Grande Sonnerie: So krönt Chopards Co-Präsident sein Lebenswerk
Die richtige Entscheidung genau zum richtigen Zeitpunkt zu treffen, ist in der Luxusuhrenindustrie eine ganz eigene Kunst, weil man die Konsequenzen weitreichender Entscheidungen teils erst Jahrzehnte später sieht: Davon kann Karl-Friedrich Scheufele ein Lied singen, sprichwörtlich. Denn auf die erste Grande Sonnerie seiner Manufaktur, also eine Uhr, welche die Zeit dauerhaft akustisch über Tonfedern erklingen lässt, arbeitet er fast 20 Jahre lang hin.
Zur Fertigstellung der Weltneuheit empfängt Scheufele, der zusammen mit seiner Schwester Caroline als Co-Präsident in vierter Generation das Schweizer Luxusuhren- und Schmuckhaus Chopard führt, die WirtschaftsWoche. Wie immer im perfekt sitzenden Anzug trifft man ihn am 1974 von seinen Eltern errichteten Hauptsitz im Industriegebiet Meyrin nahe des Genfer Flughafens.
Es ist für ihn ein besonderer Anlass: Die von ihm aufgebaute Chopard Manufacture feiert das 30-jährige Jubiläum mit der L.U.C. Grand Strike, der bislang kompliziertesten Uhr in der 165-jährigen Firmengeschichte: Tonfedern schlagen die Zeit nicht nur automatisch jede Stunde und Viertelstunde. Zusätzlich lässt sich die Uhrzeit wie bei einer Minutenrepetition manuell abrufen. Bei voller Aktivierung erklingen pro Jahr rund 35 000 Schläge – Uhren, die das meistern, gelten daher als Gipfel der Uhrmacherei, als Armbanduhren sind sie bis heute extrem rar und teuer. Die Uhr kann man als Vermächtnis verstehen, wäre Herr Scheufele nicht erst 67 Jahre alt.
Erst seit 1992 gibt es Sonnerien fürs Handgelenk. Experten schätzen, dass seither nur 120 dieser Meisterwerke weltweit gebaut worden sind. Den Mechanismus gab es in Tischuhren bereits seit dem frühen 19. Jahrhundert und ab etwa 1850 als Taschenuhr – die erste Armbanduhr mit der komplexen Mechanik baute 1992 der Uhrmacher Philippe Dufour. Eine Handvoll Manufakturen ist heute dazu in der Lage: Patek Philippe erreichte den Meilenstein 2014 zum 175-jährigen Jubiläum. Audemars Piguet zelebrierte seinen 150. Geburtstag im Frühjahr mit der Code 11.59 Grande Sonnerie Carillon Supersonnerie, die es nur fünf Mal geben wird.
Auf Wettbewerb reagiert Scheufele gelassen: „Wir haben unser eigenes Timing. Jetzt ist die Zeit reif gewesen, um die Uhr vorzustellen. Ob wir die Ersten sind oder nicht, spielt keine Rolle.“ Der Blick auf die Konkurrenz hätte zum Zeitpunkt der Entscheidung nichts geholfen. Damals gab es keine Serienuhr mit dieser Technik. Schon zu Beginn des neuen Jahrtausends entschied Scheufele, Uhren mit Schlagwerk zu entwickeln. Zehn Jahre nach Aufbau der eigenen, vertikal integrierten Uhrenmanufaktur in Fleurier im Jura, erschien 2006 die L.U.C Strike One.
Ein Jahr später begann man, am Grande-Sonnerie-Uhrwerk zu arbeiten. Ohne den langen Atem eines Familienunternehmens ist das undenkbar. Es hätte genügend Anlässe gegeben, aus dem Projekt auszusteigen: Die Weltfinanzkrise 2008/09, die Covidpandemie oder jüngst der Zollstreit mit den USA. Scheufele sieht das anders: „Uhrenentwicklung ist eine Expedition ins Hochgebirge. Egal, wie gut man plant, es kommt immer etwas Unerwartetes.“
Der Erfolg ist allerdings strategisch geplant: Nachdem Karl Scheufele, ein Juwelier und Uhrenhersteller aus Pforzheim, 1963 die Firma vom 80-jährigen Paul André Chopard übernommen hat, baut die Familie es zu einem weltweiten Luxusmaison im Stil von Cartier aus, das ebenso von Schmuck wie von Uhren geprägt ist. Mitte der 1970er-Jahre sorgen die Happy Diamonds für Aufsehen – die zwischen zwei Saphirgläsern tanzenden Diamanten.
Ende der 1980er-Jahre verschafft der junge Karl-Friedrich Scheufele Chopard ein sportliches, männlicheres Image durch die Partnerschaft mit dem bis heute wichtigsten Oldtimerrennen der Welt, der Mille Miglia in Italien. 1998 entwirft seine Schwester und Co-Präsidentin Caroline die Goldene Palme für die Filmfestspiele in Cannes und etabliert Chopard als offiziellen Partner. Vom Oldtimersammler bis zur Hollywoodschauspielerin ist Chopard heute im globalen Jetset ein fester Begriff.
Tonfedern aus Saphirglas
Zurück zur Uhr seines Lebens: 2016 demonstriert die L.U.C Full Strike Minutenrepetition das Streben nach Perfektion von Karl-Friedrich Scheufele: Es geht um den perfekten Klang. Das Modell überrascht die gesamte Branche, zum ersten Mal schlägt eine Uhr Zeit auf Tonfedern an, die nicht aus Stahl, sondern aus Saphirglas sind. Bis dahin war man davon überzeugt, dass sich das empfindliche Material für die Fertigung von Tonfedern nicht eigne. Scheufele und seine Entwickler schaffen das Undenkbare. Die Uhr wird 2017 bei den Uhren-Oscars, dem Grand Prix d’Horlogerie de Genève, mit der höchsten Auszeichnung geehrt.
Wie klingt die neue Uhr, die Krönung eines Lebenswerks? Kristallklar, anders kann man es nicht ausdrücken, als er den Mechanismus auslöst. „Passenderweise sind die Tonfedern so gestimmt, dass sie einen C-F-Akkord erzeugen“, sagt Scheufele, „ein als besonders harmonisch geltender Zweiklang.“ Er löst den Mechanismus aus, schließt die Augen, lächelt in sich hinein und sagt: „Wenn dieser Klang Sie berührt, dann verstehen Sie unsere Art, Uhren zu fertigen.“
Zehn Patente für eine Uhr
Das hat noch niemand geschafft. Die Uhr ist zusätzlich mit dem Genfer Siegel und einem Chronometerzertifikat der COSC, der Offiziellen Schweizer Chronometerprüfstelle ausgezeichnet. Damit ist sie die erste und am umfassendsten geprüfte Grande Sonnerie der Welt.
Warum er sich nicht wie andere nur auf die eigene Expertise verlassen wollte? „Für mich ist die externe Überprüfung ganz wichtig: Das beendet alle Diskussionen, ob ein Produkt gut genug ist. Die Gefahr besteht immer, dass man sich bei eigenen Tests etwas vormacht.“
Die Chronometerzertifizierung hat man daher für den energiefressenden Modus Petite Sonnerie erhalten. Scheufele liebt solche Herausforderungen: „Die Sonnerie abzuschalten und nur das Uhrwerk zu zertifizieren, wäre für uns nicht infrage gekommen.“ Dafür wurde auf das Zifferblatt bewusst verzichtet: „Wir dachten, da gibt es so viel Interessantes zu entdecken, bei der ersten Ausführung wollten wir lieber das Uhrwerk sprechen lassen.“
Der erste Kunde hat bereits bezahlt, wie viel, will Scheufele nicht verraten, nur so viel: „Diese Uhr ist neben dem einzigen Prototyp die erste fertige. Der Kunde hat sie bisher nur auf dem Papier gesehen.“ Erstaunlich, denn bei den wenigen Wettbewerbern liegt solch ein Modell bei mindestens 1,3 Millionen Euro. Scheufele ist sich dennoch sicher, dass sich die Investition auszahlt: „Wir machen uns keine Sorgen, Käufer für diese Uhren zu finden, der erste Kunde hat bereits unsere Full Strike.“ Das eingangs erwähnte, vor knapp zehn Jahren vorgestellte Modell sorgte für eine enorme Nachfrage unter Sammlern. „Wir haben in dieser Zeit etwas über 120 Exemplare der Full Strike gefertigt.“
Von der neuen werden es alleine schon aufgrund der Komplexität deutlich weniger, dennoch ist die Uhr nicht limitiert. „Wir gehen davon aus, dass wir jährlich zwei Stück herstellen können“, sagt Scheufele, „vielleicht ein paar mehr.“ Dem bleibenden Wert dieser Zeitmesser wird das nichts anhaben. Die wenigen Modelle von Grande Sonnerien erzielen, wenn sie denn auf Auktionen kommen, Rekordpreise: Philippe Dufour Grande & Petite Sonnerie No.1 wurde im November 2021 bei Phillips in Genf für 5,2 Millionen Dollar versteigert.
Die perfekte Balance
Auktionsrekorde interessieren Karl-Friedrich Scheufele wenig. Ihm geht es bei jeder Uhr um ein perfekt ausbalanciertes Produkt, das auch technisch Maßstäbe setzten muss: So ist selbst die Gangautonomie von 70 Stunden für die Zeitanzeige äußerst bemerkenswert für eine Uhr dieser Komplexität – insbesondere in Anbetracht ihrer Unruhfrequenz. Das Kaliber L.U.C 08.03-L arbeitet mit 28 800 Halbschwingungen pro Stunde bei 4 Hertz. Ein bekannter Wert für Sportuhren, für eine derart anspruchsvolle Komplikation jedoch außergewöhnlich hoch.
Die Detailversessenheit teilt er mit den wenigen Sammlern, die sich solche Zeitmesser leisten können. L’art pour l’art? Für Scheufele muss jede Uhr alltagstauglich sein: „Sie wurde rigoros getestet. In drei Monaten haben wir eine Tragezeit von fünf Jahren simuliert.“
Eigentlich könnte er sich mit der Uhr und 67 Jahren tiefenentspannt zur Ruhe setzen. Beide Kinder arbeiten bereits im Unternehmen. Die Alpine Eagle, von Sohn Fritz mitentwickelt, verkauft sich sehr gut. Ruhestand kommt nicht infrage. Scheufele sagt nur so viel: „Ich habe entschieden, mich nicht zu spät aus dem Unternehmen zurückzuziehen.“ Dazu muss man wissen: Sein Vater ging auch knapp 80-jährig noch auf Events. Vielleicht ist es das schwäbische Blut, das die Familie auf Touren hält? Die Vergnügungen vieler Privatiers im Ruhestand hat er längst professionalisiert: Kein Mensch hat öfter am Steuer bei der Mille Miglia gesessen in den letzten 37 Jahren. Zusammen mit seiner Frau betreibt er seit 2012 ein Weingut in Frankreich. Unter dem Namen Ferdinand Berthoud gründete er 2015 sogar noch eine zweite Uhrenfirma. Aber das ist eine andere Geschichte.
Lesen Sie auch: „Das ist für Rolex wie eine dritte Marke“