Börsenstrategie: Die Mär vom prognosefreien Investieren
Anleger können an der Börse kaum erfolgreich sein, wenn sie nicht wissen, wann sich der Markt dreht und somit ein Ein- oder Ausstieg oder eine Umschichtung sinnvoll sind.
Foto: fotoliaDie Verfechter von prognosefreien Anlagestrategien sind sich einig, wie erfolgreiche Geldanlage funktioniert: Langfristig anlegen, regelmäßiges Anpassen der Depotanteile (Rebalancing), Orientierung an Risikokennzahlen wie dem Value at Risk. So einfach soll Geldanlage sein – außerdem noch sicher und effizient. Zu schön, um wahr zu sein?
Ja, so sieht es aus. Tatsächlich können Anleger an der Börse kaum erfolgreich sein, wenn sie nicht wissen, wann sich der Markt dreht und somit ein Ein- oder Ausstieg oder eine Umschichtung sinnvoll sind. Genau dafür aber braucht es Prognosen.
Der Blick auf ein langfristiges Engagement im Dow Jones belegt das. Zwar konnten Anleger mit dem prognosefreien Investieren in den vergangenen fünfzig Jahren durchschnittlich eine solide und in Spitzenzeiten auch mal eine sehr attraktive Rendite erzielen. Ihr Vermögen war allerdings stets starken Schwankungen unterworfen und hat nur in knapp sechs Prozent des Anlagezeitraums den bereits erreichten Höchststand weiter gesteigert. In der übrigen Zeit wurden die zuvor in der Spitze erzielten Gewinne zum großen Teil wieder abgegeben.
In der Finanzkrise von 2007 bis 2009 verloren Anleger zeitweise über fünfzig Prozent ihres vorher so mühsam erwirtschafteten Gewinns vom Hoch. Das ist an der Börse genauso wie bei Günther Jauchs „Wer wird Millionär“: Nur wer rechtzeitig aussteigt, kann den Gewinn mit nach Hause nehmen. Natürlich stellt auch jeder kleine Gewinn ein Plus dar, hohe Gewinnrenditen werden jedoch nur durch rechtzeitiges Verkaufen gesichert.
Privatanleger machen vermeidbare Fehler
Eine Studie der Wirtschaftsprofessoren Andreas Hackethal und Steffen Meyer für das Magazin „Finanztest“ hat knapp 40.000 Wertpapierdepots von Direktbankkunden im Zeitraum von 2005 bis 2015 ausgewertet.
Das Ergebnis zeigt, dass die Anleger weit hinter den Wertzuwächsen des Gesamtmarktes liegen. Während eine Rendite von jährlich 8,7 Prozent realistisch gewesen wäre, kommen die Anleger nur auf einen Wertzuwachs von 3,1 Prozent. Mangelnde Finanzkenntnisse müssen nicht die Ursache sein. Zu Einbußen führen meist kurzfristiges Denken, Gier und Aktionismus. Die vier gängigsten Fehler sind leicht zu beheben. Wir stellen sie vor – und entsprechende Gegenstrategien.
Das Bild zeigt die Börse von Abu Dhabi. Hier handeln Privatanleger mit größeren Beträgen als in Deutschland.
Foto: REUTERSFehler 1: Mangelnde Streuung - Befund
Sie ist die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Geldanlage – dennoch vernachlässigen sie viele Anleger: die Risikostreuung. Wie die Studie zeigt, streuen Anleger ihre Wertpapiere zu wenig; die Aktienkonzentration ist höher als noch vor zehn Jahren. Eines der untersuchten Depots beinhaltet heute im Schnitt zwölf Aktien.
In Santiago de Chile bedient ein Mitarbeiter der chilenischen Zentralbank eine Sicherheitstür.
Foto: REUTERSFehler 1: Mangelnde Streuung - Folgen
Zwischen der Streuung und dem Chance-Risiko-Verhältnis besteht laut den Autoren ein klarer Zusammenhang. Selbst die relativ breit aufgefächerten Depots reichen nicht entfernt an das Verhältnis des Weltaktienindexes MSCI World heran.
In manchen Depots befindet sich nur eine einzige Aktie. Wenn diese auch noch ein spekulativer Titel ist, unterliegt das Depot enormen Kursschwankungen.
Am 24. Oktober 1929, dem „Schwarzen Donnerstag“ kommen Menschen vor der New York Stock Exchange zusammen.
Foto: APFehler 1: Mangelnde Streuung - Gegenmittel
Es ist leicht, ein breit gestreutes Depot aufzubauen: durch börsengehandelte Indexfonds (ETF). Sie beteiligen Anleger, je nach Art, an 1600 bis 2500 internationalen Aktien. Für Staatsanleihen gibt es ebenfalls ETFs.
Bestehende Depots umzubauen, ist nicht nicht ganz einfach. Anleger sollten sich von Verlustpositionen trennen. Ein Papier erst zu verkaufen, wenn es seinen einstigen Kaufpreis erreicht hat, ist irrational. Es sollten triftige Gründe für eine zu erwartende Wertsteigerung vorliegen.
Ein chinesischer Investor analysiert im August 2015 eine Kurstafel.
Foto: dpaFehler 2: Aktien-Picken - Befund
Der Fehler erinnert an das Muster von Sportwetten: Unerfreuliche Ergebnisse werden ausgeblendet, Erfolgserlebnisse übermäßig hochgehalten. Anleger sollten aber ausschließlich die langfristige Entwicklung des Gesamtdepots im Blick haben.
Oft suchen sie ihr Heil in einer Kombination aus Einzelaktien: Im Falle eines Missgriffs ist es eine beliebte Methode, die Position aufzustocken, um den durchschnittlichen Einstandspreis zu senken und von der erwarteten Erholung zu profitieren. Das kann jedoch auch weiteres Unheil anrichten: Das sogenannte Klumpenrisiko, eine Übergewichtung einzelner Anlagen im Depot, steigt. Private Anleger haben gegenüber Profis hier offenbar schlechtere Karten.
Das Foto vom 20. Oktober 1987 zeigt Händler in der Frankfurter Börse. Am 19. Oktober 1987 erlebte die Wall Street einen ihrer schwärzesten Tage.
Foto: dpaFehler 2: Aktien-Picken - Folgen
Vom Aktien-Picken betroffene Depots bringen nur 3,1 Prozent Rendite. Mit einer Indexmischung, die die durchschnittliche Vermögensaufteilung der Anleger widerspiegelt, hätten sie dagegen 8,7 Prozent erzielt.
Jeder fünfte Deutsche legt sein Geld in Fonds an. Diese werden von Fondsmanagern verwaltet, die das eingesammelte Geld in Aktien, Obligationen, Immobilien und andere Wertpapiere anlegen.
Foto: dpaFehler 2: Aktien-Picken - Gegenmittel
Aktien- und Renten-ETFs sind auch hier ein probates Mittel. Passionierte Zocker von einer solchen Strategie zu überzeugen, fällt manchmal schwer. Wer unbedingt eigenhändig zusammenstellen will, sollte zwingend auf eine möglichst gleichmäßige Verteilung auf die wichtigsten Branchen achten.
Die USA gelten als Nation der Aktienbesitzer.
Foto: dpaFehler 3: Übermäßiges Handeln - Befund
Ein typischer Anleger verändert auf Jahressicht knapp ein Viertel seines Portfolios. Die aktivsten krempeln ihr Depot zweimal im Jahr komplett um. Das bringt nichts: Die eifrigen Händler erhalten die schlechteste Rendite. Übrigens auch, wenn man die Handelskosten abzieht.
Broker stehen am 25. Oktober 1929 zu Beginn der Weltwirtschaftskrise in der New Yorker Börse. Innerhalb weniger Tage verloren Millionen Amerikaner ihr Vermögen, die Panik griff weltweit auf die Börsenplätze über.
Foto: APFehler 3: Übermäßiges Handeln - Folgen
Kauf- und Verkaufskosten verringern die Rendite um annähernd ein Prozent. Dieser Wert steigt bei besonders aktiven Händlern deutlich (3,3 Prozent). Passivere kommen dagegen der Rendite des großen Index MSCI World nahe.
Händler der Investmentbank Lehman Brothers arbeiten in der New Yorker Börse am 17. Juni 2008 – drei Monate vor der Insolvenz.
Foto: dpaFehler 3: Übermäßiges Handeln - Gegenmittel
Wer vom Start weg auf weltweite Indexfonds setzt, hat in der Folge wenig Grund, sein Portfolio zu verändern. In schlechten Börsenzeiten muss die Verlusttoleranz allerdings strapazierfähig sein. Hektische Reaktionen machen die ausgegebene Taktik zunichte. Ein Logbuch kann helfen, die Transaktionssummen im Blick zu behalten.
Die Flamme eines Feuerzeuges beleuchtet eine Euro-Münze aus Griechenland. Wer Geduld bewahrt und sein Portfolio ausgewogen gestaltet, ist vor hohen Verlusten gefeit.
Foto: dpaFehler 4: Zu viel Deutschland - Befund
Die nachvollziehbare Einstellung, nur bekannte Unternehmen – also vornehmlich deutsche – ins Portfolio aufzunehmen, geht zulasten der Streuung. Während der Anteil deutscher Aktien im MSCI World drei Prozent beträgt, vertrauen in den untersuchten Depots 43 Prozent auf hiesige Aktiengesellschaften. Obwohl es leichter geworden ist, ausländische Aktien zu handeln, bleibt dieser Wert relativ konstant. Ein weiteres Problem ist die Zusammensetzung der deutschen Titel: Sie ist oft nicht repräsentativ für den Gesamtmarkt. Gängige Indizes schneiden hier besser ab.
Eine Gruppe von Menschen steht am 13. Juli 1931 vor der Darmstädter und Nationalbank (Danatbank) in Berlin. Die (im Zusammenhang mit den Turbulenzen bei Hypothekenbanken 2008 als Vergleich herangezogene) Bankenkrise von 1931 hat ihre Wurzeln in der Weltwirtschaftskrise von 1929 und dem damit verbundenen Börsencrash.
Foto: APProblem 4: Zu viel Deutschland - Folgen
Die Wertschwankungen steigen, das Ergebnis wird weniger berechenbar. Glück hatten die Anleger vor allem deutscher Titel vor allem dann, wenn der Markt hierzulande schlicht gut lief. Untersuchungen belegen, dass ein international ausgelegtes Portfolio ein besseres Chance-Risiko-Verhältnis verspricht.
Auch Gold, hier ein Barren aus der chilenischen Nationalbank, stellt eine beliebte Anlageform dar.
Foto: ReutersFehler 4: Zu viel Deutschland - Gegenmittel
Als Beimischung sind deutsche Aktien sehr gut geeignet. Einen Anteil von 20 Prozent halten die Studienautoren noch für akzeptabel. Wer nur ein geringes Vermögen anlegen will, dem sei eine Kombination aus MSCI World und Dax-ETF empfohlen. Fünf bis zehn Titel aus verschiedenen Branchen sollten es schon sein.
Ein junger Russe spielt mit unechten US-Dollarscheinen – ein Werbegag, mit dem eine Vermögensberatung auf der Millionärsmesse in Moskau finanzstarke Kunden locken wollte.
Studien-Quelle: Finanztest
Foto: dpaSchützt Rebalancing wirklich vor Verlusten?
Mit speziellen Strategien wollen Anleger solche Verluste beim prognosefreien Investieren minimieren, vor allem mit der Mischung verschiedener Anlageklassen. Rebalancing heißt dann das Zauberwort. Dahinter verbirgt sich, dass in bestimmten Intervallen die Anteile verschiedener Anlageklassen im Depot wieder auf das Ausgangsniveau gebracht werden. So soll vermieden werden, dass gut laufende Anlageklassen zunehmend zum Klumpenrisiko im Depot werden. Durch die Verteilung des Vermögens auf verschiedene Assetklassen, die sich bei Marktveränderungen gegenläufig entwickeln, liegt das Gesamtinvestment meist in der Gewinnzone. Diese Strategie besticht durch ihre Sicherheit.
Doch inwieweit schützt Rebalancing tatsächlich vor hohen Verlusten? In der Ölkrise 1973/1974 ist ein amerikanischer Anleger, der zu je einem Viertel in Aktien, zehnjährige US-Staatsanleihen, Gold und Festgeld investiert hat, mit Bravour und einer Rendite von 14 Prozent 1973 und zehn Prozent 1974 durch die Krise gekommen – während ein Aktionär fast Haus und Hof verlor. Der erstmalig freigegebene Goldkurs explodierte und wog die Verluste der anderen Assetklassen auf.
Auch während der ersten Golfkrise 1979/1980 rettete der überproportional gestiegene Goldpreis das Gesamtengagement. Im Krisenjahr 2008 bewährte sich Rebalancing ebenfalls: Während Aktienbesitzer von Januar bis Dezember 2008 rund 34 Prozent ihres Vermögens verloren, büßte ein US-Anleger, der konsequent auf das Rebalancing vertraute, durch die immens positive Entwicklung der Staatsanleihen infolge des Zinsrückgang lediglich etwa zwei Prozent seines Geldes ein.
Der Vorteil im Vergleich zu anderen Anlagestrategien: Rebalancing bewahrt Anleger vor uferlosen Verlusten – allerdings auch vor reizvollen Renditen. Mit dem oben genannten Rebalancing-Szenario rentierte eine Anlage von 1967 bis Anfang 2017 mit lediglich 5,8 Prozent. Ja, Sie haben richtig gelesen: lediglich. Denn ein reines Aktienengagement im Dow Jones (6,7 Prozent), eine Anlage in Gold (7,2 Prozent) und zehnjährige US-Staatsanleihen (6,5 Prozent) erzielten im Vergleichszeitraum eine deutlich höhere Rendite. Nur dreimonatige Termingelder warfen mit 4,9 Prozent einen noch geringeren Ertrag ab.
Volles Risiko oder lieber Nummer sicher – Typ-Analyse
Bevor Sie zum ersten Mal Aktien kaufen, sollte Sie sich Gedanken darüber machen, welches Ziel Sie mit der Geldanlage verfolgen und für welchen Anlegertyp Sie sich halten. Wenn mit den Aktien später die Altersvorsorge aufgestockt oder das Studium der Kinder finanziert werden soll, müssen Sie an der Börse eine andere Taktik anwenden, als wenn es um kurzfristige Gewinne geht. Die grundlegende Frage ist: Sind Sie auf den Betrag angewiesen und investieren deshalb lieber mit möglichst geringem Risiko oder können Sie eventuelle Verluste verschmerzen und renditestärkere aber auch riskantere Papiere kaufen?
Foto: Getty ImagesGier ist nicht immer gut
Wenn Sie die Frage nach der eigenen Risikoneigung mit „no risk, no fun!“ beantworten, sollte Sie sich darüber im Klaren sein, dass Sie zwar sehr viel gewinnen, aber auch sehr viel verlieren können. Für den Anfang schadet es nicht, auf eine langfristige Strategie zu setzen und die Entwicklungen an den Märkten zu beobachten. Kleine Zockereien für den Nervenkitzel sind dann im Verlustfall besser zu verschmerzen. Nach dem Geckoschen Leitsatz „Greed is good“ sollten Sie als Börsenneuling nicht handeln.
Foto: Getty ImagesNur kaufen, was man versteht
Was eine Aktie ist und wie sie funktioniert, dürfte jedem klar sein. Wenn Sie ihr Depot auch mit Anleihen und Zertifikaten füllen möchten, sollte Sie nur in Produkte investieren, die Sie auch verstehen. Wenn Sie nur auf die Renditeversprechen hören und Produkte kaufen, deren Vor- und Nachteile, beziehungsweise Funktionsweisen Sie nicht begreifen, fallen Sie über kurz oder lang auf die Nase.
Foto: Getty ImagesBankgebühren beachten
Bevor Sie ein Depot eröffnen, vergleichen Sie die Gebühren der Banken. Je höher die Gebühren sind, desto geringer fällt die Rendite nachher aus. Direktbanken haben im Regelfall günstige Konditionen und bieten kostenlose Depots an.
Foto: Getty ImagesAuf die Mischung achten
Anleger sollten ihr Geld – und damit auch ihr Risiko – zumindest am Anfang möglichst breit streuen. Verteilen Sie Ihr Geld auf verschiedene Märkte wie Rohstoffe und Energie, sowie auf Aktien, Fonds und Anleihen.
Foto: Getty ImagesMischung bei Fonds und Zertifikaten
Viele Fonds, viele Angebote, da müssen Anleger genau hinschauen. Wenn Sie ihrem Portfolio Fonds oder Zertifikaten beimischen, sollten Sie auch innerhalb dieser Anlageklassen auf eine gute Mischung achten. Fondsanbieter und deren Produkte lassen sich online schnell vergleichen. Wer nicht nur in ein oder zwei Gesellschaften investiert, ist auf der sicheren Seite.
Foto: Getty Images
Regelmäßige Überprüfung
Besonders wichtig ist, dass Sie sich Zeit nehmen für Ihre Geldanlage und Ihr Depot regelmäßig überprüfen: Welche Anlageinstrumente haben sich wie entwickelt? Ist es Zeit, das Depot umzuschichten, oder läuft alles in meinem Sinne?
Foto: Getty ImagesQualität hinterfragen
Bei der Überprüfung des Depots sollten Sie sich immer mal wieder fragen: Würde ich diese Aktie oder diesen Fonds heute noch kaufen? Lautet die Antwort ja, behalten Sie das Produkt. Sind Sie von der Qualität nicht mehr überzeugt, wird es Zeit zum Verkauf.
Foto: Getty ImagesVerluste begrenzen
Entwickelt sich eine Aktie oder ein sonstiges Produkt nicht so, wie geplant, sollten Sie nicht zögern, es zu verkaufen. Sogenannte Stopp-Loss-Orders, also Untergrenzen, bei denen verkauft werden soll, können hilfreich sein. Das bietet sich insbesondere dann an, wenn man den Kurs nicht permanent selbst im Auge behalten kann oder will.
Foto: Getty ImagesEinen kühlen Kopf bewahren
Grundsätzlich gilt: Verlieren Sie nicht die Nerven. An der Börse gibt es Kursschwankungen, Aktienkurse können unerwartet einbrechen. Das sollte aber kein Grund sein, den Kopf zu verlieren. Panische und unüberlegte Deals kosten meist mehr Geld als die Abwärtstrends.
Foto: Getty ImagesMehr Sicherheit geht an den Finanzmärkten grundsätzlich mit einer geringeren Rendite einher – so weit, so gut. Tatsächlich passiert jedoch oft Folgendes: Wenn Aktien über mehrere Jahre einem Aufwärtstrend folgen, können Anleger mit dem Rebalancing diese gut laufende Assetklasse nicht genügend ausreizen. Schließlich wird das Geld mit Blick auf die Zielallokation regelmäßig wieder in die anderen Kapitalanlagen umgeschichtet. Anleger verkaufen ihre Aktien zu früh und investieren das Geld in weniger rentierliche Anlagen. Gewinne laufen lassen – Fehlanzeige.
Dieselbe Problematik entsteht auch, wenn Anleger den Value at Risk als Entscheidungsgrundlage für ihre Investition wählen. Bei diesem Konzept zur Bestimmung und Reduzierung des Risikos wird ermittelt, mit welchem Verlust Anleger auf Basis der bisherigen Schwankungen mit hoher Wahrscheinlichkeit maximal rechnen müssen. Höhere Verluste sind also quasi ausgeschlossen, verspricht das Modell. Es wird insofern zur Steuerung des Risikos genutzt.
Doch weil das Modell auf der Schwankungsbreite (Volatilität) basiert, führt es dazu, dass Anleger bei einer steigenden Volatilität regelmäßig in fallende Kurse hinein verkaufen – völlig unabhängig davon, ob eine Trendwende am Markt dies tatsächlich gebietet und ob weitere Gewinnchancen winken könnten. Umgekehrt suggeriert eine niedrige Volatilität auf einem bereits hohen Kursniveau ein geringeres Risiko und verleitet zu Aktienkäufen zu einem Zeitpunkt, zu dem der größte Teil des profitablen Kursanstieges schon Geschichte ist.
Egal bei welcher Form der Anlage gilt daher: Entscheidend für den Erfolg einer Investition ist die richtige Zeit für den Ein- und Ausstieg beziehungsweise für die Umschichtung. Prognosefreie Anlagestrategien stoßen genau an diesem Punkt an ihre Grenzen.
Den Markt schlagen
Doch selbst mit dem Erfolgsgeheimnis Timing gelingt es nur wenigen Fondsmanagern und Privatanlegern mit den herkömmlichen Anlagestrategien, den Markt zu schlagen, wie zahlreiche Studien belegen. Die Frage ist: Was machen die, denen dies gelingt, anders?
Aktien
Der Absturz der „Volksaktie“ Telekom und das Platzen der New-Economy-Blase am Neuen Markt um die Jahrtausendwende haben viele Kleinanleger nachhaltig verschreckt. Zwar erhöhte sich die Zahl der Besitzer von Aktien und/oder Aktienfondsanteilen in Deutschland im vergangenen Jahr um 560.000 auf gut neun Millionen. Das ist der höchste Stand seit 2012. Dennoch sind nur 14 Prozent der über 14-Jährigen am Aktienmarkt engagiert - und damit deutlich weniger als in anderen Ländern. Nach Bundesbank-Zahlen machten Aktien zum Ende des zweiten Quartals 2016 gerade einmal ein Zehntel (540,7 Milliarden Euro) der 5401 Milliarden Euro Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland aus.
Foto: FotoliaBargeld und Bankeinlagen
Bargeld und Einlagen bei Banken sind nach den Bundesbank-Zahlen mit gut 2128 Milliarden Euro nach wie vor der größte Posten des Geldvermögens der privaten Haushalte. Tagesgeldkonten als Parkplatz für Liquidität stehen nach wie vor hoch im Kurs, obwohl sie kaum noch Zinsen abwerfen.
Foto: FotoliaBausparen
Die Deutschen sind eifrige Bausparer. Nach Zahlen des Verbands der Privaten Bausparkassen gab es 2015 knapp 30 Millionen Bausparverträge in Deutschland. Damit komme auf jeden zweiten Haushalt mindestens ein Vertrag. 2,7 Millionen Verträge wurden im vergangenen Jahr neu abgeschlossen. Allerdings versuchen etliche Bausparkassen Kunden loszuwerden, die noch besonders hochverzinste Altverträge haben.
Foto: FotoliaGold
Privatleute in Deutschland besitzen mittlerweile die Rekordmenge von 8672 Tonnen des Edelmetalls - davon gut die Hälfte (4705 Tonnen) in Form von Barren und Münzen, knapp 4000 Tonnen sind Schmuck. Diese Zahlen haben Forscher der Steinbeis-Hochschule für die Reisebank zusammengetragen. Von 2014 bis 2016 wuchs der Goldschatz der Privathaushalte demnach um 477 Tonnen. Wert zum Zeitpunkt der Studie im August 2016: 375 Milliarden Euro. Drei Viertel (2014: 67 Prozent) der erwachsenen Bundesbürger besitzen der Studie zufolge Gold in Form von Schmuck, Barren, Münzen oder Wertpapieren.
Foto: FotoliaImmobilien
Die niedrigen Hypothekenzinsen heizen die Nachfrage nach Häusern und Wohnungen an. In den ersten neun Monaten 2016 wurden so viele Wohnungen genehmigt wie seit 1999 nicht mehr. Auch viele Investoren spekulieren auf weitere Preissteigerungen und investieren in „Betongold“. Noch sieht die Bundesbank keine gefährlichen Übertreibungen am deutschen Immobilienmarkt. Allerdings verlocken die niedrigen Zinsen auch zum Schuldenmachen. Die Bundesbank warnt vor einem Schock bei steigenden Zinsen: „Finanzierungen, die unter den aktuellen Rahmenbedingungen angemessen erscheinen, könnten sich dann als nicht nachhaltig herausstellen.“
Foto: FotoliaLebensversicherungen
91 Millionen Lebensversicherungsverträge zählte der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) Ende vergangenen Jahres bundesweit. Damit hat rein rechnerisch jeder Bundesbürger mindestens eine Lebensversicherung - ein Altersvorsorge-Klassiker. Doch neue Verträge sind schon lange nicht mehr so attraktiv verzinst wie noch um die Jahrtausendwende.
Foto: dpaSparbuch
Das gute alte Sparbuch hat seinen Reiz bei den sicherheitsorientierten Deutschen trotz aktuell mickriger Zinsen keineswegs verloren. 44 Millionen Sparkonten zählten allein die seinerzeit 413 Sparkassen bundesweit zum Jahresende 2015. Gut 603 Milliarden Euro hatten die privaten Haushalte im 2. Quartal 2016 nach jüngsten Bundesbank-Zahlen als Spareinlagen und Sparbriefe angelegt.
Foto: FotoliaEine Möglichkeit ist, die Veränderungen der Gesamtumstände an den Finanzmärkten zu beobachten und darauf basierend Investitionsentscheidungen zu treffen. Denn es ist hinlänglich bewiesen, welch enorme Auswirkungen diese haben können: Der ehemalige Chef der US-Notenbank Ben Bernanke hat beispielsweise mit seinen Forschungsergebnissen belegt, dass die Zinsstrukturen (also das Verhältnis langfristiger zu kurzfristigen Zinsen) sehr zuverlässige Hinweise auf eine bevorstehende Rezession beziehungsweise einen Wirtschaftsaufschwung geben – mit entsprechenden Auswirkungen auf die Unternehmen und ihre Aktien.
Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman hat nachgewiesen, dass die Entwicklung des US-Dollars großen Einfluss auf die Entwicklung von Unternehmen und Volkswirtschaften weltweit hat. Und auch meine Börsenforschung in den vergangenen 30 Jahren hat bestätigt, wie wichtig die Berücksichtigung der Gesamtumstände für einen Investitionserfolg ist.
Aktive Maßnahmen des Managements können die Entwicklung der Aktie manchmal nur bedingt beeinflussen, wie ein Aktionärsvertreter auf der Jahreshauptversammlung der Lufthansa im vergangenen Jahr sehr eindrücklich klarmachte. Er konstatierte in seiner Wortmeldung, dass der Gewinn des Unternehmens und der Anstieg des Aktienkurses um 37 Prozent auf drei wesentliche Faktoren zurückzuführen ist: Der damals gesunkene Ölpreis senkte die Betriebskosten, die niedrigen Zinsen verminderten die Kapitalkosten und der gestiegene US-Dollar sorgte für höhere Einnahmen.
Die Marktlage zeichnet derzeit ein anderes Bild und gebietet den Anleger das Aktienengagement zunächst einmal deutlich zurückzufahren und die Gewinne aus den vergangenen Jahren einzustreichen, um der Gefahr eines stärkeren Einbruch zuvorzukommen.
Es droht eine Zwischenbaisse
Denn: Die seit einem Jahr wachsenden Rohstoffpreise, erkennbar an gängigen Rohstoffindizes wie dem Reuters/Jefferies CRB-Index oder dem S&P GSCI - Goldman Sachs Commodity Index -, stehen für höhere Industriekosten und lassen eine stärkere Zunahme der Inflation erahnen. Die steigenden Zinsen an den Anleihe- und Geldmärkten treten in Konkurrenz zu Dividenden, führen zu höheren Kapitalkosten und erschweren künftige Investitionen der Unternehmen. Und ein schwächerer Dollar, der international die Exporterlöse schmälert, komplettiert den Eindruck, dass eine mehrmonatige Zwischenbaisse bevorstehen könnte. Und genau aus solchen Erkenntnissen heraus gilt es nun vorzubeugen und das Depot abzusichern.
Natürlich bringen auch diese Indikatoren niemals absolute Sicherheit, wie die Finanzmärkte sich in der Zukunft entwickeln werden, denn die Wirkung dieser Veränderungen auf die Aktien entfaltet sich verzögert. Aber sie helfen Irrtümer bei der Entscheidung am Aktienmarkt ein- oder auszusteigen, deutlich zu reduzieren sowie das Timing zu optimieren.
Solche Entwicklungen der Gesamtumstände können private Anleger in regelmäßigen und zeitlichen Abständen, wie die Profis, mit gängigen IT-Lösungen verfolgen. Aber mit dem unschätzbaren Vorteil, dass sie eigenverantwortlich entscheiden und damit deutlich flexibler handeln können als etwa die Fondsmanager.