Umgangsformen: Die Umarmung ist der neue Handschlag
Hinter dem Kopf verschränkte Hände drücken Dominanz aus. Entscheidungen wird er nicht mehr revidieren, er besitzt genügend Selbstbewusstsein.
Foto: Fotolia.comMenschen, die ihre Hände wie zum Gebet aneinanderlegen, fühlen sich sicher: Entscheidungen, die sie getroffen haben, stehen fest und sind nicht mehr zu ändern.
Foto: dpaAuch wenn es hier eher freundlich aussieht: Vor dem Körper verschränkte Arme sind immer auch eine Abwehr-Haltung. Haben Sie vorher einen verbalen Angriff gestartet, dann haben sie Ihren Gesprächspartner nun in die Defensive gedrängt.
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Die Angst sitzt ihr im Nacken: Der Gesprächspartner fühlt sich unwohl bzw. in die Enge gedrängt. Jetzt können Sie ihn vielleicht zum Eingestehen eines Fehlers bekommen, oder er hat zumindest ein schlechtes Gewissen.
Foto: Fotolia.comWenn jemand mit der Hand "imaginären" Schmutz von seiner Kleidung entfernt, dann sollten Sie vorsichtig sein: Noch schlägt er nicht zurück, aber er bereitet sich gerade darauf vor, Widerspruch einzulegen.
Foto: Fotolia.comZur Pistole geformte Finger, die dazu noch unmittelbar auf den Gesprächspartner deuten, zeigen die Aggressivität des Gegenüber. Passen Sie auf.
Foto: Fotolia.comDas Berühren der Nase ist eine typische Geste für einen Gesprächspartner, der Zweifel hat. Ihn sollten Sie noch überzeugen.
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Als Kurt Beck im Jahr 1994 Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz wurde, umarmte er seinen Vorgänger Rudolf Scharping herzlich – und Wolf Jobst Siedler sah sich bestätigt. Der Publizist, ein melancholischer Chronist gesellschaftlicher Untergänge, nahm endgültig Abschied von der Bürgerlichkeit. Denn der Bürger, wie Siedler ihn sich vorstellte, bezeugte seine innere Haltung auch durch diszipliniertes Auftreten: Indem er seinem Gegenüber die Hand gab, wahrte er die Würde der Distanz.
Aus, Schluss, vorbei.
Noli me tangere, rühr mich nicht an – von diesem Abstandsgebot wollen Menschen heute weniger wissen, erst recht auf der öffentlichen Bühne. Als Ideal gilt der Politiker zum Anfassen, der die Nähe zum Wähler ebenso sucht wie zu seinesgleichen. Auf Kundgebungen, Parteitagen oder Gipfeltreffen zählt die physische Präsenz: Es wird nach allen Regeln der Begrüßungskunst geherzt, getätschelt und gedrückt.
Bruderkuss und Umarmungen
Das gilt nicht nur bei den Genossen, die Solidarität traditionell durch Bruderkuss und Unterhaken bekräftigen. Wer Sympathie demonstrieren will, umarmt sein Gegenüber, gibt ihm einen Klaps auf den Rücken, lässt die Hand auf seiner Schulter ruhen. Das signalisiert Verbundenheit: Wir halten zusammen, verstehen uns, vertrauen einander. Das war schon immer die Botschaft, wenn Politiker sich öffentlich umarmten. Doch die Gesten haben sich verändert.
Nachdem sie am 22. Januar 1963 den Élysée-Vertrag unterzeichnet hatten, beugten sich Charles de Gaulle und Konrad Adenauer einander entgegen. Die Fotos zeugen von zeremonieller Feierlichkeit. Als sich Jacques Chirac und Gerhard Schröder bei der Gedenkfeier zum 60. Jahrestag des D-Day am 6. Juni 2004 umhalsten, dominierte handgreifliche Herzlichkeit.
Was für ein Unterschied: De Gaulle und Adenauer traten als Repräsentanten ihrer Länder auf, mit dem noch in der Zuwendung distanzierenden Pathos von Staatsmännern. Chirac und Schröder waren eher Privatpersonen in Ausübung öffentlicher Rollen, mit der Ungezwungenheit guter Freunde. Inzwischen ist klar: Ihre zupackende, kumpelhafte Art hat sich durchgesetzt.
Kuscheln für die Kameras
Wenn Staatschefs zusammenkommen, wie jüngst auf dem bayrischen Schloss Elmau, gibt es ein großes Hallo mit Körperkontakten für die Kameras: Obama und Cameron, Cameron und Hollande, Hollande und Merkel drücken einander mehr oder wenig heftig ans Herz und bilden eine Gruß- und Kussgemeinschaft, in der es zugeht wie in einer Familie. Die persönliche Distanz schrumpft, der Respektabstand, der im öffentlichen Leben Schutz vor Zudringlichkeiten bietet, wird demonstrativ außer Kraft gesetzt: Gruppenumarmung im Zeichen der Brüderlichkeit.
Mit der intimen Freundschaftsgeste bestätigen die Politiker nur, was in der Gesellschaft Standard geworden ist: Gleichgesinnte umarmen sich – diese Geste, auch Akkolade genannt, kennt man aus den Mittelmeerländern. Doch hinzu kommt eine spezifisch emotionale Färbung: Man kommt einander näher als beim Händedruck, lässt Steifheit fahren, betont die Innigkeit, die Beseeltheit der Beziehung, überbrückt nicht nur symbolisch den trennenden Abstand, sondern öffnet sich dem anderen als ganze Person.
Darin steckt ein menschliches Urbedürfnis. Ohne körperliche Nähe-Erfahrung würden wir seelisch zugrunde gehen. Psychologen sprechen von Berührungshunger: Menschen, die sonst durchaus Abstand halten, suchen den Körperkontakt, die Berührung und das Berührtwerden durch Freunde. Fast könnte man meinen, die erkältende Distanz, die den Menschen in modernen, westlichen Gesellschaften vom Mitmenschen trennt, solle im Akt der Umarmung, Wange an Wange, Körper an Körper, für einen Moment aufgehoben werden.
Umarmung statt Handschlag
Der Essayist Karl Markus Michel beobachtete schon Ende der Neunzigerjahre die Wiederkehr der Nah-Sinne und das veränderte Körpergefühl. Er sah darin eine Umkehrung des Prozesses der Zivilisation, wie ihn der Soziologe Norbert Elias in seinem Hauptwerk von 1936 entworfen hatte: Mit dem Vorrücken der Peinlichkeitsschwelle in Europa seit dem 16. Jahrhundert, so Elias’ These, sei die Empfindung von Scham gegenüber der eigenen Leiblichkeit und Ekel gegenüber der fremden einhergegangen.
Die Folge: Menschen gingen zueinander auf Distanz und unterzogen ihre Gefühle einer strengen Affektkontrolle. Verstöße gegen das Distanzgebot wurden als Bedrohung erlebt und mit Angst belegt.
Ende des 20. Jahrhunderts hingegen, so Michel, habe die physische Nähe jeden Schrecken verloren. Im Gegenteil, die Menschen verlangten nach körperlicher Gemeinschaft mit anderen. Sie wollen sich fühlen und „mitgetragen werden in einem Wärmestrom“ – und umarmen sich deshalb lieber, als einander die Hand zu geben.
Auch deshalb, weil sich die Gefühle im Lauf der Geschichte verändern. Der Händedruck war ein Import aus Großbritannien, in Mitteleuropa setzte er sich erst im 19. Jahrhundert durch und ersetzte damit die stumme Verbeugung. Zunächst galt er als eher intime, emotionsgeladene Geste der Annäherung. Er hatte nichts Steifes, im Gegenteil: Er war ein Zeichen der Zuneigung, mit dem man wählerisch umging, zumal zwischen den Geschlechtern.
Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts avancierte das Handgeben zum alltäglichen Gruß, mit dem man sich quer durch alle Klassen der wechselseitigen Wertschätzung versicherte. In bürgerlichen Familien umarmten die älteren Kinder ihre Eltern nicht. Sie gaben ihnen die Hand, wie anderen Erwachsenen auch.
Der Hautgout des Formellen haftet dem Händedruck erst seit den Sechzigerjahren an. Damals geriet mit den bürgerlichen Umgangsformen die Autorität der Manieren en gros unter Beschuss. Die Soziologen bezeichnen die heute noch spürbaren Folgen als Prozess der Informalisierung. Oder anders formuliert: als Wandel der Umgangsformen. Verbindliche Verhaltensregeln – wie man Menschen anspricht oder begrüßt beispielsweise – sind seitdem vielen Möglichkeiten gewichen. Vom leichten Kopfnicken über das Winken aus Distanz bis zur Umarmung mit Wangenküssen.
Tyrannei der Intimität
Man kann das als Bequemlichkeitsfortschritt verbuchen: Die Menschen machen keine großen Umstände. Man gibt sich gern zwanglos, legt die Krawatte ab und duzt sich.
Der amerikanische Kultursoziologe Richard Sennett hat diese Entwicklung in seinem Buch über „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens“ beschrieben. Gesellschaft und Politik würden zunehmend als psychische Phänomene wahrgenommen, die Wärme, Vertrauen und den offenen, authentischen Ausdruck von Gefühlen ermöglichen. In einer Zeit, so Sennett, in der persönliche Beziehungen darüber bestimmen, was glaubhaft sein soll, „scheinen Konventionen, Kunstgriffe und Regeln nur im Wege zu sein, sie behindern den intimen Ausdruck“.
Die Grenze zwischen öffentlicher und privater Sphäre verwischt damit weiter. Der Politiker soll auch als Privatperson kenntlich und damit glaubwürdig werden. So wird er zum Repräsentanten seiner selbst – und produziert spontan wirkende Gesten der Wärme und Zwischenmenschlichkeit. Wenn das bürgerliche Zeitalter um Würde und distanzierende Selbstbeherrschung bemüht war, dann ist in nachbürgerlichen Zeiten Ausdrucksoffenheit das Ziel: Man gibt sich unverstellt und zeigt möglichst direkt, wer man wirklich ist – oder vielleicht liebend gerne wäre.
Sennetts israelische Kollegin Eva Illouz spricht vom neuen „therapeutisch-emotionalen Stil“, der die Trennung zwischen emotionsfreier öffentlicher Sphäre und einer mit Emotionen gesättigten Privatsphäre zersetzt habe. Niemals zuvor sei das „private Selbst derart öffentlich inszeniert worden“. Auch Männer seien nun eingeladen, ihre Emotionen auszudrücken.
Da bietet sich die Berührung schon aufgrund ihrer wohltuenden therapeutischen Wirkung an. Mindestens vier Umarmungen täglich empfehlen Gesundheitsratgeber. Besser seien acht, zwecks Ausschüttung des Botenstoffs Oxytocin, der als Bindungshormon bekannt ist. Berührungen, da sind sich Forscher einig, stärken das Immunsystem und Beziehungen. Mehr Umarmungen, weniger Stress.
Drei Viertel der unter 30-Jährigen in Deutschland, so weiß eine Statistik, begrüßen einander mit Wangenküssen. Umarmungen sind bei Geburtstagspartys, Abschlussfeiern oder Wiederbegegnungen inzwischen die Regel. Die liebevolle, manchmal stürmische Umarmung ist unter Freundinnen längst üblich. Ihr männliches Pendant ist die kurze, klatschende Umarmung. Sie hat nicht nur die Politik, sondern auch die Wirtschaft erreicht: In traditionell testosterongesteuerten Branchen wie der Automobil- oder Medienindustrie machen sich Top-Manager bei öffentlichen Auftritten mit kernigen Umarmungen gegenseitig Mut.
Globale Trend zur Umarmung
Auf dem Fußballplatz, wo sich wildfremde Leute regelmäßig um den Hals fallen, war die Umarmung schon immer zu Hause. Je enger die Umarmung, desto inniger scheint die Beziehung. Sie ist unter Freunden und guten Kollegen selbstverständlich geworden, fast wie eine Grußfloskel, die man automatisch erwidert.
Gewiss, es gibt Unterschiede: In anfassfreudigen Ländern wie Brasilien wird ausgiebiger umarmt als in England. Auch in Mitteleuropa und den USA gilt unter Gesprächspartnern mindestens der Abstand einer Armeslänge: US-Präsident Obama tippte beim Gespräch im Oval Office vor einem Jahr bei ausgestrecktem Arm mit den Fingerspitzen auf den Unterarm der Kanzlerin. Doch der globale Trend geht zur Umarmung als elementarer Geste des Wohlwollens, der Freundschaft, der Ermutigung, auch des Trosts.
Als der deutsche Innenminister Thomas de Maizière seinem Amtskollegen Bernard Cazeneuve nach dem Anschlag auf die Zeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris kondolierte, neigte er sich ihm zu und umarmte ihn fest. Eine im wahrsten Sinne des Wortes berührende Geste, auch wenn sie womöglich durch die Kameras zustande kam.
Balanceakte der Vertrautheit
Authentizität will im Zeitalter der Massenmedien eben inszeniert werden. „Wir alle spielen Theater“, sagt der Soziologe Erving Goffman. Dabei zeigt sich zuweilen, dass die Sprache des Körpers der Wahrheit tatsächlich näher ist als das Wort. Etwa dann, wenn die Umarmung zu einem Remis zwischen Hinwendung und Abwehr gerät, zu einem Balanceakt, wie ihn der „Spiegel“ bei Angela Merkel beobachtet hat: Sie erwidert die Umarmung ihres Gegenübers und reguliert zugleich mit der freien Hand den Abstand. Sozialpsychologen sprechen von korrektivem Austausch.
Dem russischen Präsidenten Wladimir Putin hat Merkel zuletzt nur die Hand gereicht, garniert mit einem verdrießlichen Gesichtsausdruck. Auch Alexis Tsipras hat ihr bisher keinen Grund für „gesteigerte Zugänglichkeit“ (Goffman) gegeben. Von Matteo Renzi lässt der Grieche sich in den Schwitzkasten nehmen, zu Angela Merkel geht er Arme drückend auf Distanz.
Ein heikler Rest bleibt: Überraschungsbegrüßungen können missglücken, zum Beispiel wenn ein privater Spaß auf öffentlicher Bühne daneben geht. So wie auf dem G8-Gipfel in St. Petersburg im Jahr 2006.
Damals brachte der damalige US-Präsident George W. Bush die Bundeskanzlerin mit einem beherzten Griff in den Nacken in Verlegenheit. Amerikanische Medien wollten aus der zärtlichen Attacke einen Grapsch-Skandal machen. Dabei war sie nur eine kleine, harmlose Peinlichkeit, wie sie entstehen kann, wenn nicht mehr ganz klar ist, was sich gehört.
Informalisierung und Intimisierung bedeuten nicht, dass man sich alles erlauben kann. Im Gegenteil: Sie erfordern viel Taktgefühl und soziales Gespür. Gerade weil die Schamschwellen im Umgang miteinander sinken, kommt es darauf an, in wechselnden Situationen und Milieus das jeweils richtige Maß zwischen Nähe und Distanz zu finden. Es sei denn, man will die Regeln durchbrechen.
Als der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg beim Neujahrsempfang 2006 die oberste Richterin des Staates New York mit elitären europäischen Wangenküssen grüßte, verstieß er bewusst gegen das herrschende Reglement und erntete empörte Pressekommentare. Zehn Jahre später regt sich darüber niemand mehr auf.