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Jasmine Audemars"Smartwatches erzeugen keine tiefe emotionale Bindung"

Die Schweizer Luxusuhren-Hersteller leiden unter sinkenden Exporten. Warum der Rückgang nicht mit der Quarzkrise zu vergleichen ist und Smartwatches keine Gefahr sind, erklärt Jasmine Audemars der gleichnamigen Marke.Thorsten Firlus 19.01.2017 - 19:47 Uhr

Jasmine Audemars

Foto: PR

Frau Audemars, die Exporte der Schweizer Uhrenindustrie sind in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Der Abwärtstrend dauert an…

Jasmine Audemars: … ja, aber das ist nicht sehr überraschend...

...aber auch nicht schön.
Nein, aber wenn Sie sich die allgemeine Lage der Weltwirtschaft anschauen, dann liegt es auf der Hand, dass eine Branche, die mit Luxusgütern handelt, davon betroffen ist. Unser Unternehmen hat 2016 gut überstanden...

Das Gehäuse dieser Uhr scheint aus Marmor hergestellt zu sein - es ist aber Käse, genau gesagt Vacherin Mont d'Or. Der Käse wurde pasteurisiert und dann mit Kunststoff gemischt und in Form gebracht. Ausgestellt wurde die Kreation der Marke H. Moser & Cie. in Genf auf dem SIHH. Das erst 2002 gegründete Unternehmen machte von Beginn an mit außergewöhnlichen Ideen von sich reden. Die Uhr trägt deswegen nicht umsonst den Namen "Swiss Mad Watch". Der Preis des Unikats liegt bei 1.081.291 Franken.

Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWoche

Das zum Richemont-Konzern gehörende Unternehmen Baume & Mercier deckt in der Gruppe das Einstiegssegment der Luxusuhren ab. Diese Automatikuhr mit Stahlband soll die sportlich maskuline Kundschaft ansprechen. Der Preis liegt je nach Ausführung des Armbandes bei rund 2000 Euro.

Foto: PR

Der Namensgeber, Unternehmensgründer nach der Wende und Mit-Inhaber, Walter Lange, verstarb am 16. Januar. Die Entwicklung des Tourbograph pour le Mérite hat Lange, der bis zum Schluss im Unternehmen präsent war, noch verfolgen können. Der Tourbograph erhält seinen Namen aus zwei seiner Komplikationen, die verbaut wurden: Dem Tourbillon und dem Chronograph. Dazu kommt noch ein ewiger Kalender. 684 Teile sind im Uhrwerk verbaut. Der Preis für eines der 50 Modelle, die gefertigt werden: 480.000 Euro.

Foto: PR

Das Unternehmen MB&F möchte keine Uhren, sondern Skulpturen für den Arm entwerfen, die zudem die Zeit anzeigen. Für das Modell Aquapod haben sich die Gestalter an einem der unbeliebtesten und gleichzeitig faszinierendsten Tiere orientiert: Der Qualle. Das gewölbte Gehäuse soll im Profil einer aufsteigenden Qualle ähneln. Zugleich versprechen die Entwickler eine gute Ablesbarkeit. In Höhe des weißen Dreiecks auf der Unterseite der Halbkugel ist die Zeit abzulesen - in diesem Fall 8 Uhr und 35 Minuten. Der Preis für die Uhr: sechsstellig.

Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWoche

Schwärzer als die Nacht - das ist nur eine der Besonderheiten der Luminor Panerai Lab-ID Luminor 1950 Carbotech. Das Zifferblatt ist ein extremes Tiefschwarz. Das Gehäuse besteht aus einer Carbonmischung, darin steckt auch der Clou: Die Carbonteile benötigen im Gegensatz zu herkömmlichen mechanischen Uhren keinen Schmierstoff mehr. Die Uhr ist damit wartungsfrei, da keine Fette enthalten sind. Panerai plant, für die Uhr eine Garantie von 50 Jahren auszuloben. Der Preis liegt bei 50.000 Euro.

Foto: PR

Drei Mitglieder einer neuen Familie. Die Schweizer Marke Jaeger LeCoultre bringt neben exorbitant teuren Preziosen dieses Jahr auch ein Friedensangebot in der Welt der Luxusuhren auf den Markt. Zwischen 6000 bis 10.000 Euro liegen diese Modelle, beginnend bei einer einfachen Dreizeiger-Uhr mit Datum über eine Weltzeituhr bis zu einem Chronographen. Nach Jahren des teurer, teurer, teurer, besinnen sich die Uhrenhersteller wieder derjenigen, die weder das Geld eines Kleinwagens, Wagenparks oder Villa in eine mechanische Luxusuhr investieren möchten.

Foto: Thorsten Firlus für WirtschaftsWoche

Von günstig oder Friedensangebot kann bei diesem Modell des Herstellers Richard Mille keine Rede sein. Die Uhr wurde in Kooperation mit dem Rennsportstall McLaren entwickelt und kostet mehr als eine Million Euro. Sie ist dafür extrem leicht dank des Graphen-Gehäuses, eines Werkstoffs, den Richard Mille in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern anfertigen konnte. Das Ergebnis ist der Superlativ "leichteste Uhr mit Tourbillon und Schleppzeiger-Chronograph". Der Schleppzeiger-Chronograph erlaubt die Messung von Zwischenzeiten, der Tourbillon stammt aus der Welt der Taschenuhren und soll größere Genauigkeit bringen. Dabei dreht sich die Unruh in einem Käfig einmal die Minute um die eigene Achse. Bei Taschenuhren, die meist die ganze Zeit in einer Lage aufrecht in der Tasche ruhten, glich das Tourbillon den Einfluss der Schwerkraft aus - in einer Armbanduhr soll es vor allem der Beweis großer uhrmacherischer Fähigkeiten sein, denn der Zusammenbau gilt als sehr kompliziert.

Foto: PR

Wir alle verschwenden zu viel Zeit mit dem Smartphone oder anderen unwichtigen Dingen. Ruhe finden und mal spielerisch herunterkommen - das ist das Ziel dieser Nicht-Uhr des Herstellers Hautlence. Das Ziel ist es, die Kugel in eines der beiden Löcher zu manövrieren. Im Uhrengehäuse befindet sich ein Mechanismus, der die Kugel wieder nach oben befördert, sobald man die Krone dreht. Platz für ein Uhrwerk ist da natürlich nicht mehr. Aber wer nutzt schon noch die Armbanduhr, um zu schauen, wie spät es ist? Rund 11.000 Euro kostet diese spielerische Entschleunigung des Uhrenherstellers.

Foto: PR


…das behaupten alle Hersteller auf der Genfer Uhrenmesse SIHH. Dennoch sind die Rückgänge eklatant. Allein im November ging es in den wichtigsten Märkten weltweit noch einmal mehr als fünf Prozent bergab. Und selbst von diesen Exporten weiß keiner, wie lange sie beim Juwelier liegen bleiben.
Und es gibt viele Artikel, die sagen, dass es eine Krise ist. Ich würde eher sagen: Die Lage normalisiert sich. Wenn wir uns anschauen, wie sich die Industrie in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat – das Wachstum konnte nicht ewig so weitergehen. In solchen Momenten kommen all die Schwächen einer Branche zum Vorschein.

Vita Audemars
Jasmine Audemars ist seit 1992 Verwaltungsratspräsidentin der Luxusuhrenmarke Audemars Piguet. Sie studierte Sozialwissenschaften und Wirtschaftsgeschichte. Sie arbeitet als Journalistn von 1980 bis 1992 als Chefredakteurin des Journal de Genève. Ihr Urgroßvater Jules-Louis Audemars gründete das Unternehmen.

Wie zum Beispiel die starke Konzentration der Industrie auf die asiatischen Märkte?
Das war sicher kurzsichtig. Das ist das Problem, wenn Sie zum Beispiel Teil eines börsennotierten Konzerns sind und im Rhythmus von Quartalsberichten leben. Das schiebt Sie in den Entscheidungen unter Umständen dorthin, wo es einfach zu sein scheint, Wachstum zu erzielen. Es war ein Mangel an Gespür für die Lage. Es war paradiesisch und alle waren happy. Aber so darf man in der Wirtschaft nicht denken, der Bumerang kommt immer zurück.

Sie sind sicher dankbar, dass Audemars Piguet in Familienhand ist?
Oh, ja, sehr! Mehr als je zuvor. Wir hatten Glück, weil wir nicht eilig nach China geprescht sind. Wir waren vielleicht etwas langsam. Wir wussten von Beginn, dass es ein schwieriger Markt ist. Viele machen dort sehr viel Geld, was nicht bedeutet, dass es leicht ist, dort gute Geschäfte zu machen. Dort kann alles passieren zu jedem Zeitpunkt. Man muss dort sehr vorsichtig sein. Wir kommen aus den Bergen, wir sind Bergsteiger: Ein Schritt nach dem anderen und immer wachsam bleiben.

Welche Uhrenmarke gehört zu wem?
1881 gründeten die Uhrmacher Jule-Louis Audemars und Edward-Auguste Piguet die gemeinsame Firma und produzierten hochkomplizierte Taschenuhren. Nach dem Tod der Firmengründer in den Jahren 1918 und 1919 führten die Erben das Unternehmen fort und konzentrierten sich auf den Bau von Armbanduhren. Heute ist die Marke eine Aktiengesellschaft. An der Spitze steht Verwaltungsratspräsidentin Jasmine Audemars. Die Marke ist unabhängig und gehört keiner der großen Luxusholdings an.
In der Uhrenbranche führt kaum etwas an Rolex vorbei. Das 1905 von dem Kulmbacher Hans Wilsdorf gegründete Unternehmen stellt die beliebtesten mechanischen Uhren her - von keinem Modell werden so viele Kopien produziert wie von den Rolex-Ikonen. Das Unternehmen gehört der Fondation Hans Wilsdorf, einer Stiftung, über die so gut wie nichts bekannt ist, die keine Webseite besitzt und die im deutschsprachigen Wikipedia keinen Eintrag hat. Zahlen gibt die Aktiengesellschaft kaum bekannt. Alle Zahlen zu Produktionsmenge, Mitarbeitern und Umsatz sind Schätzungen. Das Unternehmen ist sprichwörtlich so verschwiegen, wie eines seiner erfolgreichsten Modelle: Oyster.
Das 1839 von Antoine Norbert Graf de Patek gegründete Unternehmen gewann seinen Namen aus dem Zusammenschluss von Graf de Patek mit Jean-Adrien Philippe. Die Manufaktur war Erfinder der Aufzugskrone und zahlreicher anderer Innovationen im Uhrenbau. Die Familie Stern übernahm bereits 1932 von Philippe das Unternehmen. Bis heute ist das Unternehmen in Hand der Familie Stern, der derzeit amtierende Chef ist Thierry Stern, dessen Vater Philippe Stern das Unternehmen über Jahrzehnte führte und bis heute dort aktiv ist.
Die Kering Group nannte sich bis 2013 PPR - für Pinault Printemps Redout. Das ist die Luxusholding des Franzosen François-Henri Pinault mit rund 35.000 Mitarbeitern. Dazu gehören der Sportartikelhersteller Puma oder die Luxuslabel Gucci und Bottega Veneta. Die Kering Group besitzt mehrere Uhrenmarken. Neben Jean Richard zählen dazu Girard Perregaux und Ulysse Nardin. Die letztgenannten waren 2017 erstmals auf der Genfer Uhrenmesse Salon International de la Haute Horlogerie (SIHH) vertreten, auf der alle Marken der konkurrierenden Holding Richemont ihre Uhren ausstellen.
Die börsennotierte LVMH Moët Hennessy – Louis Vuitton SE ist mit einem Umsatz von 35 Milliarden Euro in 2015 und mehr als 120.000 Mitarbeitern weltweit der größte Luxuskonzern. CEO ist Bernard Arnault, dem auch wesentliche Anteile des Aktienbestands gehören, er lag bei Erwerb Ende der 80er Jahre bei 45 Prozent. Neben Spirituosenmarken wie Hennessy, Champagner wie Moet Chandon, Dom Pérignon und Krug gehören auch Bulgari oder inzwischen auch mehrheitlich der deutsche Kofferhersteller Rimowa zum Konzern. Die französische Luxusmarke Hermès konnte sich den Versuchen Arnaults, die Marke zu übernehmen, widersetzen. Die Uhrenmarken des Konzerns sind Zenith, TAG Heuer, Hublot und Dior Watches.
Der Schweizer Luxuskonzern wird geleitet von Johann Rupert, dem Sohn des Unternehmensgründers Anton Rupert, der den Konzern von Südafrika aus steuert. Zu Richemont gehören als Uhrenmarken: A. Lange & Söhne, Baume & Mercier, Cartier , IWC, Jaeger-LeCoultre, Montblanc, Officine Panerai, Piaget, Roger Dubuis, Vacheron Constantin und Van Cleef & Arpels.

Sie haben erlebt, wie die Quarzkrise die Schweizer Uhrenindustrie schwer getroffen hat. Gibt es Parallelen zu damals? Smartwatches sind laut allen Marktforschungsunternehmen weiter auf dem Vormarsch.
Die Branche der mechanischen Uhren hat die Quarzkrise überwunden. Ich gehe davon aus, dass beide Welten miteinander leben können. Was immer eine Smartwatch leistet – sie werden zu ihr keine so intensive emotionale Beziehung aufbauen, wie zu einer mechanischen Uhr. Es sind zwei völlig verschiedene Welten. Die Smartwatch ist Spaß und mag nützlich sein – aber sie hat nicht die emotionale Dimension einer mechanischen Uhr, die sie über Jahrzehnte tragen und ihren Kindern weitergeben können.

Was können diese Innovationen im klassischen Uhrenbau sein? Mehr als die Zeit anzeigen und Funktionen dazubauen, die jedes Smartphone beherrscht, geht kaum.

Vieles. Das reicht von der Verwendung neuer Materialien im Uhrwerk als auch im Gehäuse bis zur Entwicklung besserer Klangfedern für unsere Minutenrepetition. Diese akustische Anzeige der Uhrzeit konnten wir deutlich besser hörbar machen, nachdem wir in Zusammenarbeit mit Akustikforschern den Frequenzgang der Federn verbessert haben. Beim Gehäuse sind es Materialien wie zum Beispiel Keramik, die das Gehäuse kratzfester machen. Das ist ein Wert, den der Kunde über Jahre bemerkt. Es kann auch die Verwendung von Carbon sein, um die Uhr sehr leicht zu machen, was den Tragekomfort erhöht. Und natürlich einige Dinge, die ich Ihnen heute nicht verraten werde.

Dennoch – wir haben nur zwei Arme und wenn die Besitzer einer mechanischen Uhr öfter zur Smartwatch greifen wegen ihrer Funktionen – dann überlegen sie sich nicht, ob sie überhaupt eine mechanische Uhr wollen, wohl aber, ob sie eine zweite oder dritte kaufen möchten. Viele Besitzer von mechanischen Uhren sind aber Mehrfachkunden.
Das ist sicher richtig, das bedeutet eben für uns, dass wir als Traditionsmarken eines nicht tun dürfen: Auf der Tradition ausruhen. Wir müssen innovativ sein, neue Ideen umsetzen. Wir werden sicher keine Smartwatches bauen. Das werden wir nie so gut beherrschen, wie es die Spezialisten können. Aber vielleicht werden wir eines Tages etwas „Smartes“ in unsere Uhren tun – aber unter keinen Umständen jemals in das Herz der Uhr, das Uhrwerk. Das wäre das komplette Gegenteil von dem, was uns auszeichnet.

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