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ArbeitsmarktNeue Abschiebeszenarien: Verlieren Engpassbranchen Beschäftigte aus Syrien?

Es gebe für Syrer keine Gründe mehr für Asyl in Deutschland, sagt der Kanzler. Viele Branchen aber können und wollen nicht auf sie verzichten.Sophie Crocoll 09.11.2025 - 11:52 Uhr
Die Zukunft vieler Syrer in Deutschland ist derzeit unklar. Foto: picture alliance / Christophe Ga

„Pauschale Rückkehrforderungen greifen zu kurz“, sagt Frank Huster. Syrische Beschäftigte würden gebraucht. Huster, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Spedition und Logistik (DSLV), kennt die Lage seiner Branche: Trotz schwacher Konjunktur fehlten in vielen Speditions- und Logistikbetrieben Fach- und Arbeitskräfte.

Zwar sei die relative Zahl syrischer Beschäftigter in Speditionsunternehmen gering, sagt er. Doch Erwerbstätigkeit sei der beste Beweis gelungener Integration „und sollte bei Entscheidungen über die Bleibeperspektive berücksichtigt werden“.

Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) hat bei einer Reise nach Syrien die dortige Zerstörung erlebt und bestimmt: Zeitnah würden viele Flüchtlinge nicht zurückkehren können. Die Debatte innerhalb seiner Partei folgte prompt.

Weniger als tausend Syrer reisen monatlich zurück

Jens Spahn, Fraktionsvorsitzender der Union, sprach von einer patriotischen Pflicht, „dass man seine Heimat wieder aufbaut“. Das gelte auch für die syrischen Flüchtlinge in Deutschland: „Natürlich sollen sie zu Hause mithelfen.“

Gut 950.000 Syrerinnen und Syrer lebten im August in Deutschland, laut Zahlen des Ausländerzentralregisters. Die überwiegende Mehrheit kam in den vergangenen zehn Jahren während des Bürgerkriegs in ihrem Heimatland in die Bundesrepublik: Ende 2015 lebten erst knapp 367.000 Syrer hier. Dazu kommen mehr als 230.000 Menschen aus Syrien, die sich seit 2020 haben einbürgern lassen.

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Seit dem Sturz des Diktators Baschar al-Assad steigt zwar die Zahl der Menschen, die Deutschland Richtung Syrien verlassen. Es sind jeden Monat aber deutlich weniger als tausend Menschen, die das tun.

Welche Syrerinnen und Syrer nun laut Union zurückkehren sollen, ist unklar. „Es gibt jetzt keinerlei Gründe mehr für Asyl in Deutschland“, hatte Kanzler Friedrich Merz gerade betont – allerdings offengelassen, ob er das auf die Menschen beziehen will, die ausreisepflichtig sind, oder alle, deren Aufenthaltserlaubnis befristet ist.

Denn tatsächlich ausreisepflichtig sind laut Bundesinnenministerium derzeit weniger als eintausend Menschen. Noch einmal knapp 10.000 Syrer müssten eigentlich ausreisen, werden aber geduldet. Mit einer sogenannten Aufenthaltsgestattung lebten zuletzt etwas weniger als 60.000 syrische Staatsangehörige in Deutschland, im Normalfall bekommt man diese während des Asylverfahrens, unter Umständen, zum Beispiel bei Klage gegen die Entscheidung, auch darüber hinaus.

Das beträfe also höchstens um die 70.000 von knapp einer Million Menschen. Eine sehr viel größere Gruppe sind diejenigen mit befristeter Aufenthaltserlaubnis, fast 700.000 syrische Zugewanderte, die allermeisten im Kontext der Aufnahme Geflüchteter. Meint Merz auch sie? Aufenthaltserlaubnisse aus völkerrechtlichen, humanitären und politischen Gründen könnten jedenfalls gegebenenfalls widerrufen oder nicht verlängert werden, erklärt Wido Geis-Thöne, Ökonom für Migrationsfragen am Institut der deutschen Wirtschaft (IW).

Zum Vergleich: Eine unbefristete Niederlassungserlaubnis hatten zuletzt nur etwas mehr als 70.000 Syrerinnen und Syrer. Dass diese vor dem Hintergrund des Wegfalls der Fluchtursachen widerrufen werden, erscheine kaum vorstellbar, so Geis-Thöne.

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Wie aber sind die Syrerinnen und Syrer bislang auf dem Arbeitsmarkt der Bundesrepublik angekommen? Wer die deutsche Staatsbürgerschaft erhält, muss seinen Lebensunterhalt selbst sichern können. Daneben hatten im August fast 260.000 Syrer Arbeit und zahlten darüber Beiträge zu den Sozialversicherungen. Dazu kommen etwa 50.000 Menschen, die nur einen Minijob haben.

„Großes Fachkräftepotenzial“ bei syrischen Zugewanderten

Allerdings erhielten fast 480.000 syrische Zugewanderte zuletzt noch Bürgergeld. Eine Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt, dass von den Syrern, die 2015 im Zuge der großen Fluchtbewegung und Angela Merkels „Wir schaffen das“ nach Deutschland gekommen waren, nach acht Jahren noch 41 Prozent staatliche Leistungen bezogen.

Um die Zahlen einzuordnen, muss man jedoch auch wissen, dass der Anteil der aus Syrien Zugewanderten überdurchschnittlich hoch ist, die noch so jung sind, dass sie eine Schule besuchen oder sogar bisher nicht schulpflichtig sind – und deshalb nicht arbeiten. Er liegt laut einer Untersuchung des IW bei etwa 40 Prozent – im Vergleich zu nur etwa 18 Prozent bei der Gesamtbevölkerung. „Hier besteht demografisch gesehen ein großes Fachkräftepotenzial“, befinden die Autorinnen und der Autor.

Analysiert man nun nur die Gruppe der Syrer mit sozialversicherungspflichtigem Job, fanden sich darunter mit Stichtag Ende März mehr als 204.000 Männer, aber nur knapp 40.000 Frauen. Zwar sind auch mehr Syrer als Syrerinnen nach Deutschland gekommen, Studien des IAB machen allerdings deutlich, dass zwei von drei geflüchteten Frauen (nicht nur aus Syrien, sondern auch aus Afghanistan, Irak und anderen Asylherkunftsländern) sich ausschließlich um Haushalt und Sorgearbeit kümmern.

Stellen gefunden haben also vor allem die Männer. Für die Integration auch der Frauen seien verlässliche Kinderbetreuung und flexible Qualifizierungen wichtig, sagt Daniel Terzenbach, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit: „Hier gilt es anzusetzen.

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Zudem arbeiten noch fast 43 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus Syrien als Helfer und Helferin. 47 Prozent von ihnen sind inzwischen als Fachkraft tätig, knapp vier Prozent als Spezialisten und gut sechs Prozent als Expertinnen. Entsprechend erhielt zuletzt noch fast die Hälfte (46 Prozent) einen Niedriglohn. Im April 2024 lag die Niedriglohngrenze laut Statistischem Bundesamt bei einem Bruttoverdienst von 13,79 Euro pro Stunde.

Doch welche Bedeutung haben die Beschäftigten aus Syrien derzeit für den deutschen Arbeitsmarkt? Kehrten sie in ihre Heimat zurück, würde dieser nicht ausbluten, so IAB-Arbeitsmarktforscher Enzo Weber. Das ergibt sich schon aus den genannten Zahlen. Eine Untersuchung des IW zeigte allerdings für den Zeitraum Juni 2023 bis Mai 2024: Knapp 80.000 Beschäftigte aus Syrien waren in sogenannten Engpassberufen tätig – also in Jobs, wo Stellen besonders schwierig zu besetzen sind. Sie seien „wichtig für den deutschen Arbeitsmarkt“.

Da sind beispielsweise die gut 7000 Ärztinnen und Ärzte aus Syrien, davon etwa 5800 in Krankenhäusern – die größte Gruppe unter den ausländischen Ärzten in Deutschland. Sie machten unter den Krankenhausärzten derzeit etwa 2,5 Prozent aus, sagt Henriette Neumeyer, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG).

Angesichts des anhaltenden Fachkräftemangels würde ihr Weggang deutlich spürbar werden
Henriette Neumeyer
stellvertretende DKG-Vorstandsvorsitzende

Bereits heute könnten 6000 Stellen im ärztlichen Dienst in den Krankenhäusern nicht besetzt werden. Besonders betroffen vom Weggang syrischer Ärzte dürften dabei vor allem ländliche Regionen und die neuen Bundesländer sein, wo die Personalsituation ohnehin angespannt sei – „und Stellen anderweitig schwer oder gar nicht zu besetzen wären“.

„Stabile Arbeits- oder Ausbildungsverhältnisse seitens des Staates zu beenden, ist arbeitsmarktpolitisch nicht sinnvoll“, warnt Sandra Warden, Geschäftsführerin im Deutschen Hotel- und Gaststätten-Bundesverband (DEHOGA). Wer sozialversicherungspflichtig beschäftigt sei, sei in der Regel gut in die Gesellschaft integriert, verdiene seinen Lebensunterhalt und trage zur Stabilität der Volkswirtschaft bei. Das gelte auch für die etwa 21.000 syrischen Staatsangehörigen, die in Gastronomie und Hotellerie arbeiten. Sie seien „wertgeschätzte Mitglieder der Branchen-Gemeinschaft“.

Syrische Beschäftigte seien „für viele unserer Unternehmen eine wichtige Stütze“, sagt auch Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe – als Baufacharbeiter, in der Bauhelferschaft und zunehmend auch als qualifizierte Fachkräfte. „Sie haben sich qualifiziert, sind in den Betrieben eingespielt und tragen zur Wertschöpfung bei“, betont er. „Aus Sicht der Bauwirtschaft gilt: Bei vielen Beschäftigten ist die Integration in den Arbeitsmarkt über Jahre hinweg gelungen.“

Ein plötzlicher Verlust dieser Arbeitskräfte würde die ohnehin angespannte Personalsituation weiter verschärfen und viele wichtige Bauprojekte zusätzlich erschweren, warnt Pakleppa. Die Debatte um eine mögliche Rückkehr syrischer Geflüchteter beobachte der Verband daher aufmerksam.

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