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Leistungsdruck"Früher waren wir stolz auf unser Werk, heute auf unsere Erschöpfung"

Reise-, Export- und Fußballweltmeister – die Deutschen glänzen in vielen Bereichen. Doch der Erfolg ist nur eine Seite der Medaille. Wir stehen permanent unter Druck. Warum gerade die Deutschen auf Erfolg getrimmt sind.Lisa Oenning 04.04.2017 - 09:00 Uhr

Deutsche stehen unter besonderem Leistungsdruck.

Foto: Fotolia

WirtschaftsWoche: Den Deutschen wird gerne nachgesagt, sich über Leistung zu definieren. Tatsächlich sind wird erfolgreich: Reise-, Export- und Fußballweltmeister. Also ist doch alles gut?

Stephan Grünewald: Deutschland geht es wirtschaftlich gut. All die Erfolge führen aber dazu, dass wir mit Blick in die Zukunft das Gefühl haben, dass sich die Lage eigentlich nur verschlechtern kann. Deshalb richten wir uns in einem Zustand der permanenten Gegenwart ein. Wir wollen gar nicht nach vorne gucken, weil wir dann das Gefühl bekommen, dass direkt die Krisen in unser Land schwappen.

Zur Person
Stephan Grünewald ist Mitbegründer und Geschäftsführer des Rheingold-Instituts für Kultur-, Markt- und Medienforschung. Der Diplom-Psychologe und ausgebildete Psychotherapeut ist ein gefragter Experte in Fernsehen, Wirtschaft und Presse. 2013 erschien sein Buch "Die erschöpfte Gesellschaft –warum Deutschland neu träumen muss", das sich mit dem Leistungsdruck in der deutschen Gesellschaft beschäftigt.

Also verdrängen wir unsere Befürchtungen?

Genau. Die beste Art, bestehende Zukunftsängste auszublenden, ist, sich in einen Zustand besinnungsloser Betriebsamkeit zu stürzen. Wir dynamisieren im übertragenen Sinn das Hamsterrad, in dem wir uns täglich befinden, damit wir uns mit möglichen Krisen nicht auseinandersetzen müssen. Indem wir das Hamsterrad drehen – also die Anforderungen erhöhen –, erleben wir kleine Erfolge.

Wie sieht das konkret im Alltag aus?

Viele Menschen berichten mir, dass sie nur noch von einem Termin zum anderen hetzen, sodass sie am Ende des Tages gar kein Gefühl mehr dafür haben, was sie geleistet haben.

Denn in vielen deutschen Unternehmen hat sich eine Erschöpfungskonkurrenz etabliert: Die Wettbewerber brüsten sich damit, wie hoch ihre Belastungen sind. Es geht keiner montagmorgens ins Büro und sagt, dass er an diesem Tag in Ruhe seine Aufgaben abarbeiten will und dann noch die Blumen gießt.

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Sobald man bei der Arbeit ist, setzen die meisten die Kollegen darüber in Kenntnis, wie aktiv sie am Wochenende waren und welche Lasten sie noch schultern müssen. Es gibt somit in deutschen Betrieben einen internen Wettbewerb um den Titel des Verausgabungsweltmeisters.

Kommt der Druck denn vom Chef oder findet er nur in unseren Köpfen statt?

Sowohl als auch. Seit der Wirtschaftskrise gibt es von der Unternehmensseite viele Maßnahmen, um Arbeitsprozesse noch effizienter zu gestalten. Es werden Belegschaften zusammengekürzt, der Einzelne muss mehr Verantwortung übernehmen.

Andererseits fügen sich die meisten Deutschen diesen Anforderungen bereitwillig. Schließlich gibt der Erschöpfungszustand ihnen das Gefühl, Leistung erbracht zu haben.

Das war früher anders?

Ich beobachte seit einigen Jahren einen Paradigmenwechsel vom Werkstolz hin zum Erschöpfungsstolz. Das heißt, früher waren wir stolz auf ein Werk, das wir erstellt haben und waren noch in der Lage, am Ende des Tages im übertragenen Sinn einen Schritt zurückzutreten, und das Geschaffene zu bewundern. Heute kommt es darauf an, wie erschöpft man ist.

Und das ist ein deutsches Phänomen?

Dieser Erschöpfungsstolz ist ein Phänomen der westlichen Welt. Aber vor allem die Deutschen definieren sich hauptsächlich über ihre Leistung. Die Erschöpfung wird zum Gradmesser der eigenen Produktivität. Je erschöpfter man ist, desto mehr hat man das Gefühl, am Tag etwas geleistet zu haben.

Fünf Tipps zur Stressbewältigung
Sagen Sie auch mal „Nein“. Haben Sie gerade keine Kapazitäten für eine neue Aufgabe oder ein Projekt, sagen Sie frühzeitig Bescheid. Selbstverständlich gibt es Situationen, in denen Sie mit „Ja“ antworten müssen. Aber vielleicht hat ein Kollege gerade mehr Zeit oder die Aufgabe ist doch nicht ganz so dringend.
Niemand ist perfekt, stellen Sie daher keine zu hohen und unrealistischen Erwartungen an sich selbst. Damit blockieren Sie sich nur.
Identifizieren Sie die Auslöser. Jeder Mensch gerät durch andere Dinge unter Druck. Um einen Überblick zu behalten, hilft es, sich eine Liste mit seinen persönlichen Stressfaktoren anzulegen. Stört Sie zum Beispiel das ständige „Pling“ eingehender E-Mails, stellen Sie den Computer auf lautlos und bestimmen Sie einen festen Zeitraum, in dem Sie Mails beantworten.
Stress zu unterdrücken, ist auf lange Sicht keine Lösung. Früher oder später wird er wieder hochkommen. Um das zu vermeiden, sprechen Sie darüber mit einem Kollegen und beziehen Sie auch ihren Chef mit ein. Allein das Gefühl, aktiv etwas gegen den Stress zu tun, hilft bei der Bewältigung.
Machen Sie Sport – Bewegung ist eine gute Methode, um Stress entgegenzuwirken, denn durch Sport werden Glückshormone wie Dopamin ausgeschüttet.Im Alltag hilft schon ein kurzer Spaziergang zur Kantine oder morgens eine Station früher auszusteigen und den restlichen Weg zur Arbeit zu laufen. Nehmen Sie die Treppe statt den Aufzug und laufen Sie zum übernächsten Drucker statt zum nächstgelegenen.

Warum ist das ausgerechnet in Deutschland so?

Deutschland ist ein Land ohne fest verwurzelte Identität. Durch die zwei Weltkriege haben wir geschichtliche Brüche, die es dem Volk schwer gemacht haben, eine klare Identität zu bilden.

Deshalb sind wir immer auf der Suche nach unserer Selbst – und wollen dabei auch erfolgreich sein. Deshalb haben vor allem wir Deutschen dieses Leistungsethos.

Und in anderen westlichen Nationen?

In anderen Nationen wird der Stolz durch eine nationale Identität abgefedert. In Frankreich gibt es zum Beispiel eine ausgeprägte Pausen- und Genusskultur. Geschäftsbeziehungen beginnen dort nicht direkt mit dem Sprung in die Verhandlungen, sondern es findet in der Regel erst einmal ein gemeinsames Essen statt.

Gibt es Regionen, in denen der Erfolgsdruck höher ist als hierzulande?

In den asiatischen Ländern. Dort steht meist jede Minute unter einem Effizienzdiktat.

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In welchem Maß ist Leistungsdruck in Ordnung?

Leistungsdruck ist in Ordnung, solange wir das Gefühl haben, in einem sinnvollen Prozess zu sein. In dem Moment, in dem man das Gefühl hat, denn Sinn des Handels komplett zu verlieren und nur noch getrieben zu werden, wird es ungesund.

Was passiert dann?

Wir können krank werden. Wichtig ist, dass wir im Vorfeld auf Warnsignale hören. Denn wenn der Druck zu stark ist, bekommen wir Kopfschmerzen. Das sind seelische Verdauungsstörungen. Es lastet zu viel Druck auf uns, den wir gar nicht mehr verarbeiten können. Dieses "zu viel" wird in Schmerz verwandelt. Wenn wir dann immer nur die Kopfschmerztablette einwerfen, kann das langfristig zu gesundheitlichen Schäden führen.

So unterschiedlich reagieren wir auf Stress
Stressforscher schätzen, dass Stressanfälligkeit zu 30 Prozent genetisch bedingt ist.(Quelle: Lothar Seiwert, Zeit ist Leben, Leben ist Zeit)
Frauen, die während der Schwangerschaft hohe Cortisolwerte aufweisen, bekommen stressanfälligere Babys.
Traumatische Erlebnisse in den ersten sieben Lebensjahren, der Zeit der Entwicklung der Identität, können lebenslänglich stressanfälliger machen.
Erfolgsorientierte, ehrgeizige, sehr engagierte, ungeduldige und unruhige Menschen sind besonders stressanfällig.
Feindseligkeit, Zynismus, Wut, Reizbarkeit und Misstrauen erhöhen das Infarktrisiko um 250 Prozent. Humor hingegen zieht dem Stress den Stachel. Eine Studie an 300 Harvard-Absolventen zeigte: Menschen mit ausgeprägtem Sinn für Humor bewältigen Stress besser.
Der wichtigste Faktor, der über Stressanfälligkeit bestimmt, ist die Kontrolle über das eigene Tun. Je mehr man den Entscheidungen anderer ausgeliefert ist, desto höher das Infarktrisiko.
Wer für seine Arbeit Anerkennung in Form von Lob oder einem angemessenen Gehalt bekommt, verfügt über eine bessere Stressresistenz.
Wer eine gute Stellung in der Gesellschaft hat, verfügt auch über einen Panzer gegen Stress. Das ist auch bei Pavianen zu beobachten: Gerät das Leittier durch einen Konkurrenten in eine Stresssituation, schnellt der Cortisolspiegel hoch, normalisiert sich aber rasch wieder. Bei den Rangniedrigeren ist der Cortisolspiegel ständig erhöht.
Einer der stärksten Stresskiller ist das Gebet. Studien belegen: Der Glaube an eine höhere Macht, die das Schicksal zum Guten wenden wird, beugt vielen Krankheiten vor.

Auch Schlafstörungen sind ein wichtiges Warnsignal. Wenn wir noch nicht einmal nachts in die Ruhephase kommen, sind wir irgendwann komplett ausgezerrt.

Es gibt aber auch viele Studien, die beweisen, dass Leistungsdruck die Gesundheit fördern kann.

Genau, wenn wir das Gefühl haben, motiviert und höchst konzentriert zu sein – also in einem aktiven Zustand sind.

Ruhepausen einlegen und ausreichend schlafen

Das Gehirn ist nicht dauerhaft leistungsfähig, auch seine Aufnahme- und Speicherkapazität ist nach etwa zehn Stunden ausgereizt. Daher rät Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz in seinem Beitrag in dem Ratgeber „Was Studis gegen Stress tun können“ davon ab, diese Zeit beim Lernen zu überschreiten. Außerdem sei gerade in intensiven Prüfungsphasen ausreichend Schlaf unerlässlich. „Auch wenn das Schlafbedürfnis individuell unterschiedlich ist, sollte man gerade in intensiven Lernphasen mindestens 7 Stunden pro Nacht schlafen. Und im Schlaf ist unser Gehirn nicht inaktiv: Das Gelernte wird im Schlaf dauerhaft abgespeichert („konsolidiert“)“, erklärt Lieb weiter.

Quellen: KIT-Broschüre 2011, „Lässig statt stressig durchs Studium“, Studentenwerk Heidelberg

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Sportliche Aktivität als Ausgleich

Birte von Haaren, akademische Mitarbeiterin am Karlsruher Institut für Technologie im Bereich Sportwissenschaft, empfiehlt Studierenden, die oftmals sehr kostbare Freizeit unbedingt für körperliche Betätigung zu nutzen. Auf die Menge kommt es laut Haaren nicht an. Eine halbe bis dreiviertel Stunde täglich reiche völlig aus. „Man weiß, dass bereits moderate körperliche Aktivität die Gehirndurchblutung steigert und dadurch die Wachstumsfaktoren erhöht werden, die für das Bilden neuer Nervenzellen verantwortlich sind. Funktion und Leistungsfähigkeit des Gehirns werden so verbessert und das Hirn wird widerstandsfähiger gegen Stress.“ Besonders gut eignen sich laut der Sportwissenschaftlerin Ausdauersportarten wie zum Beispiel Fahrradfahren oder Joggen, denn sie fördern die Herztätigkeit und steigern die Sauerstoffversorgung. Auch frische Luft gibt neue Energie. Wer Probleme hat, runterzukommen, sollte Entspannungssportarten wie zum Beispiel Yoga oder Tai Chi ausprobieren. Diese lösen Spannungen und sorgen für Ausgeglichenheit.

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Routinen schaffen

Besonders im Studium wird eine selbstständige Arbeitsweise gefordert. Vielen Studenten fällt die Motivation unter diesen Umständen jedoch besonders schwer. Rituale und Routinen können helfen, den Lernalltag zu strukturieren. 32 Studierende der Hochschule Schwäbisch Gmünd haben im Zuge einer Lehrveranstaltung das Antistress-Handbuch „Lässig statt stressig durchs Studium“ veröffentlicht, das wertvolle Tipps für das effektive Selbststudium enthält. Die Autoren empfehlen, den Lernalltag ähnlich wie einen Arbeitstag zu strukturieren. Durch frühzeitiges Aufstehen, regelmäßige Pausen und ein vorher festgesetztes Arbeitsende. Außerdem spielt die Wahl des Arbeitsortes eine entscheidende Rolle: Wer sich leicht von alltäglichen Dingen ablenken lässt, ist effektiver außer Haus, zum Beispiel in der Bibliothek, heißt es im Ratgeber.

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Sich auch mal was gönnen

Genauso wichtig wie das effektive Lernen ist die Entspannung zwischendurch. Verzicht auf Freizeitaktivitäten trägt nicht zur Produktivität bei. Ganz im Gegenteil: Es verstärkt das Gefühl von Energielosigkeit. Das Studentenwerk der Universität Heidelberg rät zur sinnvollen Freizeitgestaltung. Damit gemeint sind Hobbies, wie zum Beispiel Freunde treffen, Shoppen, Sport oder Besuche beim Friseur. Von wahllosem Fernsehgucken, Surfen im Internet, Alkohol und Drogen rät das Studentenwerk dagegen ab. Dies seien „Kreativitätskiller“.

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Übungen zur Atmung und Herz-Kreislauf-Aktivierung

Unter dem Motto „bewegtes Lernen“ gibt die interdisziplinäre Arbeitsgruppe am House of Competence in Karlsruhe Anstöße für Bewegungspausen an der Hochschule. Simone-Nadine Löffler, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gruppe, betont den Nutzen, den Übungen zwischen Vorlesungen und Seminaren haben könnten: „Wenn man sieht, dass die Konzentrationsfähigkeit dank einer kurzen Übung bis zum Vorlesungsschluss auf Anfangsniveau bleibt, ist das fast jedem Dozenten die fünf bis zehn Minuten wert.“ Wichtig ist, das sogenannte „kompensatorische Potenzial“ der Übungen auszuschöpfen, das heißt beim Schreiben einer Hausarbeit am PC sollte als Ausgleich eine Aktivität im Freien gewählt werden. Eine empfehlenswerte Übung zur Herz-Kreislauf-Aktivierung ist das sogenannte „Schattenboxen“, bei dem gegen einen fiktiven Gegner gekämpft wird. Auch Entspannungsübungen und bewusstes Atmen können sich positiv auf das Wohlbefinden und die kognitive Leistungsfähigkeit auswirken. Der gesamte Katalog ist unter diesem Link abrufbar.

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Stressbewältigung durch Achtsamkeit

Diplom-Sozialpädagogin Bettina Werner von der Durlacher Schule rät zur Entspannung durch Meditation nach Dr. Jon Kabat-Zinn, der 1979 die sogenannte MBSR-Methode entwickelte, eine Lebensweise, die von Achtsamkeit lebt und damit die Bewältigung von Stresssituationen erleichtern kann. Durch systematische, alltagsbegleitende Übungen, die Meditationen im Liegen, Sitzen und Gehen miteinschließen. Im Gegensatz zu klassischen Entspannungstechniken liegt der Fokus bei der Mindfulness Based Stress Reduction aber nicht auf Regeneration, sondern Achtsamkeit. „Man übt sich darin, das Leben wahrzunehmen, wie es ist und mit ihm wirklich in Kontakt zu sein. Es geht darum, die Wirklichkeit ehrlich anzugucken, sie nicht zu bewerten und ihr gegenüber eine akzeptierende innere Haltung zu entwickeln“, so Werner. Die diplomierte Sozialpädagogin, die während ihrer Studienzeit selbst unter Depressionen litt, schwört auf die Wirksamkeit von MBSR und ist überzeugt, dass Sie Studenten zu Zentriertheit, Gelassenheit, Bewusstheit und zu einem Zugang zu ihrem wahren Selbst führt. Beispielübungen finden Sie auf Seite 21 von „Rückenwind“.

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Euthyme Einheiten in den Tag integrieren

Das verhaltenstherapeutische Konzept der „Kleinen Schule des Genießens“ nutzt die Erkenntnis, dass eine Erhöhung der Genussfähigkeit dem negativen Stresserleben entgegenwirkt. Sogenanntes „euthymes Verhalten“ hilft, bewusstes, genussvolles Erleben zu gewährleisten. Abgeleitet wird der Begriff aus dem Griechischen und bedeutet „was der Seele gut tut“. Die Diplompsychologin Eva Koppenhöfer erklärt, wie Studenten ihr Wohlbefinden im Alltag steigern können: „eine genussvolle Wahrnehmung für die Dauer von einigen Minuten: Bewusst am Duft einer Tasse heißer Schokolade schnuppern (Riechen), in spielerischem Rhythmus eine Büroklammer auf- und zu biegen (Tasten), ein Eis / eine Brezel mit Bedacht essen (Schmecken), sich in das Landschaftsbild des Bildschirm-Schoners hineinversetzen (Schauen), auf das Geräusch beim Durchblättern eines Buches, beim Zerschneiden eines Blatts Papier achten (Horchen).“ All diese Kleinigkeiten vermindern den Leistungsdruck, der unsere Gedanken vereinnahmt, so Koppenhöfer.

Foto: dpa

Beratungsstellen in Anspruch nehmen

Gerade die Studienzeit birgt etliche neue Situationen, für die es noch keine bewährten Lösungsstrategen gibt. Gefühle von Überforderung, Einsamkeit, Prüfungs- und Zukunftsängste, sowie private Probleme müssen Studenten nicht mit sich selbst ausmachen. Professionelle Hilfe ist eine effektive Möglichkeit, Ursachen für Stress frühzeitig zu erkennen und diesen entgegenzuwirken. Psychotherapeutische Beratungsstellen bieten an Hochschulen Gesprächstermine an, so zum Beispiel auch an der Universität in Karlsruhe. Nach Angaben von Diplom-Psychologin Sabine Köster werden an der Hochschule über die Einzelberatung hinaus in einer fortlaufenden, offenen Gruppe Entspannungs- und Stressbewältigungsstrategien vermittelt. Andere bieten Kurse zur Redeangst, Zeitmanagement und früheren Lernerfahrungen in der Familie an. „Jedes persönliche Problem ist ein Grund hierher zu kommen – je frühzeitiger, desto besser“, erklärt Köster, die die psychotherapeutische Beratungsstelle leitet.

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Die Zeit richtig managen

Auch das Zeitmanagement spielt eine entscheidende Rolle bei der Stressprävention. Diplom- Psychologin Susanne Koudela-Hamila hält die ALPEN-Methode für ein besonders effektives Modell. Es gliedert sich in folgende Punkte: Als erstes sollten zu erledigende Aufgaben und Aktivitäten notiert werden. Im nächsten Schritt sollte deren Länge geschätzt werden. Danach sollten Pufferzeiten eingeplant und Entscheidungen über Prioritäten getroffen werden. Im letzten Schritt sollte die Planung der zu erledigenden Punkte noch einmal nachkontrolliert werden. Das bewusste Setzen von Zielen – so Hamila – ob kurz-, lang- oder mittelfristiger Natur, schafft Prioritäten und ermöglicht eine langfristige Planung. Durch kontinuierliches Lernen nach Plan können Studenten also dem Zeitdruck in der Schlussphase entgegenwirken.

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Seien Sie sich selbst am nächsten

So gut wie nichts ist belastender, als sich selbst ständig mit anderen zu messen. Studenten können den Leistungsdruck deutlich reduzieren, indem sie ihren eigenen Weg gehen und auf diesen vertrauen. „Orientieren Sie sich nicht allzu sehr daran, was die anderen, was die „meisten“ machen. Das, was die meisten machen, muss nicht unbedingt richtig sein und es ist vielleicht gerade nicht der richtige Weg für Sie“, erklärt Monika Sieverding, die den Arbeitsbereich Genderforschung und Gesundheitspsychologie am Institut für Psychologie an der Universität in Heidelberg leitet. „Das Studium ist auch eine Zeit, in der die Möglichkeit besteht, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Theoretisch bietet die Zeit zwischen Schule und Beruf die meisten Freiräume, um den eigenen Horizont zu erweitern“, so Sieverding weiter. Nutzen Sie also die Freiräume, die Sie sich selbst schaffen können.

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Ist die Putzfrau dem Leistungsdruck genauso ausgeliefert wie der Manager eines Dax-Konzerns?

Je größer die Möglichkeit ist, das Arbeitspensum auszuweiten, umso wahrscheinlicher ist es, unter enormen Leistungsdruck zu geraten. Denn wir brauchen immer größere Erschöpfungszustände, um unseren Erschöpfungsstolz zu befriedigen. Manager und Selbstständige sind deshalb deutlich stärker gefährdet als Menschen, die ein vorgegebenes Pensum abarbeiten müssen. Aber auch die Putzfrau kann unter Leistungsdruck geraten, wenn der Kolonnen-Chef immer größere Tagesziele vorgibt.

Wann beginnt das Streben nach Erfolg?

Schon im frühen Kindesalter. Denn das gesellschaftlich vorgegebene Effizienzdiktat hat unser Leben insgeheim radikal verändert: In den Kindergärten gibt es weniger Spielsphäre, sondern immer mehr schulische Elemente und auch die Schulzeit wurde auf acht Jahre verdichtet.

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Wir geben den Jugendlichen heute nicht mehr die Zeit, in der sie sich selbst verstehen und mit Lebens-, Liebens- und Wohnformen experimentieren. Wir haben es mit einer Jugend zu tun, die durch die verkürzte Schulzeit gepresst wird, direkt in einen verschulten Studiengang einsteigt und nach vier Semestern den Bachelor haben muss. Wir haben also Leute, die mit Anfang 20 auf den Arbeitsmarkt kommen und noch nicht einmal die Zeit hatten, sich unglücklich zu verlieben.

In anderen Ländern ist das Schulsystem aber ähnlich.

Bei der Veränderung der deutschen Schullandschaft wurden aber die Fähigkeiten der Deutschen verkannt. Wir können Aufgaben nicht nur effizient abarbeiten. Deutschland ist auch das Land der Dichter, Denker und Träumer – das Land mit den meisten Patenten. Wir zeichnen uns durch eine große Kreativität und Erfindungsreichtum aus. Aber Kreativität wächst nicht im Hamsterrad, sondern in Pausen und ungeplanten Zeiten. Die Kreativitätsnischen, die wir hatten, betonieren wir dadurch zu.

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In Ihrem Buch "Die erschöpfte Gesellschaft" fordern Sie dazu auf, den Lebenssinn neu zu entdecken. Wie soll das gehen?

Grundsätzlich haben wir einen ritualisierten Ausstieg aus dem Leistungsdruck, wenn wir abends ins Bett gehen. Die nächtlichen Träume sind eine Art Korrektiv. Wir sind dann in der besinnungsvollen Unbetriebsamkeit. Unsere Träume führen uns vor Augen, was unsere eigentlichen Lebensziele, Sehnsüchte und Wünsche sind.

Wenn wir nach dem Aufstehen nicht direkt wieder aufs Smartphone starren, dann sind wir noch in einer sehr kreativen Sphäre, die uns nicht nur Ideen beschert, sondern uns auch klar macht, wie es uns geht und dass wir vielleicht mal wieder einen guten alten Freund anrufen müssten.

Also setzt uns die Digitalisierung noch mehr unter Leistungsdruck?

Die Digitalisierung ist ja per se nicht schlecht. Nur wenn wir uns zum Büttel des technischen Fortschritts machen – indem wir uns beispielsweise verpflichtet sehen, jede Mail innerhalb von 30 Minuten zu beantworten, dann können wir die Dinge nicht mehr überschlafen.

Aber wenn wir gewissen Dingen Zeit geben, treffen wir meistens die bessere Wahl. Wir entscheiden oft zu schnell und müssen dann korrigieren und zurückrudern. Das ist unterm Strich viel aufwendiger, als wenn die Entscheidung vorher einmal reiflich überlegt worden wäre.

Aber ist es überhaupt möglich, in einer unter Leistungsdruck stehenden Gesellschaft einen Gang zurück zu schalten?

Ich plädiere ja nicht dafür, dass man aus dieser Gesellschaft vollkommen aussteigt, sondern dass man Phasen der Reflexion hat. Bei wichtigen Entscheidungen sollte man sich unbedingt die Freiheit nehmen. Denn genau das macht uns letzten Endes auch erfolgreicher. Denn der Erfolg entwächst nicht dem Schnellschuss, sondern der bedachten Strategie.

Und wie entwickeln wir diese Strategie?

Durch die Doppelbegabung, welche die Deutschen haben: Wir waren einerseits Weltmeister im Wegarbeiten. Andererseits hatten wir Deutschen immer unsere Refugien – den Schrebergarten, die Laube, den Hobbykeller, wo wir zweckfrei schöpferisch werden konnten. Wir sollten die Refugien erhalten, um auch während der Arbeit leistungsfähig zu bleiben und unsere Schöpferkraft zu erhalten.

Es ist unwahrscheinlich, dass die Mehrheit der Deutschen sich plötzlich in ihren Schrebergarten oder Hobbykeller zurückzieht.

Das stimmt. Im Moment funktioniert die Gesellschaft trotz Leistungsdruck. Die Frage ist, ob wir nicht irgendwann den Kreativitäts-Burn-out erleben. Wir zehren momentan von der Substanz. Neben dem Effizienzdiktat ist es aber wichtig, neu zu träumen. Wenn wir diese Zeit zum Träumen haben, sind wir erfindungsreich.

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