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Matthias Schranner über Monsanto-Übernahme"Bayer hat keine Zeit für lange Verhandlungen"

Nur zehn Tage nach Amtsantritt gibt Bayer-Chef Baumann ein Milliarden-Angebot für Monsanto ab. Ein Verhandlungsexperte spricht über Bayers Strategie und Risiken, die mit der Übernahme des Saatgutriesen zusammenhängen.Niklas Dummer, Jürgen Salz 07.06.2016 - 12:52 Uhr

Der Verwaltungsjurist, Verhandlungsexperte und -coach Matthias Schranner im Interview mit WirtschaftsWoche.

Foto: Presse

Herr Schranner, Bayer plant die größte Übernahme in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Wie sehen Sie die Erfolgschancen?
Matthias Schranner: Das Zeitfenster, in dem die Übernahme zu bewerkstelligen ist, ist relativ klein. Je länger die Verhandlungen dauern, desto mehr Schwierigkeiten kommen auf Bayer zu. Wenn Bayer den Deal in den nächsten Wochen nicht abschließt, scheitern die Verhandlungen wahrscheinlich.

Woran machen Sie das fest?
Das liegt in erster Linie an der starken Öffentlichkeit, die den Deal begleitet. Monsanto hat hierzulande ein sehr negatives Image, was den Druck durch die Medien und die Aktionäre erhöht. Normalerweise wird so etwas im kleinen Kreis verhandelt, damit die Beteiligten mit einem Ergebnis an die Öffentlichkeit treten können – natürlich im Rahmen der Richtlinien, die für Börsenkonzerne gelten.

Vertreter von Monsanto haben die Übernahmepläne von Bayer allerdings rasch in die Öffentlichkeit getragen – war das Kalkül oder lediglich ein Unglück?
Das zeugt von einer sehr aggressiven Taktik seitens Monsanto. Sie üben auf diese Weise hohen Druck auf Bayer aus, was den Preis wiederum in die Höhe treibt. Wenn Bayer jetzt nicht zugreift, sucht Monsanto andere Bieter.

Zur Person
Matthias Schranner, 52, hat schon die Vereinten Nationen, die Deutsche Bahn sowie Gewerkschaften bei schwierigen Verhandlungen beraten. Zu seinen Kunden zählen nach eigener Aussage „fast alle Dax-Konzerne“. Seine Firma, das Schranner Negotiation Institute in Zürich, beschäftigt 47 Mitarbeiter. Zuvor war Schranner Verhandlungsführer der Polizei bei Geiselnahmen und anderen Gewaltdelikten.

Der zuerst von Bayer gebotene Kaufpreis lag bereits bei 55 Milliarden Euro, was von vielen Aktionären als sehr hoch empfunden wird. Ist es gefährlich, das erste Angebot so hoch anzusetzen?
Die Frage ist, wie viel Zeit bleibt. Bayer hat nicht die Zeit für einen langwierigen Verhandlungsprozess. Mit einem geringeren Gebot einzusteigen und sich langsam anzunähern war von daher keine Option. Das ist nur möglich, wenn unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt wird.

Was bei Bayer nicht der Fall ist.
Deswegen musste Bayer hoch einsteigen.

Bayer-Chef

Deswegen will Baumann Monsanto übernehmen

von Jürgen Salz, Miriam Meckel, Simon Book und weiteren

Glauben Sie, dass der hohe Preis auch dafür sorgen soll, Konkurrenz wie BASF herauszuhalten?
Nein, das denke ich nicht. Die Preise werden ja nicht nur verhandlungstaktisch eingebracht, sondern im Rahmen der sogenannten Due Dilligence bewertet, der Risikoprüfung.

Das Gebot liegt 37 Prozent über dem Aktienwert von Monsanto. Verwundert es Sie, dass das nicht gleich angenommen wurde?
Das erste Gebot anzunehmen wäre sehr ungewöhnlich. Monsanto hat allerdings nicht direkt abgelehnt – es war ein konstruktives Nein. Der Preis ist zu niedrig für die Amerikaner, aber sie sind zu weiteren Gesprächen bereit.

Bayer hat sich laut Berichten einen Spielraum für eine höhere Offerte verschafft. Sollte man so etwas öffentlich machen oder schwächt das die Position, wenn Monsanto weiß, was Bayer zu zahlen vermag?
Auf der einen Seite zeigt Bayer damit, dass sie wirklich interessiert sind und die finanzielle Kraft haben, den Deal zu stemmen. Allerdings signalisieren die Leverkusener so auch, dass noch mehr Geld da ist. Wenn die kolportierten Zahlen stimmen, dann hat Bayer einen großen Puffer. Den wird Monsanto ausreizen wollen.

Wer bei Bayer für Gewinn sorgt
Umsatz 2014: 42,2 Mrd. EuroGewinn* 2014: 8,4 Mrd. Euro *vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, Ebitda; Quelle: Unternehmen
Umsatz 2014: 19,834 Mrd. Euro (47 Prozent vom Umsatz insgesamt)Gewinn* 2014: 5,124 Mrd. Euro (61 Prozent vom Gewinn insgesamt) *vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, Ebitda; Quelle: Unternehmen
Umsatz 2014: 11,816 Mrd. Euro (28 Prozent vom Umsatz insgesamt)Gewinn* 2014: 1,092 Mrd. Euro (13 Prozent vom Gewinn insgesamt) *vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, Ebitda; Quelle: Unternehmen
Umsatz 2014: 9,284 Mrd. Euro (22 Prozent vom Umsatz insgesamt)Gewinn* 2014: 2,184 Mrd. Euro (26 Prozent vom Gewinn insgesamt) *vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, Ebitda; Quelle: Unternehmen
Umsatz 2014: 1,266 Mrd. Euro (3 Prozent vom Umsatz insgesamt)

Glauben Sie, dass die Konzerne sich einigen werden?
Ich bin da eher skeptisch.

Warum?
Die Leute, die solche Deals vorantreiben, sind absolute Experten in ihrem Gebiet, sehen aber oft nicht die Begleitumstände. Ich bin mir sicher, dass der Deal sehr gut zu Bayers Unternehmensstrategie passt und auch gut ausgearbeitet ist, kein Zweifel. Die Frage ist, haben die Verantwortlichen berücksichtigt, dass in Amerika der Wahlkampf läuft, haben die Verantwortlichen die US-Politik berücksichtigt, die gerade jetzt wahnsinnig sensibel auf ausländische Übernahmen reagiert?

Bayer will Monsanto kaufen

Rund 61,7 Milliarden US-Dollar will Bayer für die Übernahme des US-Agrochemie-Riesen Monsanto bezahlen. Kommt der Kauf zustande, wäre das die größte Summe, die ein deutscher Konzern je für einen ausländischen Konzern ausgegeben hat – mit großem Abstand. Die Nachrichtenagentur Reuters hat die M&A-Deals deutscher Unternehmen im Ausland nach Übernahmevolumen gestaffelt. Die Top 10.

Foto: AP

Bayer AG und Merck & Co Consumer Care Business

Als „Meilenstein für Bayer“ bezeichnete der damalige Konzernchef Marijn Dekkers die Übernahme des Consumer-Care-Geschäfts des US-Pharmakonzerns Merck & Co im Jahr 2014. Mit der Akquisition sollte das Geschäft mit rezeptfreien Produkten gestärkt werden. Das ließ sich Dekkers einiges kosten – nämlich 14,2 Milliarden US-Dollar.

Foto: dpa

Eon und Endesa Italia

2008 landete der Energiekonzern Eon gleich mehrere Erfolge auf einen Schlag – darunter auch den Kauf des italienischen Konkurrenten Endesa Italia. Der Deal machte Eon zum viertgrößten Energieversorger in Italien. Für rund 14,3 Milliarden Euro wechselte der Konzern damals den Besitzer.

Foto: dpa

Eon und Powergen

Knapp sieben Jahre vorher schloss Eon allerdings einen noch größeren Deal ab. Für die Übernahme des damaligen britischen Konkurrenten Powergen gab der Versorger 2001 ganze 15,1 Milliarden US-Dollar aus. Heute firmiert Powergen als Eon UK.

Foto: dpa

Linde und BOC Group

Zwar übernommen, aber immer noch unter dem alten Namen firmiert die britische BOC Group. Der Industriegase-Hersteller, der heute aus dem britischen Guildford geführt wird, wurde 2006 vom deutschen Konkurrenten Linde übernommen. Die Münchner zahlten für die Briten damals 15,5 Milliarden Euro.

Foto: AP

Merck und Sigma-Aldrich

Gegründet von einem Österreicher, niedergelassen in den USA, aufgekauft von einem deutschen Konkurrenten: Für die Übernahme des US-Herstellers von Forschungsmaterialen Sigma-Aldrich griff der Darmstädter Chemie- und Pharmakonzern Merck (nicht zu verwechseln mit dem US-Konzern Merck & Co) tief in die Tasche: Für 16,4 Milliarden US-Dollar wechselte Sigma-Aldrich 2014 den Besitzer.

Foto: dpa

Heidelberg Cement

Foto: dapd

Telekom und Voicestream

Als der Voicestream-Deal bekanntgegeben wurde, sank die Telekom-Aktie um zwölf Prozent: Anleger waren entrüstet angesichts des hohen Kaufpreises von rund 34 Milliarden US-Dollar. Die Telekom-Führung zog die Übernahme dennoch durch und sicherte sich so Zugang zum US-Mobilfunkmarkt. Inzwischen hat sich die Sparte für den Konzern zur wichtigen Einnahmequelle entwickelt: Die Telekom ist Nummer drei im US-Markt.

Foto: AP

Mannesmann und Orange

Leicht darüber lag der Deal zwischen Mannesmann und dem britischen Mobilfunkanbieter Orange. 1999 übernahm Mannesmann den Konzern für gut 35,3 Milliarden US-Dollar. Ein Jahr später wurde Mannesmann selbst für rund 190 Milliarden Euro an den britischen Konkurrenten Vodafone verkauft – bis heute eine der teuersten Übernahmen der Welt.

Foto: dpa

Daimler-Benz und Chrysler

Die bisherige Top-Übernahme eines ausländischen Unternehmens durch einen deutschen Konzern kam aus der Autobranche: 1998 kaufte der Stuttgarter Autobauer Daimler den US-Konkurrenten Chrysler für 40,5 Milliarden US-Dollar und firmierte fortan unter Daimler-Chrysler. Doch die Elefantenhochzeit hielt nicht lange: Schon 2007 trennten sich beide Konzerne wieder, Chrysler gehört mittlerweile zu Fiat.

Foto: dpa

Was passiert, wenn Bayer mit den Übernahmeplänen scheitert?
Dann versucht vielleicht BASF Teile von Monsanto zu übernehmen oder Bayer erhält abermals ein gegnerisches Angebot von Monsanto. Das Risiko für Bayer ist groß.

Gibt es vergleichbare Übernahmen und wie lange dauern solche Übernahmeverhandlungen in der Regel?
Diese Übernahme ist einzigartig, da Monsanto ein – aus deutscher Sicht – sehr negatives Image hat und aus der Politik keine Hilfe zu erwarten ist.

Die Dauer einer Verhandlung hängt stark von den Prioritäten der Parteien ab. Wenn es schnell gehen muss, leidet meist auch die Genauigkeit in der Vorbereitung und die Überraschungen kommen erst später ans Licht.

Monsanto-Übernahme

Zeugen Bayers Pläne von Größe – oder Größenwahn?

von Jürgen Salz, Jürgen Berke, Lea Deuber und weiteren

Wären Sie als Berater engagiert worden, was würden Sie Bayer-Chef Werner Baumann jetzt raten?
Baumann muss jetzt die breite Öffentlichkeit ansprechen und ihr deutlich machen, dass Monsanto nicht nur kritische Stoffe einsetzt wie Glyphosat, sondern ein sehr erfolgreiches Unternehmen ist mit einem sehr großen Potenzial weltweit, das Bayer weiter ausbauen kann. Bisher richten sich die Botschaften an ein Fachpublikum, die breite Öffentlichkeit muss anders angesprochen werden.

Nun hat Baumann öffentlich angedeutet, im Falle einer Übernahme bei Monsanto einiges an den Geschäftspraktiken verändern zu wollen.
Das war ein richtiger Schritt, der sich aber an die Aktionäre richtete. Für die braucht Baumann eine Story. Sagt er, er lässt keinen Stein auf den anderen, hat er die Möglichkeit, die Aktionäre zu überzeugen. Hätte er gesagt, er lässt alles, wie es ist, würde niemand glauben, dass die Übernahme etwas bringt – schon wegen des negativen Images von Monsanto.

Platz 10 - PPG Industries (USA):
Die Amerikaner produzieren unter anderem bruchsicheres Glas für die Auto- und Raumfahrtindustrie, aber auch Farben, Lacke und Chemikalien. 15,33 Milliarden Dollar setzte Pittsburgh Plate Glass damit im Jahr 2016 um.

Foto: AP

Platz 9: Linde
Die Münchener sind weltweit einer führenden Anbieter für Gase. Ein Umsatz von umgerechnet 17,83 Milliarden Dollar im Jahr 2016 reicht für einen Platz in der Top Ten.

Foto: dpa

Platz 8: Air Liquide (Frankreich)

Die Erfindung von flüssiger Luft legte den Grundstein für einen Weltkonzern. Im vergangenen Jahr kam der französische Chemieriese auf einen Umsatz von 19,08 Milliarden Dollar.

Foto: CLARK/obs

Platz 7: Henkel (Deutschland)

Weltweit ist der Düsseldorfer Konzern bekannt für seine Marken Persil, Pril oder Pritt. Mit einem Umsatz von 19,69 Milliarden Dollar spielt der Dax-Konzern auch unter den internationalen Chemieriesen vorne mit.

Foto: dpa

Platz 6: Dupont (USA)

Der komplette Name des amerikanischen Chemieriesens lautet „E I Du Pont de Nemours“. Das geht zurück auf die französischen Gründer, die in die USA emigriert waren und dort 1802 begannen, Sprengstoffe zu produzieren. Heute macht das Unternehmen in über 80 Ländern weltweit einen Umsatz von insgesamt 24,6 Milliarden Dollar. 2017 erfolgte die Fusion mit dem Rivalen Dow Chemical zum größten Chemiekonzern der Welt.

Foto: dpa

Platz 5: LyondellBasell Industries (Niederlande)
Über die Jahre ist das internationale Konglomerat durch Zukäufe immer weiter gewachsen. Aus steuerlichen Gründen ist der Konzern mittlerweile in den Niederlanden beheimatet, auch wenn die Aktien in New York gehandelt werden. Der globale Umsatz ist mit 29,18 Milliarden Euro in der internationalen Spitzenklasse.

Foto: REUTERS

Platz 4: Saudi Basic Industries (Saudi-Arabien)
Die Weiterverarbeitung von Öl und Gas macht den arabischen Staatskonzern zu einem der größten Chemiekonzerne weltweit. Der Umsatz von 39,5 Milliarden Dollar spricht für sich.

Foto: SABIC

Platz 3: Dow Chemical (USA)
Kunststoffe, synthetischer Kautschuk und Chlor gehören zu den meistverkauften Produkten der Amerikaner. Der Umsatz von 48,16 Milliarden Dollar wird nur von zwei deutschen Konzernen übertroffen.

Foto: AP

Platz 2: Bayer (Deutschland)
Nicht nur unter den Pharmakonzernen gehören die Leverkusen zu den globalen Riesen, auch in der Chemie kann kaum einer Bayer das Wasser reichen. Ein Umsatz von 49,2 Milliarden Dollar ist weltweit der zweithöchste der Branche.

Foto: dpa

Platz 1: BASF (Deutschland)
Die „Badische Anilin- und Soda-Fabrik“ ist mittlerweile schon seit Jahren unangefochtener Marktführer der Chemieindustrie. Die Ludwigshafener haben allein 2016 einen Umsatz von 69,54 Milliarden Dollar erwirtschaftet. 2017 dürfte allerdings die Allianz von Dow und DuPont an die Spitze rücken.

Foto: CLARK/obs

Die ersten Reaktionen am Aktienmarkt waren heftig. Glauben Sie, Baumann war überrascht davon?
Die Reaktionen der Märkte bei solchen Deals kann niemand beeinflussen – das ist das Schwierigste. Ich glaube nicht, dass ihn das überrascht hat. Baumann wird von denen, die ihn kennen als sehr sachlich und zahlenorientiert beschrieben, er dürfte sich im Klaren darüber sein, welche Gefahren der Übernahmeversuch von Monsanto birgt.

Welche sind das aus Ihrer Sicht?
Zum einen ist der Verkaufspreis unglaublich hoch – selbst wenn alles erfolgreich verläuft, das Geld muss Bayer erst einmal wieder verdienen. Dann hat Bayer die Öffentlichkeit gegen sich – auch die Medien werden Bayer wegen des Deals attackieren.

Ursprünglich hatte Monsanto einmal angekündigt, das Agrargeschäft von Bayer übernehmen zu wollen. Nun haben die Leverkusener den Spieß umgedreht. Ist so etwas üblich?
Das ist schon üblich – vor allem in der Chemie- und Pharmabranche gibt es aktuell eine sehr starke Konsolidierung. Es gibt immer weniger Kandidaten für einen Zukauf. Bei Monsanto kommt eine einzigartige Gelegenheit hinzu, nämlich dass es kartellrechtlich wahrscheinlich keine Bedenken gibt. Bei den meisten Deals in annährend ähnlicher Größenordnung ist das Kartellrecht die größte Hürde. Denken Sie an die Übernahme von Kaiser’s Tengelmann durch Edeka.

Baumann hat bereits viele Erfahrungen mit Übernahmen. So war er 2004 an der Übernahme des Consumer Health-Geschäfts von Roche beteiligt, ein Jahr später beim Kauf von Schering. Auch dutzende kleinere und mittlere Akquisitionen sind sein Verdienst. Hilft ihm das?
Natürlich ist Erfahrung hilfreich. Diese Verhandlungen allerdings sind mit denen aus der Vergangenheit nicht vergleichbar. Das wird auch Baumann bald merken. Ich bleibe dabei: Wenn Baumann den Deal in den nächsten Wochen nicht zuschnürt, scheitert er.

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