Restaurants: Die Schattenseiten der Gourmet-Gastronomie
Die Terrasse der Speisemeisterei, Schloss Hohenheim, im April 2018.
Foto: imago imagesUnd dann sitzen sie da in diesem Raum, der die schönen und die nicht so schönen Seiten dieser außergewöhnlichen Speisestätte so eindrucksvoll verkörpert. Der Gastronom, Gerd Schmid, und der Insolvenzverwalter, Philipp Grub, und schauen auf die Stuck-Decken, auf den goldenen Wandschmuck, die Weitläufigkeit dieses Ensembles. Der Raum gehört zur Speisemeisterei, von Schmid zusammen mit dem Sterne- und Fernsehkoch Frank Oehler betrieben, und eines der schönsten Restaurants der Republik. Untergebracht im ehemaligen Kavaliersbau von Schloss Hohenheim bei Stuttgart: Ein Rokoko-Schatz wie aus dem Bilderbuch. Ökonomisch wegen seiner Weitläufigkeit, seiner Lage und seines Zuschnitts allerdings eine Herausforderung. Wie Schmid heute weiß.
Im Frühjahr ging der Gastro-Unternehmer nach elf Jahren zum Insolvenzrichter. Weswegen er sich nun regelmäßig mit Grub über Gründe für und Wege aus dieser Pleite austauscht. „Sie hatten ein Auslastungsproblem“, sagt Grub. „Nein“, sagt Schmid. „Wir hatten zu wenig Gäste, die nach dem ersten Besuch wiederkamen.“ „Sie hatten also ein Auslastungsproblem“, beharrt Grub. „Wir hatten zum Teil nicht das ideale Personal, weswegen zu wenig Gäste kamen“, erwidert Schmid erneut. „Also ein Auslastungsproblem“, sagt Grub.
Das Sterben von Spitzenrestaurants geschieht oft im Stillen, weswegen es in der insgesamt eher lautstarken Branche schon mal untergeht. Wer aber genau hinschaut, beobachtet die Krise in einem Teil des Segments, das zwar oben mitspielt und so ambitioniert kocht wie keine Vorgängergeneration - das den Weg an die absolute Spitze der Branche aber aus verschiedenen Gründen nicht geschafft hat und oft auch nicht schaffen wollte: das Trific in Hamburg etwa, das vor wenigen Tagen für immer schloss. Die Hafenmeisterei in Dresden oder das ebenfalls dort beheimatete Bean & Beluga von Stefan Hermann. In München bereits im vergangenen Jahr das Plaza Mayor, die Brasserie Schwabing oder das Avva.
Sie alle werden zerrieben in einer Branche, in der der Platz zwischen den absoluten, von Gourmet-Führern wie dem Guide Michelin mit zwei oder drei Sternen bewerteten, Spitzenbetrieben am oberen und einer immer stärker wachsenden Systemgastronomie am unteren Ende der Qualitätsskala immer enger wird.
Frank Oehler (rechts) und sein damaliger Kollege Markus Eberhardinger in der Küche der Speisemeisterei im Dezember 2014.
Foto: imago imagesNun ist das Restaurant-Sterben so alt wie das Gastgewerbe selbst. Bisher aber erwischte es meist die Betriebe von Quereinsteigern, Bierpanschern und Fritteusen-Freaks. Schließlich gibt es ein gewisses Milieu in Deutschland, in dem man sich seit einigen Jahren eine Geschichte erzählt: Es ist die Geschichte von der spät, aber dann um so furioser erwachten Feinschmecker-Nation Deutschland. In den Fußstapfen großer Pioniere wie Eckart Witzigmann oder Harald Wohlfahrt sei eine junge Garde an Köchen herangewachsen, die die deutsche Gastronomie auf Augenhöhe mit den großen Klassikern in Frankreich, Italien oder Japan gebracht hätten: Ein Tim Raue aus Berlin etwa, ein Christian Jürgens am Tegernsee, aber auch die Vorreiter einer neuen deutschen Regionalküche wie Micha Schäfer vom Nobelhart & Schmutzig in Berlin oder Felix Schneider aus dem Sosein bei Nürnberg. Das deutsche Küchenwunder eben.
Nur: Mit dem Angebot wächst der Markt der geneigten Genießer nicht in gleichem Maße. Fachkräfte fehlen in der notorisch von schlechten Arbeitsbedingungen geplagten Branche, die Politik hat mit dem Mindestlohn einen echten Engpass für den Kulinarik-Kapitalismus geschafften. Und die Deutschen geben in diesem Jahr mit etwa 49 Milliarden Euro (plus zwei Milliarden im Vergleich zum Vorjahr) zwar so viel für Speis und Trank außer Haus aus wie nie. Doch das Wachstum findet nicht in tollen Restaurants statt, sondern bei Bäckern, Supermarkt- und Systemgastronomen.
Deutsche Spitzengastronomie
Gibt es Bewegung in der Rangfolge der kulinarischen Top-Adressen? Welche haben den größten Satz nach oben gemacht? Der Mineralwasserhersteller Gerolsteiner hat aus den Bewertungen der sieben großen bundesweiten Restaurantführer, darunter Michelin und Gault&Millau, die Sieger ermittelt. Die Bestenliste erfasst alle 3829 Restaurants, die professionell getestet und von einem oder mehreren nationalen Guides des Jahres 2018 empfohlen werden. Der neue Spitzenreiter kommt aus Wolfsburg.
Foto: dpaPlatz 10: Haerlin im Fairmont Hotel Vier Jahreszeiten, Hamburg
Das Restaurant hat an fünf Tagen in der Woche von 18.30 bis 20.30 Uhr geöffnet. Und so wirbt das Haerlin für sich: „Küchenchef Christoph Rüffer und sein Team bereiten Ihnen mit kreativ kombinierten Aromen und überraschenden Texturen in den saisonal ausgerichteten Menüs ein wahres Feuerwerk für den Gaumen.“
Foto: dpaPlatz 9: Tantris, München
Das Nobelrestaurant öffnete bereits Ende 1971 und lockt das Publikum neben der Spitzenküche mit seiner ungewöhnlichen Architektur. Die bayerische Landeshauptstadt erhielt von den sieben bundesweiten Restaurantführer für das Jahr 2018 die zweitmeisten Empfehlungen unter den Großstädten.
Foto: dpa Picture-AlliancePlatz 8: GästeHaus Klaus Erfort, Saarbrücken
Koch Klaus Erfort bereitet den Gästen eines Wirtschaftsballs ihr Dinner. Unter 51 Euro gibt es in seinem Restaurant in Saarbrücken nichts zum Speisen.
Foto: imago imagesPlatz 7: La vie, Osnabrück
Das „La vie“ hat sich in dem Ranking um zwei Plätze verbessert. 2017 lag es noch auf Rang neun. Während ihrer „Wintertime“ bietet das Restaurant ein Fünfgangmenü für 132 Euro an.
Foto: dpa Picture-AlliancePlatz 6: Gourmetrestaurant Überfahrt, Rottach-Egern
Unzählige Auszeichnungen schmücken die Vita von Chefkoch Christian Jürgens. Auch Kochkurse bietet Jürgens an. Sein Restaurant „Überfahrt“ verliert in der Rangliste zwei Plätze und rangiert nun nicht mehr unter den Top 5.
Foto: dpaPlatz 5: Victor's Fine Dining by Christian Bau, Perl
Der Restaurantführer Gault&Millau kürte ihn 2017 zum Koch des Jahres: Christian Bau. Vielleicht hat das eine Rolle gespielt in der aktuellen Gerolsteiner-Auswertung. Das Restaurant im Saarland landet zwei Ränge höher als im Vorjahr.
Foto: dpaPlatz 4: Bareiss, Baiersbronn
Der Südwesten ist die Nummer eins im Vergleich der Regionen. In Baden-Württemberg bekommt noch ein Lokal bessere Bewertungen als das „Bareiss“, in dem Claus-Peter Lumpp seine Gäste bekocht.
Foto: dpaPlatz 3: Gourmetrestaurant Vendôme, Bergisch Gladbach
Platz drei behauptet wie im Vorjahr das Gourmetrestaurant Vendôme in Bergisch Gladbach. Der vielfach ausgezeichnete Joachim Wissler ist die Hauptperson in der Küche.
Foto: dpaPlatz 2: Schwarzwaldstube, Baiersbronn
Zwei Gourmetstuben aus den Top 10 in einem Ort: Das beliebte Ausflugsziel Baiersbronn hat nur 15.000 Einwohner, dafür aber zwei Restaurants, die in Deutschland ihresgleichen suchen. Torsten Michel ist Küchenchef der „Schwarzwaldstube“ im Hotel Traube Tonbach. 2017 lag sie noch auf dem Spitzenplatz.
Foto: dpaPlatz 1: Aqua, Wolfsburg
Nach zuletzt Platz zwei ziehen Sven Elverfeld vom Aqua und sein Team an den Schwarzwäldern vorbei. Die Noten für die Küche gehen ebenso in die Berechnung ein wie alle Service- und Ambiente-Beurteilungen der Restaurantführer. Auch der unterschiedliche Stellenwert, den die Gastronomen den verschiedenen Auszeichnungen beimessen, wird berücksichtigt.
Foto: imago imagesAufsteiger 1: Atelier, München
Das Restaurant „Atelier“ im Hotel Bayerischer Hof erobert Rang 14 der Restaurant-Bestenliste. Es ist der Einstieg in die Top 20, nachdem das Lokal 2017 26. war.
Foto: dpaAufsteiger 2: Schwarzenstein, Geisenheim
Seit Anfang 2017 kocht Nils Henkel (Mitte) im „Schwarzenstein“. Ende vergangenen Jahres wurde er vom Guide Michelin mit dem zweiten Stern ausgezeichnet. Dem Restaurant gelingt der Sprung von Platz 71 auf Rang 19.
Foto: imago imagesProminenter Absteiger: Lorenz Adlon Esszimmer, Berlin
Das „Lorenz Adlon Esszimmer“ büßt fünf Plätze ein. Als 20. gehört das Restaurant weiter zur Spitzenklasse. Kulinarisch betrachtet punktet die Hauptstadt auch in der Breite: Hier kann der Gast unter 175 ausgezeichneten Restaurants wählen – so viele wie sonst nirgends in Deutschland. Unter den neuen Bundesländern liegt Sachsen vorne.
Die aktualisierte Version der App Restaurant Bestenliste mit integrierter Landkarte und Suchfunktion gibt es kostenlos im App Store und bei Google Play. Die gedruckte Version der Gerolsteiner Restaurant-Bestenliste 2018 (inklusive ausführlichem Kartenteil) ist über Amazon erhältlich.
Foto: dpaEs ist der 30. April dieses Jahres, man tanzt in den Mai, als Schmid und die Seinen in der Speisemeisterei nochmal richtig auffahren. Unter alten Bäumen und schmucken Sonnenschirmen knuspert feines Rindfleisch aus der Region auf dem Grill, klimpern Champagnergläser, flanieren Kellner mit kleinen Happen von der Auster, vom grünen Spargel oder der schwäbischen Forelle, durch eine schick gekleidete Schar Stuttgarter Feinschmecker. Noch einmal flackert er auf, der schöne Schein der Speisemeisterei, bevor Schmid in den Folgetagen seinem Kompagnon, dem durch diverse TV-Shows bekannten Sternekoch Frank Oehler, die brisante Lage eröffnet. Man beschließt Insolvenz anzumelden.
„Wir waren in den vergangenen Jahren stellenweise immer wieder am Limit, und haben uns jedes Mal ins letzte Quartal gerettet, das dann das Jahr wieder ausgeglichen hat“, sagt Geschäftsführer Schmid. Doch dann kam das erste Quartal. „Das erste Quartal war schon immer schwierig. Frank Oehler und ich haben da oft eigene Mittel investiert, um über diese Zeit zu kommen.“ Diesmal reichte es nicht. Bevor unter der wirtschaftlichen Situation auch die kulinarische leidet, melden die Gesellschafter Insolvenz an.
Für Insolvenzverwalter Grub ist das ein neues Phänomen. „Einen Sternebetrieb haben wir noch nie betreut“, sagt er. Grub lernt in den folgenden Wochen so einiges über das Phänomen der ambitionierten Gastronomie in Deutschland. Die lässt sich in ökonomischen Dimensionen in etwa so beschreiben: Wer es als Koch in den gängigen Gastroführern, wovon das Sternesystem des Guide Michelin das bedeutendste ist, kulinarisch zu etwas bringen will, nimmt ökonomisch den Tod auf Raten in Kauf. Das Verhältnis von Personalkosten zu Umsatz, der Wareneinsatz, die großen Weinlager – all das lässt sich kaum wirtschaftlich betreiben.
In der Speisemeisterei etwa servierten sie mitunter acht Gänge á là Carte: Schnell muss die Küche da bis zu 30 unterschiedliche Gerichte koordinieren. Bei durchschnittlich 40 bis 60 Gästen pro Tag mit im Durchschnitt fünf Gängen zuzüglich Brotgang, dem Gruß aus der Küche, dem Gruß des Patissiers, kommen 360 bis 540 Teller pro Abend zusammen, manchmal auch 600. Viele Sterne-Betriebe machen Verlust, werden durch Mäzene oder angeschlossene Hotels querfinanziert. Wer es richtig gut macht, erwirtschaftet Renditen von ein, zwei Prozent.
Dennoch will das Duo Schmid und Oehler hoch hinaus, als sie im Jahr 2008 die Speisemeisterei übernehmen. Bereits unter dem Vorgänger war das Restaurant 17 Jahre lang mit zwei Sternen ausgezeichnet. In dem Segment soll die Zukunft liegen. Und in der Tat geht es auch gut los. Oehler inspiriert als eine Art Patron die Küche, schafft es, den Laden auf Sterne-Niveau zu halten. Die Stuttgarter Schickeria lässt es sich gerne dort schmecken. Es sind die goldenen Jahre eines Geschäftsmodells, das sich absehbar dem Krisenstadium nähert.
Platz 10: Burger King
Der berühmte Whopper ist groß – der Markenwert der Fast-Food-Kette im Vergleich zu seiner Konkurrenz etwas geringer. Mit einem Wert von 5,12 Milliarden Dollar belegt Burger King den zehnten Platz der wertvollsten Fast-Food-Ketten weltweit. Damit wurde das Burger-Schnellrestaurant weit von seinem Erzrivalen McDonald's überholt.
Foto: REUTERSPlatz 9: Taco Bell
Bei Taco Bell gibt es Fastfood auf mexikanisch. In den USA hat die Imbiss-Kette besonderen Erfolg damit. Mit ihrem Markenwert von 5,39 Milliarden US-Dollar belegt sie den neunten Platz im Ranking.
Foto: APPlatz 8: Chipotle
Tacos, Burritos und Co. gibt es bei Chipotle zu kaufen. Das Unternehmen gibt es schon fast seit 25 Jahren, mittlerweile gibt es auch schon Filialen in Deutschland. Die TexMex-Kette belegt mit dem Markenwert von 5,7 Milliarden Dollar den achten Platz im Ranking.
Foto: APPlatz 7: Tim Hortons
Tim Hortons ist eine kanadische Schnellrestaurant-Kette. Benannt ist der Imbiss nach ihrem Gründer und Eishockey-Spieler Tim Horton. Anfangs beschränkte sich das Sortiment der Kette auf Kaffeespezialitäten und Backwaren, es wurde aber inzwischen auf Sandwiches und herzhafte Snacks erweitert. Der Markenwert ist auf 5,89 Milliarden Dollar angestiegen
Foto: APPlatz 6: Domino's Pizza
Bei manchen liegt sie sogar auf der Kurzwahl-Taste: die Nummer des liebsten Pizza-Lieferanten. Domino's ist ein Pizza-Lieferservice, den es bereits seit den Sechzigerjahren gibt. Das Unternehmen auch einen Firmensitz in Hamburg. Mit einem Markenwert von 6,29 Milliarden Dollar belegt Domino's Platz 6 im Ranking der wertvollsten Fast-Food-Ketten weltweit.
Foto: APPlatz 5: Pizza Hut
Käse im Rand, oder umso mehr obendrauf: Bei Pizza Hut wird nicht an Kalorien gespart. In nunmehr als 12.000 Filialen können sich Kunden ihre Pizza schmecken lassen oder ganz bequem Heim liefern lassen. Auf der Speisekarte stehen nicht die dünnen, italienischen Pizzen, sondern die dicke, amerikanische Pan-Version. Damit feiert das Unternehmen Erfolg: Der Markenwert beträgt 8,13 Milliarden Dollar.
Foto: APPlatz 4: Kentucky Fried Chicken
Frittierte Hähnchenschenkel aus dem Pappeimer - das ist seit Jahrzehnten das Erfolgsrezept von Colonal Sanders und seiner Hähnchenbraterei. Immer wieder wird das Unternehmen wegen der Haltung der Hähnchen kritisiert. Das tut dem Markenwert keinen Abbruch, der sich auch 13,52 Milliarden US-Dollar beläuft.
Foto: REUTERSPlatz 3: Subway
Hier werden dicke Brötchen gebacken – im wahrsten Sinne. Subway feiert mit seinen verschiedenen Baguette-Variationen weltweiten Erfolg. Der Markenwert beträgt 21,71 Milliarden Dollar und beschert dem Unternehmen ein Platz auf dem Treppchen der weltweit stärksten Fast-Food-Ketten.
Foto: dpaPlatz 2: Starbucks
Besonders in der kalten Jahreszeit möchte man gern mal einen heißen Kaffee trinken. Ob To-go-Variante oder klassisch in einem der Cafés, einen Starbucks findet so ziemlich jeder in seiner unmittelbaren Nähe. In Deutschland allein gibt es fast 160 Filialen des Kaffeehauses. Das spiegelt auch der Markenwert wider, der auf satte 44,23 Milliarden Dollar geschätzt wird. Nur eine Marke ist wertvoller.
Foto: APPlatz 1: McDonald's
Gold für das das goldene M: Man muss die Imbiss- und Café-Kette nicht lieben, aber kennen. Denn das Unternehmen ist an über 35.000 Standorten der Welt vertreten. Somit lässt Fast-Food-Kette alle ihre Rivalen alt aussehen. Der Markenwert beträgt unangefochtene 97,72 Milliarden US-Dollar.
Foto: dpaDenn wie in der Branche insgesamt, verschärft sich auch in der Speisemeisterei das Problem mit dem Personal. Markante Köpfe, die als Küchenchef und Gastgeber funktionieren, sind unerlässlich. Gleichzeitig brauchen sie ein Heer an Zuarbeiterinnen und Zuarbeitern, die aber bei mäßig attraktiven Arbeitszeiten traditionell schlecht bezahlt sind. In der Speisemeisterei bemerken sie diesen Engpass zum ersten Mal 2013/2014, als ein Küchenchef abhandenkommt. Ein neuer wird gefunden, scheidet schnell wieder aus. Bis ein Nachfolger an die Spitze geführt ist, vergeht Zeit. Gleichzeitig geht im Service der prägende Kopf verloren, finden sich immer schwerer Leute, die die Arbeit machen wollen.
Seit 2015 mäandert der Service ohne Führung, mit ständig wechselndem Personal durch den Alltag. Mal fehlt ein Gastgeber, mal verweigert die Sommelière einem wichtigen Geschäftskunden den gewünschten spanischen Wein. Und das in einem Segment, in dem der Gast pro Kopf gut 200 Euro bezahlt und entsprechend hohe Ansprüche hat. Patron Oehler kann durch seine TV-Auftritte überhaupt nicht so viel Gäste neu anlocken, wie sie der Service in jener Zeit vergrault. Die meisten Gäste kommen einmal – und nie wieder. „Wir haben es hier nicht mehr geschafft, die wirklich exzellente Küche stillvoll zum Gast zu bringen. Dieses stilvolle und wertschätzende aber ist in unserem Segment eminent wichtig“, sagt Schmid heute.
Schließlich schlägt auch noch die damalige Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) zu. Ihr Mindestlohngesetz verlangt auch von Gastronomen, die Zeit ihrer Leute genau zu erfassen. Ein echtes Problem in der traditionell auf hemmungslosem Überstundenaufbau basierenden Spitzen-Gastronomie. „Wir haben es nicht geschafft, das Gesetz zum Mindestlohn so für uns umzusetzen, dass danach eine ökonomische Perspektive da war“, sagt Schmid. Wer in diesen Monaten mit Gastronomen über ihre wirtschaftliche Lage spricht, hört keinen Namen so häufig wie Nahles. Selbst absolute Spitzenbetriebe wie die Schwarzwaldstube in Baiersbronn haben ihr Angebot ausgedünnt, weil es unter den neuen Arbeitszeitenanforderungen nicht mehr ökonomisch zu betreiben war.
Es gibt diese Momente, in denen Schmid, ein lockerer Typ mit zum Pferdeschwanz zusammengebundenen Haaren, das Ganze selbst nicht fassen kann. Man hätte, denkt er dann, eine einzige Veranstaltung mehr gebraucht im vergangenen Jahr, dann wäre es gelaufen. Oder, eine andere Hoffnungsrechnung: „Wenn wir aus jedem Gast 1,50 Euro mehr Erlös erzielt hätten, hätten wir es ebenfalls geschafft.“ Denn am Ende des Geschäftsjahres 2017 standen bei 1,5 Millionen Euro Umsatz der Speisemeisterei gerade einmal 40 000 Euro Verlust. Das wäre in vielen Branchen nicht wirklich ein Grund für den Gang zum Insolvenzrichter. Dass es dies für einen renommierten Spitzenbetrieb in der Gastronomie ist, sagt noch etwas anderes aus: Nicht nur Politik und Gesetz setzen der Gastronomie zu. Es ist auch der gesellschaftliche und kulturelle Wandel der Branche. Selbst kleine Umsatzsprünge sind kaum noch machbar, weil die Nachfrage stagniert, während das Angebot steigt.
Da wären etwa Unternehmenskunden, die lange Zeit vor allem dem Mittagsgeschäft in der gehobenen Gastronomie das Überleben sicherten. „Sie haben heute in allen großen Unternehmen eigentlich Compliance-Richtlinien, wonach Sie Geschäftspartner auf keinen Fall in ein Sterne-Restaurant einladen dürften“, sagt Speisemeister-Insolvenzverwalter Grub. In der Speisemeisterei brach dieses Geschäft entsprechend nach und nach weg.
Aber auch der private Kunde wird schwieriger. Zwar steigen die Ausgaben für Außer-Haus-Essen in Deutschland Jahr für Jahr. Allerdings findet das Wachstum bei Systemgastronomen und Snack-Anbietern statt. Die Gastromarktforscher NPD ermittelten für 2017 insgesamt 260 Millionen Besuche mehr als noch in 2014. Allein die Hälfte des Zuwachses stammt aus dem Jahr 2017. Davon profitierten am meisten Bäckereien, Lieferdienste, Arbeits- und Ausbildungsplatzverpflegung sowie Supermärkte – sie stellen zusammen 56 Prozent der positiven Entwicklung. Dabei machen sie nur ein Drittel der Gesamtmarktbesuche aus.
Nach Zahlen des Kölner EHI-Retail-Institut erzielen Einzelhändler mit zusätzlich zur Standardware bereitgestellten Gaumenfreuden aller Art jährlich bereits fast 9,3 Milliarden Euro Umsatz. In den nächsten Jahren rechnen nach einer EHI-Umfrage zwei Drittel der Kaufleute mit stabilen, ein Drittel mit wachsenden Umsätzen in diesem Marktbereich. Gerade größere Lebensmittelgeschäfte entwickeln kulinarischen Ehrgeiz, stellen Köche ein, eröffnen Restaurant-Konkurrenz. Der Umsatz von klassischen Speiserestaurants stagnierte dagegen laut Bundesamt für Statistik zwischen 2015 und 2017 komplett.
Und während der eine Teil der Kundschaft gerne parallel zum Einkauf oder in der Mittagspause auswärts isst, lässt ein weiterer Teil sich das Essen am liebsten per Fahrradkurier aufs Sofa bringen. „Gerade im Sommer“, sagt die Betreiberin eines Düsseldorfer Restaurants der gehobenen Klasse, „müssen Sie sich etwas einfallen lassen, wie Sie ins Liefergeschäft einsteigen. Die Leute lassen sich die Sachen lieber auf den Balkon oder in den Stadtpark liefern, als auszugehen.“
Nur: Abgesehen davon, dass Lieferdienste an den ohnehin schon schmalen Margen der Restaurants bis zu 30 Prozent mitverdienen wollen – welcher ambitionierte Koch mag sein Arrangement schon in eine Pappbox verpacken und dann durch die halbe Stadt schaukeln lassen? Der besagte Düsseldorfer Laden bietet nun einen abgespeckten Teil seines Angebots für unterwegs an. Eine Lösung? „Ein Versuch“, sagt die Gastronomin.
Das alles wäre womöglich wirtschaftlich leichter zu vertragen, wenn nicht bei stagnierender Nachfrage das Angebot deutlich steigen würde: allein die Zahl der Sternerestaurants wuchs seit 2013 um 25 Prozent. Noch nie gab es in Deutschland so viele Restaurants, die mit einem Stern bewertet sind oder auf dem Niveau knapp unter einem Stern wirtschaften. Wenn gleichzeitig aber das Angebot an Ein-Sterne-Restaurants steigt und die Nachfrage stagniert, entwertet der Stern. Zumal der preisliche Unterschied zum absoluten Top-Segment im Zwei- und Dreisterne-Bereich dann doch nicht so groß ist, dass potenzielle Gäste nicht lieber gleich dorthin gehen.
Michael Ellis, der bis vor kurzem mit dem Guide Michelin den wichtigsten Gastronomieführer verantwortete und für das Sterne-System in der Gastronomie zuständig war, sagte gerade der Fachzeitschrift Effilee: „Stellen Sie sich vor, Sie hätten eine Region mit tausend Restaurants, von denen 150 Sterne haben. Wenn es dann irgendwann zweitausend Restaurants gibt, gehen dreihundert Sterne in Ordnung. Das Verhältnis muss stimmen.“ Stimmt es aber nicht, wird zwangsläufig ein Stern weniger Wert, ohne dass aber der Aufwand für die Gastronomie sinkt. „Es gibt“, sagt Elliott, „manchmal ein Ungleichgewicht zwischen der gastronomischen Kultur in den Restaurants und in der Gesamtgesellschaft. In den USA ist es genau umgekehrt: Viele Leute interessieren sich für gutes Essen, aber es gibt zu wenig gute Restaurants.“
Auch Speisemeister Schmid sagt: Es gebe so viele Sternerestaurants, dass der Gast zusätzlich nach immer neuen Erlebnissen neben dem Essen sucht. Gleichzeitig habe er den Anspruch des Sterns aber nicht aufgeben wollen: „Aus meiner Sicht ist er jedoch für den Standort hier bei dem aktuellen Konzept zwingend erforderlich, da wir durch die Nähe zur Messe und zum Flughafen immer wieder von internationalen Gästen und Gesellschaften profitieren, die sich einzig auf das Qualitätsmerkmal Stern verlassen.“ Nur, wie das bezahlen?
Bei der Speisemeisterei flossen 28 Prozent in den Wareneinkauf, bis zu 52 Prozent ins Personal. Für Sternegastronomie übliche Werte, Systemgastronomen kommen zusammen mit etwas über 30 Prozent aus. Da bleibt kaum Spielraum. Versucht haben sie es dennoch. Zum Teil, indem sie Köche Speisen servieren ließen, um im Service Ressourcen frei zu bekommen. Zum Teil, indem sie das Angebot reduzierten: „Nur“ noch 300 Weinpositionen auf der Karte statt 800, nur noch zwei Menüs mit vier bis acht Gängen zur Auswahl, statt wie vorher ein Vielfaches an Kombinationsmöglichkeiten. So sollte das Personal von mehr als 50 auf um die 30 reduziert, das ganze wieder ökonomisch attraktiv werden. „So hätten wir eigentlich auf Dauer acht Prozent Rendite erwirtschaften können.“
Allerdings hätten auch dafür gut 60 Gäste an einem Abend kommen müssen. Das aber ist im Bereich der mittleren Top-Gastronomie fast unmöglich an sechs oder sieben Tagen in der Woche. Selbst Billy Wagner, Gastgeber und mittlerweile schon fast legendärer Sommelier im Berliner Sterne-Restaurant Nobelhart & Schmutzig, das wie kein zweites deutsches Restaurant in den vergangenen Jahren wegen seines bedingungslosen Kampfes für eine regionale, originär deutsche Sterneküche gefeiert wurde, setzte dieser Tage einen Warnruf ab: „Nach drei Jahren“, sagt Billy Wagner der Fachpostille „Feinschmecker“, „hat auch uns die deutsche Realität eingeholt. Am Dienstag und Mittwoch bleiben gelegentlich Plätze frei.“ Ein Betrieb in dieser Größenordnung aber rechnet sich nur, wenn er jeden Tag fast ausverkauft ist. Wagner passt deshalb mittlerweile die Preise für das Menü an die Auslastung an, wer dienstags oder mittwochs kommt, speist günstiger.
Und die Speisemeisterei? Der gute Ruf jedenfalls ist noch nicht verblasst. Auch wenn es kommerziell ein Geschäft mit Fragezeichen sein mag, lockt das Prestige. Insolvenzverwalter Grub jedenfalls ist zuversichtlich, bis zum Ende des vorläufigen Insolvenzverfahrens am 30. Juni einen neuen Investor gefunden zu haben. Pizza und Pasta, so viel steht fest, wird der dort wohl nicht machen. „Die Speisemeisterei“, findet Grub, „ist ja ein Aushängeschild der Stuttgarter Gastronomie.“ Und Aushängeschilder wollen sich immer noch viele Gastro-Unternehmer halten. Trotz allem.