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Greenpeace-UntersuchungKrebserregende Stoffe in Kinderkleidung entdeckt

Schädliche Chemikalien finden sich in Kinderkleidung und -schuhen von Discountern – zu diesem Ergebnis kommt eine Greenpeace-Studie. Unmittelbare Gefahr für die Gesundheit der Träger bestehe aber nicht. 23.10.2014 - 14:29 Uhr

Eine Kita-Gruppe beim Herbstspaziergang: Viele Kinderkleider und -schuhe enthalten giftige Stoffe. Das belegt eine aktuelle Greenpeace-Untersuchung.

Foto: dpa

Bei der Untersuchung von Kinderkleidung und Kinderschuhen von Discountern hat die Umweltorganisation Greenpeace gefährliche Chemikalien nachgewiesen. In mehr als der Hälfte von 26 Produkten hätten unabhängige Labore umwelt- und gesundheitsschädliche Chemikalien oberhalb der Vergleichs- und Vorsorgewerte entdeckt, teilte die Organisation am Donnerstag mit. Das seien Werte, die vom Bundesumweltamt oder dem Bundesinstitut für Risikobewertung empfohlen werden, ohne bislang gesetzlich bindend zu sein.

Das Tragen dieser Kleidungsstücke schädigt laut Greenpeace zwar nicht unmittelbar die Gesundheit, doch die Chemikalien gelangten über Produkte und Fabriken in die Umwelt und in Lebensmittel. In China seien beispielsweise bereits zwei Drittel der Gewässer mit schädlichen Chemikalien verschmutzt.

Untersucht wurden Artikel von Aldi, Lidl, Penny und Tchibo sowie Produkte aus Supermarktketten in Österreich und der Schweiz. Einige der entdeckten Stoffe gelten laut Greenpeace als krebserregend. Manche seien schädlich für die Fortpflanzung oder die Leber. „Eltern werfen gern ein paar Kinderschuhe auf Milch und Butter in den Einkaufswagen. Doch die Discounter-Kleidung ist oft mit gefährlichen Chemikalien belastet“, sagte Greenpeace-Textilexpertin Kirsten Brodde.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace 141 Kleidungsstücke der verschiedensten Marken von unabhängigen Labors auf Schadstoffe testen lassen. Dabei fanden die Textilprüfer in 89 der 141 T-Shirts, Jacken und Hosen Nonylphenolethoxylate (NPE). Diese NPE kamen oftmals in industriellen Reinigungsmitteln vor, sind aber seit 25 Jahren innerhalb der EU als Bestandteil von Reinigern verboten, weil sie zu giftigem Nonylphenol abgebaut werden.

Die giftigen Stoffe wurden beispielsweise in sechs von zehn Kleidungsstücken der Marke Zara gefunden. Außerdem fanden die Prüfer in zwei der zehn T-Shirts krebserregende Amine. Amine wurden insgesamt in zwei der 134 Artikel in Konzentrationen oberhalb der Nachweisgrenze von 5 mg/kg gefunden: "Beide Produkte wurden in Pakistan für Zara hergestellt und im Libanon und in Ungarn verkauft", heißt es in der Greenpeace-Studie.

Auf ihrer Homepage verspricht die Marke dagegen, dass alle Aktivitäten der Zara Inditex Group "moralisch und verantwortungsvoll durchgeführt" werden. Weiter heißt es: "Alle Produkte von Inditex respektieren die Umwelt, Gesundheit und Sicherheit. Durch die Umsetzung strenger internationaler Standards versichert Inditex seinen Kunden, dass die Produkte des Unternehmens strikte Gesundheits-, Sicherheits- und moralische Standards erfüllen."

Bei Konkurrent Vero Moda waren übrigens vier von fünf Kleidungsstücken positiv auf NPE getestet worden.

Foto: REUTERS

Die giftigen Stoffe kamen allerdings nicht nur bei günstigen Marken vor. Kleidung von Giorgio Armani testeten die Prüfer in fünf von neun Fällen positiv auf NPE. Bei einem Kleidungsstück fanden sie außerdem sogenannte Phthalate, deren Bestandteile "für ihre toxische Wirkung auf das Fortpflanzungssystem bekannt sind und in der europäischen Chemikalienverordnung REACH als besonders besorgniserregende Stoffe geführt" werden, wie es bei Greenpeace heißt.

Im gesamten Test fielen vier Kleidungsstücke mit einer sehr hohen Konzentration (bis zu 37,6 Prozent des Produktgewichtes) dieser Stoffe auf, einer davon wurde für Armani hergestellt, zwei für Tommy Hilfiger und einer für Victoria’s Secret. Zwei der vier Kleidungsstücke wurden in den USA verkauft, eines in Österreich und eines in Italien. Hergestellt wurden sie in der Türkei, auf den Philippinen, in Bangladesch und in Sri Lanka. Wegen der besonders hohen Konzentration bei diesen vier Proben gehen die Textilprüfer davon aus, dass die giftigen Stoffe absichtlich als Weichmacher eingesetzt wurden und keine Produktionsrückstände sind.

Foto: dpa

Trotz dieses vernichtenden Ergebnisses ist auch das Modeunternehmen Victoria's Secret von seiner grünen Haltung überzeugt: "Wir glauben daran, das Richtige für unsere Branche, unsere Gemeinschaft und unsere Welt zu tun. Hierzu gehört auch, unsere Geschäfte auf ökologisch verantwortliche Weise zu führen."

Leider fielen im Test zwei von vier Proben durch NPE und ein Kleidungsstück durch die Belastung durch Phthalate, also Weichmacher, auf.

Foto: REUTERS

Einige der untersuchten Modemarken gehören zum sogenannten "Fast Fashion"-Segment und bringen in kurzen Abständen immer neue Trendartikel auf den Markt. Das begünstige laut Greenpeace "ökologisch unverantwortliche Praktiken", da Lieferanten und Subunternehmer durch den Produktionsdruck "zur Einhaltung immer knapperer Liefertermine gedrängt" würden. "Die Massenproduktion in den zumeist asiatischen Herstellungsländern erfordert einen hohen Chemikalieneinsatz." Davon sind selbst Marken wie Benetton nicht gefeit: Auch hier fanden die Prüfer in drei von neun Kleidungsstücken Nonylphenolethoxylate (NPE).

Da Rückstände dieser Stoffe in den Produkten aller Marken und fast aller in der Studie berücksichtigten Herstellungs- und Einkaufsländer nachgewiesen wurden, gehen die Studienautoren davon aus, dass NPE in der Textilbranche trotz seiner Giftigkeit immer noch weit verbreitet ist.

Foto: AP

Die Kleidungsstücke mit den höchsten NPE-Konzentrationen stammen laut der Studie von den Marken C&A und Mango. Von sechs getesteten Kleidungsstücken waren fünf schwer NPE-belastet. "Die Schadstoffe werden entweder bewusst in den Materialien eingesetzt oder sie sind Rückstände aus dem Herstellungsprozess. In beiden Fällen landen die Substanzen bei der Produktion in Gewässern wie Flüssen, Seen und Meeren", heißt es bei Greenpeace. Abwasser-Untersuchungen der Umweltschutzorganisation in China im Jahr 2011 haben ergeben, dass NPE und andere Alkylphenolethoxylate (ein Oberbegriff für nicht-ionische Tenside, die früher in Wasch- und Reinigungsmitteln eingesetzt wurden; sie sind hochgiftig für Wasserorganismen und reichern sich in der Umwelt an, da sie nicht biologisch abbaubar sind) sowie weitere gefährliche Stoffe in Flüsse eingeleitet wurden.

Doch auch in deutschen Gewässern finden sich die Stoffe - die Kleidung wird ja schließlich auch hierzulande gewaschen.

C&A sagt dazu, dass ein wichtiger Bestandteil der CSR-Politik (Corporate Social Responsibility) der verantwortliche Umgang mit Wasser sei. "Wir erkennen die dringende Notwendigkeit an, die industrielle Freisetzung gefährlicher Chemikalien zu eliminieren."

Foto: dpa

Das Bekleidungsunternehmen Phillips-Van Heusen (PVH), zu dem Calvin Klein und Tommy Hilfiger gehören, wirbt damit, verantwortungsvoll mit Umweltschutz, Ressourcen und ökologischen Herausforderungen umzugehen. "Wir setzen uns dafür ein, Nachhaltigkeit in alle Bereiche unserer Unternehmenstätigkeit zu integrieren, und wir haben eine fundamentale Verantwortung, unsere ökologischen Auswirkungen so gering wie möglich zu halten", heißt es auf der Homepage von PVH.

Leider fielen sieben von acht Calvin Klein-Textilien durch NPE-Funde auf. Bei Tommy Hilfinger waren es zwar nur sechs von neun, dafür wurden zwei Kleidungsstücke positiv auf die toxischen Weichmacher (Phthalate) getestet.

Foto: AP

Auch Esprit legt Wert auf die Umwelt. So sagte CEO Ronald Van Der Vis: "Als Bekleidungsunternehmen integrieren wir unser unternehmerisches Gewissen in jeden Teil unseres Geschäfts, angefangen bei der Suche nach der umweltfreundlichsten Quelle für unsere Rohstoffe über nachhaltiges Design und verantwortungsvolle Produktion bis hin zum Engagement für wohltätige Zwecke gemeinsam mit unseren Kunden." Ziel sei es, auf eine grüne Zukunft hinzuarbeiten und die Entwicklung von mehr Nachhaltigkeit in dieser Industrie maßgeblich voranzutreiben. Leider auch beim Esprit-Test: sechs von neun Proben enthielten NPE.

Foto: REUTERS

Die Textilkette Hennes&Mauritz (H&M) hat schon nach der letzten Greenpeace-Kampagne im Jahr 2011 versprochen, den Einsatz gefährlicher Stoffe bei der Textilherstellung besser kenntlich zu machen. Wenn auf dem Etikett also steht "separat waschen" oder "vor dem Tragen waschen", sollten sich Kunden daran halten. Bei Proben waren nämlich immer noch zwei von sechs Kleidungsstücke schadstoffbelastet. Langfristiges Ziel von H&M sei der völlige Verzicht auf diese Stoffe bis 2020.

Den Hinweis, die Kleidung zu waschen, bevor man sie trägt, findet Greenpeace nicht ausreichend. Modehersteller und ihre Subunternehmer würden weltweit Flüsse als private Abwasserkanäle missbrauchen und das Trinkwasser von Millionen von Menschen verschmutzen, heißt es in der Untersuchung. Und das Gift landet so über Umwege eben doch im Körper. "Auch wenn Textilien in China, Mexiko oder Pakistan produziert werden, sind die eingesetzten Schadstoffe in unserem Blut nachweisbar", sagt Christiane Huxdorff, Chemie-Expertin von Greenpeace.

Foto: dpa

Ein bisschen Sicherheit bieten Verbrauchern Siegel wie Öko-Tex Standard 100, Global Organic Textile Standard (GOTS) oder IVN Best. Levi's Jeans haben diese Siegel leider nicht, aber die Marke besteht darauf, sich "für die Bewahrung der Umwelt einzusetzen". Chip Bergh, Präsident und CEO, Levi Strauss & Co., sagt: "Unsere Kunden erwarten das von uns, unsere Beschäftigten fordern es, und die Erde hat es nötig."

Greenpeace-Testergebnis: sieben von elf Kleidungsstücken waren schadstoffbelastet.

Foto: AP

Schuhe waren von allen Produkten am höchsten belastet. Kinderschuhe von Aldi-Süd (Booties „Alive“) und Aldi-Nord („walkx kids“) enthielten mehr als 190 Milligramm Dimethylformamid pro Kilogramm (mg/kg). Der Stoff gilt laut Greenpeace als fortpflanzungsgefährdend, akut giftig und gesundheitsschädlich. Für eine Auszeichnung mit dem blauen Engel dürfen 10 Milligramm nicht überschritten werden.

„In einer ordentlichen Produktion kommen Rückstände in einer solchen Größenordnung nicht vor“, sagte Chemikalien-Experte Christoph Schulte vom Umweltbundesamt. Es handle sich um Lösungsmittel-Rückstände. Ein gesetzlicher Grenzwert sei in diesen beiden Fällen zwar nicht überschritten. „190 Milligramm sind aber sehr hoch. Ich würde barfuß keine solchen Schuhe 24 Stunden am Tag tragen.“

Laut Greenpeace wiesen die meisten untersuchten Schuhe einen stechenden Geruch auf, der häufig auf die Allergien auslösenden Substanzen 2-Phenyl-2-propanol (2PP) oder Acetophenon hinweise. 7 von 14 Kinderschuhen enthielten 2PP demnach oberhalb des Vergleichswerts von 10 mg/kg. Alle drei getesteten Lidl-Kinderschuhe überschritten diesen Wert.

Outdoor-Kleidung

Mit giftigem Stoff gegen Wind und Wetter

Die Kinder-Gummistiefel von Tchibo waren am stärksten mit dem potenziell krebserregenden Naphthalin aus der Gruppe der Polyzyklischen Aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK) belastet. Die Tester wiesen einen Wert von 2,2 mg/kg nach. Laut Umweltbundesamt gilt hier ab Ende 2015 für Kinderprodukte mit Hautkontakt ein Höchstwert von 0,5 mg/kg.

Nach Angaben der Hersteller werden gesetzliche Grenzwerte generell eingehalten. Auch die durch Greenpeace mitgeteilten Werte seien gesetzeskonform, sagte eine Sprecherin von Aldi-Nord der Nachrichtenagentur dpa. Die Produkte stellten keine Gefahr für den Verbraucher dar. Ähnlich äußerte sich Aldi-Süd.

Eine Lidl-Sprecherin betonte ebenfalls: „Die Produkte sind gesundheitlich unbedenklich und es besteht keine Gefahr für den Verbraucher.“ In den Bereichen ohne gesetzliche Grenzwerte habe Lidl in Zusammenarbeit mit Instituten eigene, strenge Grenzwerte definiert. „Mit den Lieferanten werden wir weiter an der Reduktion von Chemikalien arbeiten.“

Bei Tchibo hieß es: „Auch bei unseren eigenen standardmäßig vor dem Verkauf durchgeführten Prüfungen konnten keine für unsere Kunden bedenklichen Konzentrationen festgestellt werden.“ Das Unternehmen arbeite kontinuierlich daran, unerwünschte Chemikalien aus den Produktionsprozessen für Textilien auszuschließen, sagte ein Sprecher.

Die Vorsitzende des Verbraucherschutz-Ausschusses des Bundestages, Renate Künast (Grüne), forderte eine Veränderung der EU-Richtlinie für mit Chemie belastete Kleidung. Die europäische Chemikalien-Richtlinie werde zudem derzeit „sehr schleppend umgesetzt“, sagte sie im ARD-„Morgenmagazin“. Nötig sei eine Transparenz-Richtlinie.

dpa
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