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GründerAlt oder jung, wann ist die beste Zeit, ein Start-up zu gründen?

Erfahrung, Zeit und Geld – all dies braucht es ein Unternehmer. Nur: Wann hat man davon gerade genug, aber noch nicht zu viel? Zwei Gründer diskutieren, welches das beste Alter ist, um ein Start-up hochzuziehen.Thomas Stölzel 26.08.2018 - 12:00 Uhr

Sebastian Kuch (l), Rolf-Dieter Lafrenz (r).

Foto: Patrick Schuch für WirtschaftsWoche

Herr Lafrenz, Sie haben einen sicheren, gut bezahlten Job gekündigt, um den Logistik-Optimierer Cargonexx zu gründen. Und Herr Kuch, Sie haben Ihr Studium hingeworfen, um das E-Sports-Unternehmen MateCrate zu starten. Bereuen Sie das manchmal?

Lafrenz: Fragen Sie mich das in fünf Jahren. Auf jeden Fall ist es viel mehr Arbeit, Zweifel und Stress, als ich gedacht habe. Viel zu viel für mein Alter, sagt meine Frau.

Kuch: Vieles hab ich mir tatsächlich anders vorgestellt. Angeblich führen Start-up-Gründer ein cooles Leben, haben jede Menge Spaß und verdienen schnell viel Geld. In Wirklichkeit ist es Leben am Limit: Sieben-Tage-Woche, jeden Tag Vollgas, abends auch gern mal bis elf Uhr im Büro. 

Mit dem Alter kommt die Erfahrung. Die dürfte von Vorteil beim Gründen sein, oder?!

Lafrenz: Ich hab ein Logistik-Start-up gegründet. Die Kunden müssen mir vertrauen. Da ist Alter auf jeden Fall ein Vorteil. Und auch bei Verhandlungen kann ich souveräner auftreten.

Kuch: Ich sehe es als einen großen Vorteil, jung und unvoreingenommen zu sein. Ich habe noch keine Abläufe im Kopf, die ich aus anderen Unternehmen kenne und die mich auf einen falschen Weg lotsen. Aber ich stimme zu, dass es ein Nachteil ist bei Verhandlungen, jung zu sein. Ich habe Leute getroffen, die offenbar dachten: Den Bubi kann ich über den Tisch ziehen. Denen musste ich erst klar machen, dass ich zwar erst Anfang 20 bin, aber nicht auf den Kopf gefallen. 

Lafrenz: Ich verstehe, was Herr Kuch meint, wenn er von Unvoreingenommenheit spricht. Aber ich glaube auch, dass ich in bestimmten Dingen aufgrund meiner Erfahrung viel schneller bin, bei Bankgesprächen, bei der Organisation. Das alles habe ich in der Vergangenheit schon mal gemacht.

Rolf-Dieter Lafrenz (51) ist Gründer des Hamburger Logistikoptimierers Cargonexx. Das Start-up setzt künstliche Intelligenz ein, um Unternehmen, die eine Transportdienstleistung brauchen, automatisch den besten und preiswertesten Spediteur zu vermitteln. Dabei sorgt die Software dafür, dass die Lastwagen perfekt ausgelastet sind und die optimalen Routen fahren.

Foto: Patrick Schuch für WirtschaftsWoche

Auch finanziell steht man im Alter meist etwas besser da, was es einfacher macht, ein Unternehmen zu gründen.

Lafrenz: Nicht unbedingt, im Alter hat man schließlich auch höhere Ansprüche. Statt ein Start-up zu gründen, könnte ich sehr viele andere Dinge machen, die sehr gut bezahlt werden. Dann fragt mich meine Frau schon häufig mal, ob das denn der richtige Weg ist. Aber ich mache es nicht wegen des Geldes. Ich mache es, weil ich die Vision habe, die Logistikbranche zu verbessern. Bei der Investorensuche war es durchaus hilfreich, etwas Vermögen zu haben, weil ich so meine Investoren sorgfältiger auswählen konnte. Bei klassischen Früh-Investoren in Berlin hatte ich es dagegen schwer. Da passe ich nicht ins Schema. Die setzen lieber auf junge Gründer mit einfachen Geschäftsmodellen. 

Kuch: Keine Familie, eine kleine Wohnung am Stadtrand. Ich brauche nicht viel. Wenn‘s knapp wird, esse ich einfach etwas weniger. Ich habe mein Studium abgebrochen, die ersten Monate komplett auf Gehalt verzichtet und aus Ersparnissen gelebt. Inzwischen gönne ich mir ein dreistelliges Geschäftsführergehalt pro Monat. Und wenn ich Geburtstag habe, wünsche ich mir eine neue Hose. Fürs Unternehmen ist das gut, ich kann mehr Geld drin lassen. Und wir passen ins Schema der klassischen Wagniskapital-Investoren. 

Könnten Sie damit leben, wenn Ihr Start-up scheitert?

Lafrenz: Darüber mache ich mir schon häufig Gedanken, schließlich werde ich keine zehn Unternehmen mehr gründen können. Deshalb muss das jetzt funktionieren. Und deshalb fehlt mir oft die ganz große Leichtigkeit, die Herr Kuch vielleicht noch hat.

Kuch: Okay, das ist jetzt nicht meine letzte Chance. Aber ich will schon, dass MateCrate erfolgreich wird. Allerdings stimmt auch, dass ich Anfängerfehler machen darf, die im Alter sicher kritischer gesehen werden. 

Wie kamen Sie zu der Entscheidung, sich selbständig zu machen?

Lafrenz: Ich war über 20 Jahre Partner einer Unternehmensberatung und habe mich intensiv mit der Digitalisierung beschäftigt. 

Kuch: Wow, 20 Jahre in einem Unternehmen. So lang bin ich ungefähr auf dem Planeten.

Sebastian Kuch (22) ist Gründer des Hamburger E-Sports-Start-ups MateCrate. Sein Unternehmen sorgt dafür, dass auch Amateur-Computerspieler an professionell organisierten Wettkämpfen teilnehmen können. Sie bekommen Zugang zu Wettkämpfen und Trainings. Dafür startet Kuch unter anderem gerade die City Masters, eine Städtemeisterschaft, in der Computer-Spieler aus Hamburg gegen Computer-Spieler beispielsweise aus München antreten. Die App von MateCrate ist seit März am Markt, die City Masters starten im Herbst. 

Foto: Patrick Schuch für WirtschaftsWoche

Lafrenz: Ja, irgendwann stand ich im Stau, sah die Lkws sich bis zum Horizont aufreihen. Da habe ich mich gefragt: Kann ich das mit Technologie lösen? Ich hatte von Logistik keine Ahnung, trieb das erstmal als Projekt in der Unternehmensberatung voran. Wir haben Konzepte und Businesspläne gemacht, bevor ich zum Notar gegangen bin und ausgegründet habe. Wir haben dann fast ein Jahr unsere Algorithmen entwickelt, mit denen wir den Transport optimieren. Das alles, bevor wir in den Markt gegangen sind. Das ist eher ungewöhnlich. Die meisten Start-ups gehen direkt in den Markt. 

Kuch: Bei mir läuft es tatsächlich ganz anders ab und ich würde mich nicht trauen, in einer Branche zu gründen, von der ich nichts weiß. Ich habe mich deshalb gefragt: Wo hast du Erfahrung? Ich hatte extrem viel gezockt, mit neun Jahren angefangen, Computer- und Videospiele zu spielen. Ich wusste, was Gamer wollen und was fehlt. So bin ich Hals über Kopf gestartet. Bei einer Abendveranstaltung mit Investoren gab es ein entscheidendes Gespräch, und es gab ein erstes Investment. Binnen drei Monaten waren wir am Markt.

Lafrenz: Anders als Sie fanden wir es sogar besser, nichts zu wissen über die Branche. Ich hab am Anfang beispielsweise intensive Gespräche mit der Transportwirtschaft geführt. Alle haben mir gesagt, was ich versuche, kann nicht funktionieren. Und tatsächlich, wenn ich gewusst hätte, was ich heute weiß, hätte ich womöglich nie angefangen. Es gibt so viele kleine Probleme, die man eines nach dem anderen aus dem Weg räumt. Zudem habe ich am Anfang, weil ich mir über zu wenig Erfahrung Sorgen gemacht habe, erfahrene Speditionsleute eingestellt. Von denen musste ich mich nach sechs Monaten trennen, weil die bei uns ein traditionelles Logistikunternehmen aufbauten.

Star-Investor Thelen

"Frank, du bist nicht Steve Jobs"

von Jacqueline Goebel

Wie gehen Sie mit Rückschlägen um?

Lafrenz: In den ersten Monaten nach Marktstart bin ich jeden zweiten Tag heimgegangen und habe mich gefragt: War das der größte Fehler meines Lebens? Das war eine schlimme Zeit. Ich wusste nicht, ob wir eine kritische Masse an Kunden erreichen. Erst nach neun Monaten wurde langsam klar, es klappt. Aber selbst heute gibt es jede Woche noch Situationen, bei denen ich mich frage: Warum funktioniert das nicht schneller und besser? Da kann man nur die Zähne zusammenbeißen und weitermachen. 

Kuch: Unsere App hat nicht so eingeschlagen wie erhofft. Da dachte ich kurz: Mist! Trotzdem habe ich weitergemacht. Zurzeit erfahren wir gerade extrem viel Zuspruch, was den kleinen Misserfolg nun wieder ausgleicht. Für mich ist wichtig, aus Niederlagen zu lernen. Und wenn‘s ganz schlecht läuft, reagiere ich mich beim Sport ab. 

Wie strategisch denken Sie?

Lafrenz: Oh, ich denke total strategisch. Ich habe einen Masterplan bis 2027. 

Kuch: Echt jetzt?

Lafrenz: Ja, ich plane schon, wie unsere Anwendung funktionieren wird, wenn autonom fahrende Lkws unterwegs sind. Dann werden wir den Markt richtig aufrollen.

Gründen erfordert Mut

Unternehmensgründer werden rar in Deutschland, beklagt der Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland (VGSD). „Noch 2003 wurde jedem Arbeitslosen geraten, doch einen Senfladen aufzumachen. Heute haben wir aber das Gegenteil: Selbstständigkeit wird systematisch schlecht geredet, mit Scheinselbstständigkeit gleichgesetzt und unter staatliches Kuratel gestellt“, kritisiert Verbandschef Andreas Lutz. Als Beispiel verweist er auf die derzeit diskutierte und von vielen Freiberuflern abgelehnte Rentenversicherungspflicht für Solo-Selbstständige. Schon die zweifelhaft berechneten Krankenkassenbeiträge könnten Teilzeit-Selbstständige oft nur schwer aufbringen.

Angesichts der weitgehend gestrichenen staatlichen Gründungsförderung wagten oftmals nur jene den Sprung in die Selbstständigkeit, die eine wohlhabende Familie hinter sich wissen, die sie dabei finanziell unterstütze. Auf der anderen Seite braucht der Schritt in die Selbstständigkeit aber vor allem eines: Mut. Zwölf deutsche Gründer erzählen in "Lionhearted" (Bourdon Verlag, 16. August 2017) von ihrem – manchmal steinigen – Weg in die Selbstständigkeit und was sie daraus gelernt haben.

Foto: Pressebild, Montage

Anna Alex, Outfittery: "Wir haben nicht angefangen zu überlegen, was alles schiefgehen könnte. Wir haben eher überlegt, was alles gut gehen könnte."
Anna Alex ist Mitbegründerin von Outfittery, einer Online-Variante des Personal Shoppings. Der Kunde beantwortet auf der Homepage einige Fragen zu Kleidungsstil und Größe und erhält dann zwei bis drei für ihn zusammengestellte Outfits auf dem Postweg. Was ihm gefällt, behält er, den Rest schickt er zurück. Alex interessierte sich schon während des Studiums für die Start-up-Welt und arbeitete bei Rocket Internet und in einem Schweizer Start-up, bevor sie ihr eigenes Unternehmen gründete. Für die damals 26-Jährige keine mutige, sondern eine unabwendbare Entscheidung. „Weil ich mir einfach in den Kopf gesetzt hatte, es mir zu beweisen.“ Das sei vielleicht naiv gewesen, aber auch entscheidend fürs Durchhalten: „So und so und so läuft das und das sind die Gründe, warum eure Idee nicht funktionieren wird“, mussten sich die Gründerinnen oft sagen lassen. Ihr Weg: Weder grübeln, noch zweifeln, sondern Schritt für Schritt ein Problem nach dem anderen lösen und positiv denken.

Foto: WirtschaftsWoche

Albrecht Krockow, Post Collective: "Ich glaube, es ist bei jeder Firmengründung so, dass man sich das am Anfang ein bisschen romantisch vorstellt"
Albrecht Krockow ist Mitbegründer von Post Collective, einer Online-Galerie für „Social Influencer“, also Fotografen, die bei der Fotosharing-Plattform Instagram viele Follower haben. Ihre Werke können bei Post Collective in verschiedenen Materialien und Rahmungen erworben werden.

Kein ungewöhnlicher Weg für jemanden, der sich schon im Studium auf das „Digital Business“ spezialisiert und anschließend eigens bei der Holding Rocket Internet einsteigt, um das Gründen als Handwerk zu lernen. Was nicht bedeutet, dass immer alles glatt läuft: Die Erwartung „wir haben dann dieses Produkt und das ist so super, das reißen uns die Leute aus den Händen“ hielt in der Umsetzung nicht stand. Stattdessen treten komplexere Probleme auf, „die man am Anfang gar nicht antizipieren konnte“, so Krockow. Sein Weg: Nicht zu sehr auf die allererste Vorstellung fokussieren, flexibel bleiben und sich vernetzen: „Es hilft einem wahnsinnig, wenn man sich mit anderen Gründern austauschen kann.“

Foto: WirtschaftsWoche

Detlef Isermann, P&M Cosmetics: "Man kann kein Unternehmen gründen oder führen, wenn man nicht lernbereit ist und konstant daran arbeitet."
Detlef Isermann ist einer der Gründer von P&M Cosmetics mit der Marke Dermasence. In Zusammenarbeit mit Hautärzten wurde diese für Menschen mit Problemhaut oder Hauterkrankungen entwickelt und deckt inzwischen ein breites Spektrum an Pflege-Produkten für jeden Hauttyp ab. Dabei hatte Isermann eigentlich die „Zucht und Haltung von Pferden“ im Sinn, als er sich bei den Agrarwissenschaften einschrieb. Doch der Markt für Pferdezüchter erwies sich als zu eng und Isermann wollte sich nicht hinten anstellen.

Über den Kontakt zu Dermatologen, die einen Bedarf in der täglichen Praxis sahen, entstand die Geschäftsidee, für die der 29-Jährige belächelt wurde – auch noch Jahre nach der Gründung: „Die wenigsten haben allerdings verstanden, was wir genau vorhaben, und haben sich auch über unseren Erfolg immer gewundert.“ Den Gründer wiederum wundert, „warum nicht mehr Leute gründen, um Unternehmer statt Unterlasser zu sein.“

Foto: WirtschaftsWoche

Fridtjof Detzner, Jimdo: "Wenn mehr Leute das tun, was sie lieben, macht es die Welt ein bisschen besser."
Fridtjof Detzner ist einer von drei Jimdo-Gründern – so der Name eines kostenlosen, einfachen Webseiten-Baukastens. Ohne Vorkenntnisse lässt sich damit eine eigene Online-Präsenz mit vielen Zusatzfunktionen wie Blog, Bildergalerien oder einem Online-Shop erstellen – über 20 Millionen Webseitenbetreiber haben das bereits weltweit getan. Detzner gründete das Unternehmen bereits als Schüler. Zunächst ging es darum, Computer zu verkaufen, als die drei 16-Jährigen es noch toll fanden, Computer zusammenzubauen. „Das ist Gott sei Dank schnell vorbeigegangen“, sagt Detzner.

Anfragen, Webseiten zu bauen, sind hinzugekommen. Aber auch dabei entstehen Routinetätigkeiten: „Und da ist bei uns die Idee entstanden, wie cool wäre das eigentlich, nicht die Serviceleistung anzubieten, sondern ein Produkt zu haben, welches das Problem löst.“ Ein Experiment, das die drei Jungs am Anfang nicht so ernst genommen – einerseits. Andererseits waren sie stur genug, die Sache durchzuziehen: „Wie lange glaubst du an eine Idee? Letztendlich geht es darum, als Unternehmer etwas sehen und zeichnen zu können, was es noch gar nicht gibt.“

Foto: WirtschaftsWoche

Kai Böringschulte, Compeon: "Wenn ich es jetzt nicht tue und in ein paar Jahren lese, jemand anderes hat es getan, dann würde ich es bereuen."
Kai Böringschulte ist einer von drei Compeon-Gründern, einem Finanzportal für den Mittelstand. Unternehmer oder Freiberufler können dort ihren Finanzierungsbedarf ausschreiben, die angeschlossenen Banken ein Angebot abgeben und bei der Auswahl des besten Angebotes wird der Kunde neutral beraten.

Vor der Gründung arbeitete Böringschulte bei einer Bank und einer Unternehmensberatung – die solide Basis für den Schritt in die Selbstständigkeit, wie er sagt: „Ich war ich gut ausgebildet, hatte viel Erfahrung im Berufsleben gesammelt und auch Jobangebote als Backup.“ Der Wunsch, eine neue Idee selbst zu realisieren gab den Ausschlag, auch wenn sich der Gründer damals schon in einer Lebensphase befand, „in der die Risikoaffinität schon nachlässt: Da war ich 38 Jahre alt, hatte gerade ein Haus gebaut, und Kind Nummer zwei war auf dem Weg.“ Sein Weg: Das Risiko überschaubar halten, auch eigenes Geld investieren und das Modell immer wieder genau hinterfragen.

Foto: WirtschaftsWoche

Franziska von Hardenberg, Bloomy Days: "Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass noch niemand diese Idee hatte."
Franziska von Hardenberg ist die Gründerin von Bloomy Days, einem Versandhandel für frische Schnittblumen. Die Bouquets sind im flexiblen Abo oder als Einzelbestellungen erhältlich. Für den Geschäftsbereich werden Blumen etwa für das Beschwerdemanagement oder als Kundengeschenke angeboten. Von Hardenberg gründete ihr Unternehmen mit 27 Jahren, hatte zuvor Marketing und Kommunikationswissenschaften studiert und in der Start-up-Schmiede Rocket Internet gearbeitet.

Dort hat sie auch schon immer Schnittblumen auf den Tischen der Mitarbeiter verteilt und sich überlegt, was man sonst noch alles besser machen könnte: „Ich habe mich in meiner Festanstellung über so viele Dinge aufgeregt, weil ich so viel Verbesserungspotenzial gesehen habe und ich so viele Entscheidungen von anderen nicht gut fand.“ Als die Firma umzog und der Blumenladen nicht mehr auf dem Weg lag, entstand die Idee. „Es war die beste Entscheidung meines Lebens. Der Wille etwas zu tun, mich weiterzuentwickeln und etwas zu erschaffen, der ist intrinsisch.“

Foto: WirtschaftsWoche

Maurice Schadowske, Paulibird: "Man darf es nicht machen, nur weil man selbständig sein möchte. Man muss wirklich viel Spaß daran haben."
Maurice Schadowske ist der Gründer von Paulibird. Das Kreativlabel steht für Handgefertigtes wie Schmuck, Lampenschirme oder Pokale aus Cellulose-Acetat und gebrauchten Skateboards. Durch die unterschiedlichen Farben der einzelnen Holzschichten der Skateboards entsteht ein charakteristisches Muster. Den thermoplastischen Kunststoff Cellulose-Acetat lernte Schadowske bereits in seiner Ausbildung zum Optiker kennen.

„Wenn ich früher fertig und die Zeit noch da war, fing ich an Ringe zu machen und ganz viel anderes kurioses Zeugs. Wie zum Beispiel einen kleinen Tennisschläger.“ Eine Art Hobby, aus dem der Wunsch entstand, sich damit selbstständig zu machen. „In der Werkstatt sitzen und das machen, was man möchte. Einfach basteln.“ Anfangs lebte der Künstler davon von der Hand in den Mund, durch einen TV-Spot wurde er über Nacht berühmt: „Das, was ich jetzt anbiete, ist auch nur der Anfang. Mein Buch ist voll mit Ideen.“

Foto: WirtschaftsWoche

Mirco Wiegert: "Man kann nur große Ziele erreichen, wenn man große Ziele hat."
Mirco Wiegert ist Mitbegründer von Fritz Kola, einem Hersteller von Kola und Limonaden. Seit 2015 lässt das Unternehmen die alte Limo-Marke Anjola aufleben und nimmt damit Bio- und Fairtrade-Limonaden mit ins Sortiment. Dass Wiegert einmal Unternehmer werden wollte, war spätestens in der Ausbildung zum Speditionskaufmann klar, wo der Azubi regelmäßig mit seinen Verbesserungsvorschlägen scheiterte. „Das hat mich bestätigt, dass ich mich selbständig machen muss“, sagt Wiegert, der sich selbst eine Machermentalität ausstellt.

Das Studium „Außenwirtschaft und Internationales Management“ an der HAW Hamburg sollte dafür das nötige Handwerkszeug liefern. „Für mich ist das wie Sport. Dieses: Was kostet etwas, was kann man damit machen, kann man das verwerten, kann man das verkaufen und wie funktioniert etwas überhaupt?“ Sich nicht ausbeuten lassen und unabhängig arbeiten, war das Ziel. Womit? Damals gab es in der Gastronomie nur eine Kola. „Eine bessere Kola zu machen, wurde unser Traum.“

Foto: WirtschaftsWoche

Titus Dittmann, Titus: "Man muss sich inhaltliche Ziele setzen. Und wenn man das alles gut macht, kommt die Kohle von alleine hinterher."
Der Gymnasiallehrer Titus Dittmann brauchte eigentlich nur neue Skateboards für die Schüler seiner Skate-AG – in den 1970ern ein schwieriges Unterfangen. Anfänglich besorgte er einzelne Boards aus den USA. Als die Nachfrage größer wurde, professionalisierte er den Handel und wurde zum führenden Einzelhändel für Skateboards und Zubehör in Europa. Dass er dafür den sicheren Beamtenstatus aufgab, als gerade der Sohn geboren war, stieß das überall auf Unverständnis.

Aber Dittmann war sich seiner Sache sicher: „Ich habe schon ganz früh gemerkt: Alle finden zwar, dass ich nichts auf die Reihe kriege, aber mir ging das, was ich erreichen wollte, immer ganz locker von der Hand. Solange ich den anderen nicht erzählt habe, was ich erreichen wollte.“

Sein Ziel war es, eine Skater-Szene in Deutschland aufzubauen und nicht, Unternehmer zu werden. „So eine Type wollte ich doch nie werden!“ Mit brennendem Herzen ist aus dem „Vater der deutschen Skateboard-Szene“ dann aber doch ein erfolgreicher Unternehmer geworden.

Foto: WirtschaftsWoche

Wolfgang Hölker, Die Spiegelburg: "Du musst aufzeigen, wenn es den Kuchen zu verteilen gibt."

Wolfgang Hölker übernahm 1977 den traditionsreichen Coppenrath Verlag und schlug mit der Edition „Die Spiegelburg“, einer Kombination aus Buch und passenden Non-Book-Artikeln neue Wege ein. Prinzessin Lillifee und der Hase Felix sind zumindest für Kinder berühmte Beispiele, aber auch Erwachsene finden Geschenkideen in der „Spiegelburg Collection.“ Damals war aber Hölker schon längst Gründer: Mit 18 Jahren eröffnete er bereits gemeinsam mit einem Freund eine Galerie in einem leerstehenden Schusterladen, ganz ohne Business-Plan und langfristige Ziele – die Galerie gibt es inzwischen seit 50 Jahren.

Sie steht für das, was Hölker immer machen wollte: „Die Geschäftsidee bei Gründung war Unabhängigkeit.“ Aus einem ersten regionalen Kochbuch aus dem Münsterland entstand eine Serie und der Kontakt zum Coppenrath Verlag: „Ich bin in viele Dinge hineingestolpert und habe an gewissen Lebenskreuzungen andere ungewöhnliche und inspirierende Menschen kennengelernt“, sagt Hölker. Sein Weg: Antennen entwickeln, aufpassen und sich gut vernetzen.

Foto: WirtschaftsWoche

Lea-Sophie Cramer, Amorelie: "Es heißt nicht, nur weil Rocket alles anders macht, dass es auch der beste Weg für deine Company sein muss."
Lea-Sophie Cramer ist Mitbegründerin des Online-Sexshops Amorelie. Ziel war es, die Branche von ihrem angestaubten Schmuddel-Image zu befreien und mehr Menschen erfüllte Beziehungen ohne Routine zu ermöglichen. Schon in ihrem BWL-Studium riet ihr ein Mentor, Unternehmerin zu werden: „Er meinte, dass ich Dinge überdenke, die andere als gegeben hinnehmen.“

Zunächst arbeitete Cramer aber bei einer Unternehmensberatung, dann bei der Start-up Schmiede Rocket Internet, wo sie schnell Karriere machte und einen asiatischen Bereich mit insgesamt 1200 Leuten leitete. Ihre Kündigung und Gründung eines Online-Shop für Sexspielzeug waren daher ein Schock für die Eltern, der Freundeskreis reagierte mit Unverständnis – für Cramer beides ein Ansporn: „Mir war es wichtig, nicht in der Masse von BWLern unterzugehen.“ Als Cramer feststellte, dass die erotische Romantrilogie „Shades of Grey“ öffentlich im Zug gelesen wurde, gab das den Anstoß: „Ich glaube, dass man seinem inneren Antrieb und seinem inneren Ziel folgen muss.“

Foto: WirtschaftsWoche

Bruno Lammers, Saertex: "Und nicht nur sagen: „Die Mitarbeiter sind das Kapital der Firma“, sondern es auch wirklich meinen und leben."
Bruno Lammers ist Mitbegründer von Saertex, einem Produzenten für Höchstleistungstextilien und Leichtbaulösungen an neun Standorten auf fünf Kontinenten. Die Faserverbundstoffe, die bei einem Bruchteil des Gewichtes härter als Stahl sind, werden etwa in Windkraftanlagen, Flugzeugen, Raketen, aber auch in Rohren verwendet.

Dabei hatte der angehende Textilingenieur im Grunde schon bei seiner Studienwahl aus Familientradition auf das falsche Pferd gesetzt, wie er sagt: „Zu dieser Zeit ging in Deutschland die Textilindustrie steil bergab.“ Als sein Arbeitgeber Insolvenz anmelden musste, fragte ihn ein älterer Kollege, ob man sich nicht zusammen selbständig machen wollte. Die Idee der beiden Ingenieure: das Fachwissen über konventionelle Textilien für technische Anwendungen zu nutzen. Mutige Pioniere? „Der Mut kam einmal aus der Not, weil man ja auf der Straße stand, genauso wie alle anderen auch. Und dem Wissen, dass man schon was kann. Die zwei Faktoren hat man zusammengepackt.“

Foto: WirtschaftsWoche

Und wie oft mussten Sie den Plan umwerfen?

Lafrenz: Noch gar nicht. Wir sind immer noch bei unserem ersten Geschäftsmodell. Es dauert nur etwas länger als gedacht. 

Kuch: Unser Ziel ist, E-Sports für jeden anzubieten. Aber wie wir dort hinkommen, haben wir noch nicht bis ins Detail ausgearbeitet. Wir haben ein Produkt und eine These, die überprüfen wir, und leiten davon den nächsten Schritt und die nächste These ab, die wir wieder überprüfen. Unser Markt ist aber auch ganz neu und entwickelt sich so rasant, dass wir nicht wissen, welcher Bedarf in den nächsten Monaten entsteht. 

Man lernt über die Jahre seine Stärken und Schwächen kennen. Wie erledigen Sie die Arbeit, die Ihnen weniger liegt?

Kuch: Das ist sicher ein Nachteil meines Alters. Ich muss erst herausfinden, wo ich super drin bin und wo mir Talent fehlt. Aber das geht schnell. 

Lafrenz: Ich hab mir gleich ein Team zusammengestellt, das die Aufgaben je nach Talent übernimmt. Denn wenn ich kein Talent habe, brauche ich viel Zeit für die Dinge, die dann trotzdem nicht gut werden. Unser Technikchef ist extrem erfahren, war zuvor bei Logistik Hero, unser Vertriebschef war Geschäftsführer eines großen Finanzdienstleisters und unser Chef fürs Operative war Berater.

Und wie wichtig ist es, sich mit Technik auszukennen??

Kuch: Technikaffin zu sein, das ist in meinen Augen unerlässlich, unter anderem für die Produktentwicklung. Aber auch beim Büroablauf ist es wichtig, mit welchen Werkzeugen ich mich besser organisieren kann. Das hilft, mit wenigen Leuten viel zu schaffen. 

Lafrenz: Ich kann nicht programmieren, da gibt es Experten bei uns. Dafür sehe ich als Nicht-Techie sehr schnell, wenn etwas zu kompliziert ist für den Nutzer. Wir ermöglichen, Lkw-Transporte mit einem Klick abzuwickeln. Da ist Einfachheit der Kern unseres Geschäfts.

Stellen Sie denn auch Leute außerhalb Ihrer Altersgruppe ein?

Lafrenz: Sicher, ich bin nicht der Älteste und wir stellen auch sehr viele junge Leute ein, die um die 30 sind.

Kuch: Naja, wir sind schon alle deutlich jünger. Unser Durchschnitt liegt bei 25. 

Würden Sie denn einen 51-Jährigen einstellen?

Kuch: Ja, wenn er kein Problem damit hat, dass sein Chef sein Sohn sein könnte. Ein Entwickler bei uns, der schon etwas älter ist und zwei Kinder hat, ist beispielsweise sehr wertvoll für uns. Er bringt Ruhe ins Büro, wenn die Nerven mal durchgehen. 

Wenn man eigene Kinder bekommt, wird die Zeit knapper. Bremst das das Start-up?

Lafrenz: Du hast dann mehr Verantwortung, denn deine Familie braucht mich. Das bremst schon. In den ersten anderthalb Jahren habe ich keinen Urlaub gemacht. Irgendwann kam dann massiver Protest von der Familie. Am Wochenende geht das weiter. Ich hab drei Mädchen. Die schlafen morgens zwar etwas länger. Da kann ich arbeiten. Aber danach muss ich für sie da sein.

Kuch: Bei mir leidet der Freundeskreis, auch meine Eltern wollen ab und zu mal ein Lebenszeichen hören. Aber ich hab schon etwas mehr Zeit für die Firma als Herr Lafrenz. 

Streben Sie irgendwann einen Verkauf Ihres Start-ups an?

Lafrenz: Unser Ziel ist auf keinen Fall ein Verkauf. Wir wollen ein eigenständiges großes Unternehmen aufbauen.

Kuch: Wir wollen natürlich auch etwas Großes aufbauen, uns so im Markt positionieren, dass wir irgendwann auch gutes Geld verdienen. Ich kann mir dabei aber durchaus auch einen Verkauf vorstellen. Es gibt viele Unternehmen, die zurzeit E-Sportsfirmen suchen. Bevor wir zum Verkauf stehen, wollen wir diesen Unternehmen aber erst einmal zeigen, wie man die Generation Y und die Generation Z erreicht. 

Lafrenz: Bei uns gibt es noch eine große ideelle Komponente. Unser Ziel ist es, Lkws besser auszulasten, um mehr Platz auf den Straßen zu schaffen und das Klima zu schonen. Ein Lkw verbraucht 30 Liter Diesel auf 100 Kilometern. Das spielt für mich ein große Rolle. 

Was würden Sie der anderen Altersgruppe raten, wenn diese gründet?

Kuch: Ich kann ja nicht aus Erfahrung sprechen, wie festgefahren man im Alter ist. Aber in meinen Augen sollten ältere Gründer Arbeitsweisen überdenken, die sie sich über die Jahre angeeignet haben. Manchmal sollten sie einfach denken und handeln wie in ihrer Jugend. 

Lafrenz: Wenn man in der Lage ist, zurückzublicken, dann stellt man sich die Frage: War das, was du bisher gemacht hast, wichtig? Ich hab in den vergangenen 20 Jahren Dinge gemacht, die häufig nur kurzfristigen Zielen genügten, aber keinen wirklichen Unterschied gemacht haben. Ich würde deshalb jedem jungen Gründer raten: Springt weit, versucht etwas zu machen, das die Welt bewegt! Macht etwas, auf das ihr in 30 Jahren stolz sein könnt!

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