Preiskampf gegen USA: Warum die Scheichs das Öl enorm verbilligen
Seit Monaten sind die Ölpreise auf Talfahrt und inzwischen so niedrig wie zuletzt 2011. Ein Fass (1 Barrel = 158 Liter) der Sorte Brent ist derzeit für rund 86 Dollar zu haben, die Leichtölsorte WTI kostet derzeit weniger als 83 Dollar. Länder, deren Wirtschaft und Staatsfinanzen von der Förderung des schwarzen Goldes abhängen, trifft das besonders schwer. Die Analysten der Deutschen Bank haben ausgerechnet, welchen Ölpreis diese Länder bräuchten, um ihren Staatshaushalt zu finanzieren.
Foto: dpaSaudi-Arabien
Saudi-Arabien gilt nach wie vor als das Land mit den größten Erdölreserven und ist Führungsstaat in der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC). Den Schätzungen der Deutschen Bank zufolge, bräuchte Saudi-Arabien für seinen Staatshaushalt 2014 einen Ölpreis von 99,20 Dollar je Barrel, 2015 wären es sogar 104,40 Dollar. Saudi-Arabien hatte zuletzt allerdings verkündet, auch mit einem Preis unter 90 Dollar gut zurecht zu kommen. Experten vermuten dahinter allerdings eher einen politisch motivierten Preiskampf um Marktanteile, weil das US-Schieferöl für ein Überangebot auf dem Ölmarkt sorgt.
Foto: REUTERSRussland
Russland verfügt schätzungsweise über zwölf Prozent der weltweiten Ölvorräte und 32 Prozent der Gasvorräte. Rohstoffexporte sind auch für den russischen Staatshaushalt daher eine unerlässliche Einnahmequelle. Allerdings müsste der Ölpreis bei mindestens 100,10 Dollar je Barrel liegen, um ein Staatsdefizit zu vermeiden. 2015 müsste das Fass Erdöl für dieses Ziel schon 105,20 Dollar kosten.
Foto: REUTERSOman
Das Öl aus der Wüste hat Oman einst seinen Reichtum beschert. Trotz sinkender Reserven ist Öl auch heute eine wichtige Einnahmequelle. Laut Deutscher Bank benötigt das Land im Osten der Arabische Halbinsel einen Ölpreis von 100,10 Dollar je Barrel für einen ausgeglichenen Haushalt. Für das kommende Jahr wären sogar 110 Dollar je Barrel nötig.
Foto: Richard Bartz - eigenes Werk. Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 über Wikimedia CommonsNigeria
Nigeria ist das bevölkerungsreichste Land Afrikas und zugleich der wichtigste Ölförderstaat auf dem Kontinent. Aus der Erdölförderung stammen 80 Prozent der Staatseinnahmen. Für einen ausgeglichenen Staatshaushalt müsste der Erdölpreis jedoch bei 126,20 Dollar je Barrel liegen, 2015 müssten es 122,70 Dollar sein.
Foto: dpaBahrain
Saudi-Arabiens Nachbarstaat im Persischen Golf bestreitet drei Viertel seines Staatshaushalts aus den Einnahmen der Ölförderung. Für seine Staatsausgaben bräuchte der Inselstaat Bahrain einen Ölpreis von 136,20 Dollar je Barrel in diesem Jahr, 2015 müssten es sogar 138,10 Dollar sein.
Foto: APVenezuela
Die noch unter Staatspräsident Hugo Chávez 2007 verstaatlichten Erdölfelder sind für 80 Prozent der Exporterlöse und die Hälfte der Staatseinnahmen verantwortlich. Das OPEC-Mitgliedsland macht sich daher lautstark für eine Verknappung der Ölfördermenge stark, um den fallenden Ölpreisen entgegen zu wirken. Den Deutsche-Bank-Analysten zufolge müsste der Ölpreis nämlich bei 162 Dollar je Barrel - fast doppelt so hoch wie aktuell - liegen, damit der Staatshaushalt für 2014 nicht defizitär wird. 2015 sollen dann 117,50 Dollar je Barrel genügen.
Foto: REUTERSEin Euro und 33 Cent für den Liter Super an unseren Tankstellen, weil das Rohöl sich enorm verbilligt hat: Die weltweiten Preise sind in diesem Jahr um mehr als 40 Prozent gesunken. Und dahinter steckt nicht etwa eine große Krise der Weltkonjunktur, sondern ein überbordendes Angebot des wichtigen Rohstoffs.
Seit dem Frühjahr ist die Ölproduktion in den Bürgerkriegsländern Libyen und Irak auf das Vorkrisenniveau zurückgekehrt – offensichtlich haben die Kriegsherren begriffen, dass sie Ölproduktion und Pipelines im eigenen Interesse zu schonen haben. Gleichzeitig erwarten die Akteure am Ölmarkt, das explosionsartige Wachstum der Erdölförderung in den USA werde schon in wenigen Jahren den bislang mit Abstand weltgrößten Importeur von Erdöl zum wichtigen Exporteur machen.
Fracking macht keinen Sinn
Tatsächlich war die amerikanische Ölförderung von 2008 bis 2013 von 6,8 Millionen Barrel pro Tag auf mehr als zehn Millionen Barrel gestiegen. Ginge es so weiter, würden die USA Saudi-Arabien schon bald als weltweit größten Förderer ablösen. Die saudische Produktion wächst vergleichsweise langsam. Im arabischen Wüstensand macht die Zaubertechnik Fracking keinen Sinn, der Amerika seinen gewaltigen Produktionszuwachs verdankt.
Hinter den derzeit so niedrigen Preisen stecken trotzdem die Saudis. Das fing im Sommer damit an, dass ihre staatseigene Fördergesellschaft Aramco auf Nachfragerückgänge und die verstärkte Konkurrenz russischer Rohölanbieter in China, Japan und Südkorea mit Preisrabatten reagierte. Es wurde offensichtlich, dass Saudi-Arabien zusammen mit seinen Nachbarn und Verbündeten in Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten fast alles tun werde, um die eigenen Marktanteile zu halten.
Darum erwarten die Märkte seitdem einen steten Angebotsüberhang, und das führt sogleich zu sinkenden Preisen. Denn am Weltmarkt für Rohöl wird der Preis sehr viel weniger vom aktuellen Angebot und der aktuellen Nachfrage bestimmt als von dem, was die Marktteilnehmer über die künftige Entwicklung beider Faktoren denken.
Saudi-Arabien hat diesen Mechanismus konsequent ausgenutzt. Das begann mit den Rabatten im Fernen Osten und ging im Herbst weiter mit Äußerungen des Ölministers Ali al-Naimi, Saudi-Arabien sei vor allem anderen an der Wahrung seiner Stellung als Exportland Nummer eins interessiert. Es gipfelte in der turnusmäßigen Sitzung der Ölminister der Opec-Länder Ende November in Wien, als die Ölpreise schon um 30 Prozent gegenüber dem Jahresanfang gefallen waren.
Normalerweise hätte die Opec darauf mit einer Drosselung der Produktionsquoten reagiert. Dieses Mal aber änderte das Kartell nichts an diesen Quoten von insgesamt etwa 31 Millionen Barrel pro Tag. Das war ganz im Interesse der Saudis, katastrophal für die Opec-Minderheit der ärmeren Mitgliedsländer: Schon bei Rohölpreisen um 70 Dollar wie Ende November konnten der Iran, Venezuela und Nigeria ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen. Dabei geht der Preissturz seit dem ergebnislosen Wiener Opec-Treffen ungebrochen weiter. Die Nordsee-Sorte Brent kostete vergangenen Donnerstag in London 64 Dollar, der Preis für die amerikanische Sorte WTI näherte sich in New York der Marke von 60 Dollar.
Und wieder liegt es an den Saudis und ihren Verbündeten, die in der Opec den Ton angeben: Ganz offiziell senkte das Opec-Sekretariat in Wien vergangene Woche seine Prognose für die durchschnittliche tägliche Nachfrage nach Opec-Rohöl im kommenden Jahr um 280 000 Barrel. Einziger Zweck der Verlautbarung war eine neue Schockwelle, die dann die Märkte entsprechend hart traf.
Die arabischen Opec-Länder handeln derzeit konsequent. Für den kommenden Januar haben sie für mehrere Weltregionen den Verkaufspreis für leichte Rohölsorten gesenkt. 60 Dollar, so scheint es, sind den Strategen auf der Arabischen Halbinsel immer noch zu viel.
All das richtet sich gegen die amerikanische Konkurrenz, gegen die bislang so rasant wachsende Fracking-Wirtschaft. Kern des Kalküls: Die reinen Förderkosten für ein Barrel Öl aus der arabischen Wüste liegen zwischen sieben und höchstens zwölf Dollar. Ein Barrel Erdöl, das in den USA durch Fracking gewonnen wird, verursacht dagegen je nach Lage und Art der Fundstelle Kosten zwischen 40 und 70 Dollar. Schon bei 60 Dollar wäre also das Ende vieler amerikanischer Projekte nahe.
Natürlich bleibt es paradox, wenn Länder, die praktisch nur vom Ölexport leben, die Erlöse dieses Geschäfts willentlich reduzieren. Kritiker dieses Kurses, die es auch in der saudischen Führung gibt, stützen sich auf eine Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF). Dessen Forscher haben berechnet, wie hoch der Rohölpreis mindestens sein müsste, um die chronischen Löcher in den Staatshaushalten der Ölexporteure zu stopfen. Für Saudi-Arabien mit seiner generösen Sozialpolitik kommt der IWF auf mehr als 100 Dollar, für den Iran auf 140 Dollar, für die kleinen Opec-Staaten am Golf auf 60 bis 80 Dollar. König Abdullah und seine Minister können sich den Preiskampf trotzdem leisten – dank des in den vergangenen Jahren akkumulierten gewaltigen Reichtums des Königreichs.
„Niedrige Ölpreise sind für das Königreich akzeptabel dank eines gut gemanagten Bestands an Devisenreserven“, sagt der saudische Publizist Nawaf Obeid. Nach seinen Angaben verfügt der saudische Staat über Devisenreserven und ausländische Vermögenswerte im Wert von mehr als 900 Milliarden Dollar. Das würde rein rechnerisch ausreichen, die Folgen eines halbierten Rohölpreises mehr als vier Jahre auszugleichen, ohne irgendwo im Staatshaushalt zu sparen.
Einen so langen Atem hätte die amerikanische Ölindustrie kaum, auch wenn es bis auf sinkende Aktienkurse der Ölunternehmen noch keine Krisenzeichen gibt. Gilt das aber auch, wenn sich der Barrelpreis bei 60 Dollar einpendelt oder gar noch weiter fällt? An der Wall Street werden bereits spekulative Kontrakte auf einen Preis von 40 Dollar Mitte 2015 gehandelt. Bislang geben sich die großen amerikanischen Produktionsgesellschaften wie Devon Energy und Continental Ressources aber noch optimistisch, erschließen im neuen Wilden Westen der USA ein Ölfeld nach dem anderen und prognostizieren für 2015 Zuwächse im zweistelligen Prozentbereich.
Vor dem Countdown
Die meisten Produktionsfirmen in der alten Cowboy-Region zwischen Mississippi und Rocky Mountains haben sich mit Derivaten gegen fallende Ölpreise abgesichert. So eine Absicherung läuft freilich irgendwann aus, bei den meisten Kontrakten ist das schon im kommenden Jahr so.
Da haben die Ölscheichs vermutlich den längeren Atem. „Einer muss den Kürzeren ziehen“, sagt Sarah Emerson, Direktorin der auf die Ölindustrie spezialisierten amerikanischen Unternehmensberatung ESAI Energy – „es ist wie beim Goldrausch. Erst einmal will jeder so viel erbeuten wie möglich.“
Weshalb die Konsumenten der Konfrontation zwischen Wildwest-Helden und Scheichs gelassen zuschauen können.