Ruhe. In den vergangenen drei Monaten hat sich die Belegschaft am Hochofen von ThyssenKrupp fast verdoppelt. Wo sonst rund 550 Mitarbeiter Stahl kochen, sind derzeit bis zu 1000 Menschen auf allen sieben Ebenen von Schwelgern II beschäftigt. Europas größter Hochofen wird von Grund auf modernisiert.

Künftig soll das reine Stahlgeschäft wie etwa die Produktion von veredelten Blechen für die Automobilindustrie nur noch 30 Prozent des Konzern-Geschäfts ausmachen. Dennoch bleiben Blechrollen wie diese ein Kernprodukt.

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Rolltreppen und Fahrsteige – etwa in Flughafen-Terminals – gehören ebenfalls zum ThyssenKrupp-Produktspektrum. Dieses Foto ist in einem Essener Einkaufszentrum aufgenommen worden.

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Allen Negativ-Schlagzeilen zum Konzern trotzt das Aufzuggeschäft von ThyssenKrupp. Vor allem starke Absatzzuwächse in Asien erfreuen das Unternehmen. Das Bild zeigt ein System mit zwei Kabinen in einem Aufzugschacht beim Einbau in der Essener Konzernzentrale Anfang 2010.

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Für die Automobilindustrie bietet ThyssenKrupp auch den Aufbau von Anlagen, die etwa automatisch Fahrwerke oder andere Komponenten einbauen.

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ThyssenKrupp setzt vermehrt auf Planung und Bau ganzer Chemie- und Industrieanlagen. Im Bild ein Zementklinkerwerk im Senegal.

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Dieses Schaufelradladgeärt steht im Hafen von Rotterdam und wird zur Verladung von Eisenerz eingesetzt. Geliefert wurde es von der ThyssenKrupp-Sparte „Plant Technology“.

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Großwälzlager von ThyssenKrupp kommen etwa in Kränen zum Einsatz, die schwere Lasten bewegen.

Foto: PR

Das umstrittene US-Werk, das ThyssenKrupp inzwischen verkauft hat, stellt aus sogenanntem Warmband feines Blech, etwa für die Autoindustrie her.

Foto: PR

Der Handelsschiffbau – hier in Kiel bei HDW – gehört nicht mehr zum Thyssen-Krupp-Konzern. Im Jahr 2009 war der Abschied von der Sparte verkündet worden – jetzt baut ThyssenKrupp nur noch Marine-Schiffe.

Foto: PR

Die U-Boot-Werft der schwedischen Tochter Kockums hat der Essener Mischkonzern inzwischen an den Rüstungskonzern Saab verkauft. Weiter betriebt der Konzern die Tochter ThyssenKrupp Marine Systems GmbH (TKMS), die Marineschiffe baut.

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Ein Blick in die Historie: Das Bild zeigt den Bau eines Magnetschwebezugs Typ „Transrapid“ im Jahr 2002 im Kasseler Werk des Konzerns. Das einstige Vorzeigeprojekt ist nur einmal kommerziell zum Einsatz gekommen – bei der Verbindung des Flughafens von Shanghai mit der Stadt.

Foto: PR

Die „Dicke Bertha“ wurde von Krupp entwickelt – hier ein Modell. Die Kanone kam im Zweiten Weltkrieg zum Einsatz.

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Die Darstellung aus dem Firmenarchiv zeigte eine hydraulische 5000-Tonnen-Schmiedepresse in der Krupp-Fabrik in Essen.

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Wenn der sprichwörtliche „Dampfhammer“ kreist, geht es heiß her. Dieser tatsächliche Dampfhammer „Fritz“ galt in den 1860er-Jahren als technologischer Durchbruch. Die von Alfred Krupp entwickelte Maschine wurde zum Schmieden großer Gussstahlteile benutzt und blieb 50 Jahre im Dienst.

Foto: PR

„Deshalb wird unter anderem die Feuerfestausmauerung erneuert“, sagt Herbert Eichelkraut, Produktionsvorstand von ThyssenKrupp Steel Europe. Insgesamt sollen die Bauarbeiten für eine bessere Energieeffizienz und Umweltfreundlichkeit sorgen.

Dass Schwelgern II nicht läuft, hat sich auch direkt in der deutschen Rohstahlproduktion niedergeschlagen. Als der Hochofen im Juni abgeblasen wurde, brach das Wachstum laut der Wirtschaftsvereinigung Stahl von 7,4 Prozent im Mai auf 0,7 Prozent ein. Im August ging die Produktion sogar um ein Prozent auf 3,1 Millionen Tonnen zurück – im Mai waren es noch 3,9 Millionen Tonnen.

Jetzt gehen die Modernisierungsarbeiten auf die Zielgerade. „Wir werden den Hochofen II wie geplant bis Ende September wieder anblasen“, sagt Eichelkraut. Schnell soll er dann wieder seine volle Leistungsfähigkeit erreicht haben: täglich werden dann aus 19.000 Tonnen Eisenerz und 4000 Tonnen Koks bis zu 12.000 Tonnen Rohstahl entstehen.

Investition trotz Sparprogramm

Obwohl ThyssenKrupp auf der einen Seite im Einkauf 500 Millionen Euro pro Jahr einsparen will, steckt die Stahlsparte rund 200 Millionen Euro in die Modernisierung des Hochofens. Für weitere 90 Millionen Euro überholt der Essener Konzern auch eine sogenannte Stranggießanlage, um den Rohstahl verarbeiten zu können.

Die größten Stahlhersteller
Der mit Abstand größte Stahlproduzent der Welt ist Arcelor-Mittal. Der Konzern mit europäischen und indischen Wurzeln stellte 2015 gut 97 Millionen Tonnen Stahl her. Quelle: World Steel Association
Der zweitgrößte Hersteller kommt aus China: Die Hebei Iron and Steel Group stellte 2015 rund 47,8 Millionen Tonnen Stahl her. Auch dieser Konzern ging aus einer Fusion hervor, die Unternehmen Tangsteel und Hansteel schlossen sich 2008 zusammen.
Auf Platz drei abgerutscht ist der japanische Konzern Nippon Steel & Sumitomo Metal. Die beiden japanischen Hersteller hatten sich im Oktober 2012 zusammengeschlossen und kamen 2015 zusammen auf ein Produktionsvolumen von 46,3 Millionen Tonnen Stahl, knapp 3 Millionen weniger als im Vorjahr.
Mit einer Produktion von rund 42 Millionen Tonnen Stahl ist Posco der viertgrößte Hersteller. Das Unternehmen ist der größte südkoreanische Anbieter und macht viele Geschäfte mit China.
Auf Platz fünf folgt ein weiterer chinesischer Konzern: Baosteel Group. Das Unternehmen mit Sitz in Shanghai produzierte knapp 35 Millionen Tonnen Stahl. Schlagzeilen machte der Hersteller im Jahr 2000 mit seinem Börsengang, der damals in China Rekorde brach.
Im Vergleich zu Arcelor-Mittal, Hesteel & Co. ist Thyssen-Krupp ein Leichtgewicht. 2015 ging es für den größten deutschen Stahlproduzent mit einer Produktion von 17,3 Millionen Tonnen aber immerhin drei Plätze hinauf auf Rang 16. Ähnlich viel produziert der Konkurrent Gerdau aus Brasilien (17 Millionen Tonnen).

Rochus Brauneiser, Head of Steel Sector Research beim Analysehaus Kepler Cheuvreux, hält die Investition für notwendig: „Wenn ThyssenKrupp nicht in seine Hochöfen re-investiert, werden diese am Ende Ihrer Lebensdauer abgeschaltet werden müssen“, sagt Brauneiser im Gespräch mit der WirtschaftsWoche.

„Wir investieren rund 400 bis 500 Millionen Euro jährlich in unsere Werke, um unseren Anlagenpark auf dem technisch aktuellsten Stand zu halten und die Qualität unserer Produkte weiter zu steigern“, sagt Produktionsvorstand Eichelkraut. „Unabhängig davon müssen wir stetig an der Verbesserung unserer Kostenposition arbeiten. Nur wenn beides zusammenkommt, können wir im harten Wettbewerb bestehen.“

Vor dem Hintergrund einer anziehenden Konjunktur gehen die Experten vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) davon aus, dass die Rohstahlproduktion in diesem Jahr trotz des dreimonatigen Stillstands von Schwelgern II – der in der Statistik rund eine Millionen Tonnen kostet – um 0,5 Prozent wachsen wird. Für 2015 prognostiziert das RWI ein Produktionsplus von 1,7 Prozent.

Friedrich Krupp, der Pionier mit Startproblemen:

Der Unternehmensgründer setzt im November 1811 sein gesamtes Erbe für die Gründung einer kleinen Gussstahlfabrik in Essen ein. Es gibt jedoch schon im dritten Jahr Probleme mit der Erzlieferung, die Qualität stimmt nicht immer. Die Kunden bemerken die unterschiedlichen Stahlqualitäten für Bestecke und Haushaltswaren und stornieren ihre Aufträge. Das Haus von Krupp am Essener Flachsmarkt wird von den Banken gepfändet. Friedrich Krupp muss mit seiner Frau in das Aufseher-Häuschen seiner Gussstahlfabrik einziehen, das sein Sohn später zur Urzelle des Konzerns stilisiert. Friedrich stirbt, seine Frau übernimmt die Firma mit sieben Arbeiter. Sohn Alfred bekommt das technische Problem in den Griff und fährt nach England, um die moderne Gußstahlproduktion zu studieren und zu kopieren. Die darauf folgende Fertigung von Eisenbahnrädern begründet den atemberaubenden Aufstieg von Krupp im 19. Jahrhundert.

Im Bild: Gussstahlfabrik Fried. Krupp in Essen um 1905

Foto: dpa

Alfried Krupp, der Kriegsverbrecher:

Nach dem Zweiten Weltkrieg. Krupp hatte Arbeiter aus den besetzten Kriegsgebieten in Essen mit unmenschlichen Mitteln zur Arbeit gezwungen. Alfried Krupp, der sich ansonsten um jedes Detail im Werk kümmerte, wollte von dem Ausmaß nichts gewusst haben. Er wurde in Nürnberg angeklagt und wegen Sklavenarbeit zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Die Krupp-Werke in Duisburg und Essen wurden demontiert, das Vermögen eingezogen. Der Name Krupp war weltweit ruiniert. Krupp wurde 1951 vorzeitig begnadigt und traf auf den Nazi-Gegner Berthold Beitz, den er zum Generalbevollmächtigten und Testamentsvollstrecker machte. Der Ruf und die Aura von Beitz verhalfen den Krupp-Konzern, der dann keine Waffen mehr herstellte, wieder zur internationalen Geltung.

Im Bild: (V.L.) Arndt von Bohlen und Halbach, sein Vater Alfried Krupp und der Generalbevollmächtigte Berthold Beitz posieren vor der Villa Hügel in Essen

Foto: dpa

Der Schah von Persien, Retter von Krupp:

Im Herbst 1976 schlitterte Krupp in eine bedrohliche Liquiditätskrise. Der Konzern litt unter gigantischen Überkapazitäten in der europäischen Stahlproduktion. Krupp-Generalbevollmächtigter Beitz fand in den märchenhaft reichen Schah von Persien einen neuen Investor, 25 Prozent von Krupp übernahm und eine Milliarde Dollar in den wankenden Konzern pumpte. Außerdem winkten Krupp Großaufträge des Kaisers aus Teheran. Es war mal wieder ein Kaiser, von dem sich Krupp abhängig machte. Im 19. Jahrhundert war dies der deutsche Herrscher Wilhelm II, der Krupp mit Kanonenaufträgen versorgte.

Im Bild: Berthold Beitz

Foto: dpa

Rheinhausen, das Desaster von Duisburg:

1987 gibt der neue Krupp-Chef Gerhard Cromme die Schließung des alten Krupp-Stahlwerks in Duisburg-Rheinhausen bekannt. 20 000 Arbeiter protestieren, es erhebt sich ein Aufruhr in Ruhrgebiet. Cromme wird von den Gewerkschaften und Arbeitern feindselig attackiert. Bischöfe feiern Messen auf dem Stahlwerks-Gelände. Fast die gesamte öffentliche Meinung richtet sich gegen Cromme. Arbeiter ziehen im Sternmarsch zur Villa Hügel und wollen sie stürmen. Im Großen Saal wartet ein einsamer Mann auf sie, den Werksschutz hat er nach Hause geschickt. Es ist Berthold Beitz, um den sich ein Menschenring bildet. Gewerkschaftsführer rufen zur Ruhe auf. Beitz hält eine Rede über die ungewisse Zukunft von Krupp. Die Kruppianer machen daraufhin kehrt und verlassen die Villa Hügel und den Park geordnet. In der Folge von Rheinhausen übernimmt Krupp den benachbarten Konkurrenten Hoesch. Das rettet Krupp vorerst vor dem Untergang.  Später kommt die erzwungene Übernahme von Thyssen dazu, die Krupp für die nächsten zehn Jahren saniert.

Im Bild: Gerhard Cromme

Foto: dpa

Ekkehard Schulz, der Unglücksbringer:

Der Hütteningenieur Ekkehard Schulz wird 2001 alleiniger Vorstandschef des Gesamtkonzerns ThyssenKrupp. Der bodenständig auftretende Stahlexperte genießt höchste Reputation im Ruhrgebiet und bei Berthold Beitz. Niemand traut ihm zu, was dann geschah. Mitten in der Stahlhochkonjunktur lässt er mit Rückendeckung des Aufsichtsrates zwei gigantische Stahlwerke in Übersee errichten. Die Baukosten hat Schulz und die Manager, denen er vertraut, nicht im Griff. Sie explodieren von 3,5 Milliarden Euro (Etat) auf 12 Milliarden Euro. Der Konzern wird von Korruption geschüttelt, dazu kommen Kartellabsprachen, die hohe Bußgelder und Schadensersatzforderungen nach sich ziehen. 5 Milliarden Euro Verlust häuft ThyssenKrupp im vergangenen Geschäftsjahr auf. Der neue Konzernchef Heinrich Hiesinger versucht zu retten, was zu retten ist und arbeitet fieberhaft an einem Verkauf der defizitären Stahlwerke.

Im Bild: Ekkehard Schulz

Foto: dapd

Trotz des Konjunkturaufschwungs warnt Rochus Brauneiser vor voreiligen Prognosen für den volatilen Industriesektor. „Die Zukunft der Stahlbranche in Europa hängt von vielen Faktoren ab, die die Branche selbst aber nur zum Teil beeinflussen kann“, sagt der Analyst. „Die deutliche Abwertung des Euro macht Importe zur Zeit weniger attraktiv. Die Frage ist aber, wie lange das so bleibt. Auf die politische Lage und den Kurs der EZB haben die Stahlkocher keinen Einfluss.“

Ein Ausweg, den die Unternehmen in der eigenen Hand haben: die Überkapazitäten, die neben dem Preisverfall für Stahlprodukte der Branche in Europa zu schaffen machen, abzubauen.

Um solche Überkapazitäten loszuwerden, wollte ThyssenKrupp in seinem defizitären Edelstahlwerk im italienischen Terni 550 von rund 2600 Stellen streichen. Seit der Essener Mischkonzern das Werk vom angeschlagenen finnischen Outokumpu-Konzern zurücknehmen musste, lies Vorstandschef Heinrich Hiesinger keinen Zweifel daran, dass er aus dem Edelstahlgeschäft aussteigen und hierzu das Werk für einen Verkauf aufhübschen will.

Doch dann schaltete sich neben der italienischen Regierung auch Papst Franziskus in die Debatte um den Jobabbau in Terni ein. „Ich bringe meine tiefe Besorgnis über die schlimme Situation vieler Familien in Terni wegen des Projekts der Firma ThyssenKrupp zum Ausdruck“, sagte der Pontifex vergangene Woche bei der Generalaudienz in Rom. „Mit Arbeit spielt man nicht.“ Zwei Tage später setzte ThyssenKrupp den Stellenabbau bei Acciai Speciali Terni (AST) aus und will wieder verhandeln.

Auf Anfrage erklärte die ThyssenKrupp AG: „Um AST zu einem langfristig wettbewerbsfähigen Player im Edelstahlmarkt zu entwickeln, sind Einsparungen von rund 100 Millionen Euro pro Jahr notwendig. Ein neu ausgerichtetes Markt- und Vertriebskonzept wird weitere Verbesserungen ermöglichen. Beides sieht der am 17. Juli vorgestellte Restrukturierungsplan vor. Dieser Plan ist die Grundlage der momentan laufenden Gespräche zwischen Regierungs- und Gewerkschaftsvertretern und dem AST-Management. Darauf haben sich alle drei Parteien in einer am 5. September unterschriebenen Vereinbarung verständigt.“

Was der Konzern in dieser Stellungnahme nicht sagt: Gibt es keine Einigung, wird ab dem 5. Oktober wieder über Stellenstreichungen verhandelt.

Salzgitter musste Stellen streichen

Auch andere deutsche Stahlkocher passen ihre Kapazitäten an die aktuelle Nachfrage an – heißt: Mitarbeiter in besonders defizitären Werken müssen gehen. So fallen etwa beim zweitgrößten deutschen Stahlproduzenten Salzgitter mehr als 1500 von insgesamt 25.000 Arbeitsplätzen weg. Im zweiten Quartal kämpfte sich Salzgitter zwar in die schwarzen Zahlen, was an einem unerwartet hohen Ertrag aus der Beteiligung am Kupferhersteller Aurubis lag. Die Fortschritte im Stahlgeschäft enttäuschten aber.

Am Mittwoch verpasste eine Analystenbewertung der Salzgitter-Aktie einen weiteren Dämpfer: Stephen Benson von Goldman Sachs setzte das Kursziel von 40 auf 32 Euro und bewertet die Aktie nur noch „neutral“. Andere Stahlwerte wiesen mittlerweile ein besseres Chance/Risiko-Verhältnis auf, schrieb Benson in einer Branchenstudie. Entgegen seiner früheren Erwartung sei eine Trendwende bislang ausgeblieben, und wegen der geopolitischen Situation in Europa bestünden Gewinnrisiken.

Mit der geopolitischen Situation in Europa ist selbstredend die Ukraine-Krise gemeint. Der Großteil der ukrainischen Stahlindustrie ist in der umkämpften Donbass-Region angesiedelt. Der größte ukrainische Stahlkonzern, Metinvest, gab Anfang August bekannt, nicht länger neue Aufträge anzunehmen.

Seine Werke seien in Folge der Krise zu Produktionskürzungen gezwungen. Die ukrainische Jahresproduktion von rund 33 Millionen Tonnen ging bislang größtenteils nach Russland. Was damit in Zukunft passiert, ist unklar. „Sollten Teile der Ukraine langfristig besetzt bleiben, wird das Auswirkungen auf den europäischen Stahlmarkt haben“, sagt Kepler-Analyst Brauneiser.

Auf solche Probleme reagiert die Branche meist mit Stellenstreichungen. Auch der Stahlhändler Klöckner & Co musste sich in der Stahlkrise ein strenges Sparprogramm verordnen und 2300 Mitarbeiter entlassen. Um künftig auf politische und konjunkturelle Schwankungen besser reagieren zu können, hat Konzernboss Gisbert Rühl einen ungewöhnlichen Weg eingeschlagen: Er stellt sein Vertriebsmodell um.

Statt telefonischer Bestellung oder Anfrage per Fax setzt Rühl auf das Internet. Das klingt in Zeiten von eCommerce-Größen wie Amazon nicht gerade ungewöhnlich, ist in der Stahlbranche mit seinem seit Jahrzehnten etablierten Vertrieb eine Zäsur. Bislang ist der Online-Vertrieb bei KlöCo nicht der Rede wert, in fünf Jahren will aber Rühl mehr als die Hälfte seines Stahls im Internet umsetzen.

Von Duisburg nach Berlin – vorübergehend

Um mehr über die New Economy und die darin steckenden Chancen für sein alteingesessenes Unternehmen zu lernen, hat der 55-Jährige vorübergehend sein Büro verlegt. Weg vom Konzernsitz in der europäischen Stahlmetropole Duisburg, in das Betahaus in Berlin-Kreuzberg, quasi der Ground Zero der Startup-Szene. „Wir wollen in Berlin von der Silicon-Valley-Atmosphäre profitieren“, sagt Rühl.

Die Idee kam dem Konzernboss bei einem Besuch in Kalifornien vor zwei Jahren, der branchenübergreifende Austausch im echten Silicon Valley hat ihn inspiriert. Ein Beispiel: Die Tochter eines Klöckner-Mitarbeiters in Los Angeles kauft bei einem Modeportal im Internet ein, das in einer morgendlichen Mail Ware aus Restbeständen zum Schnäppchenpreis anbietet. Inzwischen gibt es auch Stahl-Angebote um kurz nach acht per E-Mail – von Klöckner.

Vom Online-Handel erwartet sich Rühl mehr Effizienz und Vorhersehbarkeit in der Logistik. „Wenn man einen Stahlträger drei- oder viermal anpackt, bevor man in weiterverkauft, dann kann man ihn aus betriebswirtschaftlicher Sicht gleich zum Schrott fahren“, sagt der KlöCo-Chef.

Bestellt der Kunde kurzfristig im Internet, können die Stahlträger ohne Zwischenlager direkt zum Kunden gebracht werden. Ende 2015 soll dann der Stahlhandel bei Klöckner flächendeckend online sein.

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