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Kabel-SpezialistWie Leoni das Chaos in den Griff bekommen will

Der Kabel- und Bordnetzspezialist Leoni kämpft mit den Folgen schwerer Managementfehler – Gewinnwarnungen und Betrug inklusive. Im Interview erklärt Unternehmenschef Dieter Bellé seine Pläne – unter anderem mit China.Rebecca Eisert 11.10.2016 - 16:00 Uhr

Dieter Bellé ist seit Mai 2015 Vorstandsvorsitzender bei Leoni.

Foto: PR

In seinen ersten anderthalb Jahren als Vorstandschef beim Bordnetzhersteller Leoni ist fast alles schiefgelaufen, was schieflaufen konnte. Dieter Bellé musste innerhalb von zwölf Monaten zwei Gewinnwarnungen herausgeben. Die erste war nötig geworden, weil verschiedene Geschäftsbereiche unkoordiniert voneinander die zum Konzern gehörende Fabrik in Rumänien mit Aufträgen bombardiert hatten. Die Rumänen mussten dann in ihrer Not für viel Geld kurzfristig Scharen an Mitarbeitern einstellen. Die Kosten explodierten.

Die zweite Gewinnwarnung wurde vor einigen Wochen nötig. Betrüger konnten Mitarbeiter des Bordnetzherstellers dazu verleiten, insgesamt 40 Millionen Euro auf ihre Konten zu überweisen. Das ist mehr, als das Unternehmen im ersten Halbjahr an Gewinn gemacht hat.

Der Autozulieferer aus Nürnberg steckt in einer kritischen Phase. Der Aktienkurs halbierte sich innerhalb von zwei Jahren. Zwar ist der Umsatz, den das Unternehmen vor allem mit Bordnetzen und Kabeln für Autos im ersten Halbjahr gemacht hat, im Vergleich zum Vorjahreszeitraum stabil geblieben. Doch der Überschuss brach um mehr als ein Drittel ein. Bellé entschied, 1100 der 74.000 Mitarbeiter zu entlassen, um die Bordnetzsparte wieder auf Kurs zu bringen. Der für diese Sparte zuständige Vorstand Andreas Brand musste im November 2015 seinen Hut nehmen. Sein Nachfolger Frank Hiller – bis dato verantwortlich für die Sparte Draht & Kabel – verlässt nach nur einem Jahr auf dem neuen Posten das Haus.

Die weltweit größten Autozulieferer
Faurecia (Frankreich)Umsatz 2016: 18,711 Milliarden Euro Umsatz 2015: 18,770 Milliarden EuroVeränderung: -0,3 ProzentHauptprodukte: Sitze und InnenausstattungQuelle: Berylls Strategy Advisors, Stand: Juni 2017
Michelin (Frankreich)Umsatz 2016: 20,907 Milliarden EuroUmsatz 2015: 21,199 Milliarden EuroVeränderung: -1,4 ProzentHauptprodukte: Reifen
Bridgestone-Firestone (Japan)Umsatz 2016: 22,485 Milliarden Euro Umsatz 2015: 24,094 Milliarden EuroVeränderung: -6,7 ProzentHauptprodukte: Reifen
Aisin (Japan)Umsatz 2016: 27,977 Milliarden Euro Umsatz 2015: 24,133 Milliarden EuroVeränderung: +15,9 ProzentHauptprodukte: Getriebe, Bremssysteme, Karosserie- und Motorenteile
Hyundai Mobis (Südkorea)Umsatz 2016: 30,227 Milliarden Euro Umsatz 2015: 28,096 Milliarden EuroVeränderung: +7,6 ProzentHauptprodukte: Cockpit-, Frontend- und Chassismodule
ZF Friedrichshafen (Deutschland)Umsatz 2016: 32,353 Milliarden Euro Umsatz 2015: 27,113 Milliarden EuroVeränderung: +19,3 ProzentHauptprodukte: Fahrwerks- und Antriebssysteme, Elektronik/Software
Magna (Kanada)Umsatz 2016: 34,587 Milliarden Euro Umsatz 2015: 29,408 Milliarden EuroVeränderung: +17,6 ProzentHauptprodukte: Karosserie & Fahrwerksysteme, Exterieur-Ausstattungen
Denso (Japan)Umsatz 2016: 36,301 Milliarden Euro Umsatz 2015: 34,299 Milliarden EuroVeränderung: +5,8 ProzentHauptprodukte: Klimasysteme, Motorsteuerung, Human-Machine-Interface
Continental (Deutschland)Umsatz 2016: 40,550 Milliarden EuroUmsatz 2015: 39,232 Milliarden EuroVeränderung: +3,4 ProzentHauptprodukte: Brems-, Fahrwerk- und Sicherheitssysteme, Reifen
Bosch (Deutschland)Umsatz 2016: 43.936 Milliarden EuroUmsatz 2015: 41,657 Milliarden EuroVeränderung: +5,5 ProzentHauptprodukte: Antriebs-, Sicherheits- und Komfortsysteme

Ein Befreiungsschlag für den Vorstandschef. „Bellé und Hiller waren sich nicht grün“, sagt ein Insider. Der Nachfolger ist bereits bestellt. „Ein Profi aus der Zulieferindustrie, der sowohl über Produktions- als auch Vertriebserfahrung verfügt“, sagt Bellé der WirtschaftsWoche.

WirtschaftsWoche Online: Herr Bellé, stellen Sie sich vor, Sie lesen über einen Mittelständler folgendes: Zwei Gewinnwarnungen in zwölf Monaten, ein völlig aus dem Ruder gelaufener Standort, 1100 Stellen gestrichen, zwei Vorstände weg – und dann noch um 40 Millionen beklaut. Welches Bild hätten Sie vom Chef?
Dieter Bellé: Das ist sicher im ersten Moment ein kritisches Bild, wenn man es so liest. Aber der Fachmann wird auch erkennen, dass es zu diesen Problemen eine lange Vorgeschichte gibt und dieser Chef und sein Team dabei sind, das Unternehmen auf den Pfad des Erfolgs zurückzuführen. Leoni hat gute Substanz und Perspektiven.

Zur Person
Der Diplom-Betriebswirt (Jahrgang 1956) ist seit dem Jahr 2000 Mitglied des Vorstands bei Leoni. Zuvor hatte er leitende Funktionen im Krupp-Konzern, der Felten & Guillaume AG und der Peguform GmbH inne. Seit Mai 2015 sitzt Bellé dem Leoni-Vorstand vor.

Was wäre Ihre erste Frage an den Chef dieses Mittelständlers?
Ob er die richtigen Schritte eingeleitet hat, um die Probleme zu lösen. Und da kann ich Ihnen sagen: Wir sind auf einem guten Weg.

Fangen wir mit ihrem Standort in Rumänien an. Fliegt Ihnen der Standort nun nicht mehr um die Ohren, wie sie es selbst voriges Jahr formuliert hatten?
Nein. Der Standort wird von Quartal für Quartal wieder wirtschaftlicher. Wir haben in der gesamten Bordnetz-Division wesentliche Maßnahmen ergriffen: die Geschäftsbereiche neu organisiert, Entscheidungsebenen herausgenommen und Verantwortlichkeiten neu definiert.

Bosch, Valeo, ZF und Co

Gewinnmargen der Autozulieferer auf Rekordniveau

Wie kommen Sie beim Stellenabbau voran?
Gut. Ein Großteil wird in diesem Jahr geschafft sein. Das kostet uns 25 Millionen Euro. Ab nächstem Jahr sparen wir dadurch dauerhaft rund 20 Millionen.

Und gerade jetzt wird der Vorstand der Bordnetz-Sparte, Frank Hiller, das Unternehmen verlassen. Wirft Sie das zurück?
Nein, zumal der Nachfolger schon bestellt worden ist. Ein Profi aus der Zuliefererbranche, der sowohl Produktions-, als auch Vertriebserfahrung hat. Mit ihm werden wir den eingeschlagenen Weg weitergehen.

Betrug

Wenn der Chef gefälscht ist

von Anke Henrich

Sie haben für die Sparte Draht & Kabel ein neues Geschäftsmodell angekündigt. Sie wollen intelligente Kabel schaffen. Was müssen wir uns darunter vorstellen?
So ein Kabel kann sich zum Beispiel selbst überwachen und meldet, wenn es ersetzt werden muss. Das intelligente Kabel ist aber nur eines von mehreren Entwicklungsprojekten. Wir wollen uns insgesamt vom reinen Auftragsfertiger hin zum Lösungsanbieter entwickeln, Mehrwert für unsere Kunden und uns damit am Markt neu positionieren. Darin investieren wir kräftig.

Womit die Zulieferer zu kämpfen haben
Immer mehr Innovationen müssen von den Zulieferern selbst kommen. Die Forschungs- und Entwicklungsausgaben steigen dadurch stark an. Die Zulieferer müssen stärker in Vorleistung gehen und tragen damit ein höheres unternehmerisches Risiko.
Die Autokonzerne bauen immer mehr Werke in Asien oder Mexiko. Damit steigt der Druck auf die Zulieferer, ebenfalls in neue Standorte zu investieren.
Global agierende Autokonzerne schreiben ihre Aufträge immer öfter für die weltweite Produktion aus. Viele mittelständische Zulieferer können weder die geforderten Stückzahlen herstellen noch den Konzernen einfach ins Ausland nachfolgen.
Autokonzerne wie PSA und GM bilden immer öfter Einkaufsgemeinschaften, gleichzeitig steigt die Zahl von Modulbaukästen für die identische Teile in sehr hoher Stückzahl benötigt werden. Beides führt dazu, dass der Preisdruck steigt. Die Zahl der Zulieferer, die das leisten kann, sinkt.

Schließt das den Zukauf von Betrieben ein?
Ja, neben dem Aufbau der eigenen Ressourcen denken wir sehr konkret darüber nach, uns zu verstärken.

Welche Unternehmensteile passen nicht mehr zum neuen Image?
Wir überprüfen unser Geschäft mit Kabeln für weiße und braune Ware, also etwa Kühlschränke und Rasierapparate.

PSA Bordnetze

Leoni sichert sich Auftrag über 500 Millionen Euro

Welche Chancen eröffnet Ihnen die wachsende Zahl an neuen Elektroautos?
Bis heute ist der Umsatz mit diesen Produkten der Hochvolt-Technologie für E-Autos und der Ladeinfrastruktur noch im niedrigen zweistelligen Millionenbereich. Aber wir haben ganz aktuell zwei weitere zukunftsweisende Elektromobilitäts-Projekte gewonnen.

... für die sie erst einmal in Vorleistung gehen.
Richtig, schnelle Ergebnisse sind da nicht drin, aber mittelfristig werden wir davon deutlich profitieren. Für Leoni interessant: Ein Hybridfahrzeug bedeutet für uns 20 Prozent mehr Kabelwert, beim Elektro-Auto zehn Prozent.

Automotive Performance 2016
Tesla Der kalifornische Elektroautohersteller findet sich zum ersten Mal im Ranking. Dass es nur für den letzten Platz reicht, liegt an den hohen Verlusten und der dementsprechend niedrigen finanziellen Performance.
Mitsubishi Der kleine japanische Hersteller hat im Vergleich zu seinen Wettbewerbern im Bereich Markt- und Innovationskraft nur unterdurchschnittliche Leistungen zu bieten.
SuzukiSuzuki schafft es zwar sich einen Platz vor Mitsubishi zu platzieren, hat aber mit den gleichen Problemen zu kämpfen: Auch hier mangelt es an Markt- und Innovationskraft.
PSADer französische Hersteller von Peugeot und Citroën zeigt eine deutlich höhere Innovationskraft als seine japanischen Mitbewerber und erreicht damit Platz 14.
RenaultAufgrund der im Vergleich niedrigen finanziellen Performance landet der französische Konzern auf Platz 13.
Fiat-ChryslerDer Konzern kann sich trotz eines guten Ergebnisses der amerikanischen Tochter nicht im Mittelfeld halten und rutscht auf den 12. Platz.
SubaruDer kleine japanische Autohersteller schafft es in dem Ranking auf einen Platz im unteren Mittelfeld.
MazdaMit einem Index von knapp unter 30 Prozent landet Mazda auf dem zehnten Platz und kann sich in der Gesamtperformance verbessern.
HondaMit einem Performance-Index von über 40 Prozent landet der japanische Konzern deutlich vor seinem Konkurrenten Mazda.
NissanMit einem ähnlich guten Ergebnis wie Honda sichert sich Nissan Platz 8.
VWDer Abgasskandal macht sich auch in der Performance des Wolfsburger Konzerns bemerkbar: Während er im letzten Jahr noch Platz eins war, reicht es 2016 nur für den siebten Platz.
HyundaiWährend es im letzten Jahr noch für Platz fünf gereicht hat. Liegt das Unternehmen mit einem Indexwert von 44 Prozent dieses Jahr nur auf Platz sechs.
GMDer amerikanische Konzern verbessert sich im Vergleich zum Vorjahr um eine Position und landet auf Platz 5.
FordDank guter Markt- und Finanzkennzahlen landet Ford auf dem vierten Platz.
BMWEine gute finanzielle und eine starke Innovationsperformance sorgen dafür, dass BMW auf dem dritten Platz landet.
DaimlerDer schwäbische Autohersteller verbessert sich im Vergleich zum Vorjahr um einen Platz. Grund dafür ist die zweitbeste Financial Performance.
ToyotaDie beste finanzielle Performance sorgt dafür, dass Toyota auf dem ersten Platz landet.

Sie haben sich die Mehrheit des chinesischen Bordnetzherstellers Hengtong gesichert. Der Beginn einer Asien-Offensive?
Es ist mehr. In China wollen wir nicht mehr nur mit den europäischen Autoherstellern, sondern künftig verstärkt auch mit den einheimischen ins Geschäft kommen. Über Hengtong bekommen wir Zugang zu Dongfeng, dem zweitgrößten Autokonzern Chinas. Das Geschäftsvolumen sollte mittelfristig im dreistelligen Millionenbereich liegen.

Auf dem amerikanischen Kontinent sind Sie dagegen noch schwach vertreten.
Wir machen nur etwa 16 Prozent unseres Umsatzes dort, sehen aber gute Chancen mit unseren Bordnetzen jetzt auch im Pkw-Bereich Fuß zu fassen. Im Nutzfahrzeugsegment sind wir bereits gut positioniert. Gerade haben wir einen der drei großen amerikanischen Hersteller in seinem Heimatmarkt als Kunde gewonnen. Unser Bordnetz wird damit erstmals in einem amerikanischen Modell verbaut. Wir hoffen bald noch einen zweiten Big Player beliefern zu dürfen. Im Bereich Industriekabel sind wir als Marke in den USA noch zu schwach. Ich kann mir gut vorstellen hier auch über Zukäufe zu wachsen.

Leoni feiert kommendes Jahr seinen 100. Geburtstag. Worauf werden Sie anstoßen?
Auf unsere erstklassigen Mitarbeiter, zukunftsfähigen Produkte und die nächsten 100 Jahre Leoni.

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