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Trotz Umwelt-BedenkenSo steht es um die Lithiummine, für die Olaf Scholz nach Serbien reiste

Europa braucht Lithium – war bisher aber völlig auf Importe angewiesen. Jetzt ist der Weg für das größte Projekt in Serbien frei. Doch zwei Jahre Stillstand haben es zurückgeworfen, wie aktuelle Satellitenbilder zeigen. Wirtschaft von oben ist eine Kooperation mit LiveEO.Jannik Deters, Konrad Fischer, Andreas Menn 23.07.2024 - 09:52 Uhr aktualisiert
Foto: LiveEO/SPOT

Selten hat eine wirtschaftliche Beziehung die Bezeichnung Hassliebe so sehr verdient wie die zwischen Europas Unternehmen und dem Rohstoff Lithium. Die Konzerne aus der Elektronikindustrie und der Autoherstellung sind von dem Rohstoff abhängig, haben daher ein großes Interesse an direktem Zugriff auf die Bezugsquellen. Zugleich ist die Gewinnung mit solch immensen Umwelteingriffen verbunden, dass heimische Projekte als zum Scheitern verurteilt galten.

In Serbien hat sich das Blatt nun ein Stück weit gewendet. Die EU-Kommission und die Regierung von Staatspräsident Aleksandar Vučić haben in Belgrad eine Absichtserklärung unterzeichnet, das einem Projekt des Bergbaukonzerns Rio Tinto neuen Aufschwung verleiht. Neben Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) kamen auch zahlreiche Firmenvertreter zu dem Treffen. Mercedes-Vorstandschef Ola Källenius reiste persönlich an.

Die EU will mit der European Battery Alliance die heimische Batteriefertigung für Elektroautos massiv ankurbeln. Aktuell bezieht die EU einen Großteil des Lithiums aus China, wo es aus Rohmaterial raffiniert wird. Das Rohgestein wiederum wird vor allem in Nord- und Südamerika sowie Australien abgebaut, wo die weltweit größten Lagerstätten liegen. Weil nun weltweit die Nachfrage nach dem Element massiv steigt, werden aber kleinere europäische Lithiumvorkommen für Investoren und Bergbaukonzerne attraktiv.

Bilder: LiveEO/Google Earth/Maxar Technologies, LiveEO/SPOT, LiveEO/PlanetScope-SuperDove

Die serbische Regierung hatte erst Mitte Juli den erforderlichen Raumordnungsplan für das Jadar-Projekt im Westen des Landes verabschiedet. Ab 2028 soll hier Lithium gefördert werden: 58.000 Tonnen Lithiumkarbonat pro Jahr – genug, um etwas mehr als eine Million Fahrzeuge damit zu bestücken. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg, wie exklusive Satellitenbilder von LiveEO zeigen. Die 2020 noch deutlich erkennbaren Stellen, an denen Rio Tinto Testbohrungen durchgeführt hatte, sind mittlerweile verschwunden. Bauarbeiten sind keine zu erkennen. Viele Grundstücke auf dem geplanten Gelände im Dorf Gornje Nedeljice müssen erst noch gekauft, Anwohner überzeugt werden.

Und Jadar ist nur ein Baustein in der Strategie von EU-Staaten, sich weniger abhängig von China zu machen. Durch den Deal zwischen Serbien und Rio Tinto, rechnet der Bundesverband der Deutschen Industrie vor, könnten ab dem Start etwa 17 Prozent des europäischen Lithiumbedarfs gedeckt werden. 17 Prozent. Nicht weniger – und nicht mehr.

Lesen Sie auch: Europa braucht Rohstoffe, für seine Industrie und Energiewende – und muss sich aus dem Griff Chinas befreien. Wie kann dieses Streben nach Unabhängigkeit gelingen?

Die Proteste dürften indes wieder aufflammen. So wie im portugiesischen Covas do Barroso, wo vor gut einem Jahr die Genehmigung für den Abbau großer Lithium-Vorkommen erteilt wurde. Bis 2026 will das verantwortliche Abbauunternehmen Savannah Resources loslegen. 60.000 Tonnen Lithium vermuten Geologen hier. Damit hat Portugal die weltweit neuntgrößten Reserven nach Simbabwe und Brasilien.

Bilder: LiveEO/Google Earth, LiveEO/Skywatch

Im Jahr 2017 hat sich Savannah Resources Abbaurechte für die Lagerstätten in Nordportugal gekauft. Anfangs wirbelten die Bergbauunternehmer rund um Covas do Barroso viel Staub auf: Die Satellitenbilder zeigen, wie der Konzern an mehreren Stellen Straßen und Bohrstellen anlegte, um das Vorkommen zu untersuchen. Doch in den vergangenen Jahren passierte nicht mehr viel. 

Bilder: LiveEO/Skywatch

Portugal will mit dem Lithiumabbau eine neue Industrie aufziehen und vom Megatrend Elektromobilität profitieren. Doch das Vorhaben stößt weiterhin auf Widerstand von Anwohnern und Umweltschützern, die um ihre Äcker und Einkommen bangen und um den Erhalt der Natur. Der bestehenden Wirtschaft in der Region werde die geplante Mine nur schaden, fürchten Gegner des Projekts, die sich in einer Bürgerinitiative zur Verteidigung von Covas do Barroso zusammengeschlossen haben. In der noch recht urtümlichen bergigen Agrarlandschaft betreiben Bauern vergleichsweise nachhaltige Landwirtschaft, züchten Barrosa-Rinder, die Anfang der 90er-Jahre noch vom Aussterben bedroht waren. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen hat die Gegend zu einem global bedeutenden Agrarkulturerbe ernannt, einem von nur sieben in Europa.

Dieses Erbe sehen die Bewohner in Gefahr. Der Bergbau, fürchten sie, werde eine Wunde in die Landschaft reißen, das Grundwasser belasten, die Natur verschmutzen. Imkerei, Landwirtschaft, Tourismus würden bedroht. Beteuerungen von Savannah Resources, sich an Umweltstandards zu halten, hält die Bürgerinitiative für „Propaganda“. Die Umweltbehörde schlug diese Bedenken in den Wind, auch da der Bergbaukonzern seinen Abbauplan erheblich geändert habe.

Deutlich mehr Wirkung zeigten die Demonstrationen in Serbien, wo Anfang 2022 tausende Menschen Straßen und Autobahnen in Belgrad und anderen Städten blockierten. Die Regierung legte zwei geplante Gesetzesvorlagen auf Eis, die das Bergbauprojekt vorantreiben sollten.

Jetzt kann Rio Tinto weitermachen. Olaf Scholz versicherte in Belgrad, das Projekt werde den „höchsten Standards“ des Umweltschutzes entsprechen. Und dennoch: Selbst wenn Rio Tinto und Partnern nun alles gelingt wie geplant, dauert es noch Jahre, bis die Quelle sprießt. Die Hassliebe der Unternehmen zu dem Rohstoff, sie ist noch lange nicht beendet.

Hier finden Sie alle Beiträge aus der Rubrik „Wirtschaft von oben“ 

Die Rubrik entsteht in Kooperation mit dem Erdobservations-Start-up LiveEO – dieses ist eine Beteiligung der DvH Ventures, einer Schwestergesellschaft der Holding DvH Medien, ihrerseits alleiniger Anteilseigner der Handelsblatt Media Group, zu der auch die WirtschaftsWoche gehört.

Transparenzhinweis: Dieser Artikel ist ursprünglich am 8. Januar 2022 erschienen. Wir haben ihn grundlegend überarbeitet und aktualisiert.

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