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Air BerlinMillionen für Entschädigungen wegen häufiger Verspätungen

Passagieren stehen Entschädigungen zu, wenn ihre Flüge mindestens drei Stunden verspätet sind oder kurzfristig abgesagt werden. Deswegen muss Air Berlin Millionen für Entschädigungen zahlen.Rüdiger Kiani-Kreß 01.06.2017 - 11:30 Uhr
Foto: dpa

Die vielen Flugausfälle und Verspätungen belasten Air Berlin nun auch zunehmend finanziell. Basierend auf Daten der führenden Fluggastrechte-Portale Fairplane und Flightright, die für Passagiere Entschädigungszahlungen eintreiben, musste die Linie von Januar bis Mai bereits annähernd fünf Millionen Euro überweisen, weil sie Kunden zu spät oder gar nicht ans Ziel brachte. Kunden stehen laut EU-Recht zwischen 250 und 600 Euro zu, wenn ihre Flüge mindestens drei Stunden verspätet sind oder kurzfristig ganz abgesagt werden.

Das sind nicht nur doppelt so viele Fälle wie in den ersten fünf Monaten 2016. Air Berlin hat mit derzeit bis zu 20 000 Auszahlungen an Kunden zudem die mit Abstand meisten Entschädigungsfälle in Deutschland. „Bei uns betrifft inzwischen bereits mehr als jeder vierte Fall die Air-Berlin-Gruppe“, sagt Fairplane-Sprecher Ronald Schmid. Vor einem Jahr war lediglich einer von zwölf Fairplane-Kunden mit Air Berlin geflogen.

Die Probleme rühren vor allem aus dem Umbau des Unternehmens, durch den in bestimmten Teilen immer wieder Personal fehlt. Sie betreffen vor allem kleinere Routen wie Saarbrücken–Berlin oder Dresden–Düsseldorf, wo an manchen Tagen nur einer von vier geplanten Flügen abhob. Großen Ärger verzeichnen die Entschädigungsportale zudem auch bei den Flügen, die Air Berlin für die Lufthansa Billigtochter-Eurowings erledigt. „Hier senden beide Airlines die Passagiere im Kreis und jede behauptet, die andere müsse zahlen. Das ist eine neue Zermürbungstaktik, mit der die Airlines Passagiere zum Aufgeben bewegen wollen“, so Schmid.

Die größten Fluggesellschaften Europas
Die Statistik zeigt die zehn größten Fluggesellschaften Europas nach Passagierkilometern im Jahr 2016. Passagierkilometer sind eine Maßeinheit für die Beförderungsleistung der Fluggesellschaften. Berechnet werden sie als Produkt der Anzahl an Passagieren und der zurückgelegten Entfernung. Quelle: Airline Business/StatistaStand: 2017
Fluggesellschaft: LufthansaVerkaufte Passagierkilometer: 162,17 Mrd.
Fluggesellschaft: British AirwaysVerkaufte Passagierkilometer: 142,02 Mrd.
Fluggesellschaft: Air FranceVerkaufte Passagierkilometer: 141,21 Mrd.
Fluggesellschaft: RyanairVerkaufte Passagierkilometer: 130,59 Mrd.
Fluggesellschaft: Turkish AirlinesVerkaufte Passagierkilometer: 119,37 Mrd.
Fluggesellschaft: KLMVerkaufte Passagierkilometer: 93,23 Mrd.
Fluggesellschaft: EasyjetVerkaufte Passagierkilometer: 77,62 Mrd.
Fluggesellschaft: AeroflotVerkaufte Passagierkilometer: 74,12 Mrd.
Fluggesellschaft: IberiaVerkaufte Passagierkilometer: 48,56 Mrd.
Fluggesellschaft: Air BerlinVerkaufte Passagierkilometer: 47,01 Mrd.


Zwar mietet die Linie reichlich bei anderen Airlines Maschinen nebst Besatzung. Hierzu zählen auch ungewöhnliche Modelle wie ein Flugzeug in der Bemalung der einst vom italienischen Haudrauf-Schauspieler Bud Spencer gegründeten italienischen Postlinie Poste Italiane, die heute ein dänisches Unternehmen mit einer Besatzung aus Polen betreibt.

Trotzdem kommen besonders bei Unwetter immer wieder spektakuläre Totalausfälle vor. So brachte Air Berlin am Wochenende Kunden mit dem Bus von Berlin nach Stuttgart – und bescherte ihnen statt des rund 70 Minuten langen Flugs eine Reisedauer von fast 13 Stunden.

Ein Ende der Verspätungen und Ausfälle inklusive der hohen Ausgaben ist nicht absehbar. „Wir gehen davon aus, dass auf Air Berlin Forderungen in zweistelliger Millionenhöhe zukommen“, erwartet Flightright-Chef Marek Janetzke.

1978

Der amerikanische Pilot Kim Lundgren (im Bild links zu sehen mit seinem Sohn Shane Lungren) gründet gemeinsam mit einem Kollegen die „Air Berlin Inc.“ im US-Bundesstaat Oregon. Damals durften westdeutsche Fluggesellschaften das geteilte Berlin nicht anfliegen. Der erste Flug startet am 28. April 1979 von Berlin-Tegel nach Mallorca. Die Flotte umfasst zwei Maschinen.

Foto: WirtschaftsWoche

1991

Joachim Hunold, bis dahin Marketing- und Vertriebschef beim Ferienflieger LTU, wird Geschäftsführer und Aktionär. Die restlichen Anteile halten Privatinvestoren wie die Brüder Severin vom gleichnamigen Hausgerätehersteller. Kurz darauf starten 15 Flüge pro Tag.

Foto: WirtschaftsWoche

1998

Mit dem Mallorca Shuttle Einstieg ins Linienfluggeschäft. Sie startet von 12 deutschen Flughäfen. In den Reisebüros beginnt der Verkauf von Einzelplätzen.

Foto: WirtschaftsWoche

2003

Neben den Ferienzielen fliegt Air Berlin nun vermehrt europäische Großstädte an und wird zum Jahresende (gemessen an der Zahl der Passagiere) Deutschlands zweitgrößte Airline nach der Lufthansa.

Flugzeuge Jahresende: 46

Foto: WirtschaftsWoche

2004

Air Berlin übernimmt 24 Prozent von Niki, der vom ehemaligen Formel 1-Fahrer Niki Lauda gegründeten Fluggesellschaft. Erster Großauftrag an Airbus über die Lieferung von 70 Flugzeugen.

Flugzeuge Jahresende: 47

Foto: dpa

2005

Übernahme von Fluggeschäft und Maschinen des Billigfliegers Germania Express. Umorganisation als als PLC nach britischem Recht. Das bringt Steuervorteile und verhindert, dass Arbeitnehmer im obersten Aufsichtsgremium sitzen.

Flugzeuge Jahresende: 79

Foto: WirtschaftsWoche

2006

Börsengang mit einer Woche Verschiebung und zu einem niedrigeren Ausgabekurs als geplant. Im August Übernahme des Billigfliegers DBA vom Nürnberger Flugunternehmer und Berater Hans Rudolf Wöhrl, Großbestellung von 75 Boeing-Flugzeugen.

Flugzeuge Jahresende: 117

Foto: AP

2007

Im März Übernahme des defizitären Düsseldorfer Ferienfliegers LTU vom Nürnberger Flugunternehmer und Berater sowie von 49 Prozent des Schweizer Ferienfliegers Belair. Übernahme des Thomas-Cook Ferienfliegers Condor wird angekündigt, scheitert aber an Kartellamtsauflagen in 2008. Bestellung von bis zu 40 Exemplaren des Boeing-Langstreckenflugzeugs 787, später gekürzt auf bis zu 20 Exemplare. Durch die Zukäufe der Ferienflieger bietet Air Berlin nun auch Interkontinentalflüge an.

Flugzeuge Jahresende: 124

Foto: gms

2008

Die 2007 begonnene Kooperation mit der Luftfahrtgesellschaft Walter aus Dortmund wird ausgebaut. Wegen der Finanzkrise stockt erstmals das Wachstum, Air Berlin rutscht in die roten Zahlen. Ein erstes Sparprogramm folgt.

Flugzeuge Jahresende: 125

Foto: dpa

2009

Das Bundeskartellamt stoppt die geplante Fusion mit Tuifly. Stattdessen übernimmt der Reisekonzern Tui 10 Prozent an Air Berlin. Im Gegenzug übernimmt Air Berlin für eine Mitgift von angeblich zehn Millionen Euro das defizitäre Städtefluggeschäft der Tuifly sowie 17 Flugzeuge. Die türkische ESAS-Holding übernimmt gut 15 Prozent an Air Berlin. Große 30-Jahrfeier mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit.

Flugzeuge Jahresende: 152

Foto: WirtschaftsWoche

2010

Komplettübernahme der österreichischen Niki, Ankündigung des Beitritts zur Oneworld-Allianz um British Airways, American Airlines, Cathay Pacific aus Hongkong und der australischen Qantas. Außerdem Einstieg ins Mediengeschäft.

Flugzeuge Jahresende: 169

Foto: dapd

2011

Ex-Metro-Chef Hans-Joachim Körber wird Chef des Verwaltungsrats und drängt stärker als sein Vorgänger, der Reiseunternehmer Johannes Zurnieden, auf eine Sanierung. Kooperation mit der Fluglinie Intersky aus Friedrichshafen. Wegen der schlechten Zahlen startet Vorstandschef Joachim Hunold ein großes Sparprogramm, tritt aber im August zurück. Ex-Bahnchef Hartmut Mehdorn, seit 2008 Verwaltungsratsmitglied, ersetzt ihn. Ein weiteres Sparprogramm kommt. 18 der mittlerweile 170 Maschinen werden verkauft.

Foto: dapd

2012

Die arabische Staatsairline Etihad erhöht ihren Anteil von knapp 3 auf 29,2 Prozent und stützt die Fluglinie mit Millionen. Ein neues Sparprogramm beginnt. Vollmitgliedschaft von oneworld zum 20. März.

Foto: WirtschaftsWoche

2013

Wolfgang Prock-Schauer wird Vorstandschef und verschärft das Sparprogramm. Jeder zehnte Arbeitsplatz fällt weg, die Flotte schrumpft.

Flugzeuge: 142 Maschinen.

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2015

Im Februar löst Stefan Pichler den glücklosen Prock-Schauer ab. Air Berlin macht 447 Millionen Euro Verlust - so viel wie nie zuvor.

Foto: dpa

2016

Nach einem juristischen Tauziehen kann Air Berlin den größten Teil der wichtigen Gemeinschaftsflüge mit Etihad weiter anbieten. Die Zahlen bessern sich aber nicht. Gespräche mit Lufthansa über einen Verkauf von Geschäftsteilen beginnen.

Ende September werden erste Ergebnisse verkündet: Air Berlin soll schrumpfen, ein größerer Teil der Flotte samt Crews an die Lufthansa vermietet werden. Neben den 38 Flugzeuge für den Lufthansakonzern packt Air Berlin weitere 33 Jets in ein Gemeinschaftsunternehmen mit der Tui und Etihad. Das soll unter dem Markennamen Niki das ehemalige Stammgeschäft bestreiten: Ferienflüge rund ums Mittelmeer für Reiseveranstalter.

Flugzeuge nach dem Umbau: ca. 75

Foto: dpa

April 2017

Wechsel an der Spitze: Im Februar 2017 übernimmt der frühere Lufthansa-Manager Thomas Winkelmann das Ruder. Stefan Pichler verlässt das Unternehmen. Winkelmann will die Ende 2016 eingeleitete Kurswende weiterverfolgen. "Ich habe die Aufgabe mit dem Ziel übernommen, die Neupositionierung des Unternehmens erfolgreich abzuschließen", erklärt er bei Amtsantritt. Schon da ist klar: Leicht wird das nicht.

Foto: dpa

Juli 2017

Überraschend präsentierte Air Berlin einen neuen Verwaltungsratschef und damit den Nachfolger von Joachim Hunold. Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann (rechts) stellte mit Ex-Bahn-Vorstand Gerd Becht einen Juristen und Übernahme-Spezialisten als neuen Chefaufseher vor. „Er ist ausgewiesener Experte für Restrukturierungen und Mergers and Aquisitions. Er wird der Air Berlin mit seiner Erfahrung frische Impulse geben“, so die Botschaft von Air-Berlin-Vorstandschef Thomas Winkelmann. Wem das zu unklar ist: Becht ist Spezialist für das Verkaufen von Unternehmen und soll hier für mehr Schwung sorgen.

Foto: PR

August 2017

Air Berlin ist pleite. Die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft stellte am 15. August 2017 den Insolvenzantrag, nachdem ihr Großaktionär und Geldgeber Etihad Airways ihr den Geldhahn zugedreht hat. Damit sei keine positive Fortführungsprognose mehr gegeben, erklärte die Führung von Air Berlin. Diese ist Voraussetzung, dass ein überschuldetes Unternehmen um einen Insolvenzantrag herumkommt. Der Flugbetrieb solle mit Hilfe eines Überbrückungskredits der Bundesregierung weitergehen, erklärte Air Berlin. Der Kredit ist mit einer Bundesbürgschaft abgesichert.

Foto: dpa

Zum einen sind viele der bisherigen Fälle noch nicht erfasst, weil viele Kunden erst Tage oder Wochen nach einer Verspätung Entschädigung beantragen. Dazu stocken die Auszahlungen. Denn die durch Reorganisationen geschwächte Linie bearbeitet die ungewohnt vielen Anträge auf Entschädigung derzeit nur mit großen Verzögerungen. Dazu wächst der Unmut bei den Kunden vor Ort, sie sehen sich oft unzureichend betreut. „Spätestens das bringt selbst gutmütige Kunden dazu, nun auch Entschädigung zu fordern“, so Fairplane.

Zu guter Letzt ist nicht absehbar, wann Air Berlin am Flughafen Berlin Tegel die Probleme mit seinem Abfertigungsunternehmen Aeroground, einer Tochter des Flughafens München, in den Griff bekommt. Zwar verhandelt derzeit Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann persönlich mit dem Chef des Münchner Flughafens Michael Kerkloh. Doch laut Insidern sind die Probleme kurzfristig nicht lösbar. „Die bayerischen Kollegen haben nicht nur zu wenige qualifizierte Leute eingeplant und dann zu zögerlich neue Mitarbeiter gesucht“, so ein führender Manager eines deutschen Flughafens. „Sie haben sich auf den Job in Berlin offenbar nicht richtig vorbereitet. Dabei hätten sie sofort sehen können, dass ihre vom großzügigen und effizienten Münchner Airport gewohnten Arbeitsabläufe auf dem alten und verbauten Flughafen Tegel nie und nimmer umzusetzen sind.“

Air Berlin

Was die Linie von ihrem Retter alles braucht

von Rüdiger Kiani-Kreß

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