Tesla-Batteriefabrik: Fünf Lehren aus der Gigafactory
So soll die Gigafactory 2018 aussehen.
Foto: WirtschaftsWocheDie Rechnung ist einfach: Um die geplanten 500.000 Autos pro Jahr wirklich bauen zu können, würde Tesla den gesamten weltweiten Jahresausstoß an Lithium-Ionen-Batterien benötigen. Für Gründer und Visionär Elon Musk lag die Lösung auf der Hand. Er nahm das Projekt Gigafactory in Angriff – und geht damit ein enormes Risiko ein.
Die größte Batteriefabrik der Welt soll sicherstellen, dass auch in Zukunft ausreichende Stückzahlen für die geplante Fahrzeugflotte zur Verfügung stehen – und einen Versorgungsengpass bei den für Elektroautos so wichtigen Akkus vermeiden.
Außerdem will Musk so die Herstellungskosten senken, denn sonst werden seine Autos zum Verlustgeschäft. Doch es gibt einige Hürden, die sich schon jetzt abzeichnen. Findet Tesla für die Herausforderungen aus der Gigafactory keine praktikablen Lösungen, steht die gesamte Vision der Kalifornier auf dem Spiel.
1. Die Nachfrage ist nicht gesichert
Von der riesigen Anlage sind bislang erst 14 Prozent in Betrieb. Tesla-Gründer Elon Musk hat trotzdem schon jetzt zur Eröffnungsfeier geladen. Bis die Anlage 2018 voll in Betrieb gehen soll, muss noch viel gebaut werden. Noch ist die Nachfrage nach Lithium-Ion-Batterien aber auch viel zu gering für das, was die Gigafactory eines Tages an Output produzieren soll.
Gabriel Seiberth, Automobilexperte der Beratungsfirma Accenture, sagt, das Unternehmen funktioniere derzeit noch ähnlich wie ein Start-up. „Bei Tesla gibt es eine große Vision und die Hoffnung, etwas Großes zu verändern. Dazu sammeln sie reichlich Fremdkapital, um ihren Ideen die nötige Größe zu verleihen.“
Das heißt auch, dass schon heute Infrastruktur geschaffen wird für eine Nachfrage, auf die man in Zukunft hofft. Falls das Konzept E-Mobilität und Heimspeicher nicht aufgeht, falls nicht die Stückzahlen nachgefragt werden, mit denen Tesla kalkuliert, gerät auch der Finanzplan in Schieflage – Musk wird zusammen mit dem Technologie-Partner Panasonic insgesamt fünf Milliarden Dollar investieren.
Hält der Auftragseingang bei Tesla also nicht Schritt mit den Kapazitäten der Fabrik, droht ein Überangebot oder eine zu geringe Auslastung der Maschinen. Nur bei hinreichender Auslastung kann das Mega-Projekt das Geld wieder reinholen, das die Errichtung kostete. „Die Spekulation auf die Zukunft ist gewaltig. Falls die optimistischen Absatzprognosen nicht zutreffen, ist die Finanzierung mit Fremdkapital ökonomisches Harakiri“, sagt Experte Seiberth.
2. Die Wette auf den Batterie-Preisverfall
Auch, wenn der Preis des wichtigen Rohstoffs Lithium langfristig wohl steigen wird: Tesla hat die Gigafactory gebaut, um Kosten zu drücken. Dadurch, dass die Batterien in Zukunft nicht mehr von Zulieferern bezogen werden müssen, gewinnt das Unternehmen an Unabhängigkeit von deren Preisdiktat.
Da die verwendete Batterietechnik aber nichts Neues darstellt, kann die Preisschraube nicht beliebig gedreht werden. Die Lithium-Ionen-Technologie ist etabliert, erprobt und ausgereift. Das ist gut, denn Tesla muss sich voll auf die Zuverlässigkeit verlassen können.
Große Schritte in Richtung besserer Speicherleistung, Haltbarkeit oder Wirkungsgrad sind für Seiberth aber nicht mehr zu erwarten. „Aus technologischer Sicht ist das recht phantasielos“, sagt der Automobilexperte, „Was Tesla produzieren will hat keinen entscheidenden technischen Vorteil gegenüber der bestehenden Konkurrenz.“ Für größere Effekte bräuchte man einen technologischen Durchbruch.
Teslas Hoffnung ist, durch Skaleneffekte, also die Fertigung einer enorm großen Stückzahl, die Fixkosten pro Batterie nahe Null zu bringen. Werden etwa die Produktionskosten, Abschreibungen und Kreditzinsen auf eine möglichst große Menge verteilt, steigt der Gewinn je Einheit. Das könnte in Zukunft ein Vorteil gegenüber Konkurrenten werden – falls die nötige Menge nachgefragt wird.
Automobilexperte Seiberth sieht dafür aber derzeit keinen Markt. „Tesla ist im Grunde gezwungen, sein Angebot auf neue Projekte wie Lkw, Busse und Heimspeicher auszuweiten. Ansonsten besteht aus meiner Sicht kein ausreichender Bedarf an diesen Batterien.“
3. Die Vision der Elektromobilität rückt nicht näher
Das Projekt Gigafactory kann nur erfolgreich werden, wenn Autos mit Elektroantrieb im Massenmarkt ankommen. Dass das nur eine Frage der Zeit ist, erklärt sich wohl schon durch die Endlichkeit unserer Öl- und Gasreserven. Tesla aber setzt mit dem Bau darauf, dass die Transformation schon in naher Zukunft gelingt.
Der niedrige Ölpreis der vergangenen Jahre hat auch das Tanken für Milliarden für Autofahrer wieder günstiger gemacht. „In den Köpfen vieler Menschen hat sich die Dringlichkeit für einen Wechsel zur Elektromobilität verringert“, glaubt Seiberth. „Nur bei entsprechendem Preisdruck kann der Wechsel schneller erfolgen.“ Viele sind zwar sensibilisiert, wenn es an die Entscheidung für einen Verbrennungsmotor oder ein Elektroauto geht, ist den meisten der Geldbeutel aber wichtiger als der politisch korrekte Verstand.
Bei Teslas Gigafactory in der Wüste Nevadas geht der Bau zügig voran. Anfang Januar nahm der Elektroautobauer zusammen mit dem Kooperationspartner Panasonic in Teilen der Fabrik die Fertigung von Lithium-Ionen-Zellen auf. Diese Zellen eines neuen Typs sollen zunächst nur in den Powerwall-Heimspeichern verwendet werden. Die Batterieproduktion für das kommende Elektroauto Model 3 soll in den kommenden Monaten starten. (Stand: Januar 2017)
Foto: WirtschaftsWocheDie im Januar veröffentlichten Luftbilder zeigen den Baufortschritt deutlich. In einigen der errichteten Gebäude wird schon gearbeitet, in anderen die Produktion vorbereitet. Auch der Bau der Gebäude selbst wird noch weitergehen.
Foto: WirtschaftsWocheZum Vergleich: So sah es vor einem Jahr in der Wüste bei Reno aus. Damals stand nur ein kleiner Teil der heutigen Anlagen.
Foto: WirtschaftsWocheIm Juli 2016 hatte Tesla zur offiziellen Eröffnung erstmals Presse-Fotografen auf das Gelände gelassen. Die bezeichnend "Gigafactory" genannte Anlage gehört sogar zu den größten Produktionsstätten überhaupt. Hier sollen Akkus für Elektroautos und Heimspeicher vom Band laufen – mehr als alle Hersteller der Welt heute zusammen produzieren. (Stand: Juli 2016)
Foto: APIm Juli waren erst 14 Prozent der Anlage in Betrieb. Dennoch hatte Tesla-Gründer Elon Musk Ende Juli zur Eröffnungsfeier geladen – einige Tage vorher durften sich bereits Journalisten und Fotografen auf dem Fabrikgelände umsehen. Voll in Betrieb soll die Anlage erst 2018 sein. Bis dahin wird an allen Ecken und Enden gebaut.
Foto: REUTERSAuch wenn es noch nicht so aussieht: Diese Halle ist einer der Grundpfeiler der Strategie von Elon Musk, mit der er Tesla von einem Nischen- zu einem Massenhersteller machen und ganz nebenbei dem Elektroauto zum Durchbruch verhelfen will.
Foto: REUTERSDie eigenen Batterien sind unerlässlich, wenn Tesla mit dem Model 3 (im Bild ein ausgestellter Prototyp) ab dem kommenden Jahr die Massen mobilisieren soll. Zum einen, weil momentan gar nicht genügen Akkus für die angepeilten Stückzahlen des Model 3 zugekauft werden könnten. Zum anderen, weil sie schlichtweg zu teuer wären. Der angekündigte Preis von 35.000 Dollar für den Wagen wäre nicht zu halten.
Foto: REUTERSGeht der Plan von Elon Musk auf (im Bild neben seinem Technik-Chef JB Straubel und Panasonic-Vertreter Yoshi Yamada), wird Tesla bald nicht nur Autos und Heim-Akkus, sondern auch noch Elektro-Busse, -Trucks und -Pick-ups bauen. Und dann bräuchte er deutlich mehr als die 35-Gigawattstunden-Akkus, welche die Gigafactory maximal produzieren kann. Die "1" im Schriftzug auf dem Bild verrät es: Weitere Batteriefabriken sind angedacht.
Foto: REUTERSWeitere Gigafactories seien notwendig, um alle Stufen von der Zellproduktion bis zum fertigen Auto abdecken zu können, sagte Musk. Denn nicht nur die Kapazitäten seiner Batteriefabrik, auch die seines Autowerks im kalifornischen Fremont sind beschränkt. Man könne weitere Fabriken in Europa, China und vielleicht auch Indien erwarten. Zunächst aber muss er die Anlage in Reno vollenden, noch sind dort viele Bereiche schlicht eingeebneter Wüstenboden.
Foto: APDas ist das schwarze Gold der Gigafactory: In diesem Batterie-Pack werden die in der Fabrik produzierten Batterie-Zellen gebündelt. Die schwarzen Kästen werden dann in das Autowerk geliefert und dort im Unterboden eingebaut.
Foto: APInsgesamt werden die Gigafactory-Partner Tesla und Panasonic fünf Milliarden Dollar in das Projekt investieren. Unter anderem in die Gebäude, die Maschinen, aber auch das notwendige Personal. Eines dürfte aber unbezahlbar sein: Die Erfahrungen, die dort gesammelt werden. Eine Batterieproduktion diesen Ausmaßes hat es noch nicht gegeben. Bei weiteren Gigafactories kann Tesla darauf aufbauen, während die deutsche Autoindustrie dieses Wissen erst sammeln (oder einkaufen) muss.
Foto: APBei der Energieversorgung der Fabrik selbst setzt Tesla auf seine eigenen Produkte: Mit Solarzellen und Batteriespeichern soll der Strombedarf für die Produktion gedeckt werden. Diesel-Generatoren als Absicherung sucht man auf dem Gelände vergeblich. Auch die Versorgungslinie mit Erdgas soll Tesla bereits gekappt haben – ein ungewöhnlicher und zugleich risikoreicher Schritt für ein solches Projekt.
Foto: APSo soll sie 2018 dann aussehen: Auf einer Million Quadratmetern sollen dann Akkus produziert werden. Solarzellen und ein eigener Windpark sorgen für den Strom. Ob es wirklich 2018 wird, bleibt aber abzuwarten. Es wäre eine der ersten Deadlines, die Elon Musk einhält. Für seinen "Masterplan Part Deux" wäre es aber notwendig.
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Das Model 3 soll für Tesla den Weg in Richtung Mainstream-Markt bereiten. Die etwa 400.000 Vorbestellungen sind ein wichtiges stützendes Element für den Bau der Gigafactory. Doch selbst damit wäre nur ein Schritt in Richtung der großen Autobauer getan, glaubt Experte Seiberth. „Von Massenmarkt kann höchstens im Vergleich zu den bisherigen Tesla-Verkaufszahlen gesprochen werden. Im Vergleich zu den traditionellen Herstellern ist der Abstand noch zu groß.“
Damit das Model 3 zum tatsächlichen Erfolg werden kann, muss der erhoffte Einsparungseffekt bei den Produktionskosten eintreten. Der angekündigte Preis von 35.000 Dollar wäre sonst ein ökonomisches Desaster für den Hersteller – man würde bei jedem hergestellten Auto drauflegen.
4. Der Lithiumpreis wird steigen
Wichtigster Rohstoff zur Herstellung der Akkus ist Lithium. Die Nachfrage nach dem Leichtmetall steigt rasant an, vor allem Aufgrund der wachsenden Nachfrage nach Elektroautos. So hat sich der Marktpreis für eine Tonne Lithium binnen Jahresfrist fast verdreifacht und beträgt jetzt mehr als 20.000 Euro.
Weil Lithium aber nur schwer zu gewinnen ist und dazu nur selten vorkommt, wird der Preis auch in Zukunft nur eine Richtung kennen – nach oben. Batterien für Teslas Elektroautos benötigen den Rohstoff als Ausgangsbasis ebenso wie die geplanten Heimspeichersysteme „Powerwall“.
Etwa 10 Kilogramm Lithium werden für die Stromspeicher in Teslas Model S benötigt. Die Abhängigkeit von Lieferanten könnte sich deshalb zum Problem für Tesla herausstellen. Denn die Fördermenge wird mit der steigenden Nachfrage nicht dauerhaft mithalten können.
Im vergangenen Jahr lag die Produktion Tesla bei etwa 50.000 Autos, Elon Musk möchte in absehbarer Zukunft 500.000 Fahrzeuge pro Jahr bauen. Das Unternehmen geht nach eigenen Schätzungen davon aus, dass dafür die derzeit jährlich abgebaute Menge an Lithium weltweit aufgebraucht würde.
Das offene Geheimnis um das Apple-Car könnte schon bald zur Realität werden. In einem Wettbewerb um das knappe Gut Lithium könnte Apple mit seiner prall gefüllten Kasse Tesla Probleme bereiten.
Auch die deutschen Autobauer prüfen den Bau einer oder mehrerer Batteriefabriken. Das wären schon mindestens drei starke Konkurrenten die nicht nur Marktanteile, sondern auch den derzeit unverzichtbaren Rohstoff Lithium unter sich aufteilen müssen.
5. Ein Start-up, das keins ist
Die Vision von Elon Musk ist sehr umfassend. Zwar ist er mit einem geschätzten Privatvermögen von geschätzten zwölf Milliarden Dollar einer der reichsten Menschen der Erde und greift für seine Projekte tief in die eigenen Taschen. Mit großem Pioniergeist und unkonventionellen Ansätzen überzeugt er aber auch seit Jahren Geldgeber, in seine Ideen zu investieren – und auf die Durchschlagskraft seiner Vision zu wetten.
Auch mit Tesla agiert Tausendsassa Musk wie ein Start-up. Aber das ist es nicht. Start-ups haben für gewöhnlich kaum eigene Vermögenswerte. Dafür aber eine innovative Geschäftsidee oder Problemlösung. Sie werden mit dem Ziel gegründet, schnell zuwachsen und einen hohen Wert zu erreichen.
Für Gewöhnlich haben die Startups es dabei mit einem jungen oder noch nicht existierenden Markt zu tun. Dort heißt es dann „the winner takes it all“. Der Markt, um den Tesla aber kämpft, ist einer der konsolidiertesten und umkämpftesten, die es gibt. Bei aller Innovation: sie bauen Autos.
Der Bau der Gigafactory ist ein Joint-Venture mit Panasonic und einer Reihe anderer strategischer Partner. Gemeinsam spekulieren die Partner darauf, den großen Automobilbauern einen Schritt voraus zu sein – und dadurch den Markt der Zukunft für sich zu entscheiden. „Dabei bindet sich Tesla aber einen Mahlstein an Assets ans Bein. Sie sind von Rohstoffpreisen und Forschungserfolgen abhängig, die sie selber gar nicht kontrollieren können“, sagt Experte Seiberth. „Ein Versorgungsengpass etwa könnte sofort in die Katastrophe führen.“
Die Fabrik passt super in der in die gigantomanische Narrativ von Tesla. „Es kann leicht praktische Probleme geben. Irgendwelche Fehler oder Risiken sind leicht zu übersehen und dann braucht es Puffer“, sagt Seiberth. Auch logistische Probleme bei der Belieferung und dem Abtransport von der Gigafactory zu Teslas Produktionsstandorten seien möglich. Ebenso wären Bauverzögerungen denkbar: „Das alles klingt viel zu schön um wahr zu sein. Man muss kein Skeptiker sein, um da ein Fragezeichen zu setzen.“
Was Tesla mit der Gigafactory zeigt ist Pioniergeist, Heldenmut, das muss man anerkennen. Das macht auch Seiberth respektvoll. „Aber würde man darein investieren? Wahrscheinlich nicht.“