Bettina Röhl direkt: Der Mörder als Sympathieträger
IS-Kämpfer in Syrien
Foto: REUTERSDer Tod ist vielleicht das älteste Faszinosum der Menschheit. Die Reflektion des Todes, des eigenen Todes, des Todes des Anderen, des Freundes, des Feindes, der Eltern, der Kinder, der Geschwister sowie der Tod einer Führungsfigur, aber auch des Todes an und für sich, könnte eine der ersten intellektuellen Leistungen des frühen Menschen gewesen sein, durch die sich dieser frühe Mensch von allen anderen Lebewesen abhob. Der Tod stand gewiss Pate bei den Religionswerdungen, die es in der Menschheitsgeschichte gegeben hat und er spielt in den großen Weltreligionen eine zentrale Rolle.
Das Töten ist verboten. Das ist Naturrecht, das in die ethischen Konstrukte, die es im Laufe der Menschheitsgeschichte gegeben hat, einfloss und das Verbot zu töten ist auch in den großen Weltreligionen fester Bestandteil. Die meisten Menschen haben glücklicherweise eine natürliche Hemmung zu töten. Sie haben keinen Willen zu töten. Im Gegenteil, sie verfügen über eine gesunde Aversion gegen das Töten. Gleichwohl sind das Töten, der Mord, ebenfalls ein Faszinosum, eine Geißel der Menschheitsgeschichte, worin sich die Menschen grundsätzlich von allen anderen Lebewesen unterscheiden.
Unterschätzte Mordlust
Die in den westlichen Kulturkreisen rein faktisch unterschätzte Mordlust, die von den modernen Kriminologen, die das einschlägige Geschehen mit eiserner Faust beherrschen, im Prinzip gänzlich negiert wird, ist ein real existenter Fluch, der auf der Menschheit lastet. Die Erkenntnis, dass es Menschen gibt, die für Mordlust anfällig sind, kann historisch gesehen nicht bestritten werden.
Gleichwohl spielt die Mordlust im deutschen Strafrecht, obschon im ungeliebten § 211 des Strafgesetzbuches wörtlich normiert, höchst artifiziell und rein ideologisch begründet, keine Rolle. Man könnte sarkastisch formulieren, dass die Mordlust nur noch ein tot mitgeschlepptes Tatbestandsmerkmal im Strafgesetzbuch ist.
Es gilt als modern, als wissenschaftlich, als Ausdruck höherer Moral, dass es den Mord als Tötung aus Lust nicht gibt und wenn es ihn gibt, dass es ihn nicht geben darf. Das ist die normative Rechtswirklichkeit der im Detail wie im Groben oft genug irrenden bundesrepublikanischen, aber auch westlichen Justiz, die von einer Täterideologie, vom Täterfaszinosum beherrscht ist.
Man schaue sich nur an, welchen Aberwitz die deutsche Justiz, von Ausnahmen abgesehen, im Umgang mit linkpolitischer, terroristischer Gewalt produzierte. Die Opfer terroristischer Gewalt sind auch im Bereich dessen, was sich Kultur nennt und sich von der regelmäßig verhassten Wirtschaft üppig unterhalten lässt, die notwendigen Statisten, die es braucht, um Tätern huldigen zu können.
Opfer als Statisten der Mörder
Wo es keinen Toten gibt, kann es schlechterdings keinen vollendeten Mord geben, also braucht man schon ein bisschen Futter oder, böse ausgedrückt, ein bisschen blutiges Fleisch, damit man wieder einen Mord und einen Mörder hat, über den man gruselig berichten kann, in dessen Tat man als Voyeur hineinschauen kann und in dessen von ihm verursachten Leid man auch noch ein bisschen schwelgen kann.
Und schließlich braucht man das Mordopfer auch, damit man sich, meist noch vor der Verurteilung des Mörders (um das Wort auszusprechen, das heute als Diskriminierung des Mörders verteufelt wird, zu verwenden) um dessen Rehabilitation, Wiedereingliederung in die Gesellschaft, und dessen zweite Chance (bei Wiederholungstätern auch dritte und vierte Chance) kümmern zu könnten.
Der Mörder, das wahre Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse, die Seele des Mörders, das wahre Opfer der traumatisierenden Kindheit und Jugend - ist der faszinierende Sympathieträger und das Opfer ist das unsympathische Wesen, das es nicht mehr gibt und das sich posthum womöglich noch in die Diskussion, ins Gespräch oder gar in die Öffentlichkeit drängt. Je bestialischer der Mord, je archaischer, desto faszinierender ist der Täter und wenn noch sexuell motivierte Gewalt hinzutritt, desto pikanter und schlüpfriger werden der Mord und der Mörder.
In Gender-Zeiten, in denen der weiße Mann die weiße Frau, will er nicht gegen das Diskriminierungsverbot verstoßen, eigentlich nicht einmal mehr still begehren darf, jedenfalls nicht als Mann, den es gar nicht mehr gibt (das biologische Geschlecht ist als bloße Einbildung der Geschichte gerade gesetzlich abgeschafft worden), hat ein besonders böser Vergewaltiger, gar, wenn er noch ein paar Frauen im Rausch ums Leben brachte, größte Chancen wenn nicht zu einem öffentlichen Sympathieträger, dann doch zu einem öffentlichen Hätschelobjekt und zu einer wahrhaft öffentlichen Person zu werden.
Wie ein deutscher Strafrichter vor ein paar Jahren bemerkte: wenn Du keine Frau kriegst, musst du ein paar umbringen, dann hagelt es im Knast Heiratsanträge. Alles übertrieben, alles zu schwarz gesehen?
Die westlichen Gemeinwesen haben als vielleicht wichtigste Werteentscheidung das staatliche Gewaltmonopol in ihr Verfassungsrecht hinein geschrieben. Dieser Grundsatz ist zugleich eine Bewehrung des uneingeschränkten und uneinschränkbaren Gebotes "Du darfst nicht töten". Das heißt, eo ipso, du darfst dir auch keine Legitimationen selber schnitzen, die dir das Töten erlauben oder gar abverlangen. Du darfst auch nicht über andere Menschen richten und Ihnen einen Lynchtod verordnen.
Du darfst auch keine Notwehrsituation fingieren oder vortäuschen oder eine tatsächliche Notwehrsituation überdehnt ausnutzen, um sich etwa eines Feindes zu entledigen. Das Notwehrrecht ist keine Aufweichung des Tötungsverbotes, sondern die realistische und vernünftige Ergänzung in fest definierten Grenzen.
Auch der historisch gesehen immer mal wieder beliebte und in Mode geratene Mord aus ideologischen oder religiösen Gründen ist nach der Werteentscheidung aller westlichen Verfassungen Mord. Wie ein Mord aus Verblendung welcher Art auch immer, aus Fanatismus welcher Art auch immer oder überhaupt auf der Schuldseite zu beurteilen ist, ist eine Frage, die in diesem Zusammenhang keine Rolle spielte.
Millionen Menschen starben im dreißigjährigen Krieg
Wer sich den dreißigjährigen Krieg in Europa anschaut, der oft etwa als Religionskrieg beschrieben wird oder als Krieg von außer Rand und Band geratenen Feudalisten, die ihr eigenes Süppchen kochten, kommt bei realistischer Betrachtung nicht umhin, festzustellen, dass in diesen drei furchtbaren Jahrzehnten des Mordens der Mord, oder besser gesagt, die Idee des Mordes, in sehr vielen Köpfen von sehr vielen Menschen eine aus allen Halteseilen herausgefallene Bedeutung übernommen hatte.
Damals sollen nach Schätzungen 11 Millionen Menschen im wesentlichen noch mit Mistforken und ähnlich charmanten Gegenständen zu Tode gebracht worden sein, was angesichts der damaligen Bevölkerungszahlen von deutlich weniger als 100 Millionen Menschen in den betroffenen Gebieten, (im gesamten, deutschsprachige Raum und darüber hinaus) eine unvorstellbare Größenordnung ist. Und es sind eben nicht nur 11 Millionen Menschen zu Tode gebracht worden, sondern alle Menschen, die diese Menschen kannten oder die dabei waren, wurden Opfer dieses Mordens.
Die Gesellschaft insgesamt erlitt ein Trauma, von dem sich Mitteleuropa nur sehr sehr langsam erholen konnte. Und das ist ein ganz entscheidender Faktor der von der modernen Kriminologie brutal ausgeblendet wird: die Ermordung eines Menschen ist immer auch ein Seelentod für die Angehörigen und Freunde und immer auch eine Traumatisierung der Gesellschaft.
Eine mordfreie Gesellschaft ist das wahre Ideal
Und jeder Mord ist immer auch eine Begünstigung, nicht eines konkreten weiteren Mordes, aber der unguten Denkbarkeit des Mordes in der Gesellschaft. Ein mordfreie Gesellschaft ist das wahre Ideal. Und die kann es wahrscheinlich nur geben, wenn die Gesellschaft quasi paradiesisch den Mord vergisst und jeder Mensch den Mord für undenkbar hält.
Die moderne Kriminologie ist jedenfalls ein Schlag ins Gesicht des Paradieses, in dem sie den Mörder und den Mord als allzu menschlichen Teil der Menschheit und jedes Menschen verniedlicht, Jeder könne zum Mörder werden, ist ein beliebter Spruch. Die Gesellschaft hätte die Mörder, die sie verdient, ein anderer Spruch und über allem schwebt der dauerirrende Karl Marx mit seinem Sprüchlein, dass ihm nichts Menschliches fremd wäre. Und man möchte anfügen: insbesondere die blutige Revolution nicht. Harte Strafen hielten keinen potenziellen Mörder von der Tat ab und den Befürwortern der zu Recht abgeschafften Todesstrafe wird mit dem Schwert der Gerechtigkeit entgegen gehalten, dass die Todesstrafe eher kontraproduktiv wirkte.
Indes hat es vorrangig nicht um das Strafmaß und die Sanktionen zu gehen, sondern um die Be- und Verurteilung der Tat und des Täters. Die Strafe und das Strafmaß können ihre entscheidende Bedeutung nur ausfüllen, wenn es eine klare saubere Entscheidung/Begründung gibt. Und für eine Begründung, die dem Anspruch Begründung zu sein Genüge tun kann, bedarf es der adäquaten Werteentscheidung. Unterliegen die Repräsentanten des Staates selber der Faszination des Mordes können sie weder den gesetzlichen Rahmen schaffen, noch können sie den gesetzlichen Rahmen im Einzelfall ausfüllen.
Wenn der Mord entmordet wird und mit viel juristischem Gedöns und viel juristischer Scharlatanerie ein Mordprozess allzu oft zu einem zeitgeistigen Spektakel wird, dann steigt der gesellschaftliche Schaden der Gesellschaft ins Unermessliche, mit Folgewirkungen, die unsichtbar und unabschätzbar sind. Die Behandlung des Mordes in einer Gesellschaft hat in Wahrheit weitreichende Bedeutung für das Wohlergehen der Gesellschaft. In abgeschwächter Form gilt das genauso für die Vergewaltigung oder die Körperverletzung im Allgemeinen, die als bloße Körperverletzung chancenlos im Gesetz steht und weniger Strafpunkte bringt als ein paar Schwarzfahrten mit der S-Bahn.
Die körperliche Unversehrtheit des Menschen, ein angeblich so hehres Rechtsgut, gilt im Alltag der Bundesrepublik Deutschland des Jahres 2014 regelmäßig so gut wie nichts. In einem solchen Umfeld, in dem das Koordinatenkreuz der Gesellschaft arg locker vor sich hin schwabbelt, entscheidet allzu oft der Zeitgeist, die Mode, was Sache ist. Die NSU-Morde, die bislang nicht rechtskräftig abgeurteilt sind, stehen als Tat fest, und die überlebende Täterin steht als eine aus jedem menschlichem Rahmen heraus fallende Mörderin mindestens im veröffentlichten Teil der Öffentlichkeit fest.
Dagegen werden andere klare Mordtaten nicht auf der Ebene der Schuld und der Rechtswidrigkeit, sondern bereits auf der Ebene der Tatbestandsmäßigkeit entmordet. Wie sagte Joschka Fischer so schön, ja, er habe Steine auf den gewalttätigen Demonstrationen in Frankfurt geworfen, auf denen durch Steinwürfe Polizisten zum Teil sehr schwer verletzt oder durch Molotowcocktails lebensgefährlich verletzt wurden, aber listigerweise habe er habe die Steine, anders als die Täter, nur "in die Luft geworfen". Das muss man nicht kommentieren, das spricht für sich selbst.
Einfallstor für Willkür
Täter, die gemeinschaftlich, was sonst strafverschärfend wirkt, mit brutalem Schuhwerk auf den Kopf eines Menschen eintreten, der am Boden liegt und der unglücklicherweise geruhte dieserhalb zu sterben, haben, wenn's dem Zeitgeist passt, nicht einmal gewusst, dass jemand durch Tritte gegen den Kopf überhaupt sterben kann. Ergo konnten sie es gar nicht wollen. Und im Übrigen sei ja gar nicht auszuschließen, dass der Aufprall des Kopfes auf den Boden durch das vorangegangene Schubsen der Täter, das Opfer bereits ins Jenseits befördert hätte. Aber, dass da überhaupt ein Fußboden oder gar ein Kantstein war, auf den ein Mensch mit seinem Kopf aufschlagen konnte, konnte ja niemand ahnen.
Ein kaputtes Koordinatenkreuz der Gesellschaft ist immer auch ein Einfallstor für Richterwillkür, für Medienwillkür, für Politikerwillkür und eine Begünstigung für höchst willkürliche und eigenmächtige Weltbilder in den Köpfen potenzieller Täter. Und das Koordinatenkreuz in den westlichen Gesellschaften ist kaputt. Fast alle Werteentscheidungen auf fast allen politischen Feldern sind mangelhaft bis ungenügend. Die sich mühsam Bahn brechende Erkenntnis, dass der Westen, dass die USA den Vietnamkrieg nicht in Vietnam verloren haben, sondern ausschließlich im Westen, vor allem in den USA selber, beschreibt das eigentlich relevante Phänomen.
Das schon damals kaputte Koordinatenkreuz im Westen war schon damals die eigentliche Ursache dafür, dass die Maoisten, die Stalinisten und die vietnamesischen Kommunisten den haushoch überlegenen Westen ideell, aber auch sogar militärisch in die Knie zwingen konnten: die Westlinke, die sogenannte New Left, die Anfang der sechziger Jahre aus Amerika auch in die Bundesrepublik rüberschwappte, hatte die Koordinatenkreuze in den Köpfen und in den Gesellschaften auf den Kopf gestellt. Wer Massenmördern wie Mao Tse Tung, Ho Tschi Minh oder Pol Pot huldigt, hatte fürwahr nicht alle Tassen im Schrank. Aber leider sind die fehlenden Tassen bis heute nicht wieder in die Schränke des Westens eingeordnet worden.
Obamas Dilettantismus
US-Präsident Obama hat vielleicht nicht nur mit dem Zählen seine Probleme, sondern er hat offenbar auch Wahrnehmungsschwächen. Und wenn er sie hat, dann deswegen, weil sein Koordinatenkreuz nicht fest und straight steht. Vor der UNO hat er vor kurzem, Reihenfolge ist Rangfolge, die drei großen Geißeln der Zeit aufgezählt: Ebola-Virus, Putin/Russlandkonflikt, Terrorismus. Die größte Gefahr der Menschheit liegt allerdings in der Tatsache begraben, dass der Westen kein Koordinatenkreuz mehr besitzt und den Anfeindungen von Ideologien und Religionen nicht das Geringste entgegen zu setzen hat.
Ebola ist eine Naturkatastrophe und fällt eigentlich aus der Obamaschen Aufzählung raus. Der Fall Putin/Russland ist eher ein Ablenkungsmanöver von den Schwächen des Westens und der Malaise von der politischen Klasse im Westen. Und der Terrorismus, den die politische Klasse eigentlich ganz verdrängt und wenn in ferne Länder verlegt, findet in der einen oder anderen Form zunehmend auch im Westen selber statt. Und der Westen selber ist der erste Steigbügelhalter für den Terrorismus in der Welt und im Westen selber.
Obamas Einfallslosigkeit kennt kaum Grenzen: Bomben gegen Isis. Na, toll! Und jede Bombe im mittleren Osten macht einen Isiskämpfer im Westen mehr. Obama, der wie gesagt mit dem Zählen Probleme zu haben scheint, hat vor einer Woche noch nach Monate langem Zögern seine Wahrnehmung von Terrorismus auf Platz 3 seiner Liste des Bösen gesetzt. Knapp eine Woche später muss er sich korrigieren, er habe die Isis-Organisation unterschätzt und die Fähigkeiten der irakischen Armee Isis zu Gunsten des Restes der Welt zu bekämpfen überschätzt. http://www.welt.de/politik/ausland/article132721940/Wir-haben-die-IS-Terrormiliz-unterschaetzt.html
Es ist eben erschütternd, wenn der Wunsch der Vater der Gedanken des mächtigsten Mannes der Welt ist und nicht die Realität.
Isis goes Hollywood
In Scharen laufen Westler zu Isis über und in Scharen konvertieren viele Menschen im Westen zum Islam. Der Westen zahlt mit seinem Geld das Öl, das im mittleren Osten unter der Erde liegt. Und mit diesem Ölgeld wird dann der Westen aufgekauft. Es werden auch Firmen, die in sensiblen Bereichen tätig sind, wie Rüstung, Medien, Finanzen, was das Herz begehrt, wie es so schön heißt, von den Scheichs gekauft, die dann von westlichen Regierungen gelegentlich verdächtigt werden sogar Isis zu finanzieren.
Hollywood als Inkarnation des Westens ist das schlechthinnige Feindbild von Isis, aber nicht nur von Isis. Trotzdem stellt man fest: nur die am besten inszenierten Enthauptungen, die derzeit auf dem Programm von Isis stehen, werden als Hollywoodschauspiel filmisch festgehalten und über die modernen, westlichen Multiplikationstechniken in die Wohnstuben des Durchschnittswestlers verbreitet. Hinter so einer Inszenierung steckt eine Menge Übung.
Es sind die jesidischen Männer und auch Kinder, an denen das Enthaupten massenhaft geübt wurde. Männer jenes Volkes, das der Deutschlandfunk samt einem interviewten Experten einer Hilfsorganisation, Thomas von Osten-Sacken, vor wenigen Tagen mal eben als "sehr sehr arm" und "sehr sehr rückständig" bezeichnete und über die er sagte, dass sie "sehr sehr viele Kinder haben" und in einem "sehr sehr abgeschiedenen Gebiet gelebt" hätten und die mit dieser plötzlichen Massenhinrichtung ihrer Männer und den anhaltenden Massenvergewaltigungen und Versklavungen ihrer Frauen "jetzt mit etwas konfrontiert" wären, "mit dem sie auch psychologisch de facto gar nicht umgehen können". Klar, Deutschlandfunk und Osten-Sacken könnten mit Massenmord und Massenvergewaltigungen in ihrem persönlichen Umfeld natürlich psychologisch vollkommen souverän umgehen! Noch krasser kann das kaputte Koordinatenkreuz, das den Westen vor sich hin taumeln lässt, über keinen Sender gebracht werden.
Enthaupten gehört zur Standardausbildung bei Isis. Und die Isisführung weiß auch die Symbolik perfekt zu nutzen. Die Casting- Manie des Westens, die Aufhebung aller Grenzen von Scham, Peinlichkeit und Pietät, die maßlose Wut des Westens im Reality-Fernsehen auch noch den letzten Dreck zu vergolden, die Aufhebung aller Werte bis zur Negierung der Existenz von Werten oder der Existenzberechtigung von Werten und viele, viele andere Fehlentwicklungen, die den Westen täglich durchschütteln, haben einen Abstumpfungsgrad im Westen erzeugt, der schon seit langem gefährlich ist. Zwischen Kakerlakenfressen im Dschungelcamp und Krieg spielen im Nahen Osten ist der Weg verdammt kurz geworden. Alles nur Event.
Wer das Schwert vor laufender Kamera in diesen Momenten führt und enthauptet, spürt körperlich und seelisch, wenn er denn entsprechend konditioniert ist, ein Gefühl der Erhabenheit, der Überlegenheit, der Herrschaft über Leben und Tod und er spürt das geile Gefühl des Starseins. Er ist quasi über Nacht eine gewaltige, unter Umständen schwarz verhüllte Persönlichkeit, die aus eigener Machtvollkommenheit im Namen einer überpersönlichen Macht eben nicht nur einen Menschen in den Tod schickt und dessen Angehörige und Freunde erschüttert und dabei nicht nur eine Gesellschaft vorführt, sondern der die Führungsmacht dieser Welt, nämlich den Westen, der seine Führungsrolle auf eine schizophrene Art verspielt, als Ganzen zum Hampelmann macht.
Mit den auf Quälen abgestimmten Werkzeugen der sogenannten Enthauptung zeigt ein Mensch dem gesamten Westen, dass dieser ein irrlichtender, eigentlich verderbter Feigling ist, der mit hohen moralischen, konstitutiven Ansprüchen herum labert, aber seine Menschen nicht nur nicht schützen kann, sondern, schlimmer noch, gar nicht schützen will.
Früher die Kommunisten und jetzt die sogenannten Islamisten haben den Westen als Dekadenzveranstaltung beschrieben und verachtet. Der Westen, der zu seinen Werten nicht steht, muss in den Spiegel schauen und sich selber eingestehen, dass er keine Werte mehr hat. Um nicht alles auf Obama zu schieben, muss gesagt werden, dass Merkel, Schäuble und Gabriel die Wertefreiheit, die Amoralität förmlich auf ihre Fahnen geschrieben haben und der sogenannte Sozialist Francois Hollande desorientiert durch den Elyseepalast schwebt.
Dem Westen wird die Würde genommen
Enthauptungen, wie sie derzeit in Mode geraten, machen denjenigen, die sie machen und inszenieren, Spaß, weil sie das Publikum des Westens gleichermaßen mit Schauder, Faszination und Nichtstun erfüllen, weil sie das westliche Publikum in die absolute Leere schicken, weil sie den Spaß im Westen verderben und den Spaßfaktor zu sich holen. Die "Reichweite" einer solchen Enthauptung ist enorm und die Wirkung ist nachhaltig. Mit jeder Enthauptung eines Menschen, die eine qualvolle Prozedur ist, wird dem Westen ein weiteres Stück seiner Würde genommen. Der Westen wird im Sinne des üblich gewordenen Schimpfwortes, du Opfer, zu einem solchen Opfer degradiert.
Das ist die Wahrnehmung derjenigen, die sich mit Leib und Leben Isis anschließen. Der Westen hat schon lange keine Idee mehr. Er schwelgt überheblich in Selbstverleugnung und das ist vor allem das im Prinzip kriminell zu nennende Machwerk der Kaste der sogenannten Westintellektuellen, die man standartmäßig Linksintellektuelle nennt. Das linksintellektuelle Establishment schwelgt in der Missachtung der Menschen, die im Westen leben. Statt Koordinatenkreuz gibt es aus irgendeinem Off von den unterschiedlichsten und widerstrebendsten Kräften eine Art verordnetes Durcheinander.
Es entstehen Parallelgesellschaften, deren Existenz dann schnell geleugnet wird, und es entstehen parallele Werteordnungen und regelrecht parallele Gesetzes-und Verfassungsordnungen, hier der laizistische Staat und da der Gottesstaat oder die Religion als letzte staatlicher Instanz. Und wie heißt es doch noch gleich aus den hängenden Mundwinkeln manch eines Intellektuellen? Ja. Was interessiert mich die Unterschicht und was interessieren mich die Kinder der Unterschicht, mag ja sein, dass die von den Fehlentwicklungen in der Gesellschaft betroffen sind, aber das ist deren Problem.
Das kaputte Koordinatenkreuz der Gesellschaft
Wie konnte die Obama-Administration mit NSA und Satellitenaufklärung und hoffentlich auch noch ein paar politischen Köpfen in den sogenannten Thinktanks Isis angesichts deren Erfolge unterschätzen. Und wie konnte Obama drei Monate lang dem kometenhaften Aufstieg von Isis zusehen, wenn er Isis für eine Organisation hält, die er jetzt mit Bomben bekämpfen will. Und wie konnte die Bundesrepublik dem Treiben im Irak und in Syrien, ebenfalls tatenlos zusehen?
Warum lässt der Westen, der so viel vom Schutz zu Gunsten der Minderheiten daher fabuliert, die am meisten verfolgte und gemordete Minderheit auf dieser Welt, die Christen, auf eine enorm brutale Art und Weise im Stich? Eben, weil die westliche Nomen Klatura selber an dem Werteverfall des Westens und ihrer Selbst und der steigenden Bedeutungslosigkeit der christlichen Werte leidet und angefixt auf neue Werte fliegt, wie sie zum Beispiel der Islam bietet, auf Werte, denen sich auch die Islamisten, ob zu Recht oder zu Unrecht verpflichtet fühlen.
Das Gehirn des Westens muss zum Seelendoktor und runderneuert werden. Die Aussichten für einen Behandlungserfolg übersteigen die Nulllinie allerdings nur unwesentlich. Bis eine neue Mode das Dorf erfasst, macht bis auf Weiteres Enthaupten denen erst einmal Spaß, die spüren, wie sie den Westen in die Knie zwingen. Das muss der taubstumme Westen lernen. Wo bleibt die Obama-Doktrin?
Bettina Röhl ist Autorin des Buches "So macht Kommunismus Spaß", das sich mit der Geschichte der Linken in der Bundesrepublik im Kalten Krieg befasst.