Flughafen Berlin Brandenburg: Staatssekretär soll BER an den Start bringen
Berlins Bürgermeister Michael Müller (SPD - M), der bisherige Flughafenchef Karsten Mühlenfeld (r) und sein Nachfolger, Berlins Staatssekretär für Bauen und Wohnen, Engelbert Lütke Daldrup
Foto: dpaAn den Berliner Flughäfen werden nach einem offenen Führungsstreit die wichtigsten Führungsposten neu besetzt. Der Berliner Staatssekretär Engelbert Lütke Daldrup soll als neuer Flughafenchef den neuen Hauptstadtflughafen BER an den Start bringen. Der Aufsichtsrat ernannte den Stadtplanungs-Ingenieur einstimmig zum Nachfolger Karsten Mühlenfelds, der nach eigenmächtigen Personalentscheidungen am Dienstag seinen Posten räumen muss.
„Das ist eine sachgerechte, gute und schnelle Lösung“, sagte der Aufsichtsratschef, Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD). Er kündigte zugleich seinen Rückzug aus dem Kontrollgremium an. Lütke Daldrup war in der Senatskanzlei Müllers rechte Hand. Eine direkte Überwachung sei da nicht sachgerecht, sagte Müller. Zudem soll der von Mühlenfeld gefeuerte Bauleiter für den BER, Technikchef Jörg Marks, seine Arbeit wieder aufnehmen.
Mühlenfeld hatte den Ingenieur freigestellt, nachdem auf der Baustelle mehrere Termine verfehlt worden waren und das Ziel einer Eröffnung in diesem Jahr aufgegeben wurde. Weil Mühlenfeld die Personalentscheidung gegen den Willen des Aufsichtsrats vollzogen hatte, war die Führungskrise im Unternehmen entstanden. Müller gestand zu, dass es kritische Diskussionen um den Bauleiter gegeben habe, betonte aber: „Es war uns wichtig, uns das Know-how von Herrn Marks zu erhalten.“
Mit der Ablösung Mühlenfelds gibt es nach zwei Jahren den nächsten Führungswechsel bei dem politisch umkämpften Flughafen-Projekt. Airlines hatten zuvor davor gewarnt, sich von Mühlenfeld zu trennen. Sie fürchten weitere Verzögerungen an dem Flughafen.
Die Eröffnung ist seit dem Baubeginn im Jahr 2006 schon fünf Mal verschoben worden. Inzwischen gib es gut fünf Jahre Verzug. Grund sind Technikprobleme, Fehlplanungen und Baumängel, aber auch Personalwechsel. Ein neuer Eröffnungstermin wurde nicht genannt.
Mühlenfelds Ablösung sei fatal, sagte Linken-Verkehrspolitiker Herbert Behrens. „Mit ihm geht nämlich der letzte Fachmann in der Unternehmensspitze, was monatelanges Chaos zur Folge haben kann.“ Ähnlich äußerte sich die Berliner FDP. Auch aus der CDU im Bundestag kam Kritik an der politischen Besetzung des Chefpostens.
Karsten Mühlenfeld ist seit März 2015 Chef der Berliner Flughäfen. Für das Bauchaos ist er nicht verantwortlich, aber er muss es lösen. Der 53-Jährige hielt lange an der Eröffnung bis Ende 2017 fest. Nun erfuhr die Deutsche Presse-Agentur dpa, dass die Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens BER erneut verschoben verschoben werden müsse. Ein Termin 2017, wie er bislang geplant war, ist nicht mehr zu halten, erfuhr die dpa von einer Person, die mit dem Vorgang vertraut ist. Im Aufsichtsrat werde nun eine Eröffnung im Frühjahr 2018 angepeilt. Zuvor hatte die „Bild“-Zeitung über die erneute Verschiebung berichtet.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheBeobachter halten einen Eröffnungstermin in 2017 für wenig wahrscheinlich. Bis dahin bleiben die Sitzbänke wie hier im Pier Nord geschützt.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheEin Problem: Der Flughafen musste nach der verpatzten Eröffnung 2012 kilometerlang neue Kabel verlegen und zusätzliche Entrauchungskanäle in enge Decken quetschen. Solche Bilder sieht man an vielen Stellen im Flughafen.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheSorgen macht auch die Gepäcksortieranlage. Sie funktioniert technisch zwar einwandfrei. Nur ein Software-Update ist noch nötig. Doch ausgelegt ist die Sortieranlage für rund 25 Millionen Passagiere. Im vergangenen Jahr fertigten die beiden Flughäfen Tegel und Schönefeld aber bereits fast 30 Millionen Passagiere ab. Schönefeld wird deshalb bis 2023 weiterbetrieben. Eine Notlösung.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheDie Haupthalle des BER ist hell und stilvoll. Von der Decke hängt der „fliegende Teppich“, eines von sechs Kunstwerken im Flughafen. An der Glasfassade muss noch ein Schornstein angebaut werden. Der ist nötig, um im Brandfall Frischluft von außen in das Terminal zu leiten.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheDer Duty-Free-Bereich gilt als große Hoffnung des Managements. Bislang sorgt dieser Bereich zusammen mit den gastronomischen Angeboten an Tegel und Schönefeld für einen Umsatzanteil von 20 Prozent. Die Berliner Flughafengesellschaft FBB will den Non-Aviation-Umsatz am BER in Zukunft verdoppeln.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheDemnächst checken hier die Fluggäste von Air Berlin ein. Der Pavillon befindet sich neben der Haupthalle. Er wurde angebaut, weil der Flughafen zu klein geplant wurde. Lufthansa bekommt also die große Halle zugewiesen, Air Berlin den kleinen Anbau.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheJeder Laie weiß: Rauch zieht nach oben. Doch die Planer des Flughafens BER wollten sich den physikalischen Gesetzen widersetzen. Im Brandfall sollten meterhohe Ventilatoren den Rauch aus dem Terminal durch riesige unterirdische Tunnel saugen. Das hat die Technik überfordert. Jetzt entrauchen sie nur die unteren Ebenen. Die oberen Etagen erhalten Schornsteine. Mitarbeiter nannten die Anlage liebevoll das „Monster“. Es muss immer noch gebändigt werden.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheDie Verzögerung des Baus hat auch die Arbeiter am Flughafen verärgert. Im Entrauchungstunnel kritzelten sie ihren Frust von der Seele: BBI steht für „Berlin Brandenburg International“, dem ursprünglichen Flughafen-Kürzel des BER.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheDie Gepäckausgabe. Auch hier mussten neue Kabel für die Steuerung der Entrauchungsanlage gezogen werden. Die offene Decke zeigt, dass die Arbeiten noch immer nicht fertig sind.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheRund 700 Mitarbeiter sind auf der Baustelle des BER beschäftigt. Pause machen sie an Imbissbuden auf dem Vorfeld.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheIm „Raum der Stille“ finden Gläubige Ruhe zum Beten. Es gibt einen christlichen, muslimischen, überkonfessionellen und nicht-religiösen Raum.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheDie Gewichtswaagen am Check-In-Schalter in der Haupthalle sind schon einsatzbereit. Sie funktionieren und leuchten jeden Tag.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheSixt, Daimler und Bayer haben sich als Werbepartner im Flughafen eingebucht. Bezahlen müssen sie dafür noch nichts.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheDie Perlenkette ist eines von sechs Kunstwerken am Flughafen. Das Unternehmen wurde verpflichtet, rund ein Prozent der Bausumme in Kunst am Bau zu investieren. Zum Glück orientiert sich die Summe an den ursprünglich avisierten Kosten, nicht den tatsächlichen. Sonst wäre der BER ein Museum.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheDie Check-In-Schalter in der Haupthalle stechen optisch vom Design anderer Flughäfen hervor. Ursprünglich sollten hier mal bis zu 17 Millionen Passagiere einchecken können. Inzwischen wurde der Flughafen auf eine Kapazität von 25 Millionen Fluggästen ausgebaut.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheNoch zeigt die Anzeigetafel zum Bahnhof keine Züge an. Obwohl die Deutsche Bahn bereits jeden Tag drei Züge durch den Tunnel fahren lässt, um durch den Fahrtwind Schimmelbefall zu vermeiden. Ohne Fahrgäste natürlich. Als Problem erweist sich weiterhin der Zugang zum Bahnhof. Den hat man ohne trennende Türen geplant. Weltweit gibt es das nur hier. Jetzt muss der Flughafen Zulufttürme nachrüsten, um den Brandschutz vom Bahnhof zu optimieren. Eine behördliche Abnahme steht noch aus.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheVereinzelt muss das Unternehmen bis heute noch Bauzeichnungen auf den aktuellen Stand bringen. Das Problem war, dass 2012 der damaligen Planungsgesellschaft fristlos gekündigt wurde. Damit ging sämtliches Wissen verloren. Die ohnehin fehlerhaften Baupläne mussten komplett erneuert werden. Die Auswirkungen dieses Planungschaos sind bis heute spürbar.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheDennoch soll es Ende 2017 losgehen. Die Bundespolizei lässt bereits Sicherheitsschleusen einbauen.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheMühlenfeld unterschrieb eine Vertragsauflösung, wie Müller sagte. Nach Informationen des „Tagesspiegels“ ist Mühlenfeld, der bei einem Jahresgehalt von rund 500 000 Euro einen Vertrag bis 2020 hatte, bis Jahresende bei vollen Bezügen freigestellt. Für das nächste Jahr erhalte er noch einmal 80 Prozent seiner Bezüge. Offen ist noch, was mit dem Rahmenvertrag des Ingenieurs Christoph Bretschneider geschieht, den Mühlenfeld als Nachfolger für Marks angeheuert hatte.
Der Bund und Berlin hatten nach diesem Wechsel auf Mühlenfelds Ablösung gedrängt. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Mühlenfeld sei nicht mehr möglich, sagte Müller am Montag. Die Länder Berlin und Brandenburg sowie der Bund sind Eigentümer des Unternehmens, das den krisenbehafteten Berliner Großflughafen baut.
Nach Müllers Erwartung werden künftig Staatssekretäre als politische Vertreter im Aufsichtsrat sitzen. Demnach dürften sich auch Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) und Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) zurückziehen. Das Kontrollgremium tagt am 17. März wieder, zunächst leiten es die stellvertretenden Vorsitzenden, der Verdi-Funktionär Holger Rößler und der Brandenburger Flughafen-Koordinator Rainer Bretschneider. Brandenburg habe Interesse, den Vorsitz zu übernehmen, sagte Müller.
Lütke Daldrup wird bereits der vierte Flughafenchef seit dem Baubeginn des BER 2006. Rainer Schwarz hatte wegen der geplatzten Eröffnung 2012 und des Krisenmanagements danach 2013 seinen Hut nehmen müssen. Sein Nachfolger Hartmut Mehdorn blieb bis März 2015 zwei Jahre lang am BER. Er trat nach Konflikten mit dem Aufsichtsrat zurück.