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Weltklimakonferenz in MadridUN-Fachmann: „Nichtstun ist viel teurer“

Um den Klimaschutz voranzubringen, müssen Unternehmen investieren, sagt Martin Frick, Direktor beim Klimasekretariat der Vereinten Nationen. In Madrid sollen nun neue Impulse geschaffen werden.Cordula Tutt 03.12.2019 - 06:45 Uhr

Martin Frick.

Foto: imago images

WirtschaftsWoche: Welche Rolle spielen Unternehmen und Finanzbranche beim Umbau, der bei der Klimakonferenz COP25 verhandelt wird – hin zu einer Wirtschaft, die die Erde nicht weiter anheizt?
Martin Frick: Die Summen für einen Umbau sind so enorm, dass sich die Erkenntnis durchsetzt: Wir brauchen zusätzlich zum staatlichen Geld viel privates Kapital. Tatsächlich brauchen wir eher Billionen als Milliarden von Dollar. Es geht wahrscheinlich um zwei bis drei Prozent der globalen Wirtschaftsleistung, um genug zu bewegen. Im Vergleich zum Nichtstun und dem Schaden sonst ist das aber sehr billig. Man kann es auch wie der frühere US-Präsident Clinton ausdrücken: Was ansteht, ist die größte Chance für die globale Wirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg. Alles, was an der Energieerzeugung und am Energieverbrauch hängt, muss neu gemacht werden.

Wo stecken die größten Chancen für Unternehmen?
Ein Land wie Deutschland mit seiner Ingenieurleistung hat da gewaltige Chancen. Außerdem ist in den meisten europäischen Großstädten ein Gutteil der Infrastruktur jetzt an die 100 Jahre alt. Die S-Bahn, die U-Bahn, die Brücken und Leitungssysteme. Es muss also ohnehin investiert werden. Günstig sind weltweit zurzeit auch die Zinsen. Da ist viel Geld, das für Investitionen eingesetzt werden kann.

Was kann die Staatengemeinschaft tun, damit Investitionen ausreichend in Gang kommen und auch Bedürfnissen vor Ort entsprechen?
Wirtschaftsvertreter haben großes Verständnis dafür, welche Innovationen und Investitionen jetzt anstehen. Gerade im deutschen Mittelstand. Familienunternehmen haben besonders gute Voraussetzungen im Klimaschutz, weil sie längerfristig planen und nicht wie gelistete Unternehmen von schnellen Erfolgen abhängen. Das Schwierige ist die Komplexität, alles müsste gleichzeitig passieren und die eine Investition ergibt nur Sinn, wenn andere Innovationen dazu kommen.

Weltklimakonferenz

Wo steht die Welt beim Klimaschutz?

Wer muss also beginnen?
Die Wirtschaft sagt, wir brauchen die richtigen Regeln fürs neue Wirtschaften. Die Regulatoren sagen, wir brauchen die Politiker, die die Linie erst festlegen. Die Politiker sagen, wir müssen sicher sein, dass die Menschen mitziehen. Die Leute sagen, wir gehen mit, wenn die Politiker uns eine Orientierung geben. Dafür ist eine Konferenz wie in Madrid so wichtig. Hier lässt sich das Signal aussenden: Wir machen das jetzt und jeder trägt etwas dazu bei.

Wie müsste dann genau der Impuls aussehen, der von Madrid ausgeht?
In Paris 2015 wurden nationale Pflichten vereinbart, was jedes Land einhalten muss, damit die Erderwärmung unter 1,5 Grad zur Zeit vor der Industrialisierung bleibt. Was die Staaten nun als ihre Beiträge melden, reicht noch nicht. Das alles würde nur reichen, die Erwärmung auf etwa drei Grad zu begrenzen. 2020 muss also nachgebessert werden. Die Länder müssen sich zu mehr verpflichten in Madrid.

Und die Hoffnung ist dann, dass Wirtschaftsvertreter einschwenken und sich auch zu höheren Zielen verpflichten?
Genau. Die Technologie ist da, die Kenntnisse sind vorhanden und die Bereitschaft in den Unternehmen ist groß. Viele Unternehmen haben Vertreter nach Madrid geschickt, um das zu vermitteln. So entsteht eine kritische Masse.

Das Jahresmittel der Lufttemperatur ist im Flächenmittel von Deutschland von 1881 bis 2018 um 1,5 Grad Celsius angestiegen – global ist es in dieser Zeit im Mittel rund 1 Grad wärmer geworden. Seit 1881 hat die mittlere jährliche Niederschlagsmenge in Deutschland um 8,7 Prozent zugenommen. Es sind Tendenzen zu mehr Starkniederschlägen in den letzten 65 Jahren zu erkennen, aber aufgrund der Datenlage können die Experten dazu noch keine statistisch gesicherten Aussagen machen.

Foto: imago images

Die Zahl der heißen Tage mit 30 Grad und mehr nimmt zu: Seit 1951 von etwa drei pro Jahr auf derzeit rund zehn. Mehr als zehn gab es vor 1994 nie, 2018 waren es mehr als 20. Die deutschen Sommer 2003, 2018 und 2019 waren die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen.

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„Der Klimawandel hat Deutschland im Griff“, sagte Tobias Fuchs vom Deutschen Wetterdienst (DWD). Dürren, Hitzewellen und Starkregen dürften zunehmen. Wenn es weitergehe wie bisher, müsse man mit einem weiteren Temperaturanstieg von 3,1 bis 4,7 Grad in Deutschland bis Ende des Jahrhunderts rechnen – eine Zeit, die Kinder von heute noch erleben können. Nicht immer sei klar, welchen Anteil der Klimawandel an einzelnen Veränderungen habe, denn es spielten verschiedene Faktoren zusammen, räumen die Autoren des Berichts ein, an dem Bundes- und Landesbehörden, Universitäten und Fachverbände mitgearbeitet haben. Trends sind demnach aber klar erkennbar.

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Wasser

Deutschland ist ein wasserreiches Land. Aber: Monate mit unterdurchschnittlichen Grundwasserständen werden häufiger, vor allem im Nordosten. An 80 Pegeln ist im Sommerhalbjahr der Rückgang der mittleren Abflusshöhe signifikant – die Flüsse führen weniger Wasser, wie im Bild der Rhein bei Köln. Seen werden wärmer, mit Folgen für Tiere und Pflanzen. Am Bodensee betrug der Anstieg in der Saison März bis Oktober zwischen 1971 und 2017 rund zwei Grad. Auch Nord- und Ostsee erwärmen sich – und die Meeresspiegel steigen. Damit nimmt die Gefährdung durch Sturmfluten zu. Zudem erodieren Küsten, vor allem Bade-Sandstrände mit Brandung.

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Städte

Städte bilden „Wärmeinseln“, es wird heißer als auf dem Land. Starkregen kann in zugebauten Regionen schlecht ablaufen, immer wieder laufen Gullys über, weil die Kanalisation das Wasser nicht so schnell aufnehmen kann. Stadtplaner und Architekten sollten etwa auf Grünflächen als „kühlende Oasen“, gut isolierte Häuser und auf Pflanzen an Fassaden und auf Dächern setzen, heißt es im Bericht.

Foto: dpa

Arbeit

Hitze senkt die Leistungsfähigkeit und steigert die Gefahr von Unfällen. Studien nehmen laut Bericht für hohe Hitzebelastung in Mitteleuropa Produktivitätsabnahmen um drei bis zwölf Prozent an. Demnach arbeiten in Deutschland bis zu drei Millionen Menschen überwiegend oder zeitweise im Freien, wo sie dem Wetter besonders ausgesetzt sind. Sie erbringen „geschätzte 10 bis 15 Prozent der Wertschöpfung der Volkswirtschaft“ - hauptsächlich in der Landwirtschaft und der Baubranche, aber auch in der Industrie und im Dienstleistungssektor.

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Landwirtschaft

Landwirte sind vom Klimawandel besonders betroffen, wenn etwa Dürre die Ernte vertrocknen lässt oder Futter knapp wird. Wenn Apfelbäume früher blühen, kann es Spätfrostschäden geben. Das sich ändernde Wetter könne sich aber auch positiv auswirken, denn die Vegetationsperiode werde länger.

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Wälder

Manche Baumarten kommen mit Dürre und Hitze nicht klar – die Fichte etwa stehe gerate unter Druck, schreiben die Experten. Insekten wie Borkenkäfer und Krankheitserreger könnten sich ausbreiten. Es werde aber über eine zunehmende Waldbrandgefahr diskutiert, „denn in den kritischen Monaten wird es wärmer und trockener.“

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Gesundheit

„Hitzestress“ setzt vor allem Älteren, Kranken und Kindern zu. In Jahren mit vielen Hitzetagen sterben mehr Menschen, als statistisch normal wäre: 2003 gab es etwa 7500 Todesfälle mehr. Das Klima beeinflusst, wann und welche Pollen fliegen. Die machen Allergikern Probleme. Dass sich etwa die Pflanze Beifuß-Ambrosie ausbreite, werde „in erheblichem Maße auch mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht“. Ähnliches gilt für Stechmücken, Zecken und Krankheitserreger. Die Asiatische Tigermücke etwa könne über 20 unterschiedliche Viren übertragen. Funde von Eiern und Mücken im Oberrheingebiet hätten „deutlich zugenommen“, schreiben die Experten.

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Große Verursacher-Länder bei CO2 verhalten sich aber ganz anders und wenden sich von strikten Klimazielen ab: Die USA, Brasilien und Indien zum Beispiel...
Die US-Regierung will aus dem Pariser Abkommen aussteigen, ja. Tatsächlich stehen aber zwei Drittel der amerikanischen Wirtschaft und etliche Bundesstaaten hinter den UN-Zielen und gehen mit voran.

Aber auch in Ländern wie Deutschland haben Skeptiker des Klimaschutzes und sogar Leugner des menschengemachten Klimawandels Auftrieb. Was halten Sie da entgegen?
Man kann es nicht deutlich genug sagen: Der Klimawandel ist das Thema für die Politik weltweit, das am genauesten erforscht ist. Was wir heute sehen, entspricht präzise den Vorhersagen der letzten 30 Jahre.

Wie erklären Sie den Einfluss der Leugner?
Die Leugner des Klimawandels betreiben keine unschuldige Debatte. Was da vor allem in sozialen Medien verbreitet wird, ist die Arbeit von hochbezahlten PR-Agenturen. Hier werden Zweifel über die wissenschaftliche Grundlage gestreut, ganz wie es damals war bei der Zigarettenindustrie und den Gefahren des Rauchens war. Man muss aber sagen, dass es reichlich absurd ist, wenn so getan wird, als ob hunderttausende Menschen auf der Welt sich zusammengetan hätten, um eine Klima-Verschwörung zu betreiben. Da kann man gleich behaupten, unser Wetter würde von Marsianern beeinflusst.

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Andere pochen darauf, dass sie sich nicht einschränken wollen und dass es eben darauf ankomme, schnell klimaschonende Technologien zu entwickeln. Bei der FDP in Deutschland finden sich solche Argumente. Verspricht das Erfolg?
Wir brauchen beides: Jeder muss sein Verhalten wahrscheinlich ändern. Es reicht aber nicht, die Verantwortung ganz auf den Einzelnen oder die Innovationskraft der Industrie zu verlagern. Manches muss gesetzlich geregelt werden. In den Achtzigerjahren war der wirksame Schritt gegen das Waldsterben, dass alle Kohlekraftwerke Schwefelfilter installieren mussten.

Wie sieht heute die richtige Balance beim Klimaschutz aus?
Ich sehe, dass wir eigentlich alles an Technologie haben, damit wir den Klimawandel noch anhalten können bei 1,5 Grad. Das würde aber bedeuten, dass wir ab sofort und jedes Jahr die Emissionen um sieben Prozent verringern. Es fehlt der politische Wille und die Regulierung, die Technik so massiv einzuführen. Wer nur blind auf Lösungen wie in Science Fiction vertraut, der kommt nicht weit. Ich bin bei der Technologie optimistisch, die Zeit der Elektromobilität beginnt ja erst, aber wir brauchen gute Regeln. Obwohl sie einigermaßen gescholten wurde, ist die deutsche Energiewende ein gutes Beispiel für Erneuerung in einem wohlhabenden Industrieland.

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