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  4. Geldpolitik der EZB: Warum die US-Notenbank Fed einen besseren Job macht

GeldpolitikKontrollverlust in Frankfurt

Zentralbanker haben es nicht leicht. Doch momentan bewältigt die US-Notenbank Fed ihre Aufgabe deutlich besser als die EZB mit Präsidentin Christine Lagarde. Es fehlt an Orientierung. Ein Kommentar.KOMMENTAR von Niklas Hoyer 25.05.2022 - 15:17 Uhr

EZB-Präsidentin Christine Lagarde äußerte sich beim Weltwirtschaftsforum in Davos zur weiteren Geldpolitik.

Foto: dpa

Zentralbanker haben es nicht leicht: Sie sollen Finanzmärkte und sonstige Wirtschaft einerseits möglichst gut auf ihre bevorstehenden Entscheidungen vorbereiten, damit Überraschungen ausbleiben. Andererseits dürfen sie sich nicht zu sehr festlegen, damit Handlungsspielraum bleibt, wenn das Umfeld sich unerwartet entwickelt.

Die US-Notenbank Fed erledigt diese Aufgabe bislang relativ gut. Sie hat den Anstieg der Inflation zwar erst spät als Gefahr ernstgenommen, dann aber in Rekordtempo ihre Geldpolitik angepasst. Im Mai hat sie ihren Leitzins zum zweiten Mal erhöht und eine rasche weitere Straffung angekündigt.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hingegen, mit Christine Lagarde als Präsidentin, schlägt sich bislang weniger gut. Erst wurde die Inflation kleingeredet, dann zwar ernstgenommen – aber bei der Geldpolitik will die EZB trotzdem nur langsam umsteuern. „Graduell“, so heißt das in Frankfurt. Viele sehen dieses Vorgehen als Problem: Durch die zögerliche Reaktion könne die Inflation aus dem Ruder laufen. Die EZB müsse vor allem auf die hochverschuldeten südeuropäischen Länder achten und traue sich deshalb nicht, entschieden zu reagieren.

Vorneweg: Wer ist Isabel Schnabel?

Isabel Schnabel ist EZB-Direktorin und Deutschlands wichtigste Notenbankerin. Die 50 Jahre alte Frau bedient in der Euro-Bank die Hebel der Inflation – und irritierte zuletzt durch ein Hin und Her bei der Bewertung der Teuerung. Schnabel kommt aus Dortmund und sagte in einem Interview mit den Youtubern von Jung & Naiv, sie sei früher kein Kind von Traurigkeit gewesen und hätte viele Partys gefeiert – und sei auch mal übernächtigt in die Schule gegangen.

Foto: EZB

Schnabel und die Inflation: Welche Inflation?

In ihrem Amt, das sie seit 2020 innehat, findet sie eher die Berichterstattung der Medien über die Arbeit der EZB unausgeruht. So schoss sie im September bei einem Unternehmergespräch gegen Journalisten, die zuvor vor der steigenden Inflation warnten. Gründe für den aktuellen Preisanstieg müssten eingeordnet werden, „weil gerade in Deutschland aktuell wieder viele Experten und Medien die Ängste der Menschen bedienen, ohne die Ursachen der Preisentwicklungen zu erklären“, sagte Schnabel. Und weiter: „Es gibt nicht den geringsten Hinweis darauf, dass die derzeitige Geldpolitik zu einer Inflation von dauerhaft über zwei Prozent oder gar zu einer Hyperinflation führen wird.“

Foto: imago images

November: Ok, ein bisschen Inflation

Zwei Monate später, Mitte November, kommt der erste Sinneswandel, wenn Schnabel einräumt, der Preisauftrieb halte wohl länger an als ursprünglich angenommen. Da empfiehlt sie, ein „ein waches Auge“ auf die Teuerung zu haben. Die werde zwar zurückgehen, aber es sei unsicher wie schnell und in welchem Umfang.

Foto: EZB

Immer noch November: Doch keine Hinweise auf Inflation

Keine zwei Wochen später kassiert sie die Aussage wieder. Man könne „eigentlich keine Hinweise darauf sehen, dass die Inflation außer Kontrolle gerät“. Die Teuerung, so sagte sie im ZDF, gehe 2022 wieder allmählich zurück. „Und zwar in Richtung unseres Inflationsziels von zwei Prozent.“

Foto: imago images

Schnabel im Dezember: „Aufwärtsrisiko“

Sorgen in der dunklen Jahreszeit? Wenige Wochen später, kurz vor Weihnachten, klingt Schnabel in einem Interview mit der französischen Zeitung Le Monde weniger gelassen. Verbraucher im Euroraum müssten doch noch länger mit einer höheren Teuerungsrate leben. „Wir wissen, dass die Inflation eine gewisse Zeit lang hoch sein wird, aber auch, dass sie im Laufe des nächsten Jahres zurückgehen wird. Weniger sicher sind wir uns darüber, wie schnell und wie stark der Rückgang sein wird“. Und: „Wir sind uns der Unsicherheit unserer Inflationsprognosen durchaus bewusst. Es besteht ein Aufwärtsrisiko.“

Foto: imago images

Januar: Kurzfristig besorgt

5 Prozent Inflation in der Eurozone? Schnabel, von Journalisten der Süddeutschen Zeitung befragt, sagt nun: „Wir betrachten diese Zahlen mit einer gewissen Sorge, weil sie höher sind, als wir ursprünglich erwartet haben.“ Doch: „Auf mittlere Sicht gehen wir davon aus, dass die Inflation deutlich sinkt. Das ist der Grund, warum wir derzeit nicht die Zinsen erhöhen, wie manche fordern.“

Foto: imago images

Februar: Nun wankt auch Schnabels Zwei-Prozent-Prognose

Im Gespräch mit der Financial Times zeigte sich Schnabel dann wieder sorgenvoller. Man müsse den Zeitpunkt des Handelns abwägen, nicht zu früh, nicht zu spät: „Mit den jüngsten Daten hat sich jedoch das Risiko, zu spät zu handeln, erhöht, und deshalb müssen wir die Inflationsaussichten sorgfältig neu bewerten“. Es sei nun unwahrscheinlicher, dass die Inflation bis Ende 2022 unter zwei Prozent fallen würde, wie die EZB es erwartet hatte.

Foto: dpa

April: Massive Kritik an der EZB – und Schnabel?

Im März stieg die Inflation erstmals seit der Wiedervereinigung über sieben Prozent. Die EZB belässt den Leitzins bei null Prozent, von Ökonomen hagelt es Kritik. Und Schnabel? „Der Krieg wird das Tempo des Aufschwungs messbar verlangsamen und die Inflation weiter von unserem Ziel entfernen, und zwar für einen längeren Zeitraum“, sagte sie zu Beginn des Monats in aller Deutlichkeit.

Foto: imago images

4. Mai: Unter Zugzwang kündigt Schnabel eine Zinserhöhung an

Nachdem im April die Inflation in der Euro-Zone auf ein Rekordhoch von 7,5 Prozent stieg, kündigt die EZB-Direktorin schließlich einen Kurswechsel an: „Jetzt reicht es nicht mehr zu reden, wir müssen handeln“, sagte Isabel Schnabel dem Handelsblatt. Sie halte eine Zinserhöhung im Juli für möglich. Zuvor sollten die Nettozukäufe von Anleihen eingestellt werden, voraussichtlich Ende Juni.

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Foto: REUTERS

Auch Bundesbank-Chef Joachim Nagel und weitere führende Währungshüter aus den Reihen der EZB haben sich zu einer möglichen Zinswende geäußert:

Nagel dringt auf zügige Schritte der EZB zur Bekämpfung der hochschießenden Inflation: „Das Zeitfenster, das jetzt sich öffnet für die ersten geldpolitischen Maßnahmen, das geht so langsam zu“. Mit der EZB-Sitzung im März sei die geldpolitische Wende in der Euro-Zone eingeleitet worden, sagte Nagel. „Und jetzt müssen die nächsten Schritte kommen.“ Zu lange dürfe nicht gewartet werden. Er sei aber positiv optimistisch, dass das 2022 gelingen könne. Nagel verwies dabei auf die Gefahr, dass sich die über das EZB-Inflationsziel von zwei Prozent hinaus gestiegenen Inflationserwartungen verfestigen könnten. Dies würde am Ende einen höheren volkswirtschaftlichen Preis einfordern als wenn jetzt gehandelt werde, erläuterte der Bundesbank-Präsident.

Foto: dpa

EZB-Ratsmitglied Francois Villeroy de Galhau erklärte am Freitag, dass die Zinsen bis Jahresende wieder in den positiven Bereich steigen könnten. „Die Inflation ist nicht nur höher, sondern auch viel breiter“, sagte der Franzose. Villeroy nannte es den „offensichtlichsten nächsten Schritt“, die Zinsen Richtung Null zu lenken. Dafür kämen die kommenden EZB-Sitzungen infrage.

Foto: REUTERS

Je näher die nächste EZB-Sitzung am 9. Juni rückt, desto lauter wird der öffentliche Schlagabtausch – und desto größer die öffentliche Verwirrung. Absehbar ist, dass bei der Juni-Sitzung das Ende der EZB-Anleihekäufe beschlossen werden soll. Zudem will die EZB die Märkte wohl auf einen Zinsschritt im Juli einstimmen. So weit, so klar.

Doch alles weitere ist dann schon unklar. EZB-Präsidentin Christine Lagarde äußerte sich in einem Blogbeitrag am Montag ungewohnt deutlich: Zwei Zinserhöhungen um je einen Viertelpunkt im Juli und September wurden daraus als EZB-Plan abgeleitet. Das aber verärgerte all jene im EZB-Rat, die einen rascheren Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik wünschen. Drei Notenbanker haben sich mittlerweile öffentlich für eine Zinserhöhung um einen halben Prozentpunkt ausgesprochen. Also doch alles anders?

Im Kern dreht sich der Streit auch darum, ob die hohen Inflationsraten in Europa ein Ergebnis der massiv gestiegenen Energiepreise sind – oder ob doch andere Faktoren maßgeblich beitragen. Wichtig ist auch, ob die hohe Inflation bereits zu Zweitrundeneffekten führt: etwa höheren Lohnforderungen, die dann zu einer Spirale aus steigenden Preisen und Löhnen führen. Je nach Lesart kann die EZB mit Zinserhöhungen mehr oder weniger gut gegen die Inflation ankämpfen. Sprich: Wenn nur die Energiepreise der Inflationstreiber sind und Zweitrundeneffekte ausbleiben, dann bewirken Zinserhöhungen wenig. Genau das bringt Lagarde bislang dazu, dass sie „nichts überstürzen und nicht in Panik geraten“ will, wie sie beim Weltwirtschaftsforum in Davos sagte.

Das klingt beruhigend, ist es aber nicht. Solange die EZB keinen klaren Kurs findet, müssen Investoren einen gewissen Kontrollverlust in Frankfurt durchaus in Betracht ziehen.

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