UhrenWoche: Nummer Fünf lebt!

Es gibt leider nicht viele Frauen in den Chefetagen der Schweizer Uhrenindustrie. Ilaria Resta, seit eineinhalb Jahren die erste weibliche CEO von Audemars Piguet, ist eine seltene Ausnahme.
Sie hatte es in mehrfacher Hinsicht schwer, nicht nur, weil ihr Amtsantritt mitten in die Vorbereitung des wichtigen 150. Firmenjubiläums fiel. Sondern vor allem wegen der vermeintlichen Gewissheiten einer von männlichen Kunden und männlichen CEOs dominierten Branche. Ihr als Branchenfremde wurde schnell die Fähigkeit abgesprochen, die Herausforderungen in Zeiten stagnierender Luxusuhren-Umsätze zu meistern und das nach Umsatz viertgrößte Schweizer Uhrenunternehmen zu führen. Jüngst musste sie sich sogar Gerüchten zur Wehr setzen, sie werde bald gefeuert.
So könnte man die diese Woche vorgestellte Armbanduhr auch als elegante Antwort auf die Fragen von Kritikern verstehen, ob sie das Zeug dazu hat, herausragende Produkte zu entwickeln: Anlässlich des 150-jährigen Jubiläums präsentiert AP diese Woche das fünfte Modell der hauseigenen Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Eine Reihe, die man vor zehn Jahren mit einer spektakulären neuen Minuten-Repetitionsuhr mit Resonanzboden eingeleitet hatte.
Die Uhren der RD-Baureihe müssen liefern, Sammler aus aller Welt reißen sich um sie. Und auch wenn das Projekt vor fünf Jahren von ihrem Vorgänger angestoßen wurde, hätte sie die Macht gehabt, es zu stoppen.
Die neue Royal Oak „Jumbo“ Extra-Thin Selfwinding Flying Tourbillon Chronograph RD#5 ist ein Statement. Und dabei zugleich vielleicht die dezenteste Art, ihren Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen: Erstmals in der fünfzigjährigen Geschichte der Royal Oak „Jumbo“ findet man in dem legendären Modell sowohl einen automatischen Chronographen als auch ein fliegendes Tourbillon.
Die 1972 vorgestellte und von Gérald Genta entworfene ursprüngliche Royal Oak erhielt ihren Spitznamen Jumbo aufgrund ihrer für die damalige Zeit als riesig geltenden Proportionen für eine Dreizeigeruhr. Doch heute gelten die Abmessungen eher als klein. Die Herausforderung lag jetzt darin (der Durchmesser beträgt 39 Millimeter und die Höhe lediglich 8,1 Millimeter) diese zwei aufwendigen Funktionen in den Originalproportionen umzusetzen.
Das ist beeindruckend gelungen. Man hat die Benutzerfreundlichkeit eines Chronographen auf ein mir bislang unbekanntes Niveau gehoben: Um das zu erreichen, wurde ein mechanischer Energiespeicher entwickelt, der, wenn der Chronograph aktiviert wird, die Energie beim Rückstellen freisetzt. Dies ermöglicht erstmals Drücker mit kurzem Hebel und damit geringem Kraftaufwand – für ein außergewöhnlich sanftes Bediengefühl, das mit dem Tippen auf einem Smartphone vergleichbar ist.
Weitere technische Leckerbissen machen diese Uhr zum Prototypen des Uhrenbaus der nächsten Generation: Die RD#5 verfügt über eine mehrteilige Krone mit Funktionswähler, die einen Drücker ähnlich einem Kugelschreiber integriert hat und einen visuellen Indikator für zwei Positionen bietet: Aufzug und Zeiteinstellung. Dieses benutzerfreundliche, zugleich diskrete Auswahlsystem ersetzt die traditionelle Krone, die ursprünglich von Taschenuhren übernommen wurde.
Bei der Materialwahl setzt man einerseits auf leichtes Titan, andererseits auf BMG. Die Abkürzung steht für Bulk-Metall-Glas. In den 1960er-Jahren entdeckt, nimmt die metallische Legierung gleichzeitig glasähnliche und metallische Eigenschaften an: Sie ist hart wie Keramik, dabei verformbar und robuster als Stahl. Mit 50 Prozent Palladium-Anteil zeichnet sich das hauseigene BMG von Audemars Piguet durch außergewöhnliche Widerstandsfähigkeit gegen Verschleiß und Korrosion bei extremem Glanz aus. Für die auf 150 Exemplare limitierte Edition wurden Lünette, Drücker, Krone, Funktionswähler und die Bandstege aus BMG gefertigt und mit einer Spiegelpolitur veredelt. Zusätzlich verfügt das Modell über einen seltenen, springenden Minutenzähler bei einer hervorragenden, 72-stündigen Gangreserve.
Damit läutet die Chefin neben vielen anderen Neuheiten zum Jubiläum nicht weniger als eine neue Ära in der Geschichte der Chronographen ein und setzt zugleich neue Impulse in der Weiterentwicklung uhrmacherischer Finesse. Nicht schlecht für einen Einstand.
Bleibt die Frage, woher die Kritik um die Person eigentlich kommt? An ihrem lupenreinen Management-Lebenslauf kann es nicht gelegen haben: 22 Jahre arbeitete Resta beim Konsumgüter-Riesen Procter & Gamble in verschiedensten Positionen in Europa, dem Mittleren Osten, China und Nordamerika – den wichtigsten Märkten ihres neuen Arbeitgebers. Als Präsidentin von DMS-Firmenich, einem Parfümhersteller, hatte sie zudem die Gelegenheit, die Produktion von Luxusprodukten kennenzulernen und sich intensiv mit der nächsten Generation von Kunden und deren Bedürfnissen vertraut zu machen.
Vielleicht liegt es eher an ihrem charismatischen Vorgänger: Der golfspielende François-Henry Bennahmias führte das Unternehmen gut zehn Jahre lang. Manchmal hatte man das Gefühl, als wäre es sein eigenes, dabei gehört die Holding natürlich weiterhin den im Hintergrund agierenden Familien von Olivier Audemars und der Urenkelin des Co-Gründers, Jasmine Audemars.
Keine Frage: Restas Vorgänger galt in vielfacher Hinsicht als Zauberer der Uhrenindustrie: Er vervielfachte den Umsatz des Unternehmens, das inzwischen sogar Patek Philippe überholt hat. Für Resta dürften allerdings auch die beeindruckenden Zahlen ihres Vorgängers verhältnismäßig gewöhnlich vorgekommen sein: Audemars Piguet gilt zwar laut einem Report von Morgan Stanley als nach Umsatz viertgrößtes Uhrenunternehmen der Schweiz (nach Rolex, Cartier und Omega), aber die respektablen 2,3 Milliarden Schweizer Franken Umsatz wirken winzig verglichen mit den 84 Milliarden Dollar Umsatz ihres Ex-Arbeitgebers P&G.
Allerdings schaffte Bennahmias dieses Wachstum mit deutlich weniger Uhren als sämtliche Mitbewerber: AP produziert laut des Reports nur rund 51.000 Uhren jährlich, weniger als ein Zehntel von Omega, dem Drittplatzierten, und rund 20.000 Exemplare weniger als Patek. Ihm ist es auch zu verdanken, dass die Begehrlichkeiten vieler Uhren das Rolex-Niveau erreicht haben: Sammler warten teils jahrelang auf begehrte Modelle wie eine Jumbo Royal Oak in Stahl. Ein Modell, dessen Einstellung er bei seinem Amtsantritt sogar noch verhindern musste. Allerdings war auch Bennahmias nicht perfekt. Die Zusammenarbeit mit dem Comic-Universum Marvel, aus denen hochkomplizierte Modelle mit Kinderspiel-Figuren wie Spiderman auf dem Zifferblatt hervorgingen, ist umstritten.
Für die neue Chefin misst sich Erfolg nicht nur in beeindruckenden Zahlen, sondern „an der Agilität im Lernen“. Es gehe darum, „neugierig die richtigen Fragen zu stellen", wie sie jüngst dem Blog „Luxury Tribune“ gegenüber erwähnte. Dass sie ihre Zahlen dennoch im Griff hat, in Zeiten, in denen viele Uhrenmarken im besten Fall stagnieren, schadet natürlich nicht. Obwohl das Familienunternehmen keine Zahlen verkündet, gab sie im Rahmen ihrer Rücktrittsgerüchte bekannt: „Von Januar bis August 2025 verzeichnete Audemars Piguet einen Zuwachs von 12 Prozent im Vergleich zu 2024.“
Das neue Modell ist für Resta schlicht „eine Uhr, die perfekt auf den modernen Lebensstil zugeschnitten ist und die originale Jumbo mit ihrer schlichten Ästhetik ehrt.“ Damit scheint sie in kürzester Zeit auch den Kern erfolgreicher Uhrenmarken begriffen zu haben: Sie umschreibt das Erfolgsgeheimnis großer Namen wie Rolex. Die Genfer haben in 120 Jahren ihr Imperium auf Ergonomie und der Weiterentwicklung nützlicher Funktionen aufgebaut, getreu dem Motto: Auch die teuerste Uhr ist wertlos, wenn sie umständlich zu bedienen ist und nicht hervorragend am Handgelenk liegt.
Apropos teuer: Der Preis der Uhren liegt bei jeweils 331.200 Euro. Die 50 Millionen Euro, die allein diese wenigen Modelle zum Firmenumsatz beitragen, zeigen beeindruckend, welchen Status das Unternehmen in den letzten Jahren unter Sammlern aufgebaut hat. Und bei den Preisen ist es vielleicht sogar ganz gut, dass Chefin Resta auf dezente Uhren setzt, deren Raffinesse sich erst bei genauerem Hinsehen erschließt.
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