Bahn-Managerin nimmt Auszeit: „Dann ist man drin und läuft und läuft“
Antje Neubauer wurde 1970 in Gelsenkirchen geboren. Nach dem Abitur studierte sie Kommunikationswissenschaft an der Universität Duisburg-Essen. Ihre erste Anstellung fand Neubauer bei der damaligen RWE-Telekommunikationstochter Telliance und betreute dort das Osteuropageschäft. Nach Stationen bei den Berliner Wasserbetrieben, Thames Water in Mülheim an der Ruhr, wieder RWE und dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft landete sie mit Ende Dreißig bei der Deutschen Bahn, zunächst bei der Logistiktochter DB Schenker. Anfang 2017 übernahm sie die Leitung der PR- und Marketingabteilung. Im November 2018 zeichnete der „PR Report“ sie als „Kommunikatorin des Jahres“ aus.
Foto: Dan Zoubek
Foto: PRWirtschaftsWoche: Frau Neubauer, Sie haben vergangene Woche öffentlich mitgeteilt, Ihren Job als Marketing und PR-Chefin bei der Deutschen Bahn im Sommer zu verlassen. Ganz ohne Frust, Streit oder Burn-out. Ihr Schritt erhält sehr viel Aufmerksamkeit – hätten Sie das erwartet?
Frau Antje Neubauer: Ich bin maximal überrascht. Ich kann es mir nur so erklären, dass ich wohl einen Nerv getroffen habe, weil ich mir einen Wunsch erfülle, den viele andere auch in sich tragen. Und dass viele offenbar dankbar sind, weil jemand es tut. Ich habe noch nie so viele Nachrichten über soziale Medien bekommen. Das ist wahnsinnig beeindruckend. Und das Schöne: es überwiegen die positiven Reaktionen.
Karriere, Aufstieg, auch Geld – darauf arbeiten erfolgsorientierte Menschen hin. Sie treten davon freiwillig zurück. War es am Ende doch nicht so toll am Ziel wie gedacht?
Ganz im Gegenteil. Ich empfinde immer große Freude, wenn ich meine gesetzten Ziele erreiche. Ich bin jemand, der Dinge annimmt, dafür bin ich auch die extra Meile gegangen. Als ich 1995 mein Studium beendete, herrschte hohe Arbeitslosigkeit. Es war schwer einen Job zu finden, deutlich anders als heute. Dazu hatte ich auch noch eine Geisteswissenschaft studiert, das machte die Sache nicht leichter. Vielleicht hatte ich Glück oder ich habe überzeugt, aber ich fand zügig einen tollen Job. Ab dann ist man drin und läuft und läuft. Das hat mir auch großen Spaß gemacht. Ich wurde nicht nur getrieben, sondern habe mich auch selbst getrieben. Zeit, um mal durchzuatmen und links und rechts zu schauen, davon gab es nicht viel. Dafür bewundere ich die Generation, die jetzt nachkommt und die das einfordert. Meine Generation – ich bin 1970 geboren – hat das nicht gelernt.
Das heißt, Sie hatten in knapp 25 Jahren Berufsleben keine längeren Auszeiten?
Kaum. Ich habe keine Kinder, was ich schade finde, was mich aber auch nicht negativ begleitet. Dadurch gab es keine familiär bedingten Unterbrechungen. Ich war beruflich immer sehr glücklich und bin es immer noch. Wenn eine Herausforderung da war, habe ich immer die Hand gehoben. Mit Anfang Dreißig habe ich mal einen Job gekündigt, ohne einen Neuen zu haben. Ich wollte mal durchatmen. Zu dem Zeitpunkt war ich aber noch nicht so reflektiert und hierarchisch noch nicht weit genug, um mir eine wirkliche Neuorientierung, wie ich sie jetzt vorhabe, gönnen zu können. Dazu muss man wahrscheinlich ein gewisses Alter und eine gewisse Reife haben.
Nun gehen Sie in eine quasi selbstgewählte Arbeitslosigkeit, das Schreckensszenario Ihrer Jugend. Wie kommt es dazu?
Es kommt darauf an, wie man Arbeit definiert. Ich habe mich nach 25 Jahren in der Kommunikation entschlossen, einen Moment inne zu halten und mir die Zeit zu nehmen, um losgelöst vom Berufsalltag zu überlegen, wie ich persönlich meine nächsten „50“ Lebensjahre gestalten möchte. Ich empfinde das für mich als ein großes Stück Arbeit. Allerdings wird es definitiv nicht gut bezahlt. Für mich war es eine logische und konsequente Entscheidung, diesen Schritt in dem Moment zu gehen, in dem es beruflich und privat sehr gut läuft. Viele derer, die mich nun ansprechen, erzählen genau das Gegenteil: Deren Auszeit kommt zu einem Zeitpunkt, wo es ihnen nicht so gut geht. Dafür habe ich sehr großes Verständnis, der Weg ist aber sicherlich sehr viel schwerer. Man braucht doppelte Energie, um zuerst die Seele heilen zu lassen und dann die Neuorientierung anzugehen. Ich gehe den anderen Weg, fühle mich in mir wohl und versuche jetzt, aus dieser Stärke heraus die Energie zu nutzen. Ich habe Kommunikation und Marketing gemacht – nun will ich wissen: Was macht mich als Mensch privat und im Beruf sonst noch aus, wo könnte ich mich hin entwickeln?
Haben Sie das alles mit sich selbst ausgemacht oder sich beraten lassen?
Ich habe das mit meinem Lebensgefährten, meiner Familie und Freunden besprochen. Natürlich auch mit Oliver Schumacher, dem Leiter der Kommunikation bei der DB, als meinem Chef. Das war ein Prozess von einem guten halben Jahr. Die Entscheidung jetzt kommt zu einer Zeit, in der ich beruflich sehr glücklich bin. Ich habe einen herausfordernden und spannenden Job und ein exzellentes Team und ich habe einen großartigen CEO und mit Oliver Schumacher einen freundschaftlichen und langjährigen Sparringspartner. Das macht es leichter, nun ein Stück zurückzutreten und zu überlegen, ohne festen Zeithorizont.
Aber etwas muss Ihnen ja doch gefehlt haben. Zum Beispiel sagten Sie, Sie wollten öfter als nur einmal im Quartal mit Ihrem Pferd durch die Wälder reiten.
Ich stehe morgens um sechs Uhr auf und bin häufig spät abends zuhause. Der Tag ist hochspannend, aber sehr anstrengend. Das geht vielen Managern so. Auch am Wochenende ist man häufiger beschäftigt, punktuell auch im Urlaub involviert. Reiten ist meine Passion, das macht mich einfach glücklich. Wenn ich in den Stall komme, ausmiste und mein Pferd sehe, dann bin ich wieder Antje. Dafür möchte ich mir zukünftig wieder Zeit nehmen.
Also sind Sie doch ein wenig unglücklich, weil das, was Sie glücklich macht, immer hinten runterfiel?
Nein, ich habe dieses Glücksgefühl vom Reiten in mir gespeichert. Aber ja: Es hat mich manchmal genervt, dass ich es einfach nicht mehr geschafft habe. Durch den Job meines Lebensgefährten leben wir zudem in zwei Städten, das ist eine zusätzliche logistische Herausforderung.
Schon mal darüber nachgedacht, 43,5 Stunden pro Woche Akten zu schreddern? Mit Gepäck durch Bahnhöfe zu laufen? Briefmarken händisch zu schneiden und zu kleben? Oder bei Hitze im Stau zu stehen? Nein? Verständlich, denn einen so großen Teil seiner Lebenszeit möchte man doch gerne mit einer weniger anstrengenden, nervtötenden, stupideren Tätigkeit füllen.
43,5 Wochenstunden verbringen abhängig Vollzeitbeschäftigte in Deutschland durchschnittlich aber auch bei der Arbeit, wie der aktuelle Arbeitszeitreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zeigt. Kein Wunder, dass bei einer Studie der Personalberatung Manpower Group 46 Prozent der im Jahr 2017 Befragten in den folgenden zwölf Monaten einen Jobwechsel planten. 23 Prozent wollten mehr verdienen, 17 Prozent fühlten ihre Leistungen nicht wertgeschätzt, 14 Prozent litten unter einem schlechten Arbeitsklima.
Ein Wechsel erscheint vielen als die Lösung aller Jobprobleme. Doch es gilt einige Regeln zu beachten. Wie der berufliche Neustart gelingt, lesen Sie hier.
Foto: FotoliaIhr Kalkül ist klar: Wenn ich schon so viel Zeit mit Arbeit verbringe, sollte sie entweder gut bezahlt sein oder doch wenigstens Spaß machen. Tut sie das nicht, kann ein Wechsel helfen. „Eine Tätigkeit auszuüben, die Sinn stiftet und die eigenen Bedürfnisse befriedigt, macht zufriedener und gesünder“, sagt Guido Hertel, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Psychologie der Universität Münster. Diese Tätigkeit zu finden, sei eine sehr lohnende Investition, sagt Hertel. Aber wie jede Anlage kostet sie Mühe und Zeit.
Die folgenden sechs Schritte helfen dabei, diese Entscheidung systematisch anzugehen.
Foto: Fotolia1. Bestandsaufnahme
Bevor man eine Marschroute festlegt, muss man zunächst wissen, wo man sich befindet. Vor einer möglichen beruflichen Veränderung heißt das: die aktuelle berufliche Situation genau analysieren. Was macht Spaß, was bringt Ärger? Sind es organisatorische Themen, die stören, wie etwa zu lange Arbeitszeiten oder eine unpassende Aufgabenverteilung? All das sind Dinge, die man im Dialog mit Vorgesetzten und Kollegen klären kann, ohne gleich zu kündigen.
Foto: FotoliaPersönliche Probleme mit dem Chef oder atmosphärische Störungen im Team sind dagegen eine schwierigere Ausgangsbasis. Hierauf hat man als Einzelperson nicht immer einen großen Einfluss, was einen Wechsel durchaus rechtfertigen kann. Grundsätzlich gilt aber auch in solchen Fällen die Devise, alle Möglichkeiten auszureizen, die bestehende Situation zum Besseren zu beeinflussen, bevor man sich über einen Abschied Gedanken macht.
Foto: Fotolia2. Motivation
Scheinbar unlösbare Problem erhöhen die Wechselbereitschaft. Dem Impuls sollte man aber nicht sofort nachgeben, der Fluchtreflex ist selten ein weiser Ratgeber. „Am Ende ist eine Wechselentscheidung eine rationale Kosten-Nutzen-Abwägung, auch wenn ein diffuses Bauchgefühl hier wichtige Hinweise geben kann“, sagt Guido Hertel von der Universität Münster.
Die Kosten, das sind Kompetenzen, an denen man jahrelang gearbeitet hat und Netzwerke, die man über lange Zeit geknüpft hat, und die man sich jeweils neu aufbauen muss. Der Nutzen ist die Aussicht auf größere Zufriedenheit. Die Energie, die der Gedanke an etwas Neues weckt, sollte man deshalb nutzen, um diese Abwägung in Ruhe zu treffen. Es gilt das Motto: „Hin zu“ ist immer besser als „weg von“.
Foto: FotoliaUm ganz ehrlich zu sich zu sein, müsste man sich noch eine weitere Frage stellen: Hat die persönliche Unzufriedenheit überhaupt eine Ursache im Beruflichen – oder ist sie eine reine Projektion? Unter Umständen sucht man nach der Lösung dann an der völlig falschen Stelle, so wie jemand, der nachts seinen Schlüssel verliert und nur unter einer Straßenlaterne sucht, weil es dort eben hell ist. Statt blind zu wechseln, müsste man sich selbst hinterfragen und sein Verhalten ändern, sagt der Psychologieprofessor Guido Hertel. Wer das nicht tut, kommt zu einem neuen Arbeitgeber, hat viel Zeit und Geld investiert und fühlt sich danach keinen Deut besser.
Foto: Fotolia3. Reflexion
Bevor man einen neuen Job antritt, sollte man sich seine Prioritäten klarmachen. Will man weniger arbeiten? Mehr Verantwortung? Oder braucht man vor allem mal ein neues Umfeld? Wichtig ist außerdem, zu überlegen, wo die eigenen Stärken und Schwächen liegen – und bei welchen Tätigkeiten man in der Vergangenheit die größten Erfolge erzielt hat. Diese Antworten liefern wichtige Anhaltspunkte, um eine passendere Stelle zu finden – andernfalls wird man dort auch nicht glücklicher.
Foto: FotoliaDas kann man tun, indem man sich all diese Fragen versucht selbst zu beantworten – oder man holt sich Hilfe von Profis, wie Barbara Rörtgen und Tim Prell. Seit 18 Jahren beraten die beiden unter dem Namen „Enwicklungshelfer“ Menschen, die sich beruflich verändern wollen. Ihren Ansatz fassen sie so zusammen: „Zwei Menschen, die sich einen ganzen Tag lang mit einem zusammen das Hirn über einen selbst zerbrechen.“
Zu ihren Klienten gehören meist Menschen, die in der Lebensmitte stehen und die sich in einer von außen betrachtet erfolgreichen Position wiederfinden, in der sie sich selbst aber überhaupt nicht mehr sehen. Ein Termin dauert acht, neun, manchmal zwölf Stunden am Stück. „Das ist auch nötig“, sagt Tim Prell. Denn viele Menschen würden ein unstimmiges Selbstbild mit sich herumtragen, das erst in Krisensituationen hinterfragt würde. „Erst nach einer so langen, intensiven Befragung tauchen Widersprüche auf und man kann das falsche Selbstbild durchschauen und es stimmiger zusammensetzen“, so Prell.
Dazu passend entwerfen sie dann konkrete Karrierewege, an die sich die Klienten in den meisten Fällen auch tatsächlich halten, wie Röttgen und Prell in einer Umfrage ermittelt haben. So wurde auf ihr Anraten eine Zahnärztin zur Tanztherapeutin, ein Projektleiter zum Nachhaltigkeitsexpertin und die Eventmanagerin zur Sexualberaterin.
Foto: Fotolia4. Analyse
Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, sich den Arbeitsmarkt genauer anzuschauen. Dabei kann man ruhig den Blick über den Tellerrand der eigenen Branche wagen. Wo könnten die Stärken und Interessen, die man für sich erkannt hat, ebenfalls nützlich sein? Welche Unternehmen sind darauf angewiesen? Und welche Berufe ergeben sich daraus? Es kann außerdem sein, dass man von Personalberatern angesprochen wird, deren Angebote man nach den gleichen Kriterien überprüfen sollte.
Foto: FotoliaDerzeit ist vielfach die Rede davon, dass derzeit ein so genannter Arbeitnehmermarkt herrsche. Das heißt, Unternehmen sind so verzweifelt auf der Suche nach Fachkräften, dass Arbeitnehmer die Bedingungen diktieren können. Natürlich bedeutet das, dass es viel mehr Möglichkeiten gibt, sich zu verändern. Dass man jede Gelegenheit mitnehmen muss, die sich bietet, nur weil sie eben da ist, heißt das aber nicht. Den Markt sollte man erst dann sondieren, wenn man wirklich unzufrieden ist – und nicht unzufrieden sein, weil der Markt die Optionen liefert.
Foto: Fotolia5. Recherche
Unternehmen verkaufen sich gerne als coole, großzügige, verständnisvolle, fordernde und unterstützende Arbeitgeber. Employer Branding nennt sich diese Art des Eigenmarketings – und wie zu erwarten stimmt das vermittelte Bild nicht immer mit der Realität überein. Eine gründliche Recherche über die Zustände bei potenziellen Arbeitgebern ist deshalb unbedingt nötig.
Foto: WirtschaftsWocheAm besten spricht man Menschen an, die in dem anvisierten Feld arbeiten. Wie ist die Stimmung in den Unternehmen? Ist die Kultur eher hierarchisch oder frei? Stehen große Veränderungen an oder ist die Strategie auf Jahre gesetzt? Das eigene Netzwerke, aber auch externe Berater, können dabei helfen, ein Unternehmen zu finden, dessen Kultur den Erwartungen entspricht. Jetzt ist auch ein guter Zeitpunkt, sich eine schlüssige Geschichte für den Wechsel zu überlegen. Denn spätestens bei der Bewerbung sollte das Drehbuch der eigenen Veränderung stehen. Frust ist dabei nie ein gutes Verkaufsargument.
Foto: Fotolia6. Wechsel
Ist der Entschluss zum Wechsel gefallen, sollte man aber nicht übermütig werden. „Üblicherweise raten wir den meisten Menschen, in ihrem Job zu bleiben, so lange bis sie ganz genau wissen, ob sie sich verändern wollen und wohin“, sagt die Beraterin Barbara Rörtgen. So kann man sich Zeit lassen, um herauszufinden, was man stattdessen will und wie man das erreichen kann. Radikale Brüche machten den meisten dagegen zu viel Angst, so Rörtgen. „Angst ist ein schlechter Ratgeber“, sagt die Beraterin, „Wenn man um die eigene Existenz fürchtet, kann man nicht mehr frei denken.“
Wovon sie und ihr Kollege Tim Prell ebenfalls abraten und was beim ersten Hören überrascht, ist das direkte Umfeld nicht zu früh mit einzubeziehen. „Wir leben in einer veränderungsaversen Welt“, sagt Prell. „Wer sagt, er möchte sich verändern, versetzt sein Umfeld erst mal in Angst und Schrecken.“ Die erste Reaktion sei dann meist, einen genau da hin zurück zu bringen, wovon man eigentlich wegwollte. Warum wolle man denn was anderes tun? Und überhaupt: Es sei doch alles gut wie es ist. „Das machen die nicht aus böser Absicht, sondern auch Unsicherheit“, sagt Prell. Das ändere aber nichts daran, dass viele von ihrem Umfeld von einer möglichen Veränderung abgehalten werden, bevor sie überhaupt damit anfangen konnten.
Foto: FotoliaWenn man sich dann im kleinen Kreis geeinigt und einen neuen Vertrag unterschrieben hat, heißt es, Abschied nehmen vom aktuellen Arbeitgeber. Zuerst sollte man den direkten Vorgesetzten informieren, erst danach das Team. Dabei ist es ratsam, den Entschluss rational und nachvollziehbar zu erläutern, aber ohne emotional nachzutreten. Und auch, wenn der Impuls da sein mag: Mit Chef und Kollegen noch mal so richtig abzurechnen ist aus strategischer Sicht unklug und dazu noch ganz schlechter Stil.
Ein Wechsel erscheint vielen als die Lösung aller Jobprobleme. Doch es gilt einige Regeln zu beachten. Wie der berufliche Neustart gelingt, lesen Sie in der WirtschaftsWoche.
Foto: FotoliaWas Sie schildern, klingt sehr stressig: Lange Tage, keine Zeit für Privates, keine Zeit fürs Pferd, zwei Wohnorte. Da hätten andere schon lange kapituliert. Wie haben Sie es über die Jahre geschafft, aufrecht, optimistisch und gesund zu bleiben?
Ich habe das große Glück, dass ich sehr schnell von Job auf privat umschalten kann. Probleme, die mich eben noch getrieben und bewegt haben, sind dann erst einmal für einige Stunden „on hold“. Das ist sehr gesund für mich und auch für mein privates Umfeld. Das klappt natürlich nur, wenn man grundsätzlich Spaß an der Arbeit hat. Man sollte sie nicht als lästige Pflicht sehen, dann zerfrisst die Arbeit dein privates Leben. Ich persönlich, und das meine ich wirklich, habe Spaß beim Arbeiten. Ich schätze die Menschen dort, sie bereichern mich. Natürlich gibt es auch Abende, an denen ich platt und erschöpft bin. Aber weil ich gerne arbeite, fühlt sich das nicht negativ an. Auch wenn vieles neben diesem Job keinen Platz hat, habe ich in der Sache ein gutes Gefühl. Dazu kommt, dass ich einen hohen Freiheitsgrad habe und mit meinem Team gestalten kann.
Haben Sie Sorge, dass doch noch die Angst vor der eigenen Courage kommt?
Mir ist absolut klar, dass ich in einer privilegierten Situation bin. Wenn man kreativ arbeiten kann, mutig sein darf und wenn es dann trotzdem mal nicht klappt, von einem tollen Team gestützt und gestärkt wird, ist das schön. Das muss ich wirklich betonen. Aber wenn ich eine Entscheidung gefällt habe, ist sie gefällt.
Können Sie sich eine Rückkehr vorstellen?
Den Gedanken habe ich nicht. Das wäre doch auch komisch, dann hätte ich mich für ein Sabbatical entschieden. Ich schätze das Arbeiten in der Bahn-Familie, es ist ein spannender Konzern mit einem wichtigen Auftrag - nämlich Sicherstellung von Mobilität. Ob ich je zurückkehre, kann ich nicht beantworten. Für mich steht jetzt die Neuorientierung im Fokus.
Sie haben die jüngere Generation erwähnt, die heute eine andere Arbeitswelt vorfindet, aber auch mehr von ihren Arbeitgebern fordert. Hat Sie das angeregt, sich jetzt eben auch das zu nehmen, was Sie gerade brauchen?
Zunächst: Verantwortung muss man schon übernehmen und Erfolg ist nicht gottgegeben. Er erfordert die Extrameile und der Weg tut manchmal weh. Das ist so. Aber, wenn ich mir die neue Arbeitswelt so anschaue, dann ist viel Wahres in Konzepten wie Work-Life-Balance und ähnlichem. Ich glaube an ein gesundes Maß von Arbeit und Leben und das muss möglich sein. Unternehmen haben es übertrieben. Wenn ich an Dinge wie Anwesenheitspflicht denke – wer am längsten im Büro sitzt, ist vermeintlich der Beste – da geht es nicht um Qualität der Arbeit. Die Generation Y lässt das gar nicht mehr zu. Mit denen müssen Arbeitgeber anders agieren. Das betrifft auch die herkömmliche Vorstellung von Loyalität dem Unternehmen gegenüber. Die junge Generation sagt: Okay, ich tue etwas für Dich, aber was gibst Du mir dafür? Das finde ich eine gesunde Einstellung. Beide Seiten müssen sich anstrengen, damit die Balance stimmt. Auch, die Stelle zu wechseln und auszuprobieren, was zu einem passt, ist gesund. Der Perspektivwechsel lässt Leute wachsen, dadurch werden sie erst groß und stärker. Beim Thema Familie hat sich viel getan. Ich habe das noch anders erlebt, auch wenn es meine freie Entscheidung war, keine Kinder zu bekommen. Wir sind aber noch nicht da, wo wir sein sollten: Väter müssen selbstverständlich Elternzeit machen können – und nicht mit dem Ende ihrer Karriere bestraft werden, weil die Chefs denken: Was ist denn das für ein Mann? Was für ein Achtzigerjahre-Gedanke!
Mussten Sie auch Überzeugungen über Bord werfen?
Ich bin in meinem frühen Berufsleben sozialisiert worden in einer Welt von „alten weißen Männern“ (lacht). In vielen Köpfen waren die Vorstellungen von der Arbeitswelt tradiert. Ich glaube, von mir behaupten zu können, dass ich progressiv unterwegs bin. Bilaterale Absprachen können einfacher sein als offizielle Regelungen. Es gab zum Beispiel mal eine junge Mutter, die zurückkam. Ich habe ihr gesagt, dass sie nach vier oder fünf Stunden nach Hause gehen und sich um ihr Kind kümmern kann. Die restliche Arbeit könne sie abends noch erledigen. Ich wusste, ich kann mich blind darauf verlassen. So etwas hatte ich ganz oft. Dafür erhält man eine hohe Loyalität. Das muss auf Augenhöhe laufen, dann ist das Vertrauen da. Wenn jemand glücklich und zufrieden ist, dann klappt das. Wenn alles in Regeln gepackt und erzwungen werden muss, ist es nicht der richtige Weg.
Was würden Sie jüngeren Menschen raten, die sich gerade mitten auf der Karriereleiter befinden? Gibt es einen Punkt, wo man innehalten sollte?
Wenn man mitten auf der Karriereleiter angekommen ist, dann ist es grundsätzlich richtig, auch die nächste Sprosse zu besteigen. Wissen muss man allerdings, dass mit jeder Sprosse, die es nach oben geht, die Luft dünner wird. Deshalb sollte man bei jedem Schritt inne halten und sich die Frage stellen „Macht mich dieser Schritt glücklicher?“ Grundsätzlich glaube ich, dass es wichtig ist, mehr nach links und rechts zu schauen, auch mal Querschritte zu machen. Karriere muss nicht immer nur steil nach oben gehen. Es ist wichtig, sich bewusst zu machen: Was gibt es noch woanders?
Wie haben Sie das für sich bisher umgesetzt?
Ich habe in meinem Berufsleben die verschiedensten Branchen kennengelernt und unterschiedlichste Funktionen inne gehabt. Aufgaben wie im Vorstand der Stiftung Lesen, im Vorstand von Generation CEO oder in der Deutschen Bahn Stiftung geben einem andere Perspektiven. Ich mache das mit Leidenschaft. Was ich aber vermisse: Die Arbeit an der Basis mit den Menschen. Diese Nähe wünsche ich mir jetzt.
Man verliert also den Kontakt zu einfachen Leuten, wenn man es an die Spitze eines Konzerns wie der Bahn geschafft hat?
Im Gegenteil, ich halte mich für geerdet. Das gilt übrigens auch für meine Kollegen im Konzern. Aber die Themen und Aufgaben, die man übernimmt und inne hat, sind häufig weit weg von der Basis. Das ist unglaublich schade. Ich habe deshalb jetzt auch das Bedürfnis in mir, eher etwas direkt an der Basis zu machen, mir ein oder zwei Projekte zu suchen, die einer Sache und mir guttun. Es freut mich ungemein, dass mir so viele Menschen jetzt auch ihre Geschichten schreiben – die will ich mir dann alle nochmals in Ruhe durchlesen. Das gibt viele Impulse. Und klar ist damit auch: Ich bin kein Supermensch. Was ich mache, machen ganz viele andere bereits. Und auch ich möchte mir meine Auszeit jetzt schenken nach all den Jahren.