Bioprodukte: Bio landet immer häufiger im Einkaufswagen
Mythos 1: Bioprodukte sind gesünder
Zwar gibt es Studien, die belegen, dass ökologische Lebensmittel mehr Vitamine und Nährstoffe enthalten – doch andere Untersuchungen widersprechen hier. Daher gibt es keinen eindeutigen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass Bio mit „gesünder“ gleichzusetzen ist. Anders sieht das bei der Pestizidbelastung aus: Hier schneiden Bio-Lebensmittel in der Regel wesentlich besser ab.
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Mythos 2: Bioprodukte sind teurer
Der Mehraufwand, etwa für artgerechte Tierhaltung, muss bezahlt werden: 30 bis 100 Prozent kosten Bio-Produkte im Durchschnitt mehr. Doch in vielen Bereichen ist der Preisunterschied zwischen Produkten aus ökologischer und denen aus konventioneller Landwirtschaft kaum noch spürbar – erst recht, seitdem es auch immer mehr Bio-Ware in den Discountern gibt. Bei Obst und Gemüse, etwa bei Karotten oder Äpfeln, ist der Preisunterschied oft schon verschwunden. Deutlich spürbar bleibt er jedoch bei Fleisch.
Foto: dpaMythos 3: Bio-Produkte sind transparent
Das stimmt so nicht. Die Vielzahl an unterschiedlichen Siegeln, vom deutschen über das europäische Bio-Siegel bis zu Demeter oder Bioland, ist für Verbraucher kaum zu überschauen – zumal bei allen Kennzeichnungen unterschiedliche Richtlinien gelten. Anbauverbände wie Demeter stellen in der Regel die strengsten Anforderungen, das europäische Bio-Siegel bietet hingegen nur den Mindeststandard.
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Mythos 4: Bio ist ein Nischenprodukt
Das galt nur in den Anfangsjahren. 2013 kletterten die Umsätze der Bio-Branche um stattliche 7,2 Prozent auf 7,55 Milliarden Euro, meldet der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Im Öko-Barometer des Bundesernährungsministeriums heißt es, dass inzwischen drei von vier Verbrauchern beim Lebensmitteleinkauf auch nach ökologisch hergestellter Ware greifen. Dabei sind die Konsumenten vor allem junge Verbraucher unter 30 Jahren. Für Gerald Herrmann, Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Organic Services, keine Überraschung: „Die jungen Generationen sind vielfach damit aufgewachsen, für sie ist Bio selbstverständlich geworden."
Foto: dpaMythos 5: Bio ist bei Bauern beliebt
Landwirte, die Bio-Landbau betreiben wollen, haben mit vielen Hürden zu kämpfen. Zum Beispiel mit dem Flächenproblem: Durch die Subventionierung von Energiemais für Biogasanlagen, die durch das EEG festgelegt ist, können sich viele Öko-Betriebe die teuren Pachtpreise nicht mehr leisten. Zudem gibt es Umstellungsfristen von zwei bis drei Jahren, in denen die Landwirte zwar ökologisch produzieren, ihre Ware aber nur zu den Preisen für konventionelle Ware verkaufen dürfen.
Foto: dpaMythos 6: Bio ist regional und nachhaltig
Die Nachfrage nach Bio-Produkten wächst schnell – die Größe der Anbaufläche und die Zahl der Bauern können da hierzulande nicht mithalten. Deutschland fehlen Tausende Biobauern. Dadurch wird viel importiert: Jede dritte Bio-Kartoffel stammt aus dem Ausland, bei Möhren, Äpfeln und Gurken ist es etwa die Hälfte. Besonders krass ist es bei Bio-Tomaten und –Paprika, sie stammen zu 80 beziehungsweise über 90 Prozent aus allen Ecken der Welt. Wie nachhaltig eine Bio-Kartoffel aus Ägypten, die intensiv bewässert werden muss, dann noch ist, ist äußerst fraglich.
Foto: dpaMythos 7: Bio-Produkte enthalten keine Zusatzstoffe
Das kann man pauschal so nicht sagen. Insgesamt 50 der knapp 320 zugelassenen Zusatzstoffe wie Aromen oder Konservierungsmittel sind nach der EU-Öko-Verordnung auch für Bio-Lebensmittel zugelassen, sofern das Produkt ohne diese Zusätze nicht hergestellt oder haltbar gemacht werden kann.
Foto: dpaMythos 8: In der Bio-Landwirtschaft sind Antibiotika tabu
Es stimmt zwar, dass verletzte oder kranke Tiere auf Bio-Höfen möglichst mit natürlichen oder homöopathischen Präparaten behandelt werden sollten. Doch wenn das nicht hilft, sind Antibiotika nicht generell verboten. Es gelten aber strenge Richtlinien für den Einsatz: es muss streng dokumentiert werden und die betroffenen Tiere dürfen erst später zum Schlachter. Bekommen sie wiederholt Antibiotika, verlieren sie zudem ihren Status als „Bio-Tier“.
Foto: dpaMythos 9: Bio-Bauern sind Idealisten
Während der Begriff „Qualität“ im konventionellen Landbau meint, dass sei hygienisch einwandfrei und nicht gefährlich sind, spielen im Bio-Landbau auch Werte wie Tier- und Umweltschutz eine Rolle. Trotzdem sind die Bio-Betriebe hochprofessionell und streng marktwirtschaftlich ausgerichtet.
Foto: dpaMythos 10: Bio-Eier sind unbelastet
Dieser Mythos ist seit Ostern 2012 dahin. Damals wurden in Bio-Eiern PCB und Dioxin gefunden, Höfe wurden gesperrt. Dioxine lagern sich auf dem Boden und auf Futterpflanzen ab, so dass auch artgerecht gehaltene Bio-Hennen nicht vor der Aufnahme gefeit sind.
Foto: dpaPaukenschlag bei Aldi Nord: Der Discounter vergrößert in diesen Wochen sein Bio-Sortiment drastisch. Unter der Eigenmarke „GutBio“ sollen im Standardsortiment künftig über 50 Artikel aus kontrolliert ökologischem Anbau angeboten werden - fast 70 Prozent mehr als bislang. Nicht nur Eier, Vollmilch und Hackfleisch sollen künftig in Bio-Qualität in den Regalen des Billiganbieters stehen, sondern auch Gemüsekonserven, Tiefkühl-Fisch sowie diverse Fleisch- und Wurstartikel. Aldi Nord reagiere damit auf „veränderte Konsum- und Ernährungsgewohnheiten von Verbrauchern in Deutschland“, betont das Unternehmen.
Tatsächlich gaben die deutschen Haushalte nach Berechnungen des Arbeitskreises Biomarkt im vergangenen Jahr fast 8 Milliarden Euro für Bio-Lebensmittel und -Getränke aus, rund 4,8 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Deutschland ist damit nach den USA der zweitgrößte Biomarkt der Welt.
Und ein Ende des Trends ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: „Die Zahl der Verbraucher, die Wert auf einen gesunden und nachhaltigen Lebensstil legen, wächst kontinuierlich“, berichtet der Marktforscher Wolfgang Adlwarth von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK).
Der große Gewinner des Biobooms ist zurzeit nach einer Marktuntersuchung des Arbeitskreises Biomarkt der Naturkosthandel. Vor allem Bio-Supermärkte wie Denn's oder Alnatura konnten 2014 deutliche Zuwächse erzielen, wie Hans-Christoph Behr, Bereichsleiter Verbraucherforschung der im Arbeitskreis federführenden Agrarmarkt Informations-Gesellschaft AMI berichtet. Doch auch die „klassischen“ Supermärkte konnten dank ihrer breiten Angebotspalette bei Bio-Produkten kräftig punkten.
Verlierer waren dagegen die Discounter. Sie haben nach den Zahlen des Arbeitskreises 2014 im Geschäft mit Bio-Produkten sogar leichte Umsatzeinbußen hinnehmen müssen und dementsprechend Marktanteile verloren. Für Branchenkenner Behr ist das nicht verwunderlich. „Es gab eine Zeit, da waren die Discounter sehr heiß auf das Thema Bio. Sie haben relativ viele Produkte eingelistet. Erst danach haben sie geschaut, was sich wirklich verkauft. Und inzwischen haben sie ihr Sortiment bereinigt. Das hat natürlich zu Umsatzeinbußen geführt.“
Die Pläne von Aldi Nord zum Ausbau des Bio-Angebots sind für Handelsexpertin Denise Klug vom Marktinformationsdienst Planet Retail denn auch weniger das Signal für eine neue Offensive der Billiganbieter im Öko-Bereich, als vielmehr der Versuch, bislang Versäumtes nachzuholen. „Aldi Nord hatte beim Thema Bio-Produkte noch Nachholbedarf gegenüber Aldi Süd und auch gegenüber dem Konkurrenten Norma“, urteilt die Marktkennerin.
Tatsächlich sind andere Billiganbieter schon deutlich weiter. Das Schwesterunternehmen Aldi Süd hat nach eigenen Angaben „rund 130 Bio-Produkte als Standard-, Saison- und Aktionsartikel“ im Angebot. Netto bietet unter der Eigenmarke BioBio „über 170 ökologisch zertifizierte Lebensmittel“ an. Norma hat über 140 dauerhaft geführte Bioprodukte in den Regalen, hinzu kommen 110 Bio-Aktionsartikel.
Bei den Supermärkten erreicht das Angebot noch einmal eine andere Dimension. Rewe etwa führt nach eigenen Angaben rund 2000 Artikel mit Bio-Kennzeichnung. Bio-Supermärkte wie Alnatura oder Basic haben sogar 6000 bis 12.000 Bio-Produkte im Angebot. Und die meisten Anbieter wollen ihr Angebot weiter ausbauen.
Wachstumspotenzial beim Thema Bio gibt es schließlich noch reichlich. Bisher kommen die Bioprodukte in Deutschland erst auf einen Marktanteil von knapp vier Prozent. Zum Vergleich: In der Schweiz liegt er bei 6,9 Prozent, in Dänemark sogar bei 8 Prozent. Wachstumspotenzial sieht Marktkenner Behr vor allem noch bei Halbfertig- und Fertigprodukten bis hin zur Bio-Jägersoße. „Bio ist noch sehr frischelastig“, sagt er.