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Aufstieg des ISGrößte Terrormiliz der Welt – in nur zwei Jahren

Der IS breitet sich aus. Libyen ist das nächste Ziel. Nach zwei Jahren ist der Islamische Staat die größte Terrorgruppe der Welt. Die bestialischen Taten rufen Abscheu hervor, Islamisten jedoch ziehen sie an.Martin Gehlen 27.12.2015 - 11:33 Uhr aktualisiert Quelle: Handelsblatt

Der „Islamische Staat“ übt bestialische Taten aus. Selbst Al-Qaida der der IS brutal und geht auf Distanz.

Foto: REUTERS

Sie waren nur eine bizarre Filiale von al-Qaida in Irak und Syrien, noch vor zwei Jahren. Heute ist die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die mächtigste und reichste Terrororganisation der Welt mit eigenem Staatsgebiet und einer globalen Propaganda-Maschine, die Radikale auf allen Kontinenten mobilisiert.

In zahllosen Sprachen brüsten sich die Dschihadisten auf Twitter und Facebook mit Enthauptungen, Massenhinrichtungen und Kreuzigungen – eine bestialische Brutalität, zu der selbst ihre früheren al-Qaida-Chefs in Afghanistan auf Distanz gingen.

Die Henker schneiden Gefangenen vor laufender Kamera die Köpfe ab, überrollen ihre Opfer mit Panzern oder verbrennen sie bei lebendigem Leibe in Käfigen. Jesidische Frauen wurden zu tausenden verschleppt und als Sex-Sklavinnen an verdiente Kämpfer verkauft. Als „mittelalterlich-modernen Faschismus“ prangerte US-Außenminister John Kerry das Treiben der IS-Mörder an.

Anders als Vorgänger al-Qaida, versteht sich der IS als dschihadistisches Staatsprojekt, das mittlerweile über mehr als zehn Millionen Menschen herrscht. Neben spektakulären Geländegewinnen, standen jedoch auch empfindliche Niederlagen. Vor allem die Kurden nahmen den Dschihadisten nach Angaben der Militärexperten von IHS Jane's in den letzten zwölf Monaten rund 14 Prozent ihres Herrschaftsgebietes ab.

Nach heftigen Kämpfen mussten die Extremisten die wichtigen Grenzorte Kobane und Tel Abyad räumen, Ende November auch die strategisch wichtige Kleinstadt Sindschar, deren Überlandstraße die beiden mesopotamischen IS-Zentren Mosul und Raqqa verbindet. Weit weniger erfolgreich agierte bisher die irakische Armee. Sie konnte Tikrit befreien und die wichtige Raffinerie von Badschi zurückerobern, dafür gelang es den Gotteskriegern im Westen des Irak, große Teile der Anbar-Provinz mit den Städten Ramadi und Falludscha in ihre Gewalt zu bringen.

In Syrien schossen sie sich durch die Eroberung von Palmyra den Weg in Richtung Damaskus frei und legten die legendäre antike Ruinenstadt weitgehend in Trümmer. Einzig in Ramadi versuchen Bagdads Soldaten momentan eine Gegenoffensive. Den Außenbezirk Al-Tameem und den Campus der Anbar-Universität im Südwesten konnten sie zurückerobern und von dort unter heftigen Kämpfen in das Zentrum vordringen. Bis Ende des Jahres habe man die ganze Stadt wieder unter Kontrolle, brüsten sich Iraks Verteidigungsminister Khaled al-Obeidi und seine Generäle.

Ideologisch ist die Anziehungskraft des IS ungebrochen, so dass er sich parallel zu seinem Kalifats-Territorium in Syrien und Irak immer mehr zu einem globalen Terrorimperium entwickelt. In Paris massakrierten neun IS-Fanatiker in einer beispiellosen Attentatsserie 130 Menschen. Auch das Mörderpaar im kalifornischen San Bernardino, das 14 Leute erschoss, schwor auf seiner Facebook-Seite dem selbst ernannten Kalifen Abu Bakr Al-Baghdadi Gefolgschaft.

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Gleichzeitig verdoppelte sich nach US-Erkenntnissen in den zurückliegenden zwölf Monaten die Zahl der nach Syrien und Irak eingesickerten Dschihadisten auf 27.500. Drei Dutzend Extremistengruppen in 18 Staaten haben sich der Terrormiliz angeschlossen, darunter auch Kommandos in den südlichen Mittelmeeranrainern Tunesien, Libyen und Ägypten.

Der ägyptische IS-Ableger „Provinz Sinai“ brüstete sich damit, eine russische Urlaubermaschine mit 224 Passagieren mit einer Bombe zum Absturz gebracht zu haben, die auf dem Weg von Sharm el-Sheikh nach St. Petersburg war.

Aus Tunesien stammen nach Erkenntnissen von Uno-Experten 5500 Dschihadisten, die an der Seite des „Islamischen Kalifates“ kämpfen, darunter 700 junge Frauen. Das benachbarte Libyen vermarkten die IS-Krieger inzwischen als ihr zweites Kalifat. 2000 bis 3000 Kämpfer halten sich mittlerweile in dem Post-Gaddafi-Staat auf, vor einem Jahr waren es noch keine 200. Die Attentäter im Bardo-Museum von Tunis und im Imperial-Strandhotel von Sosse, die im März und Juni 59 Menschen erschossen, erhielten ihr Waffentraining in Libyen.

Der Selbstmordanschlag auf die tunesische Präsidentengarde, bei der im Zentrum der Hauptstadt zwölf Soldaten starben, war ebenfalls von dort gesteuert. Auch Libyens südliche afrikanische Nachbarn Tschad und Niger fürchten, dass sich das teuflische Bomben-Knowhow in ihren Staaten ausbreiten könnte.

Die Krieger des IS sind gut trainiert und kriegserfahren, die Zahl der willigen Selbstmordattentäter beispiellos. Nach Schätzungen von Brüssel kämpfen 6000 Europäer in ihren Reihen, darunter 25 ehemalige Bundeswehrsoldaten.

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Aus den arabischen Staaten stammen mindestens 20.000 Extremisten, die größten Kontingente aus Tunesien, Saudi-Arabien und Marokko – inzwischen aber auch aus dem Kaukasus und den ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens, ja sogar aus China. Geworben werden die Dschihadisten vor allem im Cyberspace und in radikalen Moscheen. Nach einer Studie der renommierten Brookings Institution in Washington verfügt der IS über 45.000 bis 70.000 Twitterkonten, die jeweils im Durchschnitt 1000 Follower haben.


Das Vermögen der Terrormiliz taxieren westliche Geheimdienste auf mehr als zwei Milliarden Dollar. Die USA und Europa verdächtigen seit langem superreiche Privatleute, salafistische Stiftungen und Moscheevereine aus Kuwait, Katar, den Emiraten und Saudi-Arabien, die Gotteskrieger zu finanzieren.

Darüber hinaus verkaufen die Terrorführer in großem Maßstab Öl aus eroberten Fördergebieten in Syrien und Irak, betreiben Kidnapping und Schutzgelderpressung. Unternehmen müssen Wegzölle entrichten, die zehn Millionen Untertanen zahlen Steuern.

Nach einer Studie der amerikanischen Rand-Stiftung nimmt der IS allein durch Erpressung und Steuern im Jahr 400 Millionen Dollar ein. Hinzu kommen 500 Millionen aus dem Verkauf von Erdöl über türkische, irakische und kurdische Mafiabanden. Dreistellige Millionenbeträge fließen obendrein durch den Schmuggel mit geraubten Antiquitäten.

Dagegen findet die internationale Gemeinschaft bisher kein überzeugendes Rezept, mit dem den Fanatikern beizukommen wäre. Kurz vor Weihnachten verabschiedete der Uno-Sicherheitsrat eine einstimmige Resolution, die die Finanzströme des IS kappen soll. Eine internationale Luftallianz unter der Führung der USA flog seit August 2014 über 8500 Angriffe auf IS-Stellungen, ohne dass ein spürbarer Effekt erkennbar wäre.

Eine jüngst vom saudischen Vizekronprinzen Mohammed bin Salman in Riad ausgerufene islamische Allianz gegen den Terror aus angeblich 34 Staaten steht bisher nur auf dem Papier. Vor allem aber fürchten die westlichen Nationen ihrer Rückkehrer aus Syrien und Irak, kriegserfahren, fanatisiert und extrem kaltblütig.

„Alle europäischen Sicherheitsdienste, mit denen ich im letzten Jahr gesprochen habe, haben panische Angst vor diesem Thema“, sagte Terrorexperte Bruce Riedel von der Brookings Institution. Denn man könne einfach nicht alle im Augen behalten. „Für diese Bedrohung gibt es praktisch keine Lösung.“

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