Denn's, Alnatura, Bio Company: Die fünf Kämpfe um die Zukunft des Biohandels
„Bio-Boom“, „Megatrend“, „ungebrochen“. Es sind markige Worte voller Lob, mit denen Medien und Verbände derzeit über das Geschäft mit ökologischen Lebensmitteln berichten. Kein Wunder, gerade feiert sich die Branche auf der Biofach, der weltweit größten Messe für ökologische Konsumgüter.
Anscheinend aus gutem Grund: Deutschland ist nach den USA der umsatzstärkste Bio-Markt weltweit. In den vergangenen 15 Jahren hat sich der Umsatz fast vervierfacht. Eine Erfolgsgeschichte.
Auf 7,91 Milliarden Euro beziffert die Agrarmarkt Informations-Gesellschaft den Umsatz, der 2014 mit Bio-Lebensmitteln und -Getränken gemacht wurde - knapp fünf Prozent mehr als im Vorjahr. Und das in einer Zeit, in der der konventionelle Lebensmittelhandel stagniert.
Doch mit dem Wachstum kommen auch immer größere Probleme auf die Biohändler zu. An fünf Schauplätzen kämpft die Branche um ihre Zukunft – gegen sich selbst, gegen den Druck von außen und gegen die Politik.
1. Der Kampf Groß gegen Klein
Jahrelang profitierten vom Bio-Boom vor allem die großen Ketten – auf Kosten der kleinen, inhabergeführten Läden. Sie hatten seit den Achtzigerjahren das Feld bereitet, mussten dann aber mit ansehen, wie denn's, Alnatura und Bio Company die Einkaufsstraßen der Städte eroberten.
Von 2007 bis 2014 stieg die Zahl der Alnatura-Filialen von 45 auf 83, die der denn's-Läden von 17 auf 143. Und das war nur der Anfang. In den kommenden Monaten solle eine noch raschere Expansion folgen, sagen Insider voraus.
Häufig haben sich die Bio-Supermarktketten in den Innenstädten niedergelassen. In guten Lagen, zwischen C&A und Burger King. Mit großen, hellen Verkaufsräumen und einem Warenangebot, das konventionellen Supermärkten kaum nachsteht, zugleich aber preiswerter ist als in vielen Fachgeschäften, locken sie die Laufkundschaft.
Wo sich die Bio-Supermarktketten niederlassen, sterben die Kleinen. Das galt fast zehn Jahre lang in der Öko-Handelsbranche. Erstmals deutet sich jedoch eine Trendwende an, denn vom Umsatzplus bei den Biolebensmitteln profitierten die Naturkostfachgeschäfte 2014 überdurchschnittlich stark. „Wir haben zum ersten Mal seit langem wieder mehr Eröffnungen von kleinen Läden als Schließungen“, sagt Elke Röder vom Bundesverband Naturkost Naturwaren.
Daraus zu schließen, kleine Naturkostgeschäfte erlebten eine Renaissance, greift jedoch zu kurz. Denn während die Zahl der Geschäfte 2014 um etwa zwei Prozent stieg, wuchs die Gesamtverkaufsfläche der Bioläden um acht Prozent. Anders gesagt: „Für einen kleineren Bioladen, der zumacht, macht ein größerer auf“, erklärt Branchenkenner Klaus Braun, Berater kleiner und mittelgroßer Bioläden.
2. Der Kampf der Ketten
Aber es ist nicht nur der klassische Kampf des Einzelhandels, der die Branche der Ökohändler durchrüttelt. Auch zwischen den großen Anbietern selbst tobt ein erbitterter Kampf.
Um die großen Läden profitabel zu machen, sind Alnatura, denn's Biomarkt und die Bio Company auf viel Laufkundschaft angewiesen. Die Standortanforderungen für neue denn's Filialen lesen sich deshalb wie die der konventionellen Supermarktketten. In der City suche man Ladenräume mit einer attraktiven Fassade, mindestens 10.000 Anwohnern im fußläufigen Umfeld und einer guten ÖPNV-Anbindung, heißt es auf der Unternehmenswebsite. Gewünschte Ladengrößen: bis zu 800 Quadratmeter.
Gute Zeiten für Lebensmittelhändler
Die Lebensmittelhändler können größtenteils auf ein gutes Jahr zurückblicken. Fast alle Unternehmen in den Top-Ten konnten ihre Umsätze gegenüber dem Vorjahr zumindest leicht steigern. Lediglich ein Konzern musste einen Rückgang im Lebensmittelgeschäft verbuchen. Der Gesamtumsatz der zehn umsatzstärksten Händler in Deutschland lag bei rund 164,8 Milliarden Euro. Wobei fast ein Drittel davon auf den ersten Platz entfällt.
Quelle: TradeDimensions, Statista
Foto: dpaPlatz 10: Bartels-Langness
Die Bartels-Langness Handelsgesellschaft konnte im Jahr 2015 knapp 3,1 Milliarden Euro mit Lebensmitteln umsetzen. Zu der Unternehmensgruppe zählen 86 famila-Warenhäuser, mehr als 30 Markant-Märkte und diverse Bäckerei-Filialen in Norddeutschland.
Foto: PRPlatz 9: Globus
1828 legte Franz Bruch mit einem Handelshaus im saarländischen St. Wendel den Grundstein für das heutige Imperium. 2015 setzte die Kette 3,2 Milliarden Euro mit Lebensmitteln um. Damit steigerte sie ihren Umsatz in dem Bereich leicht. Zwar verdient Globus den Großteil seines Gesamtumsatzes mit Lebensmitteln. Baustoffe, Heimwerkerbedarf und Elektrogeräte zählen aber ebenfalls zum Sortiment. Globus betreibt 46 Selbstbedienungs-Warenhäuser, 77 Baumärkte, zwei Globus Drive und sieben Elektrofachmärkte in Deutschland. Darüber hinaus ist die Kette in Russland, Luxemburg und Tschechien vertreten. Mittlerweile lenkt die sechste Generation die Gruppe.
Foto: WirtschaftsWochePlatz 8: Rossmann
Der Drogist legte im vergangenen Jahr um gut 6 Prozent zu und erreichte damit eine Lebensmittelumsatz 5,17 Milliarden Euro. Der macht 90 Prozent des Gesamtumsatzes des dm-Konkurrenten aus.
Foto: dpaPlatz 7: dm
Die Drogeriekette wächst mit 9 Prozent mehr Umsatz gegenüber 2014 am stärksten innerhalb der Top Ten. Auch dm erwirtschaftet 90 Prozent seiner Erlöse mit Nahrungsmitteln wie Baby-Brei, Tees oder Schokoladen.
Foto: dpaPlatz 6: Lekkerland
Der Lebensmittel-Großhändler beliefert täglich rund 61.000 Tankstellen und Kioske in Deutschland. Im Geschäftsjahr macht Lekkerland damit einen Umsatz von 8,9 Milliarden Euro und wuchs um 3,2 Prozent gegenüber Vorjahr. Für die Gruppe arbeiten 3200 Menschen. Ihren Ursprung hat sie in den Niederlanden, wo sich 1956 mehrere selbständige Süßwaren-Großhändler zu Lekkerland zusammenschlossen.
Foto: WirtschaftsWochePlatz 5: Metro-Gruppe
Als einziges Unternehmen in den Top Ten konnte der Konzern im vergangenen Geschäftsjahr nicht wachsen. Der Umsatz mit Lebensmitteln schrumpfte um gut 5 Prozent. Die gut 10,2 Milliarden Euro aus dem Lebensmittelhandel in den Großhandelsmärkten Metro und den Supermärkten der Real-Kette machen ein Drittel des Konzernumsatzes aus. Weitaus bedeutsamer für die Gruppe sind Umsätze aus den Elektronikmärkten Media-Markt und Saturn.
Foto: dpaPlatz 4: Aldi-Gruppe
Die in Aldi-Süd und Aldi-Nord aufgeteilte Unternehmensgruppe gehört zu den größten Discountern Deutschlands. Ihr Umsatz mit Lebensmitteln lag in 2015 bei rund 22 Milliarden Euro - ein Plus von einem Prozent gegenüber dem Vorjahr. 82 Prozent der Gesamterlöse stammen vom Lebensmittelverkauf.
Foto: dpaPlatz 3: Schwarz-Gruppe
Der Discounter Lidl und die Supermarkt-Kette Kaufland sind die Zugpferde der Schwarz-Gruppe. Insgesamt setzte sie 28 Milliarden Euro mit Lebensmitteln um. Das macht ein Plus von gut einem Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Foto: ZBPlatz 2: Rewe-Gruppe
Die in Köln ansässige Gruppe vertreibt neben ihrem bekannten Lebensmittelgeschäft auch Elektroartikel und Reisen. Alles in allem setzte die Gruppe 28,5 Milliarden Euro mit Lebensmitteln um. Das sind 3 Prozent mehr als im Vorjahr. Gesteigert werden soll das im laufenden Jahr durch Angebote wie einen Online- Lebensmittellieferservice. Die Rewe-Gruppe erzielt gut zwei Drittel ihres Umsatzes in der Food-Sparte.
Foto: dpaPlatz 1: Edeka-Gruppe
Der mit Abstand größte deutsche Lebensmittelhändler machte mit seiner Kernsparte rund 48 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2015. Das sind 2,7 Prozent mehr als im Vorjahr und rund 20 Milliarden Euro mehr als die Rewe-Gruppe erwirtschaften konnte. 90,6 Prozent des Umsatzes kommen aus dem Lebensmittelgeschäft. Dafür sorgen rund 11.700 Märkte und 318.000 Mitarbeiter.
Foto: dpaSolche Standorte sind in vielen Städten rar. „Wir könnten viel schneller wachsen, wenn wir entsprechende Flächen hätten. Es scheitert wie immer am Wettbewerb“, klagt auch Alnatura-Chef Götz Rehn. Denn weil es an attraktiven Standorten mangelt, ist in der Branche ist längst vom „Kampf um die besten Plätze“ die Rede.
Häufig lassen sich deshalb mittlerweile konkurrierende Bio-Supermärkte in unmittelbarer Nähe zueinander nieder, um ihre Expansionspläne durchsetzen zu können. Die Strategie läuft auf Verdrängung hinaus.
Der Biomarkt macht gerade einmal etwas mehr als vier Prozent des Gesamtumsatzes am Lebensmitteleinzelhandel, ist nach wie vor eine Nische. Und in der ist längst nicht für alle Platz. Zumal längst auch andere den Bio-Boom für sich nutzen.
3. Der Kampf gegen die Nachahmer
Nur die Hälfte des Umsatzes mit Bio-Lebensmitteln stammt tatsächlich aus Bio-Fachmärkten – genauso viel geht nämlich auch bei Discountern über die Theke. Große Supermarktketten wie Rewe und Edeka haben längst ihre eigenen Biolinien kreiert und verdienen gut daran.
Das hat jetzt auch die Drogeriekette dm vor. „Dabei ist eine Monomarken-Strategie, die in der Pionier- und Aufbauphase richtig war, nicht mehr das passende Instrument“, sagte dm-Chef Erich Harsch der WirtschaftsWoche im Interview. Soll heißen: Die Drogeriemarktkette wird bald eine eigene Bioprodukt-Linie in die Regale stellen. Direkt neben die von Alnatura, vermutlich zu einem niedrigeren Preis. „Wenn man sieht, wie sich die Biowelt verändert hat, sind wir sogar ziemlich spät dran“, so Harsch.
Auch wenn Alnatura sich gelassen gibt: Die Pläne von dm sind ein Schlag ins Kontor. Zwar gibt sich Alnatura zugeknöpft zu genauen Zahlen, doch Insiderberichten zufolge macht Alnatura mehr als die Hälfte seines Umsatzes von zuletzt 689 Millionen Euro über die dm-Märkte. Händeringend ist das Unternehmen deshalb gerade bemüht, den drohenden Umsatzrückgang aufzufangen.
Mythos 1: Bioprodukte sind gesünder
Zwar gibt es Studien, die belegen, dass ökologische Lebensmittel mehr Vitamine und Nährstoffe enthalten – doch andere Untersuchungen widersprechen hier. Daher gibt es keinen eindeutigen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass Bio mit „gesünder“ gleichzusetzen ist. Anders sieht das bei der Pestizidbelastung aus: Hier schneiden Bio-Lebensmittel in der Regel wesentlich besser ab.
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Mythos 2: Bioprodukte sind teurer
Der Mehraufwand, etwa für artgerechte Tierhaltung, muss bezahlt werden: 30 bis 100 Prozent kosten Bio-Produkte im Durchschnitt mehr. Doch in vielen Bereichen ist der Preisunterschied zwischen Produkten aus ökologischer und denen aus konventioneller Landwirtschaft kaum noch spürbar – erst recht, seitdem es auch immer mehr Bio-Ware in den Discountern gibt. Bei Obst und Gemüse, etwa bei Karotten oder Äpfeln, ist der Preisunterschied oft schon verschwunden. Deutlich spürbar bleibt er jedoch bei Fleisch.
Foto: dpaMythos 3: Bio-Produkte sind transparent
Das stimmt so nicht. Die Vielzahl an unterschiedlichen Siegeln, vom deutschen über das europäische Bio-Siegel bis zu Demeter oder Bioland, ist für Verbraucher kaum zu überschauen – zumal bei allen Kennzeichnungen unterschiedliche Richtlinien gelten. Anbauverbände wie Demeter stellen in der Regel die strengsten Anforderungen, das europäische Bio-Siegel bietet hingegen nur den Mindeststandard.
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Mythos 4: Bio ist ein Nischenprodukt
Das galt nur in den Anfangsjahren. 2013 kletterten die Umsätze der Bio-Branche um stattliche 7,2 Prozent auf 7,55 Milliarden Euro, meldet der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Im Öko-Barometer des Bundesernährungsministeriums heißt es, dass inzwischen drei von vier Verbrauchern beim Lebensmitteleinkauf auch nach ökologisch hergestellter Ware greifen. Dabei sind die Konsumenten vor allem junge Verbraucher unter 30 Jahren. Für Gerald Herrmann, Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Organic Services, keine Überraschung: „Die jungen Generationen sind vielfach damit aufgewachsen, für sie ist Bio selbstverständlich geworden."
Foto: dpaMythos 5: Bio ist bei Bauern beliebt
Landwirte, die Bio-Landbau betreiben wollen, haben mit vielen Hürden zu kämpfen. Zum Beispiel mit dem Flächenproblem: Durch die Subventionierung von Energiemais für Biogasanlagen, die durch das EEG festgelegt ist, können sich viele Öko-Betriebe die teuren Pachtpreise nicht mehr leisten. Zudem gibt es Umstellungsfristen von zwei bis drei Jahren, in denen die Landwirte zwar ökologisch produzieren, ihre Ware aber nur zu den Preisen für konventionelle Ware verkaufen dürfen.
Foto: dpaMythos 6: Bio ist regional und nachhaltig
Die Nachfrage nach Bio-Produkten wächst schnell – die Größe der Anbaufläche und die Zahl der Bauern können da hierzulande nicht mithalten. Deutschland fehlen Tausende Biobauern. Dadurch wird viel importiert: Jede dritte Bio-Kartoffel stammt aus dem Ausland, bei Möhren, Äpfeln und Gurken ist es etwa die Hälfte. Besonders krass ist es bei Bio-Tomaten und –Paprika, sie stammen zu 80 beziehungsweise über 90 Prozent aus allen Ecken der Welt. Wie nachhaltig eine Bio-Kartoffel aus Ägypten, die intensiv bewässert werden muss, dann noch ist, ist äußerst fraglich.
Foto: dpaMythos 7: Bio-Produkte enthalten keine Zusatzstoffe
Das kann man pauschal so nicht sagen. Insgesamt 50 der knapp 320 zugelassenen Zusatzstoffe wie Aromen oder Konservierungsmittel sind nach der EU-Öko-Verordnung auch für Bio-Lebensmittel zugelassen, sofern das Produkt ohne diese Zusätze nicht hergestellt oder haltbar gemacht werden kann.
Foto: dpaMythos 8: In der Bio-Landwirtschaft sind Antibiotika tabu
Es stimmt zwar, dass verletzte oder kranke Tiere auf Bio-Höfen möglichst mit natürlichen oder homöopathischen Präparaten behandelt werden sollten. Doch wenn das nicht hilft, sind Antibiotika nicht generell verboten. Es gelten aber strenge Richtlinien für den Einsatz: es muss streng dokumentiert werden und die betroffenen Tiere dürfen erst später zum Schlachter. Bekommen sie wiederholt Antibiotika, verlieren sie zudem ihren Status als „Bio-Tier“.
Foto: dpaMythos 9: Bio-Bauern sind Idealisten
Während der Begriff „Qualität“ im konventionellen Landbau meint, dass sei hygienisch einwandfrei und nicht gefährlich sind, spielen im Bio-Landbau auch Werte wie Tier- und Umweltschutz eine Rolle. Trotzdem sind die Bio-Betriebe hochprofessionell und streng marktwirtschaftlich ausgerichtet.
Foto: dpaMythos 10: Bio-Eier sind unbelastet
Dieser Mythos ist seit Ostern 2012 dahin. Damals wurden in Bio-Eiern PCB und Dioxin gefunden, Höfe wurden gesperrt. Dioxine lagern sich auf dem Boden und auf Futterpflanzen ab, so dass auch artgerecht gehaltene Bio-Hennen nicht vor der Aufnahme gefeit sind.
Foto: dpaBranchenberichte über Verhandlungen mit den Ketten Rewe und Edeka will Alnatura auf Nachfrage zwar nicht bestätigen, doch eine solche Kooperation ist plausibel. Will Alnatura seine hohen Umsatzzahlen halten, geht das kaum über den Fachhandel allein, sondern nur über den konventionellen Handel.
Dort ist der Absatz von Produkten aber doppelt schwer. Die Supermarktketten und Discounter locken ihre Kunden mit Produkten, die nicht nach hohen Bio-Standards produziert werden, aber dennoch mit Attributen werben, die vielen Kunden wichtig sind: Nachhaltigkeit und vor allem Regionalität. „Die Tendenz, die Bio-Standards durch scheinbare Alternativen ablösen zu wollen“, sei deutlich spürbar, sagt BNN-Geschäftsführerin Elke Röder.
Das sorgt in den Verkaufsregalen für ein Durcheinander an Siegeln und letzlich Verwirrung bei den Kunden. Längst ist nicht mehr jedem klar, welchem Versprechen von artgerechter Haltung, kontrolliertem Anbau und Öko-Qualität noch zu glauben ist.
4. Kampf um die Bauern
Dabei fällt es vielen Händlern zunehmend schwerer, an echte Bio-Produkte zu kommen – zumindest, wenn sie aus Deutschland kommen sollen. Die heimischen Bauern kommen mit der Bio-Produktion nicht hinterher. Zuwachszahlen bei Fläche und Betrieben bleiben deutlich hinter dem Marktwachstum zurück.
Der Grund: Ökologische Landwirtschaft ist für viele Bauern derzeit nicht sonderlich attraktiv. Nach einer Erhebung des Thüne-Instituts lag das Einkommen der Öko-Betriebe erstmals seit vielen Jahren wieder unter dem Einkommen der konventionellen Vergleichsbetriebe.
Bio-Lebensmittel werden bei jungen Leuten laut einer Umfrage zusehends beliebter. Inzwischen kaufen 23 Prozent der unter 30-Jährigen häufig Produkte aus ökologischem Anbau, wie eine am Montag vorgelegte Studie im Auftrag des Bundesverbraucherministeriums ergab. Das sind neun Prozentpunkte mehr als bei einer Befragung im vergangenen Jahr. Bei älteren Verbrauchern gab es dagegen einen Rückgang. Unter Verbrauchern zwischen 50 und 59 Jahren greifen nun 19 Prozent oft oder ausschließlich zu Bio-Waren nach zuvor 26 Prozent. Wichtigster Grund für Bio-Käufe ist demnach erstmals die regionale Herkunft von Produkten. Befragt wurden im Mai 1002 Bundesbürger ab 14 Jahren.
Platz 11: Babynahrung
Acht Prozent gaben an, bei Babynahrung zu Bioprodukten zu greifen. Allerdings wurde bei der Befragung nicht in Eltern und Kinderlose unterschieden. Daher sagt diese Zahl nichts darüber aus, wie viele Mütter und Väter für ihre Kinder Öko-Gläschen kaufen.
Foto: APPlatz 10: Süßigkeiten
Süßigkeiten befinden sich nicht so stark im Fokus von Ökolebensmittel-Käufern. Zehn Prozent gaben an auch bei Schokolade, Gummizeug, Eis und Co auf eine ökologisch wertvolle Herstellung zu achten.
Foto: dpaPlatz 9: Fisch
Immerhin 23 Prozent der Befragten gab an, auch beim Fischkauf auf Bio-Qualität zu achten. Damit ist die Zahl im Vergleich zum vergangenen Jahr konstant geblieben. Welche Fische laut der Umweltorganisation Greenpeace nicht auf den Teller dürfen, lesen Sie hier.
Foto: dpaPlatz 8: Trockenwaren
Nudeln, Mehl und Reis stehen nicht mehr so im Fokus der Bio-Käufer. Nur noch 28 Prozent gaben an bei diesen Produkten auf die ökologische Herstellung zu achten. Das sind drei Prozent weniger als im vergangenen Jahr.
Foto: dpaPlatz 7: Fleisch oder Wurstwaren
32 Prozent aller befragten Käufer von Biolebensmitteln greifen bei Wurst- oder Fleischwaren ausschließlich oder häufig zu Öko-Produkten. Das ist ein Rückgang um sechs Prozent gegenüber 2012. Zurückzuführen ist das vor allem auf die Gruppe der nicht berufstätigen und jüngeren Biokäufer sowie kleine und Einzelhaushalte. Allerdings könnte der Rückgang auch darauf zurückzuführen sein, dass immer mehr Menschen auf Fleisch verzichten, mutmaßt das Bundesprogramm für Ökologischen Landbau (BÖLN). Bei der Befragung wurde nicht zwischen Vegetariern und Fleischessern unterschieden.
Foto: dpaPlatz 6: Alkoholfeie Getränke
Bei alkoholfreien Getränken ist die Aufmerksamkeit der Konsumenten konstant geblieben. 32 Prozent der Bio-Käufer gaben an, bei Limo, Saft und Co auf Bio-Qualität zu achten.
Foto: dpaPlatz 5: Brotwaren
Bei dem Kauf von Brot und Brötchen gaben 43 Prozent der Befragten an, auf Bio-Qualität zu achten. Ein konstanter Wert im Vergleich zum Vorjahr.
Foto: dpaPlatz 4: Milchprodukte
Dass die Milch, der Joghurt, der Käse und der Quark vom Biohof kommen, darauf achten ebenfalls 43 Prozent der Befragten Bio-Käufer. Damit ist der Wert gegenüber 2012 um drei Prozent gestiegen. Insbesondere in Ostdeutschland, bei jüngeren Verbrauchern unter 40 Jahren und in Single-Haushalten werden die Bio-Milchprodukte immer beliebter.
Foto: dpaPlatz 3: Kartoffeln
Wie im vergangenen Jahr liegen die Kartoffeln wieder auf Platz 3. 44 Prozent der Befragten gaben an, vor allem ökologisch angebaute Erdäpfel zu kaufen.
Wissenswertes über Kartoffeln lesen Sie hier.
Foto: dpaPlatz 2: Eier
Als im vergangenen Jahr der Dioxin-Skandal die Presse-Landschaft bestimmte, führten Eier die Liste noch an. In diesem Jahr liegen sie immerhin auf Platz 2. 56 Prozent der befragten Bio-Käufer gaben an, beim Eier-Kauf auf die Legebedingungen zu achten.
Foto: dpaPlatz 1: Obst und Gemüse
Am häufigsten werden Obst und Gemüse von deutschen Bio-Käufern aus ökologischem Anbau gekauft.
Foto: dpaDie Schuld gibt die Branche auch der Politik. Die subventioniert derzeit nämlich vor allem Energiepflanzen. „Die steigende Förderung von Energiepflanzen für Biogas korrespondiert mit einer rückläufigen Förderung für Ökolandbau“, so Berater Klaus Braun. Zugleich wächst der Kampf um geeignete Flächen. In einigen Regionen Deutschlands haben sich die Pachtpreise binnen weniger Jahre verdoppelt und verdreifacht.
Dass in der EU derzeit darüber beraten wird, die Regelungen für die Verarbeitung und Kennzeichnungen von Bio-Produkten auf neue Füße zu stellen, sorgt in der Branche für zusätzlichen Unmut. Viele Bauern befürchten Nachteile im Wettbewerb mit Produkten aus dem Ausland, die meist zu billigeren Konditionen und unter geringeren Kontrollen produziert werden.
Weil die Zukunft unsicher ist, würden viele Bauern Investitionen in die ökologische Landwirtschaft scheuen, ist sich BNN-Geschäftsführerin Elke Röder sicher. Die Totalrevision der Öko-Verordnung schwebe „wie ein Damoklesschwert über der ganzen Branche“, sagt sie.
Die Skepsis der heimischen Bauern mehr auf Öko-Landwirtschaft hat massive Auswirkungen auf den Handel. Er greift immer häufiger auf Importware zurück. Tatsächlich stammt schon jetzt ein großer Teil der Bioprodukte im deutschen Handel nicht von heimischen Feldern. Jede dritte Bio-Kartoffel kommt aus dem Ausland, schätzt der Branchenverband AMI. Bei Möhren oder Äpfeln sei es mehr als die Hälfte.
Um weiterhin ausreichende Produkte von deutschen Feldern zu bekommen, lockt der Handel die Bauern mittlerweile selbst. 400.000 Euro steckt Alnatura in ein Förderprogramm, um die Biobauern zu fördern. Ziel ist es, „bis 2020 eine Fläche von 3.000 Hektar auf Bio umzustellen“, verkündet das Unternehmen. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Zum Vergleich: Derzeit werden in Deutschland etwa eine Million Hektar nach den Regeln des Ökologischen Landbaus bestellt.
5. Kampf um das Image
Dass Alnatura das Förderprogramm auflegt, hat vor allem Symbolcharakter – und dient dazu, dass Image der Marke zu stärken. Ein Spiel, das das Unternehmen gut beherrscht. In einem Ranking der Agentur Y&R zu den stärksten Marken im Lebensmittelhandel kommt Alnatura bei der Markenwahrnehmung auf Rang vier. Vor großen Namen wie Rewe und Kaufland. Denn's schafft es immerhin auf Platz 10.
Die Marke Alnatura sei klar profilierter und besetze glaubwürdig den Super-Benefit „Gesundheit“, erklären die Markenexperten das Ergebnis. „Das Unternehmen agiert in den Augen der Verbraucher verantwortungsvoll und ist deshalb vertrauenswürdig“. Deshalb akzeptierten die Kunden auch die Preise.
Glaubwürdigkeit und Vertrauen zählen für die gesamte Branche zu den entscheidenden Faktoren. Die Kunden kommen eigentlich nicht wegen des Geschmacks, sondern weil sie überzeugt sind, mit dem Kauf eine gute Sache zu unterstützen. Biolebensmittel sind Nahrung für das Gewissen.
Immer wieder hat das Image der „guten“ Öko-Händler in der Vergangenheit jedoch Kratzer bekommen. Dass der Wettkampf zwischen den großen Ketten immer stärker auch über den Preis ausgetragen wird, bekommen auch die Angestellten zu spüren. Alnatura und Denn's standen ebenso am Pranger wie die Bio Company, weil sie ihre Mitarbeiter lange und hart arbeiten lassen, aber nicht nach Tarif bezahlen.
Auch die Lebensmittel selbst kamen zuletzt immer häufiger in die Schlagzeile. Binnen weniger Monate musste Alnatura verschiedene Produkte aus dem Handel nehmen. Im Winter rief Alnatura vorsorglich verschiedene Brei-Sorten zurück, im Januar das Sesammus Tahin.
Die Branche holt ihr eigener Erfolg ein: Mit dem wachsenden Absatz steigt die potentielle Fehlerquote. Mit der Expansion wächst das Medieninteresse. Und unter dem Druck, viele Filialen proftitabel betreiben zu müssen, orientieren sich die Bio-Ketten vielfach am Erfolgsrezept der Supermärkte und Discounter.
„In Zukunft werden die Biohändler den Spagat zwischen Nischenmarkt und Mainstream meistern müssen“, glaubt Klaus Braun. Entscheidend wird es dabei sein, dass sie ihre Glaubwürdigkeit nicht verlieren.